Den eigenen Schreibstil verbessern wollen viele Marketingverantwortliche erst, wenn der Newsletter-Entwurf aus dem Chatbot nach allen anderen Newslettern klingt. Ein Team um den Tübinger Datenwissenschaftler Dmitry Kobak hat gemessen, wie weit der Chatbot-Ton sogar in die Wissenschaft vordringt: Mindestens 13,5 Prozent der Zusammenfassungen biomedizinischer Studien von 2024 wurden mit Sprachmodellen bearbeitet.
Ein Klick · kostenlosDr. Web bei Google bevorzugenMarkieren Sie drweb.de als bevorzugte Quelle. Dann sehen Sie unsere Artikel öfter unter den Top-Meldungen.Jetzt hinzufügenGuter Stil ist kein Talent, das einige Menschen haben und andere nicht. Wortwahl, Satzbau und Aufbau lassen sich üben, prüfen und verbessern.
Hier lesen Sie, was die Verständlichkeitsforschung über klare Texte herausgefunden hat, wie Sie Lesbarkeit messen und mit welchen Übungen Ihre Texte nach Ihnen klingen statt nach einem Sprachmodell.
Das Wichtigste in Kürze
- Schreibstil lässt sich lernen: Das Hamburger Verständlichkeitsmodell benennt vier prüfbare Merkmale verständlicher Texte.
- Lesbarkeitsformeln wie die Flesch-Formel nach Amstad oder der LIX messen Satz- und Wortlänge, aber keinen Inhalt.
- Sprachmodelle glätten Texte: In einem Experiment ähnelten sich KI-gestützte Geschichten messbar stärker als rein menschliche.
- Ihre Stimme entsteht aus eigenen Beispielen, Zahlen und Urteilen, die kein Modell aus Ihrem Alltag kennt.
Was ist Schreibstil eigentlich?

Schreibstil ist die Summe der Entscheidungen, die Sie beim Schreiben treffen: welche Wörter Sie wählen, wie lang Ihre Sätze sind, wie Sie einen Text gliedern und in welchem Ton Sie Ihre Leser ansprechen. Grammatik und Rechtschreibung sind die Voraussetzung, der Stil beginnt danach.
Zwei Texte mit identischem Inhalt können deshalb völlig verschieden wirken: sachlich oder emotional, nüchtern oder blumig, direkt oder umständlich. Ernest Hemingway ist für knappe, schnörkellose Sätze bekannt, Thomas Mann für kunstvoll verschachtelte Perioden. Beide Autoren blieben ihrem Satzbau treu, und gerade diese Beständigkeit macht einen Stil wiedererkennbar.
Für Texte im Unternehmen hilft eine weitere Unterscheidung, die zwischen Stimme und Ton. Die Stimme ist Ihre Persönlichkeit im Text und bleibt nach dem Styleguide des E-Mail-Dienstes Mailchimp immer dieselbe, der Ton dagegen passt sich der Lage an. Eine Zahlungserinnerung klingt anders als ein Newsletter, und trotzdem erkennt der Leser in beiden denselben Absender.
Warum Sie einen eigenen Stil brauchen

Ihr Stil entscheidet mit darüber, ob ein Text überhaupt gelesen wird. Jakob Nielsen hat 2008 für die Nielsen Norman Group ausgewertet, wie viel Text Nutzer auf Webseiten tatsächlich lesen. Bei einem durchschnittlichen Seitenbesuch erfassen Besucher höchstens 28 Prozent der Wörter, realistischer ist ein Wert von 20 Prozent.
Der Rest wird überflogen oder ganz übersprungen.
Bei so flüchtigem Lesen verschafft Ihnen ein eigener Stil einen Wiedererkennungswert. Unsere Erfahrung aus der Redaktion: Leser kehren zu Absendern zurück, deren Texte eine erkennbare Haltung und eine eigene Satzmelodie haben. Austauschbare Texte lesen sich dagegen, als hätte niemand sie geschrieben, und Leser überfliegen sie ebenso achtlos.
