
Wie funktioniert das Alnatura Geschäftsmodell?
Michael Dobler
Autor Dr. WebAlnatura verkauft jedes Jahr Bio Lebensmittel im Wert von über einer Milliarde Euro. Gleichzeitig verdient das Unternehmen an jedem umgesetzten Euro weniger als einen halben Cent. Das Alnatura Geschäftsmodell wirft Fragen auf, die weit über den Biomarkt hinausreichen: Funktioniert idealistisches Wirtschaften in einem Markt, in dem Aldi und Lidl mit eigenen Bio Linien um dieselben Kunden kämpfen? Und passt der Anspruch „Sinnvoll für Mensch und Erde“ zu einem Unternehmen, das Betriebsratswahlen jahrelang juristisch blockiert hat?
Das Wichtigste in Kürze
- Alnatura erzielte im Geschäftsjahr 2024/25 einen Nettoumsatz von 1,274 Milliarden Euro, ein Plus von 6,6 Prozent zum Vorjahr
- Das Unternehmen ist gleichzeitig Markenartikler und Einzelhändler: 153 eigene Filialen plus Vertrieb über 13.700 Handelspartner Filialen in 15 Ländern
- 99 Prozent der Unternehmensanteile liegen in einer Doppelstiftung, die Alnatura unverkäuflich macht
- Die Trennung vom langjährigen Partner dm im Jahr 2014 zwang Alnatura zur Diversifikation und verwandelte eine existenzielle Krise in einen Wachstumsschub
Wie verdient Alnatura 1,3 Milliarden Euro im Jahr?

Das Alnatura Geschäftsmodell ruht auf drei Säulen, die sich gegenseitig stabilisieren. Anders als ein klassischer Supermarkt oder ein reiner Markenhersteller kombiniert Alnatura beide Rollen in einem Unternehmen.
Eigenmarke vor Eigenproduktion: Alnatura kontrolliert, was auf der Verpackung steht, nicht was in der Fabrik passiert. Dieses Asset-Light-Modell skaliert schneller und bindet weniger Kapital.
Diversifikation als Überlebensstrategie: Die Abhängigkeit von dm hätte Alnatura beinahe das Genick gebrochen. Kein Vertriebspartner sollte mehr als 30 % des Umsatzes ausmachen.
Verantwortungseigentum: 99 % der Anteile in einer Doppelstiftung. Unverkäuflich, langfristig orientiert, immun gegen Übernahmen.
Säule 1: Die Eigenmarke.
Alnatura produziert nichts selbst. Über 1.300 Bio Produkte entstehen bei externen Herstellern nach Alnatura Spezifikationen. Rohstoffe stammen zu 100 Prozent aus ökologischem Landbau, bevorzugt von Bioland, Demeter und Naturland zertifizierten Betrieben. Die Eigenmarke ist der Kern des Modells, denn sie verschafft Alnatura die Kontrolle über Sortiment, Qualität und Marge. Ob Müsli, Milch oder Mandelmus: Auf der Verpackung steht Alnatura, nicht der Name des tatsächlichen Produzenten.
Säule 2: Die eigenen Märkte.
153 Super Natur Märkte in 74 Städten und 14 Bundesländern bilden das Rückgrat des Direktvertriebs. Baden Württemberg führt mit 37 Standorten, gefolgt von Bayern (25), Hessen (21), Nordrhein Westfalen (20) und Berlin (19). Neben den über 1.300 Alnatura Eigenmarkenprodukten führen die Märkte zahlreiche Fremdmarken aus dem Bio Segment. Der Fokus liegt auf Ballungszentren. Ein Nahversorgungskonzept für ländliche Gebiete schließt das Unternehmen ausdrücklich aus. Acht Neueröffnungen sind für das laufende Geschäftsjahr geplant, darunter in Berlin, Ingolstadt, Kiel und Tübingen.
Säule 3: Die Handelspartner.
