SAP hat das Freiburger KI-Startup Prior Labs übernommen und investiert in den nächsten vier Jahren mehr als eine Milliarde Euro. Die Walldorfer setzen damit auf Tabular Foundation Models (TFMs), eine neue KI-Klasse für strukturierte Geschäftsdaten. Im wissenschaftlichen Beirat sitzen Turing-Award-Träger Yann LeCun und Bernhard Schölkopf vom Max-Planck-Institut.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Übernahme markiert SAPs deutlichste Antwort auf OpenAI und Anthropic. Denn: Wie oft erlebten Sie in den letzten Monaten, dass ein Sprachmodell bei einer Tabellen-Analyse halluzinierte? Genau diese Schwäche adressiert Prior Labs mit einem grundlegend anderen Modell-Ansatz.
Das Wichtigste in Kürze
- SAP kauft Prior Labs aus Freiburg, Closing für Q2 oder Q3 2026 erwartet
- Über 1 Milliarde Euro Investment in den nächsten vier Jahren
- Tabular Foundation Models statt klassischer Sprachmodelle
- Prior Labs bleibt operativ eigenständig, Hauptsitz in Freiburg
Was Tabular Foundation Models anders machen

Sprachmodelle wie GPT, Claude oder Gemini sind darauf trainiert, Text zu verstehen und zu generieren. Bei strukturierten Daten in Tabellen, Datenbanken oder Excel-Sheets stoßen die Modelle systematisch an Grenzen. Zahlen, Statistiken und relationale Daten sind nicht ihre Stärke. Genau diese Lücke schließen Tabular Foundation Models.
Das Prior-Labs-Flaggschiff TabPFN analysiert direkt strukturierte Geschäftsdaten und liefert Vorhersagen für Zahlungsverzögerungen, Lieferantenrisiken, Upselling-Chancen oder Kundenabwanderung. Das Modell belegt Platz 1 auf TabArena, dem führenden TFM-Benchmark, und wurde über drei Millionen Mal heruntergeladen.
Wer hinter Prior Labs steht

Frank Hutter, Noah Hollmann und Sauraj Gambhir haben Prior Labs Anfang 2024 in Freiburg gegründet. Neun Millionen Euro Seed-Finanzierung kamen von Balderton Capital, Atlantic Labs und XTX Ventures. Unter den Angel-Investoren sind Robin Rombach von Black Forest Labs und Thomas Wolf von Hugging Face. Vom ersten Funding bis zum SAP-Exit vergingen ganze 15 Monate.
Das Forschungsteam kommt von Google, Apple, Amazon, Microsoft, Goldman Sachs und CERN. Yann LeCun und Bernhard Schölkopf werden als wissenschaftliche Berater den Aufbau zum globalen Frontier-AI-Labor begleiten. Hauptsitz bleibt Freiburg, mit Büros in Berlin und New York City.
90 Prozent der Geschäftsdaten leben in Tabellen, nicht in Texten. SAPs Wette auf Prior Labs ist die einzig logische Defensive gegen die Chatbot-Welle. Wer im Enterprise-KI-Markt mitspielen will, braucht Modelle, die mit ERP-Realität umgehen, nicht mit Romanen.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Warum SAP gerade jetzt zuschlägt

SAP steht unter erheblichem Druck. Anthropic platziert Claude in Großbanken, OpenAI baut ChatGPT zur agentischen Arbeitsplattform aus. Anleger sorgen sich, dass KI-Agenten klassische Unternehmenssoftware obsolet machen. SAP-CTO Philipp Herzig formulierte es im offiziellen SAP-Statement klar: Die größte ungenutzte KI-Chance liege nicht in Sprachmodellen, sondern in KI für strukturierte Geschäftsdaten.
Prior Labs wird operativ eigenständig bleiben, die Technologie aber tief in SAP-Produkte integrieren. SAP AI Core, SAP Business Data Cloud und der KI-Assistent Joule bekommen TFM-Power. Parallel hat SAP in den letzten Wochen Reltio (Datenmanagement) und Dremio (Datenanalyse ohne Kopieren) übernommen. Drei Akquisitionen in kurzer Zeit zeigen die Eile.
Was deutsche Mittelständler davon haben

Drei Konsequenzen springen ins Auge. SAP-Kunden bekommen mittelfristig präzisere Vorhersagen aus ihren Bestandsdaten, ohne dass jede Tabelle erst durch ein Sprachmodell paraphrasiert wird. Wer Joule, AI Core oder Business Data Cloud einsetzt, sollte ab Q3 2026 mit TFM-Funktionalität rechnen.
Zweitens: Die Open-Source-Strategie von Prior Labs bleibt erhalten. TabPFN wird weiter frei verfügbar sein, was deutsche Mittelständler ohne SAP-Lizenz für eigene Pilotprojekte nutzen können. Drittens: Der Deal ist ein Signal an die deutsche KI-Szene. Wenn 15 Monate vom Seed zum Milliarden-Exit reichen, lohnt der Blick auf weitere DACH-Frontier-Labore wie Black Forest Labs (Bildgenerierung) oder Aleph Alpha (Sprachmodelle für Enterprise).
Mehr Newshunger?