Jeder Text, den Ihr Team veröffentlicht, prägt das Bild Ihrer Firma, vom Blogartikel über die Produktseite bis zur Absage an einen Bewerber. Ein gemeinsamer Stil sorgt dafür, dass all diese Texte nach einem Absender klingen und nicht nach zehn verschiedenen Autoren mit zehn Gewohnheiten.
Halten Sie die gemeinsamen Regeln in einem kurzen Styleguide fest, für den Anfang genügen zwei Seiten. Darin klären Sie, ob Sie Ihre Kunden siezen oder duzen, welche Fachbegriffe Sie verwenden oder meiden und wie Sie Ihr Produkt nennen. Ergänzen Sie, in welchem Ton Sie auf Beschwerden antworten, und eine Liste der Floskeln, die in Ihren Texten nichts verloren haben. Neue Kolleginnen und Kollegen schreiben damit vom ersten Tag an mit der Stimme Ihres Unternehmens.
Lesetipp: Content Siloing 🏺: Warum deine Website kein Themen-Wühltisch sein sollte
Schreibstil finden: Die größten Missverständnisse

- „Schreibstil kann man nicht lernen.“ Doch, Stil ist Übungssache: Der Linguist Benedikt Lutz hat in seinen Kursen immer wieder erlebt, dass schon das einfache Hamburger Verständlichkeitsmodell mit seinen vier Prüfmerkmalen zu verständlicheren Texten anleitet.
- „Mein Stil muss perfekt sein.“ Ihr Stil muss zu Ihnen und zu Ihren Lesern passen. Ein makelloser, aber austauschbarer Text bleibt weniger im Gedächtnis als ein klarer Text mit Ecken und Kanten.
- „Guter Stil ist kompliziert.“ Die Autoren des Hamburger Verständlichkeitsmodells sehen das umgekehrt und nennen die Einfachheit als wichtigsten Verständlichmacher: geläufige Wörter und überschaubare Sätze.
- „Regeln sind da, um gebrochen zu werden.“ Brechen Sie Regeln nur mit gutem Grund. George Orwell hat seinen sechs Schreibregeln 1946 selbst eine Klausel angefügt: Lieber solle man jede davon brechen, als barbarisch zu schreiben.
Ein bewusster Regelbruch setzt voraus, dass Sie die Regel kennen und wissen, was der Bruch bewirken soll. Ein kurzer Satz nach drei langen wirkt wie ein Ausrufezeichen, ein Satzfragment mitten im Fließtext dagegen schnell wie ein Versehen.
Woran erkennen Sie einen verständlichen Text?

Verständlich ist ein Text, der einfach formuliert, klar gegliedert, auf das Wesentliche beschränkt und anregend geschrieben ist. Diese vier Merkmale stellten Inghard Langer, Friedemann Schulz von Thun und Reinhard Tausch 1974 im Buch „Sich verständlich ausdrücken“ als Hamburger Verständlichkeitsmodell vor.
Jede der vier Dimensionen bewerten Sie auf einer fünfstufigen Skala.
Gerade diese einfache Bewertung macht das Modell in der Praxis brauchbar: Mehrere Leser kommen damit schnell zu einem gemeinsamen Urteil über einen Text, auch ohne linguistische Vorkenntnisse.
Verständlich: kurze, einfache Sätze, geläufige Wörter, erklärte Fachbegriffe, konkrete Beispiele
Gegenpol: verschachtelte Sätze, abstrakte Darstellung
Verständlich: übersichtlich, folgerichtig, Wesentliches klar vom Unwesentlichen getrennt
Gegenpol: ungegliedert, zusammenhanglos
Verständlich: knapp, auf das Wesentliche beschränkt, jedes Wort notwendig
Gegenpol: weitschweifig, viel Unwesentliches
Verständlich: interessant, abwechslungsreich, persönlich
Gegenpol: nüchtern, farblos, unpersönlich
Wichtigstes Merkmal: die Einfachheit, nach Langer, Schulz von Thun und Tausch der stärkste Verständlichmacher
Lutz zählt das Modell zur populärwissenschaftlichen Ratgeberliteratur und kritisiert in der Fachzeitschrift trans-kom, dass das Konzept kaum auf Nominalstil, Fachbegriffe oder Layout eingeht. Zugleich räumt der Linguist ein, dass das Hamburger Modell die Verständlichkeit umfassender erfasst als reine Lesbarkeitsformeln.
