Ende 2026 dürfte Aldi Süd in den USA die Kette Kroger überholen und zur Nummer zwei hinter Walmart aufsteigen. 180 neue Filialen, 9 Milliarden Dollar Investitionssumme bis 2028, Erstvorstoß nach Colorado und Maine. Der deutsche Discounter macht in seinem 50. US-Jahr Ernst.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Aldi-Expansion in den USA hat ein Tempo erreicht, das im Mutterland Deutschland kaum auffällt. Hand aufs Herz: Wann haben Sie zuletzt darüber nachgedacht, wie ein Mülheimer Familienunternehmen die größte Konsumnation der Welt umkrempelt? Die Antwort liegt in einer Pressemitteilung vom 12. Januar 2026, die in den deutschen Wirtschaftsnachrichten weitgehend unterging.
Das Wichtigste in Kürze
- 180 neue Filialen in 31 Bundesstaaten bis Ende 2026, Investitionsvolumen 9 Milliarden Dollar bis 2028
- Aldi Süd USA überholt voraussichtlich Kroger und wird zweitgrößter Lebensmittelhändler hinter Walmart
- Erstvorstoß nach Colorado mit 50 Filialen in fünf Jahren sowie nach Maine, Konversion von 80 Winn-Dixie-Märkten
- Lidl bleibt mit rund 200 Filialen Ostküsten-Player, Aldi spielt in einer anderen Liga
Aldi US hat am 12. Januar 2026 verkündet, was die deutsche Mutter seit Jahren leise vorbereitet: Über 180 neue Filialen sollen in diesem Jahr eröffnen, verteilt auf 31 US-Bundesstaaten. Damit klettert die Gesamtzahl auf knapp 2.800 Standorte. Bis Ende 2028 sollen es 3.200 sein. Die Pressemitteilung aus Batavia, Illinois markiert das 50. US-Jubiläum als strategischen Wendepunkt.
Warum schlägt Aldi gerade jetzt zu?

Die US-Lebensmittelpreise sind seit 2020 um rund 30 Prozent gestiegen. Walmart und Kroger reagieren träge, Aldi rollt das Feld auf. 17 Millionen Neukunden sind 2025 in US-Aldi-Filialen aufgetaucht, der Marktanteil liegt bei 2,8 Prozent. Klingt klein, ist es aber nicht: Im fragmentierten US-Lebensmittelmarkt entspricht das einer Frequenzsteigerung von 8 Prozent gegenüber 2024, während der Gesamtmarkt nur 3,1 Prozent wuchs.
Die geografische Logik hinter den 180 neuen Filialen folgt der Bevölkerungsbewegung. Colorado wird erstmals erschlossen, 50 Standorte rund um Denver und Colorado Springs sollen in fünf Jahren entstehen. Maine bekommt mit Portland die erste Filiale, womit Aldi in 40 Bundesstaaten präsent ist. In Phoenix kommen zehn neue Stores hinzu, Las Vegas verdoppelt sich. Drei neue Verteilzentren in Florida (2027), Arizona (2028) und Colorado (2029) sichern die Logistik.
Was kostet ein Hähnchen bei Aldi USA?

Der Preisvergleich macht den Erfolg konkret. Hähnchenbrustfilet kostet bei Aldi USA umgerechnet rund 7,13 Euro pro Kilogramm, bei Aldi Süd Deutschland aktuell 8,66 Euro für die XXL-Packung. Ein Liter Vollmilch in den USA liegt bei umgerechnet 0,68 Euro, in Deutschland bei 0,95 Euro für die Milsani-Eigenmarke.
Frische Äpfel hingegen sind in Deutschland deutlich günstiger: Bei Aldi Süd kostet das Kilo der „Krummen Dinger“ einen Euro, in den USA umgerechnet 2,03 Euro. Eier sind aktuell in Deutschland mit 2,49 Euro pro Zehnerpackung billiger als die US-Variante mit umgerechnet 2,68 Euro für zwölf Stück. Die Preisstruktur ist also kein simpler USA-billiger-Vergleich, sondern hängt am jeweiligen Produkt und der jeweiligen Lieferkette.
Aldi macht in den USA exakt das, was die etablierte US-Konkurrenz seit Jahrzehnten verschläft: kleine Fläche, schmales Sortiment, hoher Eigenmarkenanteil. Der Mittelständler aus Mülheim zeigt den amerikanischen Riesen, wie europäische Discount-Disziplin ein 200-Milliarden-Markt-Segment umpflügt.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Wo bleibt Lidl?

Der Wettbewerb zwischen den beiden deutschen Discountern verläuft auf US-Boden ungleich. Lidl betreibt rund 200 Filialen, ausschließlich an der Ostküste mit Schwerpunkten in New York City, im Großraum Washington und in Atlanta. Eine Westexpansion ist nicht geplant. Lidl-CEO Joel Rampoldt hat 2023 übernommen, seither läuft Konsolidierung statt Wachstum. Aldis Wachstumsvorsprung beträgt fast das Vierzehnfache an Filialen.
Lesetipp: 1.800 statt 60.000: Wie Aldi mit weniger Sortiment den Welthandel umkrempelt
Was deutsche Mittelständler daraus lernen

Die Aldi-Geschichte in den USA widerlegt drei Mythen über deutsche Industrieexpansion gleichzeitig. Zunächst die Annahme, dass deutsche Unternehmen im US-Markt kulturell überfordert sind. Daneben das Vorurteil, nur Tech-Konzerne schafften globale Skalierung.
Schließlich die Vorstellung, Größe entstehe immer durch Akquisition. Aldi wuchs in den USA über 50 Jahre fast ausschließlich organisch, erst 2024 kam mit der Übernahme von Southeastern Grocers die erste große Akquisition. Wer das Geschäftsmodell dahinter im Detail verstehen will, findet eine vertiefte Analyse zum Discounter-Ertragsmodell bei uns im Magazin.
Parallel dazu modernisiert Aldi US die digitale Front. Ein Website-Relaunch Anfang 2026 bringt personalisierte Produktempfehlungen, einkaufbare Rezepte und erweiterte Nährwertangaben. Die Lieferpartner Instacart, DoorDash und Uber Eats werden tiefer angebunden.
Eigenmarken erhalten ein einheitliches Verpackungsdesign, um die Wiedererkennbarkeit zu erhöhen. Was klingt wie ein US-Tech-Move, ist in Wahrheit konsequente Übersetzung deutscher Discountdisziplin in den digitalen Raum.
Aldi Süd in Deutschland weiß, wovon es spricht: Allein im Januar 2026 senkte der Discounter in fünf Wellen die Preise für Reis, Frischfleisch, Kaffee, Kartoffelprodukte, Nüsse und Wurstwaren um bis zu 20 Cent pro Produkt. Der amerikanische Erfolg finanziert die deutsche Preisaggressivität mit. Genau dieser Effekt macht den Aldi-Fall zum Lehrstück für jeden DACH-Industrievertreter, der gerade über internationale Skalierung nachdenkt.
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