Die FIFA Forward Enterprise soll den Weltfußball für private Investoren öffnen. Rund 3,7 Milliarden Euro will Gianni Infantino einsammeln, gerade nachdem die WM 2026 zum lukrativsten Turnier der Geschichte geworden ist. Warum ausgerechnet der volle Geldschrank den Verkauf auslöst, ist die eigentliche Frage.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenElf Tage nach dem Finale in East Rutherford hat Gianni Infantino den Fußball in Aufruhr versetzt. Der Weltverband will einen Teil seiner kommerziellen Rechte an private Geldgeber abtreten. Das klingt nach frischem Kapital für alle, entpuppt sich bei genauem Hinsehen aber als ein Geschäft mit einer sehr eigenen Logik.
Das Wichtigste in Kürze
- Die FIFA Forward Enterprise (FFE) ist eine geplante Tochtergesellschaft, in der die FIFA alle kommerziellen Rechte und die Turnierorganisation bündelt. Bewertung: rund 17,5 Milliarden Euro.
- Private Investoren sollen einen Minderheitsanteil von 20 bis 30 Prozent kaufen und dabei bis zu 3,7 Milliarden Euro einbringen. Anführen soll die Gruppe Thrive Capital von Joshua Kushner.
- Als Gegenleistung lockt Infantino die 211 Mitgliedsverbände mit höheren Ausschüttungen: 17,5 statt 7 Millionen Euro pro Vierjahreszyklus, plus eine einmalige Sonderzahlung.
- UEFA, DFB und Bayern-Sportvorstand Max Eberl kritisieren das Vorhaben scharf. Die Entscheidung fällt am 19. September 2026 bei den 211 Verbänden, wo jede Stimme gleich zählt.
1Was bündelt die FIFA Forward Enterprise?Aufklappen ↓
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2Wie viel Kapital sollen die Investoren einbringen?Aufklappen ↓
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3Wie viele Stimmen haben UEFA und CONMEBOL zusammen?Aufklappen ↓
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4Warum ist die Ausgangslage der FIFA bemerkenswert?Aufklappen ↓
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5Welcher deutsche Vergleichsfall ist 2024 gescheitert?Aufklappen ↓
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Was die FIFA Forward Enterprise wirklich verkauft

Ein Missverständnis vorweg, das sich schnell einschleicht: Verkauft wird nicht der amtierende Weltmeister und auch nicht der Pokal, den Rodri am 19. Juli in die Höhe gestemmt hat. Zur Disposition stehen die kommerziellen Rechte am gesamten Turnierportfolio, von der Männer-WM über die Frauen-WM bis zur Klub-WM.
Konkret plant der Weltverband laut Reuters-Bestätigung vom 28. Juli eine Tochtergesellschaft namens FIFA Forward Enterprise. In dieser Firma landen Übertragungsrechte, Sponsoringverträge, Ticketing und Lizenzierung, gebündelt unter einem Dach. Die Bewertung liegt bei etwa 17,5 Milliarden Euro, umgerechnet aus 20 Milliarden Dollar zum EZB-Referenzkurs.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Schon am 18. Juli, einen Tag vor dem Finale, hat Infantino die Pläne den Mitgliedsverbänden in Manhattan präsentiert. Die offizielle Bestätigung folgte am 28. Juli, als der Jubel über das Turnier noch nachhallte. Diese Choreografie aus sportlichem Hochgefühl und finanzieller Weichenstellung hat bei Infantino Methode.
An dieser Gesellschaft sollen sich Investoren mit 20 bis 30 Prozent beteiligen, wie die „Times“ berichtet. Der Weltverband spricht von einer „Minderheitsbeteiligung ohne Kontrollrechte“ und betont, die alleinige Kontrolle über Spielkalender, Wettbewerbe und Regularien zu behalten. Genau an dieser Beteuerung entzündet sich der Streit, denn ein Geldgeber mit Milliardeneinsatz bleibt selten stumm.
Als Berater hat die FIFA nach eigenen Angaben J.P. Morgan an Bord geholt. Mehrheitseigentümer der neuen Gesellschaft bliebe der Verband selbst, verkauft wird ausdrücklich nur ein Minderheitspaket. Für die 211 Mitglieder verspricht die FIFA, alle Nettoerträge wieder in den Fußball zu investieren. Diese Zusage steht allerdings im Spannungsverhältnis zu den Renditeerwartungen jedes privaten Geldgebers.