Die bekannteste Lesbarkeitsformel geht auf Rudolf Flesch zurück, der 1948 die durchschnittliche Satzlänge mit der durchschnittlichen Silbenzahl pro Wort verrechnete. Für deutsche Texte hat Toni Amstad die Formel 1978 in seiner Dissertation an der Universität Zürich neu gewichtet: 180 minus Satzlänge minus 58,5 mal Silben pro Wort. Je höher der Flesch-Wert, desto leichter liest sich der Text.
Ohne Silbenzählen kommt der LIX aus, den Carl-Hugo Björnsson 1968 für das Schwedische entwickelt hat. Der Index addiert die durchschnittliche Satzlänge und den Anteil langer Wörter mit mehr als sechs Buchstaben in Prozent. Hier gilt umgekehrt: Je höher der Wert, desto schwerer der Text.
| LIX-Wert | Lesbarkeit | typische Textsorte |
|---|---|---|
| unter 30 | sehr leicht | Kinder- und Jugendliteratur |
| 30 bis 40 | leicht | Kinder- und Jugendliteratur |
| 40 bis 50 | mittel | Belletristik |
| 50 bis 60 | schwer | Sachliteratur |
| über 60 | sehr schwer | Fachliteratur |
Microsoft Word zeigt den Flesch-Wert ebenfalls an. In älteren Versionen aktivieren Sie dazu in der Korrekturhilfe die Option „Lesbarkeitsstatistik anzeigen“, in Word für Microsoft 365 finden Sie die Dokumentstatistiken im Editor auf der Registerkarte Start. Für die meisten Dokumente empfiehlt Microsoft einen Flesch-Wert zwischen 60 und 70; der Richtwert stammt aus der englischen Flesch-Skala.
In der Redaktion nutzen wir Lesbarkeitsformeln wie ein Fieberthermometer: Die Zahl zeigt, dass etwas nicht stimmt, aber nicht, was. Eine Formel zählt Silben, Buchstaben, Wörter und Sätze, erkennt aber weder eine sprunghafte Gliederung noch einen Fachbegriff, den Ihre Zielgruppe nicht kennt.
Ebenso wenig misst eine Formel, ob ein Passiv im Einzelfall stört. Passiv und Nominalstil sind nach Lutz nicht in jedem Fall schwerer verständlich als Aktiv und Verbalstil.
Die wichtigsten Zutaten für einen starken Stil

1. Klarheit vor Eleganz
Ein guter Stil transportiert Ihren Inhalt und ist kein Selbstzweck. Ein Satz, den Ihr Leser beim ersten Lesen versteht, ist ein guter Satz. Muss der Leser zweimal ansetzen, hat der Text verloren, mag die Formulierung noch so elegant sein.
„Never use a long word where a short one will do.“
George Orwell, Politics and the English Language, 1946
Die zweite der sechs Regeln aus Orwells Essay „Politics and the English Language“ lautet übersetzt: Nehmen Sie nie ein langes Wort, wo ein kurzes genügt. Im Deutschen zielt die Regel vor allem auf den Nominalstil: Hinter Substantiven auf -ung versteckt sich meist ein Verb, hinter -heit und -keit oft ein Adjektiv.
