Amazon zieht sich aus einem Stück Internetgeschichte zurück: Mechanical Turk nimmt ab dem 30. Juli 2026 keine neuen Kunden mehr an. Hinter dem leisen Rückzug steckt eine Ironie, die jeden angeht, der KI mit Daten füttert.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenMechanical Turk galt fast zwanzig Jahre lang als die unsichtbare Muskelkraft der digitalen Wirtschaft, ein Marktplatz, auf dem Menschen für Cent-Beträge erledigten, was Maschinen nicht konnten. Ausgerechnet die Künstliche Intelligenz, die dieser Klickarbeit ihre Trainingsdaten verdankt, hat der Plattform nun den Boden entzogen.
Das Wichtigste in Kürze
- Amazon schließt Mechanical Turk zum 30. Juli 2026 für Neukunden. Bestandskunden bleiben, neue Funktionen sind nicht geplant.
- Eine Studie der EPFL Lausanne hat 2023 gezeigt, dass 33 bis 46 Prozent der Worker ihre Aufgaben mit Sprachmodellen erledigt haben.
- Damit verliert der Marktplatz seinen Kern: echte menschliche Daten als Grundlage für KI-Training.
- Für DACH-Entscheider verschiebt sich die Frage von „billige Daten“ zu „belegbar menschliche Daten“.
Warum zieht Amazon bei Mechanical Turk den Stecker?

Offiziell nennt Amazon nach „sorgfältiger Abwägung“ keinen Grund. Faktisch ist der Marktplatz seit Jahren ausgehöhlt: Immer mehr Worker erledigen die vermeintlich menschlichen Aufgaben mit KI, und für hochwertige Trainingsdaten haben sich spezialisierte Anbieter durchgesetzt.
Versteckter Mensch. Den Namen hat sich Amazon 2005 beim Schachautomaten des Wiener Hofmechanikers Wolfgang von Kempelen geborgt, einer Maschine von 1770, die ihre Intelligenz nur vortäuschte, weil ein Mensch im Kasten verborgen saß. Genau dieses Prinzip verkaufte Amazon als „künstliche künstliche Intelligenz“: Software fragt an, ein unsichtbarer Mensch antwortet.
Leiser Rückzug. Ab dem 30. Juli kommen keine neuen Auftraggeber mehr dazu, AWS investiert nur noch in Sicherheit und Verfügbarkeit. Mit SageMaker Ground Truth betreibt Amazon längst einen kontrollierteren Nachfolger, der Qualitätsprüfung gleich mitliefert.
Wenn die Klickarbeiter selbst die KI anwerfen
Dreifach künstlich. Ein Forschungsteam der EPFL Lausanne um Veniamin Veselovsky hat 2023 in einer Studie mit dem Titel „Artificial Artificial Artificial Intelligence“[1] nachgewiesen, dass bei einer Zusammenfassungs-Aufgabe 33 bis 46 Prozent der Worker Sprachmodelle einsetzten. Erkannt haben die Forscher das über eine Analyse der Tastenanschläge und einen Klassifikator für synthetischen Text.
Vergiftete Grundwahrheit. Der Wert der Plattform lag darin, echte menschliche Urteile als Referenz für das Training und die Bewertung von KI-Modellen zu liefern. Sitzt am anderen Ende aber selbst ein Chatbot, wird aus dem „menschlichen“ Label ein KI-Output. Modelle auf solchen Daten zu trainieren erzeugt eine Rückkopplung, an deren Ende die Qualität kippt.
Markt wandert nach oben. Parallel hat sich das Geschäft mit Trainingsdaten verlagert. Frontier-Labore zahlen inzwischen für geprüfte Fachleute, die Modelle bewerten und korrigieren, ein Vielfaches der alten Cent-Beträge. Das anonyme Massenmodell von Mechanical Turk passt zu dieser Nachfrage nicht mehr, wie auch die Debatte um die steigenden Kosten der KI-Entwicklung zeigt.
Mechanical Turk stirbt nicht an fehlender Nachfrage nach menschlicher Arbeit, sondern an der Frage, ob am anderen Ende überhaupt noch ein Mensch sitzt. Genau die sollten sich jetzt alle stellen, die Daten einkaufen.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Fast zwanzig Jahre lieferte Amazons Klickarbeiter-Marktplatz menschliche Daten. Ausgerechnet die KI hat ihm die Grundlage entzogen.
Anonyme Masse, Cent-Betraege
Viele unbekannte Klickarbeiter erledigen Kleinstaufgaben zum Minimalpreis. Qualitaet und Herkunft der Daten bleiben unklar.
Geprüfte Experten, belegte Daten
Spezialisierte Anbieter liefern verifizierte Fachleute fuer Trainings- und Bewertungsdaten. Der Preis steigt, die Nachvollziehbarkeit auch.
Was heißt das für deutschsprachige Entscheider?
Verlassen Sie sich bei eingekauften oder selbst erhobenen Daten nicht mehr blind auf das Etikett „menschlich“. Der EU AI Act verlangt für Trainingsdaten eine nachvollziehbare Herkunft, und wer Umfragen, Annotationen oder Nutzerstudien auslagert, braucht Belege statt Vertrauen.
Herkunft belegen. Artikel 10 des EU AI Act verpflichtet Anbieter von Hochrisiko-Systemen dazu, Qualität und Herkunft ihrer Datensätze zu dokumentieren. „Von Menschen geprüft“ reicht als Zusicherung künftig nicht, wenn niemand ausschließen kann, dass ein Sprachmodell mitgeschrieben hat.
Belege statt Vertrauen. Auch für die Forschung an DACH-Hochschulen, die Mechanical Turk jahrelang für Studien genutzt hat, wackelt damit die Reproduzierbarkeit. Beim Einkauf von Daten empfiehlt sich künftig mehr Sorgfalt: auf geprüfte Panels setzen, Aufmerksamkeits- und Verhaltenssignale mitprotokollieren, Ergebnisse stichprobenartig gegenprüfen und sich die menschliche Herkunft vertraglich zusichern lassen. Wie schnell die KI-Branche eigene Standards setzt, zeigen Beispiele wie Siemens mit seinem Engineering-Agenten.
Quellen
[1] Veselovsky, Horta Ribeiro, West (EPFL Lausanne): „Artificial Artificial Artificial Intelligence: Crowd Workers Widely Use Large Language Models for Text Production Tasks“ ↩
[2] Amazon Mechanical Turk: offizielle Ankündigung zum Aufnahmestopp für Neukunden ↩
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