Der Kamerakonzern Dahua darf in den USA, Großbritannien und Kanada nicht mehr an Behörden liefern. Ausgerechnet dieser Konzern beliefert jetzt den Elektroautobauer Leapmotor mit der Elektronik, die dessen Fahrzeuge sehen lässt. Weil Stellantis 21,3 Prozent an Leapmotor hält und die Wagen in Europa verkauft, rollt Dahuas Wahrnehmungstechnik künftig auch über deutsche Straßen.

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Dahua gehört zu den größten Anbietern von Überwachungstechnik weltweit. Genau diese Herkunft macht den neuen Auftrag brisant. Der Konzern bestätigte auf seiner Investorenplattform, dass er Leapmotor Autoelektronik mit Video- und Wahrnehmungsfunktionen liefert. Hinter der nüchternen Mitteilung steckt eine seltene Familiengeschichte der chinesischen Autoindustrie.

Das Wichtigste in Kürze

  • Dahua liefert Leapmotor Autoelektronik für Video und Wahrnehmung, also die Sensorik, auf der Fahrassistenz aufsetzt.
  • Leapmotor-Gründer Zhu Jiangming stammt aus dem Führungskreis von Dahua und startete den Autobauer 2015 mit Team und Kapital des Kamerakonzerns.
  • Dahua steht in den USA seit 2019 auf der NDAA-Sperrliste, dazu beschränken 45 Bundesstaaten sowie Großbritannien und Kanada die Technik.
  • Über die Stellantis-Beteiligung von 21,3 Prozent und den Vertrieb in Europa erreicht Dahuas Fahrzeugtechnik auch den deutschen Markt.

Was liefert Dahua an Leapmotor?

Kamera an einer weißen Fläche mit Textschild
Dahua liefert Leapmotor Kameras, Sensoren und Software für autonomes Fahren basierend auf Überwachungstechnologie

Dahua stellt Leapmotor Autoelektronik bereit, deren Kern Wahrnehmungsfunktionen bilden. Gemeint sind Kameras, Sensorik und die Software, die daraus ein Bild der Umgebung rechnet. Für einen Anbieter, der sein Geld zwei Jahrzehnte lang mit Videoüberwachung verdient hat, ist der Schritt ins Auto kein weiter Weg: Dieselben Algorithmen, die Gesichter und Kennzeichen erkennen, ordnen im Fahrzeug Fußgänger, Spuren und Hindernisse ein, eine Aufgabe, für die chinesische Zulieferer zunehmend auch hochauflösende Lidar-Sensoren liefern.

Die Nähe der beiden Firmen reicht bis zur Gründung zurück. Leapmotor-Gründer Zhu Jiangming zählte zu den Mitgründern von Dahua und brachte 2015 ein Team von dort mit, dazu Startkapital des Kamerakonzerns. Leapmotor fertigt bis heute rund 65 Prozent seiner Komponenten selbst, von der Batterie bis zum Scheinwerfer. Im Juli 2026 verkaufte der Hersteller erstmals mehr als 100.000 Autos in einem Monat. Wahrnehmungstechnik von der einstigen Muttergesellschaft fügt sich genau in diese Strategie der eigenen Wertschöpfung.

Warum weicht ein Überwachungsriese ins Auto aus?

Der Weg ins Cockpit ist auch eine Ausweichbewegung. In den USA steht Dahua seit 2019 auf der Sperrliste des Verteidigungshaushalts NDAA, gemeinsam mit Huawei, ZTE, Hytera und dem Rivalen Hikvision.[2] Die Telekomaufsicht FCC untersagte 2022 neue Gerätezulassungen und bekräftigte das Verbot im Oktober 2025; bis 2026 zogen 45 Bundesstaaten nach. Großbritannien räumt die Kameras aus seinen Regierungsgebäuden, Kanada verbannte die Technik 2024 aus der Bundesbeschaffung.

Vor diesem Hintergrund erschließen sich beide Kameraprimusse neue Erlösquellen. Hikvision steigert die eigene Marge inzwischen mit KI-Software und Firmenkunden, wie der jüngste Gewinnsprung des Rivalen zeigt. Dahua wählt den Weg über die Fahrzeugwahrnehmung, einen Markt, den kein westliches Kameraverbot erfasst. So erschließt der Konzern der maschinellen Bilderkennung, die Behörden aus Sicherheitsgründen aussperren, einen Absatzkanal, den dieselbe Sorge bisher nicht erreicht hat.