Höhere WM-Preise kennen viele Fans bereits aus eigener Erfahrung. Unsere Analyse zu den WM-Ticketpreisen 2026, bei denen die FIFA zweimal kassiert, zeigt dieselbe Grundbewegung: Der Verband dreht jede Einnahmequelle konsequent auf Anschlag. Die FIFA Forward Enterprise ist der nächste, deutlich größere Hebel an derselben Maschine.
Die Rechenaufgabe hinter Infantinos „mehr Geld“

Der Denkfehler steckt im Wörtchen „mehr“. Der Weltverband erschafft mit dem Deal kein neues Geld, sondern verkauft künftige Erträge gegen einen Vorschuss. Ökonomisch liegt dieser Vorgang näher an einer Hypothek als an einem Geldsegen.
Ein Blick auf die Struktur macht das deutlich. Die FIFA ist ein gemeinnütziger Verein nach Schweizer Recht, zahlt kaum Steuern und schüttet keine Dividenden aus. Theoretisch fließt jeder Franken zurück in den Fußball. Ein Investor wie Thrive Capital verfolgt das genaue Gegenteil, nämlich Rendite.
Jeder Euro, der künftig als Gewinn an die Geldgeber ausgezahlt wird, hat vorher komplett im System gesteckt. Der Kuchen wächst durch den Einstieg der Investoren nicht, er bekommt lediglich einen zusätzlichen Esser. Die versprochenen Mehrzahlungen an die Verbände sind teilweise schlicht vorgezogenes Geld aus der eigenen Zukunft.
Ein Rechenbeispiel macht die Mechanik greifbar. Angenommen, die neue Gesellschaft wirft künftig eine Milliarde Euro Gewinn pro Jahr ab. Halten Investoren 25 Prozent, fließen jährlich 250 Millionen Euro an Thrive und die weiteren Geldgeber, dauerhaft und unabhängig davon, ob der Fußball wächst oder stagniert. Diese Summe fehlt dann im System, das Infantino zu stärken verspricht.
Bezahlt wird der Vorschuss also nicht aus dem Nichts, sondern aus dem künftigen Ertrag. Ein privates Unternehmen würde diesen Tausch nüchtern kalkulieren. Für einen gemeinnützigen Weltverband, dessen Zweck die Förderung des Sports ist, verschiebt sich damit die Grundlogik.
Die folgende Tabelle zeigt, was Infantino den 211 Verbänden vorrechnet, umgerechnet auf Euro:
| Förderzyklus | Bisher zugesagt | Nach dem FFE-Plan |
|---|---|---|
| 2027 bis 2030 | rund 7 Mio. € | rund 17,5 Mio. € |
| 2031 bis 2034 | rund 7 Mio. € | rund 19,3 Mio. € |
| ab 2035 | rund 7 Mio. € | rund 21 Mio. € |
| Einmalige Sonderzahlung | keine | bis zu 17,5 Mio. € |
Die Zahlen stammen aus der FIFA-Mitteilung, aufbereitet unter anderem von der „Neuen Zürcher Zeitung“. Auf dem Papier wirkt der Sprung gewaltig. Die Frage bleibt, wer diese Aufstockung über die Jahre bezahlt und zu welchem Preis an Unabhängigkeit.
Warum die FIFA die Milliarden gar nicht braucht

Der eigentlich verblüffende Punkt liegt in der Ausgangslage. Der Weltverband rechnet laut NZZ für die laufende Vierjahresperiode mit Einnahmen von mindestens 11,4 Milliarden Euro, getrieben von der gerade beendeten WM. Zum Vergleich: Die Katar-Periode brachte umgerechnet rund 6,7 Milliarden Euro.
Ein Haus mit prall gefüllter Kasse verkauft normalerweise keine Anteile, um an Bargeld zu kommen. Investoren bei dieser Ausgangslage trotzdem hereinzuholen, verfolgt kein Liquiditätsziel. Im Raum steht eine neue Machtarchitektur, ausgelagert aus den lästigen Verbandsstrukturen.
