
„Skalierung beginnt im Prozess, nicht in der Stellenanzeige“

Markus Seyfferth
Autor Dr. WebWer mehr Aufträge schaffen will, braucht nicht immer mehr Leute. Manchmal reicht ein Blick auf die eigenen Abläufe. Auftragsplanung beschäftigt gerade jeden Handwerksbetrieb und jeden technischen Dienstleister in Deutschland. Die Auftragsbücher sind voll, das Personal wird knapper. Michael Herzog, Country Manager DACH beim Software-Anbieter Praxedo, hat eine klare Meinung: Die meisten Betriebe setzen an der falschen Stelle an.
Das Wichtigste in Kürze
- Mehr Personal ist nicht immer die Lösung: Holprige Abläufe kosten Betriebe mehr Arbeitszeit als fehlende Mitarbeiter.
- Papier und Telefon fressen den Tag: Techniker verbringen bis zu 30 Minuten pro Einsatz allein mit handschriftlicher Dokumentation.
- Digitale Auftragsplanung verkürzt den Weg zur Rechnung: Berichte, Unterschriften und Rechnungsstellung erfolgen direkt beim Kunden vor Ort.
- Integration statt Insellösung: Eine Außendienst-Software bringt nur dann etwas, wenn sie sauber an das bestehende ERP- oder CRM-System angebunden ist.

Rund 200.000 Stellen im deutschen Handwerk bleiben unbesetzt. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks meldet volle Auftragsbücher bei gleichzeitig schrumpfendem Personal. Michael Herzog leitet als Country Manager DACH den deutschsprachigen Markt von Praxedo, einem Anbieter für Field-Service-Management-Software. Innerhalb des Unternehmens baute er die Abteilung Professional Services von einer einzelnen Person auf acht Spezialisten auf. Im Gespräch mit Dr. Web erklärt er, warum viele Handwerksbetriebe und Dienstleister an der falschen Stelle ansetzen.
Dr. Web: Herr Herzog, laut Zentralverband des Deutschen Handwerks bleiben rund 200.000 Stellen im Handwerk unbesetzt. Die erste Reaktion vieler Unternehmen: mehr Geld ins Recruiting stecken. Sie sagen, das greift zu kurz. Warum?
Michael Herzog: Die Überlegung klingt erstmal logisch: Mir fehlen Leute, also suche ich welche. Aber schauen Sie sich an, was in vielen Betrieben tatsächlich passiert. Ein neuer Techniker kommt an, bekommt am ersten Tag einen Ordner mit Auftragsformularen in die Hand und soll sich selbst organisieren. Der ruft dreimal am Tag im Büro an, weil ihm Informationen fehlen. Nach drei Monaten ist er wieder weg. Die Fluktuation frisst den Recruiting-Erfolg auf. Gute Leute bleiben dort, wo die Arbeit vernünftig läuft. Und vernünftige Arbeit fängt beim Ablauf an, nicht bei der Stellenanzeige.
Dr. Web: Das klingt einleuchtend, aber auch nach einer bequemen These für jemanden, der Prozess-Software verkauft. Wie würden Sie einem Geschäftsführer begegnen, der sagt: „Meine Jungs brauchen Werkzeug und einen Transporter, keine App“?
Michael Herzog: Den Satz höre ich regelmäßig. Und er stimmt ja auch teilweise. Werkzeug und Transporter sind die Grundlage. Aber fragen Sie den gleichen Geschäftsführer mal, wie viel Zeit sein Team jede Woche mit Fahrten verbringt, die besser geplant sein könnten. Oder wie viele Rückfragen im Büro auflaufen, weil der Techniker vor Ort nicht weiß, welches Ersatzteil der Kunde braucht. Das summiert sich. Bei einem Team von zehn Technikern geht schnell ein ganzer Arbeitstag pro Woche für Abstimmung drauf statt für produktive Arbeit.
Dr. Web: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen? Was verändert sich, wenn ein Betrieb seine Auftragsplanung digitalisiert?
