Der schwäbische Reinigungstechnik-Konzern Kärcher hat Microsoft 365 vollständig durch Google Workspace und Gemini ersetzt. CIO Leonhard Kerscher begründet den Schritt mit Souveränität, Kostenstruktur und KI-Strategie. Was deutsche Mittelständler vom Kärcher-Modell lernen können.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenKommt Ihnen das bekannt vor? Ein deutscher Mittelständler, gewachsen mit Microsoft-Tools, plötzlich vor der Frage: Bleiben oder wechseln? Beim Winnender Reinigungstechnik-Konzern Kärcher ist die Antwort ein klares „wechseln“. Das Unternehmen hat Microsoft 365 vollständig durch Google Workspace und das KI-Modell Gemini ersetzt. CIO Christoph Kerscher hat den Schritt in einem ausführlichen Interview mit heise online begründet.
Das Wichtigste in Kürze
- Kärcher ersetzt Microsoft 365 komplett durch Google Workspace und Gemini
- CIO Leonhard Kerscher begründet den Schritt mit Souveränität, Kosten und KI-Strategie
- Kärcher beschäftigt rund 16.500 Menschen weltweit, davon ca. 4.500 in Deutschland
- Hintergrund: Hyperscaler-Frage spaltet deutsche Mittelständler 2026 zunehmend
- Kärcher steht damit nicht allein: Bundeswehr-Cloud, deutsche Behörden und mehrere DAX-Konzerne prüfen Alternativen zu Microsoft
Wie Kärcher den Wechsel begründet

Leonhard Kerscher nennt drei Kernargumente. Erstens die Souveränität: Google Workspace bietet aus Sicht des Konzerns eine bessere Trennung zwischen US-amerikanischen Cloud-Diensten und der europäischen Datenverarbeitung. Zweitens die Kostenstruktur: Bei einem Mittelständler in Kärchers Größe summieren sich Microsoft-365-Lizenzen schnell auf siebenstellige Beträge pro Jahr. Google Workspace ist in vergleichbarer Konfiguration günstiger.
Drittens die KI-Strategie. Kerscher beschreibt im Interview, dass Gemini direkt in Workspace, Docs, Sheets und Slides integriert sei und damit für Sachbearbeiter sofort verfügbar werde. Bei Microsoft Copilot sei der Roll-out trotz höherer Kosten zähflüssiger gewesen. Die Kombination aus Lizenzkosten, KI-Verfügbarkeit und Souveränität habe den Ausschlag gegeben.
Warum die Entscheidung politisch ist

Microsoft hat in Deutschland eine starke Position. Mehr als 80 Prozent der DAX-Konzerne nutzen Microsoft 365 als Standard-Office-Suite. In Behörden und Mittelstand sind die Marktanteile noch höher. Wer als CIO eines deutschen Mittelständlers von Microsoft auf Google wechselt, signalisiert eine strategische Distanz zum Standard.
Hinter der Entscheidung steht eine breitere Debatte. Die Bundeswehr-Cloud setzt auf eine deutsche Lösung mit STACKIT (Schwarz Digits). Mehrere Bundesländer haben Schul-Verwaltungen aus Microsoft-Konfigurationen herausgelöst. Die Industrie diskutiert seit der Trump-Wiederwahl im November 2024 verstärkt über digitale Souveränität. Kärcher ist nicht der erste, aber einer der prominentesten Mittelständler, die diesen Schritt öffentlich machen.
Kärcher hat geliefert, was viele deutsche Mittelständler seit zwei Jahren diskutieren. Wer Souveränität ernst nimmt, bleibt nicht beim Default-Anbieter, nur weil alle anderen das auch tun. Die Frage ist nur, ob Google Workspace strategisch wirklich souveräner ist als Microsoft 365.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was Workspace-Migration konkret bedeutet

Ein Wechsel von Microsoft 365 zu Google Workspace betrifft vier kritische Bereiche: E-Mail-Migration, Dateiformate, Identitätsmanagement und Schulung der Belegschaft.
Bei der E-Mail-Migration werden Hunderttausende Postfach-Inhalte übertragen, dazu kommen Kalendereinträge, Verteilerlisten und Aliasstrukturen. Die Dateiformate sind die zweite Hürde: Word- und Excel-Bestände müssen entweder konvertiert oder mit Workspace-Tools weiter editiert werden. Identitätsmanagement bedeutet, dass Active-Directory-Strukturen zu Google Cloud Identity migriert oder als hybride Architektur weiterbetrieben werden. Schulungen sind der vierte Block, weil Sachbearbeiter andere Workflows lernen müssen, etwa beim gemeinsamen Bearbeiten von Dokumenten.
Was Mittelständler aus dem Kärcher-Modell mitnehmen

Drei Punkte sind 2026 entscheidend.
Lock-in-Risiko ehrlich kalkulieren
Microsoft 365 ist bequem, weil alle Mitarbeiter es kennen und Tools daran andocken. Aber Bequemlichkeit hat einen Preis: steigende Lizenzgebühren, abnehmende Verhandlungsposition, wachsende Abhängigkeit. Wer einmal pro Jahr eine ehrliche TCO-Rechnung mit Alternativen wie Google Workspace, Nextcloud, OnlyOffice oder Open-Xchange erstellt, hält sich Optionen offen.
KI-Strategie an Cloud-Strategie koppeln
Microsoft Copilot, Google Gemini und Anthropic Claude sind nicht austauschbar. Wer eine bestimmte Cloud-Strategie wählt, legt sich auch auf KI-Tools fest. Diese Entscheidung sollte bewusst und mit Blick auf die nächsten drei Jahre fallen, nicht reflexhaft.
Souveränität als Verhandlungsargument nutzen
Auch wer am Ende bei Microsoft bleibt, kann mit dem Souveränitäts-Argument verhandeln. EU-Cloud-Optionen, lokale Datenresidenz und vertragliche Garantien gegen US-Behörden-Zugriffe sind 2026 verhandelbar. Wer die Alternative Google Workspace ernst auf den Tisch legt, verbessert seine Position bei Microsoft-Verhandlungen.
Was bedeutet das für 2026?

Die Hyperscaler-Frage spaltet deutsche Mittelständler. Die einen sehen Microsoft als Default und investieren in Copilot, die anderen prüfen Google, Anthropic, deutsche Anbieter oder Hybrid-Architekturen. Kärcher hat sich für eine klare Linie entschieden. Die Frage für andere Mittelständler ist nicht „Microsoft oder Google?“, sondern „Habe ich meine Cloud-Strategie 2026 bewusst gewählt oder geerbt?“.
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