Hier wird ein Satz von 2023 interessant. Bei seiner Wiederwahl in Ruanda hat Infantino laut Euronews erklärt, ein CEO eines Privatunternehmens mit vergleichbaren Zahlen würde wohl „für immer im Amt bleiben“. Seine Amtszeit als FIFA-Präsident endet spätestens 2031.
Die „Times“ berichtet, Infantino liebäugele mit dem Chefposten der neuen Gesellschaft. Über eine ausgegliederte Kapitalgesellschaft könnte der Konstrukteur genau die Kontrolle über die Kasse behalten, die ihm das Präsidentenamt irgendwann nimmt. Der Weltverband nennt das öffentlich „nie diskutiert“, dementiert die Ambition selbst aber auffällig vorsichtig.
Der Blick zurück schärft das Bild. Bereits 2018 hat Infantino ein Milliardenprojekt mit privaten Investoren vorgestellt, im Gespräch waren damals Geldgeber aus dem Umfeld Saudi-Arabiens. Der Widerstand mehrerer europäischer Verbände, darunter der DFB unter dem damaligen Präsidenten Reinhard Grindel, hat das Vorhaben gestoppt.
Die aktuelle Konstruktion ist damit kein Ausrutscher, sondern die konsequente Fortsetzung einer langen Linie. Seit seinem Amtsantritt 2016 baut Infantino die FIFA zum kommerziellen Riesen um, von der auf 48 Teams erweiterten WM bis zur neuen Klub-WM. Die Öffnung für Investoren ist der bislang radikalste Schritt auf diesem Weg.
Der Renditehebel dreht am Spielkalender

Investoren wollen Wachstum. Wachstum im Fußball bedeutet mehr Turniere, größere Formate und mehr Spiele. Die auf 48 Mannschaften aufgeblähte WM und die neu geschaffene Klub-WM waren die Vorboten dieser Logik.
Sitzt Thrive Capital erst am Tisch, wird der Druck auf noch mehr Termine strukturell statt nur politisch. Ein Geldgeber, der auf Rendite über Jahrzehnte setzt, hat ein handfestes Interesse an einem prall gefüllten Kalender. Die Rechnung dafür zahlen Spieler, Vereine und Fans in Form von Belastung.
Der Kalender ist längst zum Konfliktfeld geworden. Die Spielergewerkschaft FIFPro und mehrere europäische Ligen klagen seit Jahren über die wachsende Belastung durch immer neue Wettbewerbe. Ein Investor mit Renditeziel hat kein Interesse an weniger Spielen, sondern an mehr Vermarktungsfläche.
Wie schmal die Marge zwischen Rekordumsatz und tatsächlichem Nutzen für den Sport ausfällt, haben wir am jüngsten Großformat durchgerechnet. Unsere Analyse dazu, was vom Milliarden-Geschäft der Klub-WM übrig bleibt, zeigt: Ein hoher Umsatz ist noch kein Beleg für einen gesunden Wettbewerb. Die FIFA Forward Enterprise würde diesen Anreiz zur Aufblähung dauerhaft im Betriebssystem verankern.
211 Stimmen: die kleinen Verbände als Mehrheit

Jetzt zum entscheidenden Hebel, der das ganze Manöver erst ermöglicht. Der FIFA-Kongress kennt nur eine Regel für Abstimmungen: ein Verband, eine Stimme, festgehalten in Artikel 26 der FIFA-Statuten. Die Cook Islands mit 17.000 Einwohnern wiegen exakt so viel wie Deutschland.
Diese Gleichheit klingt demokratisch, verschiebt die Macht aber weg von den großen Fußballnationen. UEFA und der südamerikanische Verband CONMEBOL kommen zusammen laut einer AP-Analyse auf lediglich 65 der 211 Stimmen. Allein können die reichen europäischen Verbände Infantino weder wählen noch stürzen.
Ein Beispiel macht die Schieflage sichtbar. Deutschland mit über 80 Millionen Einwohnern und die Cook Islands mit rund 17.000 erhalten aus dem regulären Programm nahezu dieselbe Summe. Auf dem Kongress zählt beider Stimme identisch.
Für einen Zwergverband bedeutet der Sprung von 7 auf 17,5 Millionen Euro pro Zyklus keine Kosmetik, sondern eine Existenzfrage. Genau diese Verbände sind am leichtesten mit einem Scheck bei der Stange zu halten. Der tschechische Verbandschef David Trunda sagt bei „Sky News“ bereits offen, für den tschechischen Fußball sehe er klare Vorteile.