Hier zeigt sich die eigentliche Skalierung. Alnatura Produkte stehen in den Regalen von Edeka, Rossmann, Müller, tegut, Globus, Budni und weiteren Ketten. International vertreiben Partner wie Migros (Schweiz), Billa (Österreich) und Cactus (Luxemburg) das Sortiment. Insgesamt erreicht Alnatura über diesen Kanal rund 13.700 Filialen in 15 Ländern. Diese Drittvertriebsschiene vervielfacht die Reichweite, ohne dass Alnatura eigene Ladenflächen finanzieren muss.
| Säule | Funktion | Reichweite | Margenkontrolle |
|---|---|---|---|
| Eigenmarke | Produktentwicklung, Qualitätssicherung | Basis für alles | Hoch (eigene Spezifikationen) |
| Eigene Märkte | Direktvertrieb, Kundenbindung, Markenerlebnis | 153 Filialen in Deutschland | Hoch (eigene Preisgestaltung) |
| Handelspartner | Flächendeckende Distribution | 13.700 Filialen in 15 Ländern | Niedrig (Handelspartner bestimmt Endpreis) |
Das ehemalige Partnermarktmodell, bei dem externe Betreiber unter der Alnatura Flagge eigene Filialen führten, stellte das Unternehmen im ersten Halbjahr 2025 ein. Auch den Lieferdienst in Berlin, Frankfurt und Potsdam beendete Alnatura bereits im September 2024. Geschäftsführer Götz Rehn begründete die Fokussierung mit dem dichten Wettbewerbsumfeld, das die volle Aufmerksamkeit auf das Kerngeschäft erfordere.
Für Entscheider, die ihr eigenes Geschäftsmodell auf mehrere Vertriebssäulen aufbauen möchten, liefert Alnatura eine klare Lektion: Die Eigenmarke erzeugt die Marge, die eigenen Läden erzeugen die Kundenbindung, die Handelspartner erzeugen die Skalierung.
Quiz: 100 % biodynamisch
1 In welcher Stadt eröffnete 1987 der erste Alnatura Super Natur Markt? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
2 Wie viel Prozent der Alnatura-Anteile liegen in einer Doppelstiftung? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
3 Welcher Handelspartner listete 2014 massenhaft Alnatura-Produkte aus? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
4 Wie hoch war die Nettomarge von Alnatura im Geschäftsjahr 2021/22? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
5 Welche weltanschauliche Strömung prägte Alnatura-Gründer Götz Rehn? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Warum musste Alnatura seinen mächtigsten Partner verklagen?

Die Geschichte von Alnatura und dm liest sich wie ein Familienkrieg im Milliardenformat. Beide Unternehmen verband nicht nur ein Kooperationsvertrag, sondern auch eine persönliche Beziehung: Götz Rehn (Alnatura Gründer) und Götz Werner (dm Gründer) waren verschwägert und teilten dieselbe anthroposophische Weltanschauung. Werner ermutigte Rehn Mitte der 1980er Jahre überhaupt erst zur Gründung.
Ab 1986 verkaufte Alnatura seine Produkte als Shop in Shop Konzept in dm Filialen. Diese Partnerschaft wurde zur tragenden Säule: Geschätzt die Hälfte des Alnatura Umsatzes lief über Handelspartner, und von den damals rund 5.300 Verkaufsstellen gehörten über 3.000 zu dm.
Im Jahr 2014 brach dm die Partnerschaft. Die Drogeriekette entschied, unter der eigenen Marke dmBio ein Bio Sortiment aufzubauen, und listete Alnatura Produkte sukzessive aus. Für Alnatura drohte der Verlust der wichtigsten Vertriebsschiene.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1986 | Start der Kooperation: Alnatura Produkte in dm und tegut |
| 2014 | dm startet dmBio, beginnt mit der Auslistung von Alnatura Produkten |
| 2015 | Alnatura schließt neue Partnerschaften mit Edeka, Müller und Rossmann |
| 2015 | dm klagt gegen Alnatura auf Einhaltung des Kooperationsvertrags |
| 2017 | Götz Werner fordert in einem zweiten Verfahren die Markenrechte an Alnatura |
| 2019 | OLG Frankfurt entscheidet zugunsten von Alnatura: Kündigung des Kooperationsvertrags war wirksam |
| 2019 | dm muss zwei Millionen Euro offene Rechnungen nachzahlen |
Alnatura kompensierte den Verlust innerhalb weniger Jahre. Neue Handelspartner ersetzten die weggefallenen dm Filialen, und die eigene Filialexpansion beschleunigte sich massiv. Zwischen 2014 und 2025 stieg die Zahl der eigenen Märkte von rund 100 auf 153. Der Umsatz wuchs von 770 Millionen Euro (2016/17) auf 1,274 Milliarden Euro (2024/25).