Dahua hat zwanzig Jahre gelernt, aus Kamerabildern Menschen und Muster zu erkennen. Im Auto verkauft der Konzern jetzt genau diese Fähigkeit als Fahrassistenz, und für Europa verschiebt sich damit eine Sicherheitsfrage von der Häuserwand auf die Straße.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Vom Überwachungsriesen zum Auto-Zulieferer
Dahua, Leapmotor und der Weg der Kameratechnik nach Europa
2015
Ein Dahua-Mitgründer startet den Autobauer Leapmotor
1,5 Mrd. €
Stellantis kauft 2023 einen Anteil von 21,3 % an Leapmotor
5
Firmen auf der US-Sperrliste NDAA, darunter Dahua
101.267
Von Leapmotor verkaufte Autos im Juli 2026

Wo Dahua im Westen gesperrt ist

  • USABundesbeschaffung seit 2019 tabu, dazu Beschränkungen in 45 Bundesstaaten
  • GBAbbau der Kameras aus Regierungsgebäuden bis 2026
  • CAVerbot in der kanadischen Bundesbeschaffung seit 2024

Was bedeutet das für Europa?

Für europäische Autofahrer wiegt der Auftrag schwerer, als die knappe Meldung vermuten lässt. Stellantis kaufte Ende 2023 für 1,5 Milliarden Euro einen Anteil von 21,3 Prozent an Leapmotor und führt über das Gemeinschaftsunternehmen Leapmotor International den Verkauf außerhalb Chinas.[1] Seit Herbst 2024 stehen Leapmotor-Modelle in europäischen Schauräumen, ein in Europa gefertigtes Modell soll 2028 folgen. Die Wahrnehmungselektronik aus Dahuas Werkstatt fährt damit in Fahrzeugen mit, die Stellantis über sein Händlernetz bis nach Deutschland bringt.

Der wunde Punkt bleibt die Datensicherheit vernetzter Autos. Ein modernes Fahrzeug filmt seine Umgebung dauerhaft, verortet sich zentimetergenau und funkt Daten an Server; genau darum untersagten die USA chinesische Software für vernetzte Autos ab dem Modelljahr 2027. Die EU kennt bisher kein solches Verbot, sie ringt aber wie bei den Zöllen auf chinesische Elektroautos um eine Linie zwischen offenem Markt und technologischer Abhängigkeit. Für Flottenbetreiber und Einkäufer heißt das, die Herkunft der Wahrnehmungssysteme künftig genauso zu prüfen wie einst die der Kameras im Foyer.

FAQ: Dahua, Leapmotor und die Fahrzeugwahrnehmung

Was liefert Dahua an Leapmotor?

Dahua stellt Leapmotor Autoelektronik bereit, deren Kern Video- und Wahrnehmungsfunktionen bilden. Gemeint sind Kameras, Sensorik und die Software, aus der ein Fahrzeug ein Bild seiner Umgebung errechnet und die als Grundlage für Fahrassistenz dient.

Wie hängen Dahua und Leapmotor zusammen?

Leapmotor wurde 2015 von Zhu Jiangming gegründet, einem Mitgründer von Dahua. Das Gründungsteam kam aus dem Kamerakonzern, ebenso das Startkapital. Die jetzige Lieferbeziehung knüpft also an eine gemeinsame Herkunft an.

Warum ist Dahua im Westen gesperrt?

Die USA setzten Dahua 2019 auf die NDAA-Sperrliste, die FCC untersagte 2022 neue Gerätezulassungen. Großbritannien und Kanada beschränken die Technik ebenfalls. Hintergrund sind Sorgen um Datensicherheit und Chinas Nachrichtendienstgesetz.

Kommen Dahua-Systeme über Leapmotor auch nach Europa?

Ja. Stellantis hält 21,3 Prozent an Leapmotor und verkauft die Autos über das Gemeinschaftsunternehmen Leapmotor International in Europa. Verbaute Wahrnehmungselektronik von Dahua erreicht damit auch den deutschen Markt.

Verbietet die EU chinesische Autotechnik?

Ein eigenes Verbot speziell für chinesische Fahrzeugtechnik fehlt in der EU bisher. Die USA untersagen chinesische Software für vernetzte Autos ab dem Modelljahr 2027. Die EU prüft die Datensicherheit vernetzter Fahrzeuge noch.

Quellen

[1] Stellantis: „Stellantis to Become a Strategic Shareholder of Leapmotor with €1.5 Billion Investment“

[2] Federal Communications Commission: „Covered List“ (Liste gesperrter Ausrüster)

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