Infantinos Machtbasis liegt genau dort. Die afrikanische Konföderation CAF mit ihren 54 Mitgliedern hat ihn 2016 ins Amt gehoben und seither getragen. Für viele dieser Verbände sind die Zahlungen aus Zürich die wichtigste Einnahmequelle überhaupt, was ihre Abhängigkeit und damit ihre Loyalität erklärt.
Damit ist die Bruchlinie im Fußball benannt. Infantino muss die europäische Elite nicht überzeugen, sondern nur die große Zahl der kleinen, abhängigen Mitglieder. Der Widerstand aus Nyon und Frankfurt ist laut, in der Stimmenarithmetik aber strukturell in der Minderheit.
Trump, Kushner und die Governance-Blackbox

Um die Investorengruppe ranken sich die heikelsten Fragen. Anführen soll die Gruppe Thrive Capital, die Investmentgesellschaft von Joshua Kushner. Joshua ist der Bruder von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Laut Reuters ist Jared Kushner selbst nicht unter den möglichen Investoren.
Diese Präzisierung ist wichtig, ändert am politischen Geschmack aber wenig. Infantinos Nähe zu Trump steht seit dem eilig verliehenen FIFA-Friedenspreis in der Kritik. Während des Turniers hat der Verband nach Protesten aus dem Trump-Umfeld einen Platzverweis gegen US-Stürmer Folarin Balogun wieder aufgehoben, was die Zweifel an der Unabhängigkeit weiter genährt hat.
In Washington fordert der demokratische Abgeordnete Jamie Raskin inzwischen eine Anhörung und spricht von einem möglichen Quid pro quo. Für ein Fachportal für Entscheider ist weniger die Parteipolitik entscheidend als die Intransparenz. Bei einem Volumen von 3,7 Milliarden Euro weiß bislang niemand vollständig, wer außer Thrive noch einsteigt.
Die Formel „ohne Kontrollrechte“ verdient einen zweiten Blick. Ein Minderheitsgesellschafter, der Milliarden einbringt, sichert sich in der Praxis regelmäßig Informationsrechte, einen Sitz im Beirat und ein Veto bei Grundsatzentscheidungen wie Kapitalerhöhungen. Rechtlich bliebe die FIFA Herrin des Verfahrens. Faktisch säße der Investor mit am Tisch.
Die UEFA hat das sofort erkannt und den Satz des Tages geliefert: Niemand besitze den Fußball, der Verband habe nicht das Recht, ihn zu verkaufen. Bayern-Sportvorstand Max Eberl nennt das Modell schlicht „beschämend“. Der DFB unter Bernd Neuendorf solidarisiert sich und moniert, dass das FIFA-Council wieder einmal übergangen wurde.
Infantino braucht für die FIFA Forward Enterprise nicht Deutschland, sondern die Cook Islands. 65 von 211 Stimmen hat die europäische Elite, den Rest kauft eine Ausschüttung von 17,5 Millionen Euro.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was die Bundesliga 2024 über die FIFA Forward Enterprise lehrt

Der Blick nach Deutschland liefert die aufschlussreichste Kontrastfolie. Genau dieses Manöver ist hierzulande schon einmal gescheitert. Die Deutsche Fußball Liga wollte 2023 einen Milliardeninvestor für die Vermarktung der Medienrechte an Bord holen, favorisiert wurde der Finanzinvestor CVC.
Die Fankurven haben mit Tennisbällen und Schokotalern den Spielbetrieb lahmgelegt. Im Februar 2024 hat die DFL den Deal abgeblasen. Der Protest hatte seinen Ursprung nicht in den Chefetagen, sondern auf den Rängen, laut genug, um Spiele zu unterbrechen.
Die enge wirtschaftliche Basis selbst einer erfolgreichen Liga zeigt unsere Aufschlüsselung, wie die Ökonomie der Bundesliga funktioniert. Der entscheidende Unterschied zur FIFA-Ebene liegt in der Machtverteilung.
Der Vergleich reicht tiefer als die reine Kapitalfrage. Die Bundesliga schützt ihre Klubs bislang mit der 50+1-Regel vor der Übernahme durch Investoren. Der deutsche Fußball pflegt eine gewachsene Kultur des Widerspruchs von unten, sichtbar in organisierten Fanszenen und aktiven Kurven. Auf der Ebene der FIFA fehlt dieses Korrektiv vollständig.
