Anthropic verhandelt Investoren-Gespräche über eine neue Finanzierungsrunde, die das KI-Unternehmen mit bis zu 950 Milliarden US-Dollar bewerten würde. Damit überschritte Anthropic erstmals OpenAI und wäre das wertvollste KI-Startup der Welt. Die geplante Runde umfasst 30 bis 50 Milliarden Dollar frisches Kapital. Drei Monate zuvor lag die Bewertung noch bei 380 Milliarden Dollar.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenHand aufs Herz: Wenn ein Unternehmen seine Bewertung in 90 Tagen um den Faktor 2,5 steigert und sich der Billionen-Marke nähert, dann ist das mehr als ein Hype-Zyklus. Das ist eine Verschiebung der Machtachsen in der KI-Branche, die deutsche Entscheider in ihrer Beschaffungs- und KI-Strategie ernst nehmen sollten.
Das Wichtigste in Kürze
- Anthropic in Gesprächen über 30–50 Mrd. USD bei einer Bewertung von bis zu 950 Mrd. USD
- Bewertung steigt um Faktor 2,5 gegenüber Februar 2026 (380 Mrd. USD)
- Hauptinvestoren: Google bereits 10 Mrd. USD, geplant weitere 30 Mrd. USD
- Amazon: 5 Mrd. USD investiert, weitere 20 Mrd. USD in Aussicht
Was die Zahl wirklich bedeutet

950 Milliarden Dollar Bewertung wäre mehr als die Marktkapitalisierung von SAP, Siemens und Deutscher Telekom zusammen. Das macht die Größenordnung greifbar. Anthropic kommt aktuell auf einen annualisierten Umsatz von rund 17 Milliarden Dollar und wächst Quartal für Quartal mit hohen Wachstumsraten. CFO Krishna Rao bestätigte zuletzt, dass Claude Code allein für rund 2,3 Milliarden Dollar Jahresumsatz steht. Die NYT zitiert mit dem Bericht vom 12. Mai 2026 mehrere am Gespräch beteiligte Personen, denen zufolge die Verhandlungen in den nächsten Wochen abgeschlossen werden sollen.
Warum die Bewertung in 90 Tagen so steigt

Drei Faktoren treiben den Mehrwert-Aufbau. Erstens der Enterprise-Erfolg: Anthropics API-Marktanteil stieg in zwölf Monaten von 12 auf 32 Prozent, OpenAI fiel im gleichen Zeitraum von 50 auf 25 Prozent. Acht der zehn umsatzstärksten US-Konzerne sind inzwischen Anthropic-Kunden. Zweitens das Cybersecurity-Modell Claude Mythos, das im April 2026 für branchenweite Aufmerksamkeit sorgte und Anthropic in einen direkten Dialog mit US-Behörden brachte. Drittens das frisch gestartete Joint-Venture mit Blackstone, Hellman & Friedman und Goldman Sachs für Enterprise-Deployment im Wert von 1,5 Milliarden Dollar. Alles zusammen bedeutet, dass Anthropic gerade dort am stärksten ist, wo OpenAI mit seiner DeployCo erst aufbaut.
Eine Verfünffachung der Bewertung in einem Jahr ist keine Spekulationsblase, wenn das Umsatzwachstum mit Faktor zehn pro Jahr läuft. Anthropic ist nicht mehr der kleinere Bruder von OpenAI, sondern dessen direkter Wettbewerber auf Augenhöhe. Für deutsche Mittelständler heißt das: KI-Lieferantenstrategie ohne Anthropic ist 2026 keine Strategie mehr.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was Google und Amazon mit der Wette bezwecken

Beide Hyperscaler verfolgen mit ihren Anthropic-Investitionen eine doppelte Absicherung. Google hat bereits 10 Milliarden Dollar investiert und plant laut Berichten weitere 30 Milliarden. Amazon ist mit 5 Milliarden eingestiegen, weitere 20 Milliarden sind in Aussicht. Das Kalkül: Während Microsoft strategisch an OpenAI gebunden ist, sichern sich Google und Amazon ihren Anteil am Frontier-KI-Markt über Anthropic. Hinzu kommt, dass Anthropic einen Großteil des Investitionskapitals wieder in Cloud-Computing-Credits bei genau diesen Hyperscalern ausgibt. Das ist eine zirkuläre Wirtschaftsbeziehung, die SEC-Regulierer im Hinblick auf einen späteren Börsengang noch genau prüfen werden.
Was deutsche Entscheider jetzt prüfen sollten

Drei Konsequenzen für die DACH-KI-Strategie. Zum einen das Multi-Vendor-Prinzip: Wer alle Eier in einen OpenAI-Korb legt, hat die Lieferanten-Diversifikation verpasst, die seit dem Anthropic-Aufstieg branchenüblich wird. Zum anderen die Cybersecurity-Brille: Mit Claude Mythos und Project Glasswing baut Anthropic eine eigene Verteidigungslinie auf, die für regulierte Branchen (BaFin, BSI, KRITIS) zunehmend relevant wird. Und drittens die Verhandlungsmacht: Ein Anbieter, der OpenAI in der Bewertung überholt, kann andere Konditionen durchsetzen. Wer bestehende Anthropic-Verträge hat, sollte vor der Runden-Verkündung neu verhandeln.
Die Botschaft ist eindeutig: Die KI-Branche bewegt sich von einem klaren Anbieter-Monopol zu einem Duopol mit Anthropic auf Augenhöhe. Wer das in seiner Beschaffung 2026 nicht abbildet, plant an der Realität vorbei.
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