Comsysto Reply entwickelt Audis Used Car Platform weiter, den zentralen B2B-Marktplatz für Gebrauchtwagen. Eine zugeschnittene Multi-Agenten-Lösung übernimmt dort Routinearbeit in der Softwareentwicklung. Bemerkenswert ist weniger das Tempo als die Architektur dahinter.

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Ein Multi-Agenten-System arbeitet bei Audi inzwischen an zwei sehr verschiedenen Stellen, und keine davon sitzt im Auto. Die eine Flotte räumt in der Cloud auf, die andere entwickelt an der Plattform mit, über die Vertragshändler in Europa Gebrauchtwagen einkaufen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Comsysto Reply entwickelt Audis B2B-Gebrauchtwagen-Marktplatz mit einer maßgeschneiderten Multi-Agenten-Lösung weiter, die Routineaufgaben abnimmt.
  • Die Plattform hat einen Excel-gestützten Auktionsprozess abgelöst und steht laut Projektdokumentation für rund 30 Prozent aller verkauften Fahrzeuge.
  • Mit Devbot betreibt Audi eine zweite Agentenflotte aus vier spezialisierten Agenten für Sicherheit, Kosten, Bausteine und Architektur.
  • Für deutsche Unternehmen bleiben Produkthaftung, Mitbestimmung und die Kompetenzpflicht aus dem EU AI Act auch dann bestehen, wenn der Code von einem Agenten stammt.

Was unterscheidet eine Agentenflotte vom Programmier-Assistenten?

Vier moderne Schlüssel mit Etiketten und ein alter Alleskönnerschlüssel mit Ruheständler-Figur
Einzelagent vs. Agentenschwarm: Ein Assistent bewältigt alle Aufgaben, während spezialisierte Agenten die Arbeit in definierte Zuständigkeitsbereiche aufteilen

Der Zuschnitt. Ein Assistent bekommt das ganze Projekt vorgesetzt und soll alles ein bisschen können. Eine Agentenflotte zerlegt dieselbe Arbeit in eng umrissene Zuständigkeiten, jede mit eigenem Werkzeugsatz und eigenem Ausschnitt der Codebasis.

Kontextgrenze. Der Engpass ist selten das Tippen von Code, sondern alles ringsherum: alte SOAP-Schnittstellen, Infrastruktur als Code, Testabdeckung, Freigabewege. Je größer das Fenster, das ein Modell überblicken soll, desto unschärfer fällt das Ergebnis aus. OpenAI hat das Kontextfenster von Codex sogar bewusst verkleinert.

Prüfbarkeit. Genau daran setzt die Rollenteilung an, die auch hinter dem Konzept autonomer KI-Agenten steht. Jeder Agent arbeitet nur auf dem Ausschnitt, den seine Aufgabe verlangt, und jede Änderung lässt sich einer Rolle zuordnen.

Warum betreibt Audi gleich zwei Agentenflotten?

Zwei Domänen. Devbot hält die Cloud-Umgebung in Ordnung,[3] die Lösung von Comsysto Reply arbeitet am Produktcode des Marktplatzes. Beide folgen demselben Muster: viele schmale Zuständigkeiten statt eines Generalisten.

Devbot. Storm Reply hat für Audi vier Agenten gebaut: einer sucht Sicherheitslücken und schlägt Gegenmaßnahmen vor, einer überwacht den Ressourcenverbrauch, einer liefert vorgeprüfte Infrastruktur-Bausteine, einer begleitet Architekturentscheidungen. Als Sprachmodell dient Claude, die Aufgabenverteilung läuft über AWS Lambda.[2]

Muster. Audi steht damit nicht allein: Cadence lässt Agenten Leiterplatten und Chip-Gehäuse entwerfen, TeamViewer und ServiceNow bündeln die autonome IT, und bei GFT wächst die eigene KI-Plattform schneller als das Bankgeschäft.

Zwei Agentenflotten bei Audi
Wie sich Rollenteilung im Cloud-Betrieb und in der Softwareentwicklung auszahlt
4
spezialisierte Agenten bilden Audis Cloud-System Devbot, gebaut von Storm Reply
rund 30 %
aller verkauften Fahrzeuge laufen laut Projektdokumentation über das Marktplatz-Format
rund 50 %
kürzere Verweildauer bis zum Verkauf durch die KI-gestützte Preisprognose
rund 29.000
Fahrzeuge wurden seit dem Start im August 2021 über die Plattform verkauft

Devbot: vier Zuständigkeiten statt eines Alleskönners

01
Sicherheitsbefunde
Spürt Schwachstellen in der Cloud-Umgebung auf und schlägt Gegenmaßnahmen vor.
02
Kostenoptimierung
Überwacht den Ressourcenverbrauch und kappt überflüssige Ausgaben.
03
Bausteine
Liefert vorgeprüfte Infrastruktur-Komponenten für neue Umgebungen.
04
Architektur
Begleitet Architekturentscheidungen entlang der AWS-Frameworks.

Woher die Plattform kommt

Vor dem Marktplatz hat Audi die Auktionsdateien Excel-gestützt aus dem Hostsystem erzeugt. Ein Team von zehn Personen hat die Ablösung in weniger als zwölf Monaten gebaut, Go-live war im August 2021. Als Sprachmodell hinter Devbot dient Claude, die Aufgabenverteilung läuft über AWS Lambda.

Vier klar geschnittene Agenten lassen sich prüfen, ein Alleskönner mit Vollzugriff nicht. Daran entscheidet sich, ob so ein System im Audit besteht oder nur in der Demo.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was müssen deutsche Unternehmen vorher klären?

Die Haftung bleibt beim Hersteller. Ab Dezember 2026 gilt die neue EU-Produkthaftungsrichtlinie, die Software ausdrücklich als Produkt erfasst. Ob eine fehlerhafte Zeile von einem Menschen oder einem Agenten stammt, ändert daran nichts.

Mitbestimmung. Sobald ein Agentensystem Leistungsdaten einzelner Entwickler erfasst, greift Paragraf 87 Absatz 1 Nummer 6 Betriebsverfassungsgesetz, und der Betriebsrat gehört vor dem Rollout an den Tisch. Dazu kommt die seit Februar 2025 geltende Pflicht aus Artikel 4 des EU AI Act, für ausreichende KI-Kompetenz der eigenen Belegschaft zu sorgen.

Grenze. Die Aufteilung in Rollen löst nicht jedes Problem. Vollautomatische Softwarefabriken scheitern regelmäßig an Wartbarkeit und Verantwortung, und ein Agent, der Routine abarbeitet, ersetzt weder Review noch Architekturentscheidung.

Zuschnitt zuerst. Bevor eine Agentenflotte an den Produktcode darf, gehört jede Rolle schriftlich festgelegt: welche Repositories sie sieht und an welcher Stelle ein Mensch freigeben muss. Audis Devbot zeigt, wie schmal so ein Zuschnitt ausfallen darf, und genau das macht ihn prüfbar.[1]

Quellen

[1] Comsysto Reply: „From Legacy Systems to AI-Driven Innovation“

[2] Reply: „Devbot: Audi’s intelligent multi-agent system for smarter and safer cloud use“

[3] Reply: „Storm Reply and Audi set new standards for cloud management with Agentic AI“

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