Aus der existenziellen Bedrohung wurde ein Diversifikationserfolg. Alnatura lernte die harte Lektion, dass Abhängigkeit von einem einzigen Vertriebspartner ein Klumpenrisiko darstellt. Das Alnatura Geschäftsmodell nach 2014 verteilt das Risiko bewusst auf viele Schultern.
Produziert Alnatura überhaupt selbst?

Die Antwort lautet: Nein. Alnatura besitzt keine eigene Produktion. Jedes der über 1.300 Produkte entsteht bei externen Herstellern, die nach Alnatura Vorgaben arbeiten. Dieses Modell ähnelt dem klassischen Handelsmarkenkonzept, wie es auch Discounter für ihre Eigenmarken nutzen. Der Unterschied: Alnatura fordert von seinen Lieferanten ausschließlich Bio Qualität, bevorzugt nach den strengeren Richtlinien der Anbauverbände Bioland, Demeter und Naturland.
Alnatura steuert dabei nicht die Produktion, sondern die Spezifikation. Das Unternehmen definiert Rezepturen, Qualitätsstandards und Verpackungsdesign. Unabhängige Fachleute prüfen die Einhaltung. Zusätzlich fördert die 2015 gegründete Bio Bauern Initiative (ABBI) in Kooperation mit dem NABU die Umstellung konventioneller Höfe auf biologischen Landbau. Bis 2025 unterstützte das Programm 131 Betriebe, die zusammen rund 21.000 Hektar ökologisch bewirtschaften.
Für die Logistik betreibt Alnatura ein zentrales Verteilzentrum in Lorsch (Hessen) für Trockenprodukte und dezentrale Frischelogistik Standorte. Im Sommer 2026 nimmt ein neues, 30.000 Quadratmeter großes Lager in Groß Rohrheim den Betrieb auf, das künftig sämtliche Alnatura Märkte in Deutschland beliefern soll.
Lohnt sich Bio für Alnatura finanziell?

Die letzte im Bundesanzeiger verfügbare Gewinnzahl stammt aus dem Geschäftsjahr 2021/22: 5,5 Millionen Euro Jahresüberschuss bei einem Umsatz von 1,12 Milliarden Euro. Das entspricht einer Nettomarge von rund 0,5 Prozent. Zum Vergleich: Aldi Süd erwirtschaftet geschätzt zwischen zwei und drei Prozent Nettomarge, Edeka liegt im ähnlichen Bereich.
Aktuelle Gewinnzahlen veröffentlicht Alnatura nicht, da das Unternehmen als nicht börsennotierte GmbH dazu nicht verpflichtet ist. Die Umsatzentwicklung zeigt allerdings einen stabilen Wachstumstrend mit einem bemerkenswerten Einbruch im Inflationsjahr:
| Geschäftsjahr | Umsatz (Mrd. €) | Veränderung |
|---|---|---|
| 2019/20 | 1,08 | +20 % |
| 2020/21 | 1,15 | +7 % |
| 2021/22 | 1,12 | −3 % |
| 2022/23 | 1,149 | +3 % |
| 2023/24 | 1,195 | +4 % |
| 2024/25 | 1,274 | +6,6 % |
Der sprunghafte Anstieg im Geschäftsjahr 2019/20 fiel in die erste Phase der Pandemie, als Bio Lebensmittel einen Nachfrageboom erlebten. Im Geschäftsjahr 2021/22 sank der Umsatz durch die Rekordinflation erstmals leicht, bevor Alnatura ab 2022/23 wieder auf den Wachstumspfad zurückkehrte.