Michael Herzog: Nehmen Sie einen SHK-Betrieb mit 15 Monteuren. Vorher lief die Planung über eine Wandtafel im Büro und Anrufe am Morgen. Jeder Monteur fuhr erst in die Firma, holte seinen Auftragszettel ab, fuhr dann zum Kunden. Am Abend brachte er die Zettel zurück, die Bürokraft tippte alles ins System. Allein diese Schleife kostet pro Monteur 45 Minuten am Tag. Mit einer Software für Auftragsplanung bekommt der Monteur morgens seinen Tourenplan direkt aufs Smartphone. Kundendaten, Anlagenhistorie, Checklisten hat er dabei. Nach dem Einsatz unterschreibt der Kunde digital, der Bericht geht automatisch ans Büro. Die Rechnung kann am selben Tag raus. Rechnen Sie diese 45 Minuten mal 15 Monteure, mal 220 Arbeitstage.
Dr. Web: Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass Beschäftigte in Engpassberufen häufiger kündigen als anderswo. Zwischen 2022 und 2023 verließen rund 191.000 Fachkräfte den Engpassbereich. Kann Software diesen Trend wirklich bremsen?
Michael Herzog: Software allein sicher nicht. Aber ein digital organisierter Arbeitsplatz gehört mittlerweile zur Grundausstattung. Junge Techniker, die privat alles über ihr Smartphone regeln, akzeptieren im Job keine Durchschlagformulare mehr. Ein Betrieb, der seine Abläufe im Griff hat, zeigt damit: Wir nehmen Ihre Zeit ernst. Das klingt nach einer Kleinigkeit. Aber genau solche Dinge geben den Ausschlag, ob jemand bleibt oder zur Konkurrenz wechselt. Die erfahrenen Kräfte haben genauso etwas davon. Die werden nicht ständig aus ihrer Arbeit gerissen, weil das Büro Rückfragen hat.
Michael Herzog hat die DACH-Niederlassung von Praxedo mit aufgebaut und das Professional-Services-Team von einer Person auf acht Spezialisten skaliert. Sein Fokus liegt auf der Frage, wie Handwerksbetriebe und technische Dienstleister mit begrenztem Personal mehr Aufträge bewältigen. Vor seiner Zeit bei Praxedo studierte er an der LMU München und sammelte Erfahrung in der Schnittstelle zwischen Technologie und Kundenberatung.
Dr. Web: Viele IT-Verantwortliche in kleinen und mittleren Betrieben haben Angst vor dem Thema Integration. ERP-Anbindung klingt nach einem Projekt, das teurer wird als geplant und länger dauert als versprochen. Ist das berechtigt?
Michael Herzog: Völlig nachvollziehbar. Integration war jahrelang ein echtes Risiko. Teure Berater, monatelange Projekte, und am Ende funktioniert irgendein Datenfeld nicht. Aber die Technik hat sich weiterentwickelt. Offene Schnittstellen sind heute Standard, keine Sonderanfertigung mehr. Bei uns dauert eine typische Anbindung an ein ERP-System Wochen, nicht Monate. Und das Entscheidende: Die Daten fließen in beide Richtungen. Der Techniker schließt den Auftrag ab, das ERP sieht den Status sofort. Keine doppelte Eingabe, kein Nachtelefonieren. Trotzdem würde ich keinem Betrieb empfehlen, alles auf einmal umzukrempeln. Lieber klein anfangen und Schritt für Schritt erweitern.
Dr. Web: Letzte Frage. Sie sagten im Vorgespräch, Skalierung sei kein Größenthema. Was meinen Sie damit?
Michael Herzog: Viele denken bei Skalierung sofort an Wachstum. Mehr Standorte, mehr Mitarbeiter, mehr Umsatz. Aber Skalierung heißt zuerst, dass der laufende Betrieb unter Druck nicht auseinanderfällt. Dass Sie einen kranken Mitarbeiter auffangen können, ohne dass drei Kunden anrufen und fragen, wo ihr Techniker bleibt. Dass Sie einen Großauftrag annehmen können, ohne Ihr Team zu verheizen. Das ist Skalierung im Alltag. Und die fängt bei Abläufen an, die sauber funktionieren. Egal ob Sie fünf oder fünfhundert Techniker steuern.
Dr. Web: Herr Herzog, vielen Dank für das Gespräch.
„Wer seinen Technikern 2026 noch Durchschlagformulare in die Hand drückt, braucht sich über Kündigungen nicht zu wundern. Gute Abläufe halten mehr Leute als jedes Recruiting-Budget.“ — Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Auf einen Blick: Vom Auftragszettel zur digitalen Planung
Derselbe Arbeitstag, dieselben 15 Monteure. Der Unterschied liegt im Ablauf.
Die Disponentin verteilt Aufträge per Magnet auf der Plantafel. Änderungen bedeuten Anrufe.
