Euronext-Chef Stéphane Boujnah nennt eine Fusion mit der Deutschen Börse erstmals seit Jahren wieder öffentlich sinnvoll, ohne dass Gespräche laufen. Beide Aktien legten am Montag rund zwei Prozent zu. Zweimal hat Brüssel genau diesen Zusammenschluss schon gestoppt, 2012 und 2017.

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Ein einziges Interview genügte, um die größte Börsenfusion Europas wieder auf die Agenda zu setzen. Am 14. September 2026 sagte Euronext-Chef Boujnah der Financial Times, das Zusammenlegen der reinen Handelsgeschäfte beider Konzerne ergebe Sinn. Konkrete Verhandlungen dementierte er im selben Atemzug.

Das Wichtigste in Kürze

  • Boujnah hält eine Fusion von Euronext und Deutscher Börse für sinnvoll, verhandelt wird aber nicht.
  • Ein Zusammenschluss verbände Frankfurts Terminbörse Eurex mit den sieben Kassamärkten von Euronext, von Paris bis Oslo.
  • Die EU-Kommission untersagte den Deal 2012 und 2017, beide Male wegen einer drohenden Monopolstellung.
  • Rückenwind gibt der Ruf nach einer europäischen Kapitalmarktunion, den der Draghi-Bericht 2024 verstärkt hat.

Was hat Boujnah wirklich gesagt?

Zwei Handglocken, verbunden durch Kette und ein vergoldetes Vorhängeschloss
Euronext-Chef Boujnah signalisiert Offenheit für Fusion mit Deutscher Börse, dementiert aber laufende Gespräche. Aktien beider Unternehmen steigen

Boujnah signalisierte Offenheit, kein Angebot. In einem Interview mit der Financial Times nannte der Euronext-Chef das Zusammenlegen der Börsengeschäfte sinnvoll, betonte aber, dass zwischen beiden Konzernen keine Gespräche laufen. Die Reaktion am Aktienmarkt fiel eindeutig aus: Papiere von Euronext und Deutscher Börse stiegen am Montag um rund zwei Prozent.

Boujnah führt Euronext seit 2015 und hat den Verbund von Paris über Amsterdam bis Mailand zusammengekauft. Eine Ehe mit Frankfurt wäre der nächste, größte Schritt, doch der Vorstoß bleibt vorerst ein Signal an Aktionäre und Politik.

Warum scheiterte die Fusion zweimal an Brüssel?

Beide Anläufe kippten an der Wettbewerbsaufsicht, nicht an den Aktionären. 2012 untersagte die EU-Kommission die Fusion von Deutscher Börse und NYSE Euronext, weil das Duo mit den Terminbörsen Eurex und Liffe über 90 Prozent des europäischen Handels mit börsengelisteten Finanzderivaten kontrolliert hätte.[1] 2017 stoppte Brüssel den Zusammenschluss von Deutscher Börse und London Stock Exchange, diesmal wegen eines drohenden Quasi-Monopols im Clearing von Anleihen.[2]

Der Mechanismus dahinter ist immer derselbe. Der Börsenhandel selbst wirft wenig ab, das Geld steckt im Nachgeschäft: im Clearing und in der Abwicklung, wo Eurex und die Tochter Clearstream in Frankfurt besonders stark sind. Genau diese Bündelung von Handel und Abwicklung macht jede große Börsenehe zum Fall für die Kartellwächter.

Eine europäische Superbörse scheitert seit fünfzehn Jahren nicht am Willen der Konzerne, sondern an ihrem eigenen Clearing-Monopol. Solange Frankfurt Eurex und Clearstream nicht loslassen will, bleibt jede Fusion mit Euronext ein Fall für Brüssel.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web

Was bedeutet ein Zusammenschluss für Frankfurt?

Eine Fusion würde Europas Kapitalmärkte bündeln, die bislang über Dutzende nationale Börsen zersplittern. Zusammen kämen Frankfurts Terminbörse Eurex und die sieben Kassamärkte von Euronext, von Paris und Amsterdam bis Mailand, Dublin und Oslo. Für Emittenten und Fondsmanager entstünde ein tieferer, liquiderer Handelsplatz, der mit New York mithalten könnte.

Politisch trifft der Vorstoß einen Nerv. Der Draghi-Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit forderte 2024 eine echte Kapitalmarktunion, damit europäisches Sparkapital nicht länger in die USA abfließt.[3] Deutsche Konzerne suchen den Zugang zu US-Anlegern derweil längst auf eigenen Wegen. Für den Finanzplatz Frankfurt steht die Frage im Raum, ob die Deutsche Börse zum Ankerpunkt einer solchen Union wird oder zum Juniorpartner der Franzosen.

Euronext und Deutsche Börse: der Fusionstraum in Zahlen
Ein Interview brachte Europas größte Börsenehe zurück ins Gespräch. Die harten Zahlen dahinter.
+2 %
Kursplus beider Aktien am Montag nach dem Vorstoß
2
von Brüssel gestoppte Fusionsanläufe, 2012 und 2017
7
Kassamärkte bündelt Euronext, von Paris bis Oslo
> 90 %
Anteil am Derivatehandel, den Eurex und Liffe 2012 erreicht hätten

Die zwei gescheiterten Anläufe

2012
Deutsche Börse und NYSE Euronext, gestoppt wegen eines Derivate-Monopols
2017
Deutsche Börse und London Stock Exchange, gestoppt wegen des Anleihe-Clearings

Für Anleger und Finanzverantwortliche zählt der nüchterne Blick: Ein Interview ist noch kein Fusionsvertrag, und die Kartellhürde von 2012 und 2017 steht unverändert. Aktionäre beider Börsen sollten den Kurssprung vom Montag als Stimmungssignal werten, nicht als Vorwegnahme des Deals.

FAQ: Fusion von Euronext und Deutscher Börse

Wann kommt die Fusion von Euronext und Deutscher Börse?

Derzeit ist keine Fusion geplant. Euronext-Chef Stéphane Boujnah nannte einen Zusammenschluss im September 2026 lediglich sinnvoll, betonte aber, dass keine Gespräche laufen. Ein konkreter Zeitplan oder ein Angebot existiert nicht.

Warum hat die EU frühere Börsenfusionen verboten?

Die EU-Kommission untersagte 2012 die Fusion von Deutscher Börse und NYSE Euronext und 2017 die von Deutscher Börse und London Stock Exchange. Beide Male drohte ein Monopol, erst im Handel mit Finanzderivaten, dann im Clearing von Anleihen.

Wie groß wäre die fusionierte Börse?

Ein Zusammenschluss verbände die Frankfurter Terminbörse Eurex mit den sieben Kassamärkten von Euronext in Paris, Amsterdam, Brüssel, Mailand, Lissabon, Dublin und Oslo. So entstünde der mit Abstand größte Börsenbetreiber Europas.

Was ist die europäische Kapitalmarktunion?

Die Kapitalmarktunion ist ein EU-Projekt, das die zersplitterten nationalen Finanzmärkte zu einem einheitlichen Markt verbinden soll. Der Draghi-Bericht von 2024 forderte sie mit Nachdruck, damit europäisches Kapital nicht in die USA abwandert.

Quellen

[1] Europäische Kommission: „Mergers: Commission blocks proposed merger between Deutsche Börse and NYSE Euronext“

[2] Europäische Kommission: „Mergers: Commission blocks proposed merger between Deutsche Börse and London Stock Exchange“

[3] Europäische Kommission: „The future of European competitiveness (Draghi-Bericht)“

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