Alnatura Gründer Götz Rehn formuliert das Verhältnis zwischen Gewinn und Sinn bewusst anders als klassische Unternehmer: Gewinn sei nicht das Ziel, sondern die mögliche Folge sinnvollen Handelns. Diese Haltung spiegelt sich in der Investitionsstrategie wider. Statt Dividenden auszuschütten, fließen Überschüsse in Filialexpansion, IT Modernisierung (aktuell die Umstellung auf SAP S/4HANA) und Nachhaltigkeitsprogramme wie die Bio Bauern Initiative.
Ein Unternehmen, das 1,3 Milliarden Euro umsetzt und weniger als sechs Millionen Euro Gewinn ausweist, setzt entweder alles auf Wachstum oder versteckt die Marge in den Strukturen. Bei Alnatura ist es beides.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Schützt Alnatura seine Mitarbeitenden so gut wie seine Karotten?

Die Antwort fällt unbequem aus. Alnatura hat beim Thema Arbeitnehmerrechte eine Geschichte, die zum Bio Image des Unternehmens in deutlichem Widerspruch steht.
Das Betriebsrats Problem. Von über 150 Filialen existierte lange nur in einer einzigen (Freiburg) ein Betriebsrat. Sobald ein zweiter Betriebsrat gegründet würde, hätten die Beschäftigten im gesamten Unternehmen Anspruch auf einen Gesamtbetriebsrat. In Bremen blockierte Alnatura ab 2015 über drei Jahre lang die Wahl eines Betriebsrats. Das Unternehmen legte Beschwerde gegen den vom Arbeitsgericht bestellten Wahlvorstand ein, nutzte alle Fristen bis zum letzten Tag aus und ging bis vor das Bundesarbeitsgericht. Parallel reduzierte Alnatura die Mitarbeiterzahl in der betroffenen Bremer Filiale, offiziell aus betriebswirtschaftlichen Gründen. Die Gewerkschaft ver.di warf dem Unternehmen vor, die Betriebsratswahl systematisch zu torpedieren.
Das Lohnproblem. Alnatura ist nicht tarifgebunden. Bis 2010 zahlte das Unternehmen seinen Mitarbeitenden unter Tarifniveau. Erst nach kritischer Berichterstattung in Medien wie der taz und Öko Test kündigte Alnatura eine Anpassung an. Aktuell liegt der unternehmensinterne Mindestlohn bei 15 Euro pro Stunde (seit Oktober 2024). Die Ausbildungsquote beträgt 6,5 Prozent bei 241 Lernenden. Als Zeichen der Wertschätzung erhielten Mitarbeitende im Februar 2025 eine Wertschöpfungsbeteiligung von 500 Euro, weitere 400 Euro folgen 2026.
Dieser Widerspruch zwischen ökologischem Idealismus und betrieblicher Praxis ist kein Einzelfall in der Bio Branche. Doch bei einem Unternehmen, das sich auf seiner eigenen Website als „Arbeitsgemeinschaft“ bezeichnet und die Entwicklung aller Mitarbeitenden zu selbstverantwortlichem Handeln als Ziel formuliert, wiegt das Verhalten besonders schwer.
Wem gehört Alnatura wirklich?

Die Eigentümerstruktur von Alnatura ist ungewöhnlich und verdient einen genaueren Blick. Götz Rehn gründete das Unternehmen 1984 mit 50.000 D Mark Startkapital und einer Bürgschaft von Freunden. Heute, 41 Jahre später, führt er als geschäftsführender Alleingesellschafter immer noch die Geschäfte. Das Manager Magazin schätzte sein Vermögen 2019 auf 400 Millionen Euro.
Die Alnatura Produktions und Handels GmbH ist nicht börsennotiert. 99 Prozent der Unternehmensanteile liegen in einer Doppelstiftung: einer gemeinnützigen Alnatura Stiftung und einer Götz E. Rehn Familienstiftung. Dieses Modell nennt sich Verantwortungseigentum und verfolgt zwei Ziele: Das Unternehmen bleibt unverkäuflich, kein Investor und kein Konzern kann Alnatura übernehmen. Und Gewinne werden primär reinvestiert, nicht an externe Anteilseigner ausgeschüttet.