Jeder Monteur fährt morgens erst in die Firma, holt seinen Zettel ab und fährt dann zum Kunden.
Fehlende Kundenhistorie, unklare Ersatzteile. Das Büro wird zur Auskunftei.
Der Techniker schreibt handschriftlich. Bis zu 30 Minuten pro Einsatz nur für Dokumentation.
Die Bürokraft tippt Zettel ab, klärt Rückfragen. Die Rechnung geht erst Tage später raus.
Jeder Monteur bekommt morgens seinen Plan direkt aufs Handy. Die Route ist gleich mit dabei.
Kein Umweg übers Büro. Der Monteur startet von zu Hause und spart 45 Minuten am Tag.
Kundenhistorie, Checklisten und Anleitungen liegen auf dem Gerät. Keine Rückfragen nötig.
Fotos, Checkliste, Kundenunterschrift. Alles auf dem Smartphone, direkt nach dem Einsatz erledigt.
Der Bericht fließt automatisch ins ERP. Die Rechnung kann noch am selben Tag rausgehen.
Bei 15 Monteuren und 220 Arbeitstagen ergibt der Unterschied rund 1.650 Stunden pro Jahr. Das entspricht fast einer vollen Vollzeitstelle, die Sie gewinnen, ohne eine einzige Person einzustellen.
FAQ
Was versteht man unter Field Service Management (FSM)?
Field Service Management bezeichnet die digitale Koordination von Außendienst-Teams. Dazu gehören Auftragsplanung, Tourenoptimierung, mobile Dokumentation und die Anbindung an bestehende ERP- oder CRM-Systeme. Ziel ist es, den gesamten Ablauf vom Auftragseingang bis zur Rechnungsstellung zu digitalisieren.
Lohnt sich eine Software für Auftragsplanung auch für kleine Betriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern?
Gerade kleine Betriebe profitieren besonders, weil jeder einzelne Mitarbeiter einen größeren Anteil am Gesamtergebnis trägt. Bereits bei fünf Technikern summieren sich Reibungsverluste durch manuelle Planung auf mehrere Stunden pro Woche. Eine digitale Lösung amortisiert sich bei kleinen Teams oft schneller als bei großen.
Wie lange dauert die Einführung einer Field-Service-Management-Lösung?
Die Einführungszeit hängt von der Komplexität der bestehenden Systemlandschaft ab. Einfache Implementierungen ohne ERP-Anbindung lassen sich in wenigen Wochen umsetzen. Mit vollständiger Integration in ein bestehendes ERP-System rechnen Betriebe mit acht bis zwölf Wochen.
Funktioniert die Software auch ohne Internetverbindung auf der Baustelle?
Moderne FSM-Lösungen bieten einen Offline-Modus. Der Techniker kann Aufträge einsehen, Berichte ausfüllen und Kundenunterschriften erfassen, auch ohne Netz. Sobald die Verbindung wiederhergestellt ist, synchronisieren sich alle Daten automatisch mit dem Bürosystem.
Wie wirkt sich digitale Auftragsplanung auf die Kundenzufriedenheit aus?
Kunden merken den Unterschied sofort: kürzere Reaktionszeiten, pünktliche Techniker und ein sauberer digitaler Bericht direkt nach dem Einsatz. Automatische Benachrichtigungen informieren den Kunden in Echtzeit über den Status seines Auftrags. Betriebe berichten von deutlich weniger Rückfragen und Beschwerden nach der Einführung.
Welche Schnittstellen sind bei der Auswahl einer FSM-Software entscheidend?
Eine offene API ist Pflicht, damit die Software an das bestehende ERP- oder CRM-System angebunden werden kann. Wichtig sind außerdem Schnittstellen zur Buchhaltung für die automatische Rechnungsstellung und zur Materialverwaltung für die Ersatzteillogistik. Systeme ohne offene Schnittstellen erzeugen neue Datensilos statt Effizienz.
Quellen
Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZdH) – Konjunkturbericht und Fachkräftesituation im Handwerk – https://www.zdh.de – besucht am 19.03.2026
Bertelsmann Stiftung / RWI Leibniz-Institut – Studie: Wechseldynamik in Engpassberufen 2022/2023 – https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2025/pflege-handwerk-it-weil-beschaeftigte-sich-abwenden-verschaerft-sich-der-fachkraeftemangel – besucht am 19.03.2026
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