Das US-Justizministerium prüft laut Bloomberg und der New York Times, ob Nvidia seinen Milliardendeal mit dem Chip-Start-up Groq bewusst an der Fusionskontrolle vorbeigeschleust hat. Statt eines Kaufs regelt ein Lizenzvertrag die Technik, dazu wechselte Groq-Gründer Jonathan Ross zu Nvidia. Fachleute nennen das Muster Reverse Acquihire. Microsoft, Google und Amazon haben es längst vorgemacht.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenIm Dezember 2025 sicherte sich Nvidia für einen zweistelligen Milliardenbetrag eine Lizenz an der Inferenz-Technik des Konkurrenten Groq und holte dessen Gründer Jonathan Ross an Bord. Ein klassischer Kauf war das nie, und genau daran entzündet sich jetzt der Verdacht. Nvidia weist die Vorwürfe zurück und nennt den Fall ein Beispiel dafür, dass das amerikanische System Innovation belohne.
Das Wichtigste in Kürze
- Nvidia lizenzierte im Dezember 2025 Groqs Inferenz-Chip-Technik und übernahm Gründer Jonathan Ross samt mehreren Führungskräften, ohne die Firma formal zu kaufen.
- Das US-Justizministerium prüft laut Bloomberg und der New York Times, ob diese Struktur die Anmeldepflicht bei der Fusionskontrolle umgeht. Nvidia nennt die Vorwürfe unbegründet.
- Berichten zufolge liegt der Deal bei 17 bis 20 Milliarden Dollar, umgerechnet rund 15 bis 17 Milliarden Euro (Stand 10. September 2026).
- Dasselbe Muster nutzten zuvor Microsoft mit Inflection, Google mit Character.AI und Amazon mit Adept.
Wie wird aus einem Lizenzvertrag eine Übernahme?

Die amerikanische Fusionskontrolle greift erst, wenn ein Unternehmen ein anderes kauft, dessen Vermögen übernimmt oder die Kontrolle erwirbt. Ein nicht-exklusiver Lizenzvertrag plus der Wechsel des Führungspersonals löst diese Meldepflicht nach dem Hart-Scott-Rodino-Gesetz nicht aus, weil Groq formal eigenständig bleibt. Genau diese Lücke soll Nvidia laut Bloomberg gezielt genutzt haben, um die kartellrechtliche Prüfung zu umgehen. Pikant wird der Fall durch die Personalie: Jonathan Ross entwickelte einst bei Google die TPU-Chips, die Nvidias Vormacht im Rennen um künstliche Intelligenz bis heute herausfordern.
Das Justizministerium schickte dem Konzern eine förmliche Auskunftsanordnung. Eine Geldbuße gilt als möglich, eine Rückabwicklung des Deals als unwahrscheinlich. Nvidia baut seine Stellung ohnehin seit Monaten aus und kaufte zuletzt die offene KI-Plattform Hugging Face.
Warum wiederholt sich das Muster bei Microsoft und Google?
Der Groq-Deal ist kein Einzelfall, sondern die vorerst größte Ausprägung eines Musters, das Fachleute Reverse Acquihire nennen. Microsoft zahlte im März 2024 rund 540 Millionen Euro für eine Lizenz an den Modellen von Inflection und übernahm etwa 70 Beschäftigte samt Gründungsteam, ohne die Firma zu kaufen. Google verfuhr ähnlich mit Character.AI, Amazon mit Adept. Für die großen Anbieter hat die Konstruktion einen doppelten Reiz: Talent und Technik wandern ins eigene Unternehmen, und die Anmeldeschwelle bei der Behörde bleibt unberührt.
Drei US-Senatoren, darunter Elizabeth Warren, warnten das Justizministerium bereits, solche Deals wirkten wie De-facto-Fusionen.[2] Zuletzt wanderte auch das Team hinter dem CSS-Werkzeug Tailwind zu Shopify. Nvidias Dominanz bei KI-Chips bekommt derweil Risse, seit Amazon verstärkt auf Qualcomm setzt.
Nicht der Kauf einer Firma verschiebt heute die Macht im KI-Markt, sondern das Abschöpfen ihrer Köpfe und ihrer Technik am Kartellamt vorbei. Genau dieses Schlupfloch prüft Washington jetzt.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet die Prüfung für Europa?
Für europäische Wettbewerbshüter ist der Fall ein Lehrstück. Deutschland führte 2017 eine Transaktionswert-Schwelle ein: Ein Zusammenschluss ist schon dann beim Bundeskartellamt anzumelden, wenn der Kaufpreis 400 Millionen Euro übersteigt und das Ziel wesentlich in Deutschland tätig ist, selbst bei kaum vorhandenem Umsatz.[1] Der Bundesgerichtshof bestätigte diese Auslegung im Juni 2025. Ein reiner Lizenz- und Personaldeal ist aber kein Zusammenschluss, also greift auch die deutsche Schwelle nicht.
Auf EU-Ebene fehlt seit dem Illumina-Urteil des Europäischen Gerichtshofs ein vergleichbarer Hebel für Deals unterhalb der Umsatzschwellen. Das Bundeskartellamt geht zwar auch gegen große US-Konzerne vor, wie zuletzt gegen Apple. Unternehmen im DACH-Raum sollten Partnerschaften mit KI-Anbietern deshalb früh kartellrechtlich einordnen, bevor aus einer Lizenz unbemerkt eine meldepflichtige Kontrolle wird.
Quellen
[1] Bundeskartellamt: „Leitfaden Transaktionswert-Schwellen für die Anmeldepflicht“
[2] US-Senat (Wyden, Warren, Blumenthal): „Letter to the FTC and DOJ on AI competition“
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