Auf Verbandsebene fehlt eine Fankurve, die den Ball stoppen kann. Über die FIFA Forward Enterprise entscheiden nicht Millionen Zuschauer, sondern 211 Funktionäre mit einer Frist. Was an der Basis an Fanmacht zerschellte, versucht Infantino jetzt eine Etage höher, wo der Hebel für Protest fehlt.
Deadline 19. September: was jetzt auf dem Spiel steht

Der Zeitplan ist bewusst eng getaktet. Bis zum 19. September 2026 sollen sich die 211 Verbände entscheiden. Ein Verband ohne Zustimmung zur optionalen Sonderzahlung bekommt laut Infantinos Brief nur das abgespeckte Forward-Programm, also etwa die Hälfte.
Ein solches Angebot mit eingebauter Drohung nennt man selten Demokratisierung. Die UEFA prüft laut „Sky“, „ESPN“ und „Bloomberg“ bereits einen möglichen WM-Boykott und hat eine Dringlichkeitssitzung einberufen. Ob die europäische Front hält, ist angesichts abtrünniger Stimmen wie aus Tschechien offen.
Ein Boykott wäre der schärfste denkbare Hebel. Ohne die reichweitenstarken europäischen Nationen verlöre eine WM einen erheblichen Teil ihres kommerziellen Werts, was wiederum die Rendite der Investoren senken würde. Genau diese Drohkulisse ist das stärkste Faustpfand von UEFA-Chef Aleksander Ceferin. Ob die Europäer die Drohung wahr machen, entscheidet sich in den kommenden Wochen.
Das eigentliche Lehrstück reicht über den Sport hinaus. Immer häufiger drängt privates Beteiligungskapital in Strukturen, die bislang als gemeinnützig oder öffentlich galten, von Kliniken über Stadtwerke bis zu Sportverbänden. Die entscheidende Frage bleibt überall dieselbe: Wo landet am Ende das Risiko und wo die Rendite?
Für Entscheider außerhalb des Sports lohnt der Blick trotzdem. Die FIFA Forward Enterprise ist ein Lehrstück dafür, wie eine gemeinnützige Struktur ihre Ertragsmaschine in eine renditegetriebene Gesellschaft überführt, ohne die Kontrolle formal abzugeben. Ob dieses Konstrukt seine Versprechen einlöst, wird sich weniger an den Milliarden zeigen als an der Frage, wer am Ende wirklich am Steuer sitzt.
Glossar: FIFA Forward Enterprise und Sportökonomie

FIFA Forward Enterprise (FFE): Die geplante Tochtergesellschaft des Weltverbands, in der alle kommerziellen Rechte und die Turnierorganisation gebündelt werden. Bewertung rund 17,5 Milliarden Euro. Private Investoren sollen einen Minderheitsanteil von 20 bis 30 Prozent halten.
FIFA Fast-Forward-Programm (FFFP): Das Ausschüttungsprogramm an die 211 Mitgliedsverbände. Vorgesehen sind deutlich höhere reguläre Fördergelder plus eine einmalige Sonderzahlung von bis zu 17,5 Millionen Euro pro Verband.
Minderheitsbeteiligung ohne Kontrollrechte: Ein Anteil unter 50 Prozent, der formal kein Stimmrecht über die Geschäftsführung verleiht. Praktisch verschaffen große Minderheitsgesellschafter sich meist Informations- und Vetorechte bei Grundsatzentscheidungen.
Thrive Capital: Die Investmentgesellschaft von Joshua Kushner, dem Bruder von Jared Kushner. Thrive soll die Investorengruppe der FFE anführen und hat sich zuletzt am Baseballteam San Francisco Giants beteiligt.
Ein Verband, eine Stimme: Das Abstimmungsprinzip des FIFA-Kongresses nach Artikel 26 der Statuten. Jeder der 211 Mitgliedsverbände hat unabhängig von Größe oder Wirtschaftskraft genau eine Stimme.
FAQ: FIFA Forward Enterprise: Infantinos Milliardenwette

Was ist die FIFA Forward Enterprise?