Vorher: „Die Durchführung der Optimierung unserer Prozesse erfolgt nach Abschluss der Bestandsaufnahme.“ Nachher: „Sobald wir den Bestand aufgenommen haben, verbessern wir unsere Abläufe.“
2. Der Rhythmus entscheidet
Kurze Sätze treiben den Text voran, längere geben ihm Raum für Begründungen und Zusammenhänge. Gleich lange Sätze ermüden den Leser, selbst wenn jeder einzelne korrekt ist. Erst der Wechsel ergibt einen Rhythmus, der durch den Text führt.
Das Portal Hemingways Welt nennt in seiner Sammlung „Ernest Hemingway: 10 Tipps für gutes Schreiben“ einen einfachen Test: Lesen Sie Ihren Text laut vor. Wo Sie stolpern, stimmt die Satzmelodie noch nicht.
Vorher: „Unser Team hat das Projekt geplant. Unser Team hat das Budget berechnet. Unser Team hat dem Kunden das Angebot geschickt.“ Nachher: „Unser Team hat das Projekt geplant und das Budget berechnet. Dann ging das Angebot an den Kunden.“
3. Die richtige Wortwahl
Nehmen Sie Wörter, die genau das sagen, was Sie meinen. William Strunk hat 1918 in „The Elements of Style“ eine verwandte Regel auf drei Wörter verdichtet: „Omit needless words“, also überflüssige Wörter weglassen. Kraftvolles Schreiben sei knapp, erklärt der Autor, und jedes Wort solle etwas leisten.
Stephen King hält vor allem Adverbien für entbehrlich und schreibt in seinem Ratgeber „On Writing“ aus dem Jahr 2000, der Weg zur Hölle sei mit Adverbien gepflastert. Statt „Der Kunde lief sehr schnell davon“ genügt ein starkes Verb: „Der Kunde floh.“
Vorher: „Wir möchten Sie an dieser Stelle gerne darauf hinweisen, dass die Anmeldung ab sofort möglich ist.“ Nachher: „Ab sofort können Sie sich anmelden.“
4. Persönlichkeit statt Einheitsbrei
Neutrale, glatte Texte kann jeder schreiben, heute auch jedes Sprachmodell. Ihre Stimme entsteht aus dem, was nur Sie beitragen können: eigene Beobachtungen, Zahlen aus Ihrem Geschäft, ein klares Urteil, Formulierungen, die Ihre Kunden wiedererkennen.
In „Tod am Nachmittag“ von 1932 beschreibt Hemingway mit dem Bild vom Eisberg, was ein Text durch Weglassen gewinnt: Die Würde der Bewegung eines Eisbergs beruhe darauf, dass nur ein Achtel über Wasser liege. Wer sein Thema genau kennt, darf vieles weglassen, und der Leser spürt das Weggelassene trotzdem.
Vorher: „Kundenzufriedenheit hat für uns oberste Priorität.“ Nachher, mit Ihrer eigenen Zahl: „Im vergangenen Jahr haben wir jede Reklamation innerhalb von 24 Stunden beantwortet.“
5. Lassen Sie den Text atmen
Absätze, Zwischenüberschriften und Aufzählungen machen Ihren Text lesbar. Liest ein Besucher nur ein Fünftel einer Seite, entscheidet die Struktur darüber, welches Fünftel das ist: Überschriften, Hervorhebungen und Absatzanfänge geben dem überfliegenden Auge Halt.
Ein Absatz enthält genau einen Gedanken. Gedanken sind unterschiedlich groß, deshalb dürfen auch Absätze unterschiedlich lang sein: mal ein einziger Satz mit einer Zahl, mal sechs Sätze mit einer Begründung. Ein Block aus 200 Wörtern ohne Absatz schreckt ab, bevor der erste Satz gelesen ist.
Die Lektorin Melina Coniglio erklärt im Video „Was ist ein guter Schreibstil?“ auf ihrem YouTube-Kanal „Lektorin mit Zuckerbrot & Peitsche“, was einen guten Schreibstil aus Sicht der Praxis ausmacht.
Webnutzer lesen im Schnitt nur 20 Prozent einer Seite, und generischer KI-Ton verschenkt genau diese 20 Prozent.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Wie bleibt Ihre Stimme erkennbar, wenn KI mitschreibt?