Alnatura gehört damit zu den Pionieren einer Bewegung, die 2019 mit der Gründung der Stiftung Verantwortungseigentum formalisiert wurde. Neben Alnatura setzen unter anderem die Handelskette Globus, die GLS Bank und der Kondomhersteller Einhorn auf dieses Modell.
Der Generationswechsel bahnt sich an. Lucas Rehn, Sohn des Gründers, rückte 2022 in die Geschäftsführung auf. Der heute 38 Jährige verantwortet den Bereich Vertrieb Märkte und Alnatura Online. Vor seinem Einstieg sammelte er sechs Jahre Erfahrung als Gebietsverantwortlicher bei dm und zwei Jahre als Sortimentsmanager bei Globus. Die Geschäftsführung umfasst aktuell sechs Personen: Götz Rehn (Gründer), Rüdiger Kasch, Kirsten Keller, Lucas Rehn, Petra Schäfer und Jessica Schwarz.
Die Markenidentität eines Unternehmens wird von der Eigentümerstruktur stärker geprägt, als viele Entscheider vermuten. Das Stiftungsmodell von Alnatura erklärt, warum das Unternehmen Wachstum über Rendite stellt und Investitionen in Bio Bauern Initiativen oder SAP Systeme der Gewinnmaximierung vorzieht.
Bedrohen Aldi und Lidl das Alnatura Geschäftsmodell?

Discounter gewinnen im Bio Segment stetig Marktanteile. Der Gesamtmarkt für Bio Lebensmittel in Deutschland erreichte 2024 ein Volumen von 16,99 Milliarden Euro, für 2025 prognostiziert die Branche rund 18,19 Milliarden Euro.
Alnatura reagierte 2024 mit der Einführung der Zweitmarke „Prima! Alnatura“, einer günstigeren Linie, die preislich mit Bio Eigenmarken der Discounter konkurrieren kann. Gleichzeitig betont das Unternehmen die Qualitätsdifferenzierung: Alnatura Produkte erfüllen die Anforderungen der Anbauverbände, die über die EU Bio Verordnung hinausgehen. Ob dieser Unterschied beim Endverbraucher ankommt, entscheidet über die Zukunftsfähigkeit des gesamten Modells.
| Kriterium | Alnatura | Discounter Bio (Aldi, Lidl) |
|---|---|---|
| Bio Standard | Verbandsware (Bioland, Demeter, Naturland) | Überwiegend EU Bio |
| Sortimentsbreite | 1.300+ Eigenmarkenprodukte | 200 bis 400 Bio Artikel |
| Beratung | Fachpersonal in eigenen Märkten | Selbstbedienung |
| Preisniveau | Mittel bis Premium | Einstiegspreis |
| Kundenzufriedenheit | Nr. 1 im Kundenmonitor (4x in Folge) | Nicht separat gemessen |
Alnatura Geschäftsführerin Petra Schäfer verwies auf das Preis-Leistungs-Verhältnis, das sich laut Kundenbefragungen mit Discountern messen könne. Die viermalige Spitzenposition im Kundenmonitor der ServiceBarometer AG (Gesamtranking aller Lebensmittelmärkte, nicht nur Bio) stützt diese Behauptung mit harten Daten.
Entscheider, die sich fragen, wie der Discounter Mechanismus funktioniert, finden die Antwort in der Mittelgangs Logik: Discounter optimieren auf Effizienz und Masse. Alnatura optimiert auf Marke und Kundenbindung. Beide Modelle koexistieren, solange der Bio Markt insgesamt wächst.
Was lernen Entscheider aus dem Alnatura Modell?

Alnatura zeigt, dass Markenführung in einem margenschwachen Markt wichtiger ist als Produktionskapazität. Das Unternehmen besitzt keine einzige Fabrik, kontrolliert aber über Spezifikationen und Qualitätsstandards die gesamte Wertschöpfungskette. Die Stärke einer Markenidentität entscheidet darüber, ob Kunden bereit sind, für ein Alnatura Müsli mehr zu bezahlen als für die Bio Eigenmarke ihres Supermarkts.
