Siemens Energy macht seine Aktie ab sofort auch für Anleger in den USA handelbar, ohne den teuren Weg an die New Yorker Börse. Der Konzern nutzt dafür eine abgespeckte Variante, die Fachleute „Listing light“ nennen. Für deutsche Entscheider ist der Schritt ein Lehrstück über den Sog des US-Kapitalmarkts.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenSeit dem 29. Juli 2026 steht die Aktie von Siemens Energy auch US-Anlegern offen, und zwar über einen Umweg, der weder eine Notierung an der NYSE noch an der Nasdaq verlangt. Der Energietechnik-Konzern reiht sich damit als achtes deutsches Unternehmen in das OTCQX-Segment ein, während die Deutsche Bank gerade einen Rekordgewinn meldet. Hinter dem unscheinbaren Schritt steckt eine Wette auf amerikanisches Geld.
Das Wichtigste in Kürze
- Seit dem 29. Juli 2026 sind die Hinterlegungsscheine (ADRs) von Siemens Energy im OTCQX-Segment des US-Freiverkehrs handelbar.
- Es handelt sich um ein „Listing light“: kein Börsengang an NYSE oder Nasdaq, sondern ein sponsored Level-1-ADR-Programm unter dem Kürzel SMERY.
- Siemens Energy ist damit das achte deutsche Unternehmen im OTCQX, nach Adidas, BASF, Bayer, DHL, K+S, Lufthansa und der Deutschen Telekom.
- Für den Konzern zählen die USA laut eigener Aussage als wichtigster Einzelmarkt, aus dem schon heute ein großer Teil der Aktionäre stammt.
Was hat Siemens Energy genau gestartet?

Handelbar sind keine Stammaktien, sondern American Depositary Receipts, also von einer US-Bank ausgegebene Hinterlegungsscheine. Ein solcher Schein verbrieft einen Anteil an in Deutschland hinterlegten Aktien, bei Siemens Energy steht ein ADR für ein Fünftel einer Stammaktie.[1]
Das Programm läuft als sponsored ADR der Stufe 1, aufgelegt bereits Ende Januar 2026, mit Citibank als Depotbank und dem Kürzel SMERY.[2] Neu ist die Aufnahme in das OTCQX-Segment, die oberste Handelsstufe des amerikanischen Freiverkehrs.
Warum „Listing light“ statt Vollnotierung?
Eine echte Vollnotierung an NYSE oder Nasdaq zwingt ausländische Konzerne zu einer vollständigen SEC-Registrierung, zu Berichten nach US-Standards und zur Sarbanes-Oxley-Compliance. Das kostet Millionen und bindet ganze Abteilungen.
Das Level-1-ADR im Freiverkehr umgeht diese Last. Siemens Energy bleibt in Frankfurt notiert und eröffnet US-Anlegern nur einen dollarbasierten Zugang zur selben Aktie, samt Dividende in US-Währung.[1] Der Preis dafür sind geringere Liquidität und keine Aufnahme in US-Indizes.
Genau diese Abkürzung wählen immer mehr deutsche Konzerne. Mit Adidas, BASF, Bayer, DHL, K+S, Lufthansa und der Telekom ist Siemens Energy das achte im OTCQX, und laut dem Segmentbetreiber OTC Markets stehen weitere in Gesprächen.
Listing light gegen Vollnotierung
Listing light (OTCQX, Level 1)
- Keine SEC-Vollregistrierung, kein US-Bilanzstandard
- Niedrige Kosten, geringer Verwaltungsaufwand
- Aktie bleibt in Frankfurt, Handel in US-Dollar
- Geringere Liquidität, keine US-Indexaufnahme
Vollnotierung (NYSE / Nasdaq)
- Volle SEC-Registrierung und Sarbanes-Oxley-Pflichten
- Hohe Kosten, eigene Reporting-Teams nötig
- Volle Sichtbarkeit und Handelbarkeit für US-Anleger
- Aufnahme in US-Indizes möglich
Das Listing light ist kein Börsengang, sondern ein Preisschild an der Tür zum größten Kapitalmarkt der Welt. Suchen deutsche Weltmarktführer ihr Geld zunehmend in New York, sagt das mehr über Europas Kapitalmarkt als über Siemens Energy.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was heißt das für den Finanzplatz Europa?
Der Schritt ist Teil eines größeren Musters. Linde hat seine Hauptnotierung längst ganz in die USA verlegt, und Birkenstock ist direkt in New York an die Börse gegangen. Auch außerhalb der USA verschiebt sich das Spiel, wie der Börsengang von Shein in Hongkong zeigt.
Der Grund ist eine hartnäckige Bewertungslücke. US-Anleger zahlen für vergleichbare Unternehmen oft höhere Multiplikatoren, und der amerikanische Kapitalpool ist tiefer als der europäische. Der Draghi-Bericht zur EU-Wettbewerbsfähigkeit hat diese Fragmentierung 2024 offen benannt.
Für Anleger und Finanzverantwortliche im DACH-Raum bedeutet das zweierlei. Ein ADR erspart die umständliche Order über Frankfurt, bleibt steuerlich aber eine deutsche Aktie mit deutscher Quellensteuer. Und der stille Abfluss von Handelsvolumen über den Atlantik erhöht den Druck, die europäische Kapitalmarktunion endlich zu vollenden.
Vor dem Kauf von Siemens-Energy-ADRs lohnt der Blick auf die dünnere Liquidität im Freiverkehr und ein Abgleich mit der Frankfurter Notierung.
Quellen
[1] Siemens Energy Investor Relations: „American Depositary Receipts (ADR)“ ↩
[2] Citi: „Citi Appointed as Depositary Bank for Siemens Energy AG’s ADR Program“ ↩
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