Ihre Stimme bleibt erkennbar, sofern Sie KI für Recherche, Gliederung und Rohfassung nutzen, These, Beispiele, Urteil und Endfassung aber selbst schreiben. Sprachmodelle formulieren grammatisch sauber und ziehen Texte dabei zur sprachlichen Mitte hin.
Anil Doshi vom University College London und Oliver Hauser von der University of Exeter haben diese Angleichung gemessen und 2024 in der Fachzeitschrift Science Advances veröffentlicht. In ihrem Experiment mit 293 Autorinnen und Autoren bekam ein Teil der Schreibenden Ideen von GPT-4. Die 600 Gutachter bewerteten die KI-gestützten Kurzgeschichten als kreativer und besser geschrieben, am stärksten profitierten weniger kreative Autoren. Zugleich ähnelten sich die Geschichten mit KI-Hilfe messbar stärker als die Texte, die ohne KI entstanden.
Die Forscher sprechen von einem sozialen Dilemma: Jeder Einzelne schreibt mit KI besser, die Vielfalt der Texte insgesamt schrumpft.
Kobak und seine Kollegen haben für ihre 2025 in Science Advances veröffentlichte Studie mehr als 15 Millionen Zusammenfassungen aus der Datenbank PubMed von 2010 bis 2024 ausgewertet. Stilwörter wie „delves“, „showcasing“ und „underscores“ tauchen seit dem Aufkommen der Sprachmodelle auffällig häufiger auf. Daraus leiten die Forscher ab, dass 2024 mindestens 13,5 Prozent der Zusammenfassungen mit Sprachmodellen bearbeitet wurden, in einzelnen Fachgebieten, Ländern und Zeitschriften bis zu 40 Prozent.
Untergrenze: So viele Zusammenfassungen biomedizinischer Studien von 2024 wurden mit Sprachmodellen bearbeitet
erreicht dieser Anteil in einzelnen Fachgebieten, Ländern und Zeitschriften
Autorinnen und Autoren schrieben im Experiment Kurzgeschichten, ein Teil davon mit Ideen von GPT-4
Gutachter fanden die KI-gestützten Geschichten kreativer, untereinander ähnelten sich diese Texte aber messbar stärker
Material sammeln, Gliederungen vorschlagen, Rohfassungen schreiben
These, Beispiel aus Ihrem Unternehmen, Urteil und den ersten Satz
Google hat im Februar 2023 klargestellt, dass die Ranking-Systeme der Suchmaschine die Qualität eines Inhalts bewerten und nicht seine Entstehung. Belohnt werden originelle, hochwertige Inhalte, die Erfahrung, Expertise, Autorität und Vertrauenswürdigkeit erkennen lassen. Automatisiert erzeugte Texte, die vor allem Rankings manipulieren sollen, verstoßen hingegen gegen die Spam-Richtlinien.
Rechtlich gilt seit dem 2. August 2026 außerdem Artikel 50 der KI-Verordnung der EU. Unternehmen, die Texte mit einem KI-System erzeugen, gelten als Betreiber und müssen die künstliche Herkunft offenlegen, sofern der Text die Öffentlichkeit über Angelegenheiten von öffentlichem Interesse informieren soll. Die Pflicht entfällt, sobald ein Mensch den Text redaktionell geprüft hat und eine natürliche oder juristische Person die redaktionelle Verantwortung für die Veröffentlichung übernimmt.
Hinterlegen Sie im Prompt statt der Bitte um „einen guten Text“ eine konkrete Vorgabe: zwei eigene Texte als Stilvorlage und eine Liste der Floskeln, die im Ergebnis nicht vorkommen dürfen. Aus der Rohfassung streichen Sie danach alles, was nach Schablone klingt, etwa „In der heutigen schnelllebigen Welt“ oder „Lassen Sie uns gemeinsam eintauchen“.