Vier strategische Muster lassen sich aus dem Alnatura Geschäftsmodell ableiten:
Erstens: Diversifikation als Überlebensstrategie. Die Abhängigkeit von dm hätte Alnatura beinahe das Genick gebrochen. Kein Vertriebspartner sollte jemals mehr als 30 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen. Diese Regel gilt für jedes Unternehmen, das über Dritte vertreibt.
Zweitens: Eigenmarke vor Eigenproduktion. Alnatura kontrolliert, was auf der Verpackung steht, nicht was in der Fabrik passiert. Dieses Asset Light Modell skaliert schneller und bindet weniger Kapital als der Aufbau eigener Fertigungslinien.
Drittens: Verantwortungseigentum als Wettbewerbsvorteil. Die Stiftungsstruktur macht Alnatura immun gegen feindliche Übernahmen und ermöglicht eine langfristige Investitionsstrategie. Für Familienunternehmen ohne klare Nachfolgeregelung bietet das Modell eine Alternative zum Verkauf.
Viertens: Glaubwürdigkeit braucht Konsistenz. Die Betriebsrats Kontroverse und die historische Unterbezahlung zeigen, dass ökologische Nachhaltigkeit allein nicht reicht. Arbeitnehmerrechte gehören zur Glaubwürdigkeitsrechnung dazu. Unternehmen, die Werte kommunizieren, müssen sie auf allen Ebenen leben.
Auch im Fußball zeigt sich, dass Geschäftsmodelle mit idealistischem Anspruch vor harten finanziellen Realitäten nicht gefeit sind. Der FC Bayern München verbindet demokratische Vereinsstrukturen mit Milliardenumsätzen. Real Madrids Stadionwette illustriert, wie schnell Liquidität schmilzt, sobald ein Geschäftsmodell seine größte Investition nicht wie geplant monetarisieren kann.
Glossar: 14 wichtige Fachbegriffe zum Alnatura Geschäftsmodell

Anbauverband
Anbauverband: Organisationen wie Bioland, Demeter oder Naturland definieren ökologische Richtlinien, die über die Mindestanforderungen der EU Bio Verordnung hinausgehen. Alnatura bevorzugt Verbandsware, weil sie strengere Tierhaltungs, Dünge und Pflanzenschutzstandards garantiert.
Anthroposophie
Anthroposophie: Eine von Rudolf Steiner begründete Weltanschauung, die unter anderem die Waldorfpädagogik und die biodynamische Landwirtschaft (Demeter) hervorgebracht hat. Alnatura Gründer Götz Rehn wurde durch die Anthroposophie maßgeblich geprägt, was sich in der Unternehmensphilosophie widerspiegelt.
Bio Bauern Initiative (ABBI)
Bio Bauern Initiative (ABBI): Ein von Alnatura und dem NABU gemeinsam betriebenes Förderprogramm. Konventionelle Landwirte erhalten finanzielle Unterstützung für die Umstellung auf biologischen Landbau. Seit 2015 wurden 131 Höfe mit insgesamt 3,6 Millionen Euro gefördert.
Doppelstiftung
Doppelstiftung: Eine Konstruktion, die eine gemeinnützige Stiftung mit einer Familienstiftung als Eigentümer eines Unternehmens kombiniert. Bei Alnatura liegen 99 Prozent der Anteile in dieser Struktur, die das Unternehmen vor Verkauf schützt und Gewinnausschüttungen begrenzt.
Eigenmarke
Eigenmarke: Produkte, die ein Handelsunternehmen unter eigenem Namen verkauft, aber von Drittherstellern produzieren lässt. Alnatura ist eine Eigenmarke mit über 1.300 Produkten, die ausschließlich Bio Qualität liefern.
EU Bio Verordnung
EU Bio Verordnung (Verordnung 2018/848): Definiert die Mindestanforderungen für biologische Lebensmittel in der Europäischen Union. Produkte mit dem EU Bio Siegel erfüllen diese Basisstandards. Anbauverbände wie Bioland oder Demeter setzen strengere Maßstäbe.
