Der Chef von Johnson & Johnson hält die Heilung mancher Krebsarten innerhalb von zehn Jahren für erreichbar. KI beschleunigt nach Konzernangaben bereits die Wirkstoffforschung. Für Entscheider in Pharma und Technologie zählt vor allem die Strategie hinter der Schlagzeile.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenKI in der Krebsforschung verlässt die Phase der Vorführungen und zieht in die Labore der größten Pharmakonzerne ein. Joaquin Duato, Vorstandsvorsitzender von Johnson & Johnson, nannte auf dem CEO-Gipfel des WSJ Leadership Institute in London ein Ziel, das vor wenigen Jahren noch nach Werbeversprechen geklungen hätte. Bestimmte Krebsarten will der Konzern im kommenden Jahrzehnt heilen, weitere in chronische und beherrschbare Erkrankungen verwandeln.
Das Wichtigste in Kürze
- Duato hält die Heilung bestimmter Krebsarten binnen zehn Jahren für realistisch, andere sollen sich chronisch behandeln lassen.
- KI beschleunigt nach Aussage des Konzerns bereits die Medikamentenentwicklung, der finanzielle Nutzen lässt sich aber noch nicht beziffern.
- Bis 2030 will J&J zum umsatzstärksten Onkologie-Anbieter aufsteigen, angepeilt sind rund 43,5 Mrd. € Krebsumsatz.
- Mit der Übernahme von Firefly Bio für rund 870 Mio. € sichert sich der Konzern eine Plattform gegen therapieresistente Tumore.
Was hat Duato in London konkret gesagt?

Auf dem Gipfel beschrieb Duato die vollständige Zurückdrängung von Krebs als das eigentliche Fernziel des Konzerns und ordnete die nahen Etappen nüchtern ein. „Für manche Krebsarten ist eine Heilung im kommenden Jahrzehnt ein realistisches Ziel“, sagte Joaquin Duato, Vorstandschef von Johnson & Johnson. Andere Tumorarten sollen so behandelbar werden, dass Betroffene mit ihnen leben statt an ihnen zu sterben. Realistisches Ziel heißt im Konzernjargon: Eine Pipeline soll den Anspruch belegen. Den vollständigen Auftritt zeigt das Gesprächsformat des WSJ Leadership Institute.
Welche Rolle spielt KI bei J&J?

Im Technologieteil seines Auftritts wurde Duato vorsichtiger. KI habe begonnen, die Medikamentenentwicklung im Konzern zu beschleunigen, wie viel finanziellen Nutzen das am Ende bringt, ließ er offen. Für ein Unternehmen dieser Größe ist das Eingeständnis bemerkenswert, denn selbst hier lässt sich der Forschungs-ROI aus KI noch nicht sauber beziffern. KI beschleunigt die Abläufe also, bevor sie sich in der Bilanz zeigt. Dass KI in der Medizin längst mitentscheidet, belegt der deutsche Markt: In der Mammografie arbeiten bereits 40 Prozent der Screening-Zentren mit einem KI-System. Die Grundlagen großer KI-Modelle fasst unser LLMs-Ratgeber zusammen.
KI in der Pharmaforschung ist kein Zukunftsversprechen mehr, sondern Alltag im Labor. Spannend wird der Moment, in dem sich der Nutzen in Bilanzen zeigt und nicht nur in Vorstandsreden.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Wie passt die Firefly-Bio-Übernahme ins Bild?

Zwei Tage vor dem Londoner Auftritt kündigte Johnson & Johnson den Kauf des Biotech-Unternehmens Firefly Bio für rund 870 Mio. € in bar an. Im Zentrum steht die Firelink-Plattform, die wirkstoffabbauende Moleküle gezielt in Krebszellen einschleust und auf Tumore zielt, die klassische Therapien abwehren. Der Abschluss wird vor Ende 2026 erwartet, vorbehaltlich der üblichen Genehmigungen.
Gezielte Zukäufe sollen die Onkologie-Pipeline über die nächsten Jahre auffüllen, denn das große Ziel hängt an neuen Plattformen. Bis 2030 will der Konzern zum umsatzstärksten Anbieter von Krebsmedikamenten werden, angepeilt sind rund 43,5 Mrd. € Onkologie-Umsatz.
Worauf ruht das ehrgeizige Ziel?

Das Versprechen ruht zu großen Teilen auf einer einzigen Krebsart. Beim Multiplen Myelom, einem Knochenmarkkrebs, erzielte J&J zuletzt deutliche Fortschritte. Im Juni 2026 zeigte die Phase-3-Studie MonumenTAL-3 für den Wirkstoff Talquetamab, vermarktet als TALVEY, in Kombination mit einem zweiten Mittel eine um bis zu 72 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit für ein Fortschreiten der Erkrankung oder den Tod.
Das Sterberisiko sank um 53 Prozent, vorgestellt auf dem Kongress der europäischen Hämatologie-Gesellschaft in Stockholm und parallel im New England Journal of Medicine veröffentlicht. Multiples Myelom trägt damit einen Großteil der Wachstumshoffnung, ein Klumpenrisiko, das der Konzern mit Zukäufen wie Firefly Bio breiter aufstellen will. Mehr als 870 Mio. € fließen zudem in eine neue Produktionsstätte für Zelltherapien in Pennsylvania.
Was bedeutet das für Entscheider?

Die Zahlen stützen den Anspruch. Im ersten Quartal 2026 setzte J&J rund 21 Mrd. € um, etwa zehn Prozent mehr als ein Jahr zuvor, und hob die Jahresprognose auf 87,3 bis 88,1 Mrd. € an. Für Unternehmen außerhalb der Pharmabranche steckt die eigentliche Lehre im KI-Teil: Selbst ein Hundert-Milliarden-Konzern bekommt den Forschungs-ROI aus KI noch nicht auf die Nachkommastelle.
Falls Sie KI in Forschung oder Produktentwicklung einsetzen, messen Sie den Nutzen zuerst an kürzeren Durchlaufzeiten und planen Sie die Rendite über mehrere Jahre. Geduld mit dem ROI zahlt sich hier eher aus als die schnelle Erfolgsmeldung.