Ein Entwickler ersetzt mit einer Browser-Erweiterung jedes „AI“ im Web durch ein 💩-Emoji. Der Clou steckt nicht in der Provokation, sondern im technischen Trick mit Schriftarten, der ohne eine Zeile JavaScript auskommt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie KI-Müdigkeit im Web hat jetzt ein eigenes Werkzeug. Wells Riley, Designer und Open-Source-Entwickler, hat mit dem „Enshittifier“ eine Chrome-Erweiterung und eine Mac-App gebaut, die jedes Vorkommen von „AI“ durch ein Häufchen-Emoji austauscht. Aus „OpenAI“ wird „Open💩“, aus „AI-powered“ wird „💩-powered“.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Chrome-Erweiterung ersetzt jedes „AI“ auf Webseiten durch ein 💩-Emoji oder einen frei wählbaren Begriff.
- Die Mac-App patcht Schriftdateien per OpenType-Ligaturen und wirkt systemweit, nicht nur im Browser.
- Beide Werkzeuge stehen unter AGPL-3.0 quelloffen auf GitHub.
- Riley nennt KI ausdrücklich ein gutes Werkzeug; sein Spott zielt auf das gedankenlose Aufkleben des Begriffs.
Wie ersetzt eine Schriftart von selbst Buchstaben?

Der spannende Teil sitzt nicht in der Browser-Erweiterung, sondern in der Mac-App. Sie verändert die installierten Schriftdateien und hinterlegt dort eine Ligatur-Regel. Eine Ligatur fasst normalerweise mehrere Glyphen zu einer zusammen, etwa „fi“ zu einem verbundenen Zeichen. Riley nutzt genau diesen Mechanismus, um die Buchstabenfolge „AI“ auf eine einzige 💩-Glyphe abzubilden. Die Ersetzung passiert beim Rendern im Text-Shaper, ganz ohne Skript.
Warum braucht es dann noch eine Erweiterung?

Schriftpatches greifen nur lokal. Sobald eine Website ihre eigene Webschrift lädt, läuft der Trick ins Leere. Für diesen Fall ersetzt die Chrome-Erweiterung den Text direkt im Seiteninhalt. Beide Wege führen zum gleichen Ergebnis, decken aber unterschiedliche technische Situationen ab. Riley dokumentiert seine Lösung offen auf der Projektseite.
Die Pointe trifft einen wunden Punkt: Niemand stört sich an dem Werkzeug, sondern an der Marketing-Maschine, die es in jedes Produktblatt presst. Ein 💩-Stempel ist da ehrlicher als die nächste Hochglanz-Folie.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was sagt das über den Stand der KI-Vermarktung?

Riley positioniert sich nicht als KI-Gegner. Auf seiner Projektseite schreibt er, dass er KI selbst gern nutzt und sie sogar für die Ligatur-Lösung herangezogen hat. Sein Punkt ist die Übersättigung: Aus Modetrend, Versäumnisangst und purer Unsicherheit kleben Firmen das Kürzel auf Dinge, nach denen niemand gefragt hat. Genau diese Dynamik beschreibt der Begriff Enshittification, also das schleichende Verschlechtern von Produkten durch falsch gesetzte Anreize. Der ironische Beigeschmack: Eine wachsende Nutzergruppe wählt KI im Alltag aktiv ab, ähnlich wie beim Boom der KI-freien Suche von DuckDuckGo. Auch die Webdesign-Trends 2026 zeigen eine Gegenbewegung zur KI-Einheitsoptik.
Lohnt das für Sie?

Praktischen Nutzen hat das Werkzeug kaum, und genau das ist die Absicht. Für Marketing- und Produktverantwortliche steckt darin trotzdem eine Lehre: Prüfen Sie, ob „KI“ in Ihrer Kommunikation einen echten Vorteil benennt oder nur als Reizwort dient. Der quelloffene Code liegt für Neugierige auf GitHub bereit.
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