Handelsmarke
Handelsmarke: Synonym für Eigenmarke. Im Kontext des Alnatura Geschäftsmodells ist die Handelsmarke das zentrale Asset, weil sie Alnatura die Kontrolle über Qualität, Sortiment und Markenwahrnehmung sichert, ohne eigene Produktionskapazitäten aufbauen zu müssen.
Kundenmonitor
Kundenmonitor: Eine jährlich durchgeführte repräsentative Verbraucherstudie der ServiceBarometer AG, die die Zufriedenheit von Kunden mit verschiedenen Einkaufsstätten misst. Alnatura belegt seit vier Jahren in Folge den ersten Platz im Gesamtranking.
Nettomarge
Nettomarge: Gibt an, wie viel Prozent des Umsatzes nach Abzug aller Kosten als Gewinn übrig bleiben. Bei Alnatura lag die Nettomarge im Geschäftsjahr 2021/22 bei rund 0,5 Prozent. Im Lebensmitteleinzelhandel gelten Nettomargen zwischen ein und drei Prozent als üblich.
Partnermarktmodell
Partnermarktmodell: Ein Franchise ähnliches Konzept, bei dem externe Betreiber unter der Alnatura Marke eigene Biomärkte führten. Alnatura stellte dieses Modell im ersten Halbjahr 2025 ein, um sich auf die drei strategischen Geschäftsfelder Eigenmarke, eigene Märkte und Handelspartner zu konzentrieren.
Shop in Shop
Shop in Shop: Ein Vertriebskonzept, bei dem ein Markenhersteller innerhalb eines fremden Geschäfts eine eigene Verkaufsfläche betreibt. Alnatura startete 1986 mit einem Shop in Shop Konzept in dm und tegut Filialen, bevor 1987 der erste eigene Markt eröffnete.
Super Natur Markt
Super Natur Markt: Die Eigenbezeichnung der Alnatura Filialen. Die Namensgebung verbindet den Supermarkt Gedanken mit dem Natur Anspruch der Marke.
Verantwortungseigentum
Verantwortungseigentum: Eine Eigentumsform, bei der ein Unternehmen sich selbst gehört und nicht an externe Investoren verkauft werden kann. In Deutschland wird dieses Modell bisher über eine aufwändige Doppelstiftung realisiert. Alnatura, Globus und die GLS Bank zählen zu den bekanntesten Beispielen.
Wertschöpfungsbeteiligung
Wertschöpfungsbeteiligung: Eine freiwillige Sonderzahlung an Mitarbeitende, die Alnatura jährlich ausschüttet. Im Februar 2025 erhielten die Beschäftigten 500 Euro, weitere 400 Euro sind für Februar 2026 angekündigt. Das Modell ersetzt bei Alnatura den tarifvertraglich geregelten Bonus.
FAQ: Wie funktioniert das Alnatura Geschäftsmodell?

Wem gehört Alnatura?
Alnatura gehört zu 99 Prozent einer Doppelstiftung aus gemeinnütziger Alnatura Stiftung und Götz E. Rehn Familienstiftung. Das Unternehmen ist nicht börsennotiert und kann nicht verkauft werden. Gründer Götz Rehn führt die Geschäfte seit 1984 als geschäftsführender Alleingesellschafter. Sein Sohn Lucas Rehn ist seit 2022 Teil der sechsköpfigen Geschäftsführung.
Wie hoch ist der Alnatura Umsatz?
Im Geschäftsjahr 2024/25 (Oktober bis September) erzielte Alnatura einen Nettoumsatz von 1,274 Milliarden Euro. Das entspricht einem Wachstum von 6,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gewinnzahlen veröffentlicht Alnatura nicht regelmäßig. Die letzte bekannte Zahl stammt aus dem Geschäftsjahr 2021/22: 5,5 Millionen Euro Jahresüberschuss.
Produziert Alnatura seine Produkte selbst?
Nein. Alnatura besitzt keine eigene Produktion. Über 1.300 Bio Produkte werden von externen Herstellern nach Alnatura Spezifikationen gefertigt. Die Rohstoffe stammen ausschließlich aus ökologischem Landbau, bevorzugt von Bioland, Demeter und Naturland zertifizierten Betrieben.