Die FIFA Forward Enterprise (FFE) ist eine geplante Tochtergesellschaft des Weltverbands, in der alle kommerziellen Rechte und die Turnierorganisation gebündelt werden. Private Investoren sollen einen Minderheitsanteil von 20 bis 30 Prozent kaufen. Die Bewertung liegt bei rund 17,5 Milliarden Euro. Die FIFA behält nach eigenen Angaben die alleinige Kontrolle über Spielkalender und Regularien.
Verkauft die FIFA die Weltmeisterschaft?
Nein, die FIFA verkauft nicht das Turnier selbst, sondern einen Minderheitsanteil an den kommerziellen Rechten. Investoren erwerben 20 bis 30 Prozent an der neuen Tochtergesellschaft FFE und partizipieren damit indirekt an Übertragungsrechten, Sponsoring und Ticketing. Die sportliche Hoheit und der Spielkalender bleiben laut FIFA beim Verband.
Wer sind die Investoren der FIFA Forward Enterprise?
Angeführt werden soll die Investorengruppe von Thrive Capital, der Gesellschaft von Joshua Kushner. Joshua ist der Bruder von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Laut Reuters ist Jared Kushner selbst nicht unter den Investoren. J.P. Morgan berät die FIFA bei dem Vorhaben. Die vollständige Investorenliste ist bislang nicht öffentlich.
Warum kritisiert die UEFA den FIFA-Plan?
Die UEFA sieht in dem Verkauf eine Grenze überschritten, die der Fußball nie überschreiten dürfe. Der Verband warnt vor dem Ausverkauf der Seele des Fußballs und vor Intransparenz darüber, wer finanziell profitiert. Zudem fürchten Kritiker Renditedruck in Richtung noch mehr Turniere. Die UEFA prüft laut Medienberichten sogar einen WM-Boykott.
Wann entscheidet die FIFA über den Investorendeal?
Die Entscheidung fällt bei den 211 Mitgliedsverbänden und dem FIFA-Council, die Frist für die optionale Sonderzahlung endet am 19. September 2026. Wer nicht zustimmt, bekommt laut FIFA nur das abgespeckte Forward-Programm mit etwa der Hälfte der Fördersumme.
Wie viel Geld bekommen die Fußballverbände?
Statt bisher rund 7 Millionen Euro pro Vierjahreszyklus sollen die Verbände künftig 17,5 Millionen Euro erhalten, später bis zu 21 Millionen Euro. Hinzu kommt eine einmalige Sonderzahlung von bis zu 17,5 Millionen Euro. Für kleine Verbände ist dieser Sprung existenziell, was ihre Zustimmung wahrscheinlicher macht.
Quellen
Reuters | Fußball-Weltverband Fifa will Milliarden von Investoren einsammeln (via onvista) | https://www.onvista.de/news/2026/07-28-fussball-weltverband-fifa-will-milliarden-von-investoren-einsammeln-0-20-26536950 | besucht am 29.07.2026
Neue Zürcher Zeitung | Fifa: Infantino plant Investoren-Deal für WM-Rechte | https://www.nzz.ch/wirtschaft/fifa-infantino-plant-investoren-deal-fuer-wm-rechte-ld.10017414 | besucht am 29.07.2026
Euronews | 20-Milliarden-Plan der FIFA: UEFA warnt vor Ausverkauf des Fußballs | https://de.euronews.com/2026/07/29/fifa-uefa-ausverkauf-fussball-infantino | besucht am 29.07.2026
kicker | WM-Verkauf? FIFA bestätigt Investoren-Pläne | https://www.kicker.de/wm-verkauf-fifa-bestaetigt-investoren-plaene-1239238/artikel | besucht am 29.07.2026
Sportschau | Investorenplan der FIFA: Fragen und Antworten | https://www.sportschau.de/fussball/investorenplan-der-fifa-fragen-und-antworten,uefa-fifa-faq-100.html | besucht am 29.07.2026
t-online | DFB solidarisiert sich nach FIFA-Eklat mit UEFA | https://www.t-online.de/sport/fussball/wm/id_101365248/verkauf-von-wm-anteilen-dfb-solidarisiert-sich-nach-fifa-eklat-mit-uefa.html | besucht am 29.07.2026
Associated Press (via PressReader) | Infantino holds FIFA power | https://www.pressreader.com/kuwait/arab-times/20230315/282046216327564 | besucht am 29.07.2026