Übung macht den Meister

Ihren Stil verbessern Sie durch Schreiben und Lesen, und zwar regelmäßig. Vergleiche mit anderen helfen nur, solange Sie daraus etwas für Ihre eigenen Texte ableiten.
Übungen zur Stilentwicklung
- Schreiben Sie einen Absatz im Hemingway-Stil: kurze, klare Sätze, keine Schnörkel, kein Adjektiv ohne Grund.
- Schreiben Sie denselben Absatz im Stil von Franz Kafka: lange, verschachtelte Sätze mit genauen Beobachtungen. Der Kontrast zeigt, welche Satzlänge Ihnen liegt.
- Kürzen Sie einen eigenen Text auf die Hälfte: So finden Sie Füllwörter und doppelte Aussagen.
- Schreiben Sie eine Nachricht in drei Tonlagen: sachlich, humorvoll und begeistert. Die Nielsen Norman Group ordnet den Ton auf vier Achsen ein: formell oder locker, ernst oder witzig, respektvoll oder respektlos, sachlich oder begeistert.
- Machen Sie die KI-Gegenprobe: Lassen Sie ein Sprachmodell einen Text zum Thema Ihres letzten eigenen Textes schreiben und markieren Sie in Ihrer Fassung jeden Satz, den so nur Sie schreiben konnten.
- Messen Sie vorher und nachher: Prüfen Sie den Lesbarkeitswert eines alten Textes, überarbeiten Sie den Text mit den Prinzipien oben und messen Sie erneut.
Am meisten lernen Sie, sobald jemand anderes Ihre Texte liest. Eine Kollegin, die Ihnen nach jedem Entwurf eine einzige Stelle nennt, an der sie gestolpert ist, bringt Ihren Stil schneller voran als jede Formel und jedes Werkzeug.
Ihr Schreibstil wächst mit Ihren Erfahrungen, Ihrer Lektüre und Ihren Aufgaben. Prüfen Sie deshalb alle paar Monate, ob Ihr Styleguide noch zu Ihren Texten passt.
Fazit

Klarheit, Rhythmus und eine erkennbare Haltung entscheiden darüber, ob Leser Ihre Texte nur überfliegen oder im Gedächtnis behalten.
Mit dem Hamburger Verständlichkeitsmodell und Lesbarkeitsformeln prüfen Sie Entwürfe, Sprachmodelle nehmen Ihnen Routinearbeit ab. Unverwechselbar werden Ihre Texte aber durch die Teile, die keine Formel misst und kein Modell aus Ihrem Alltag kennt: Ihre Beispiele, Ihre Zahlen, Ihr Urteil.
Fangen Sie mit dem nächsten Text an, den Sie ohnehin schreiben müssen.
FAQ

Wie kann ich meinen Schreibstil verbessern?
Schreiben Sie klare Sätze in wechselnder Länge, lösen Sie Substantive auf -ung in Verben auf und streichen Sie Füllwörter. Lesen Sie Ihre Texte laut, um den Rhythmus zu prüfen, und holen Sie sich regelmäßig Rückmeldung von anderen Lesern. Übungen wie das Kürzen eines Textes auf die Hälfte oder das Schreiben in verschiedenen Tonlagen schärfen den Blick.
Was versteht man unter Schreibstil?
Schreibstil ist die Art, wie ein Text verfasst ist: Wortwahl, Satzbau, Gliederung, Rhythmus und Ton. Grammatik und Rechtschreibung bilden die Grundlage, der Stil entsteht aus den Entscheidungen, die darüber hinausgehen. Zwei Texte mit gleichem Inhalt können dadurch völlig verschieden wirken.
Was ist ein guter Schreibstil?
Ein guter Schreibstil ist verständlich und passt zu Thema, Zielgruppe und Medium. Das Hamburger Verständlichkeitsmodell nennt vier Merkmale: Einfachheit, Gliederung und Ordnung, Kürze und Prägnanz sowie anregende Zusätze. Je nach Anlass darf ein guter Stil sachlich, unterhaltsam oder emotional sein.