Warum hat sich Alnatura von dm getrennt?
Die Drogeriekette dm entschied 2014, unter der eigenen Marke dmBio ein Bio Sortiment aufzubauen und Alnatura Produkte auszulisten. Ein jahrelanger Rechtsstreit über Kooperationsverträge und Markenrechte folgte. 2019 entschied das OLG Frankfurt zugunsten von Alnatura. Das Unternehmen kompensierte den Verlust durch neue Partnerschaften mit Edeka, Müller, Rossmann und eigene Filialexpansion.
Ist Alnatura teurer als Bio vom Discounter?
Im Durchschnitt ja, weil Alnatura bevorzugt Verbandsware (Bioland, Demeter, Naturland) führt, die strengere Standards erfüllt als die EU Bio Verordnung. Seit 2024 bietet Alnatura allerdings mit der Zweitmarke Prima Alnatura eine günstigere Linie an, die preislich mit Discounter Bio konkurrieren soll.
Gibt es bei Alnatura einen Betriebsrat?
In einzelnen Filialen ja, unternehmensweit nein. Lange existierte nur in der Freiburger Filiale ein Betriebsrat. In Bremen blockierte Alnatura ab 2015 über drei Jahre lang eine Betriebsratswahl auf dem Rechtsweg. Das Unternehmen ist nicht tarifgebunden und zahlte bis 2010 unter Tarifniveau. Der aktuelle Mindestlohn bei Alnatura liegt seit Oktober 2024 bei 15 Euro pro Stunde.
Quellen
Alnatura Produktions und Handels GmbH | Jahrespressekonferenz 2025: Umsatz, Mitarbeiter, Filialdaten | https://www.alnatura.de/de-de/ueber-uns/presse/pressemitteilungen/jahrespressekonferenz-2025/ | besucht am 15.04.2026
Alnatura Produktions und Handels GmbH | Daten und Fakten Übersicht | https://www.alnatura.de/de-de/ueber-uns/presse/daten-und-fakten/ | besucht am 15.04.2026
Alnatura Produktions und Handels GmbH | Wachstumsstrategie 2024 | https://www.alnatura.de/de-de/ueber-uns/presse/pressemitteilungen/alnatura-wachstumsstrategie-2024/ | besucht am 15.04.2026
Lebensmittel Praxis | Alnatura steigert Umsatz um 6,6 Prozent | https://lebensmittelpraxis.de/handel-aktuell/46901-bio-handel-alnatura-steigert-umsatz-um-6-6-prozent-auf-1-27-milliarden-euro.html | besucht am 15.04.2026
Handelsblatt | 32 Unternehmensvertreter gründen die Stiftung Verantwortungseigentum | https://www.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand/familienunternehmer/stiftung-verantwortungseigentum-der-deutsche-mittelstand-will-sich-unverkaeuflich-machen/25268340.html | besucht am 15.04.2026
taz | Arbeitnehmer bei Bio Kette Alnatura: Betriebsräte werden abgeblockt | https://taz.de/Arbeitnehmer-bei-Bio-Kette-Alnatura/!5574661/ | besucht am 15.04.2026
Wikipedia | Alnatura (englischsprachiger Artikel) | https://en.wikipedia.org/wiki/Alnatura | besucht am 15.04.2026
hessenschau | 40 Jahre Alnatura: Gründer Götz Rehn im Interview | https://www.hessenschau.de/wirtschaft/40-jahre-alnatura-gruender-goetz-rehn-ueber-den-preis-von-bio-produkten-und-die-inflation-v1,alnatura-rehn-100.html | besucht am 15.04.2026
über bio | Alnatura: Alles zeigt auf Wachstum | https://www.ueber-bio.de/alnatura-es-zeigt-alles-auf-wachstum/ | besucht am 15.04.2026
Zum Newsletter anmelden
Kommen Sie wie über 6.000 andere Abonnenten in den Genuss des Dr. Web Newsletters. Als Dankeschön für Ihre Anmeldung erhalten Sie das große Dr. Web Icon-Set: 970 Icons im SVG-Format – kostenlos.






Schreiben Sie einen Kommentar