Was ist das Hamburger Verständlichkeitsmodell?
Inghard Langer, Friedemann Schulz von Thun und Reinhard Tausch haben das Modell 1974 im Buch „Sich verständlich ausdrücken“ vorgestellt. Nach dem Konzept bewerten Leser Sachtexte in vier Dimensionen auf einer fünfstufigen Skala: Einfachheit, Gliederung und Ordnung, Kürze und Prägnanz sowie anregende Zusätze. Als wichtigstes Merkmal gilt die Einfachheit.
Wie misst man die Lesbarkeit eines Textes?
Die Lesbarkeit messen Sie mit Formeln wie der Flesch-Formel oder dem LIX. Die deutsche Flesch-Formel nach Toni Amstad lautet 180 minus durchschnittliche Satzlänge minus 58,5 mal durchschnittliche Silbenzahl pro Wort, höhere Werte bedeuten leichtere Texte. Der LIX addiert Satzlänge und Anteil langer Wörter, hier stehen höhere Werte für schwerere Texte. Beide Formeln messen nur die Oberfläche, nicht den Inhalt.
Erkennt man KI-generierte Texte am Schreibstil?
Am Stil allein lässt sich die KI-Herkunft eines Textes nur eingeschränkt erkennen. Eine Studie mit mehr als 15 Millionen biomedizinischen Zusammenfassungen zeigt, dass Stilwörter wie „delves“ seit dem Aufkommen der Sprachmodelle deutlich häufiger auftauchen. Solche Muster lassen sich über große Textmengen hinweg nachweisen, ein einzelner Text lässt sich damit aber nicht sicher zuordnen. Typische Hinweise sind austauschbare Floskeln, fehlende eigene Beispiele und gleichförmige Sätze.
Quellen
14 Quellen anzeigenQuellen ausblendenabgerufen am 12.10.2026
- Benedikt LutzModelle für die verständliche Fachkommunikation, trans-kom 10 [3] (2017), S. 284–314
- Universität Wien, Julia BrandtWie wird mein Text leicht verständlich? Anregungen des Hamburger Verständlichkeitsmodells
- Universität Hamburg, Heike ZinsmeisterSyntaktische Komplexität: Lesbarkeitsindizes
- MicrosoftAbrufen der Lesbarkeits- und Niveaustatistiken Ihres Dokuments
- Nielsen Norman Group, Jakob NielsenHow Little Do Users Read?
- Nielsen Norman Group, Kate MoranThe Four Dimensions of Tone of Voice
- MailchimpContent Style Guide: Voice and Tone
- The Orwell FoundationGeorge Orwell: Politics and the English Language
- Project GutenbergWilliam Strunk: The Elements of Style
- Hemingways WeltErnest Hemingway: 10 Tipps für gutes Schreiben
- Science Advances, Anil R. Doshi und Oliver P. HauserGenerative AI enhances individual creativity but reduces the collective diversity of novel content
- Science Advances, Dmitry Kobak u. a.Delving into LLM-assisted writing in biomedical publications through excess vocabulary
- Google Search CentralGoogle Search’s guidance about AI-generated content
- Europäische UnionVerordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung), Artikel 50

3 Kommentare
Prima Artikel!
Bitte auch daran denken, die in einem Satz zusammengefügten unsinnigen Füllwörter „Ja … ich sag mal … halt … sozusagen!“ zu vermeiden! 😉
Mehr dazu hier: https://wiemkes.de/projekte/sprachmarotten-fuellwoerter.html
Machen wir, sozusagen 🤓.
Gute Artikel zu schreiben is schon eine kunst Art. Da muss man nicht nur auf artikulierung achten, sondern auch darauf das es von anfang bis zum ende den leser dran hallt. Es darf weder zu lang noch zu kurz. Das wichtigste ist aber immer noch das man am ende noch spass am schreiben hat. Wenn man selbst kein spass hat wird der leser auch schnell gelangweilt und hort auf zu lesen.