Die Open-Source-Community rund um Grafana wuchs jahrelang fast von selbst, dann brach der Zustrom neuer Mitwirkender in einem einzigen Quartal um 27 Prozent ein. Die Zahl stammt von David Allen, der beim Monitoring-Anbieter die Developer Relations verantwortet und sie auf der FOSDEM 2026 in Brüssel vorlegte. Hinter dem Einbruch steckt kein Messfehler, sondern eine Verschiebung, die viele Projekte gerade erfasst. Fragen, die früher öffentlich im Forum oder auf Stack Overflow landeten, gehen heute direkt an ein Sprachmodell.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Bei Grafana ging der Zustrom neuer Community-Mitglieder in einem Quartal um 27 Prozent zurück, während die Nutzerzahl weiter stieg.
- Eine Studie in PNAS Nexus misst nach dem ChatGPT-Start einen Rückgang der englischsprachigen Stack-Overflow-Aktivität um 25 Prozent gegenüber Kontrollgruppen.
- Mara Averick vom Projekt stdlib beschreibt den Kern: Neulinge lösen ihr Problem mit KI, bleiben für das Projekt aber unsichtbar.
- Maintainer bekommen mehr Beiträge, verlieren aber den Kontakt zu den Menschen dahinter.
Warum war die öffentliche Frage so wertvoll?

Die erste öffentlich gestellte Frage war lange mehr als eine Bitte um Hilfe. Diese Frage machte einen Neuling sichtbar und gab erfahrenen Mitgliedern die Gelegenheit, zu antworten und ihn hereinzuholen. Mara Averick, Developer Advocate bei Quansight und Contributor-Lead beim JavaScript-Projekt stdlib, beschreibt diesen Mechanismus in ihrem Essay über den unsichtbaren Newcomer. Dahinter steht ein Modell konzentrischer Ringe: Vom Besucher am Rand zum tragenden Mitglied führt ein sichtbarer Pfad, und dieser Pfad funktioniert nur, wenn beide Seiten einander sehen.
Genau diese Sichtbarkeit verschwindet, wenn die KI die erste Hürde übernimmt. Der Neuling kommt schneller voran, kennt das Projekt aber nur noch als Abhängigkeit, nicht als Gemeinschaft. Das Projekt wiederum erfährt nie, dass dieser Mensch überhaupt existiert.
Wie groß ist der Effekt wirklich?

Eine 2024 in PNAS Nexus veröffentlichte Untersuchung liefert einen sauberen Beleg. Die Forscher verglichen die englischsprachige Aktivität auf Stack Overflow mit russisch- und chinesischsprachigen Foren, in denen ChatGPT nicht verfügbar war. Innerhalb von sechs Monaten nach dem Start fiel die englischsprachige Aktivität um 25 Prozent gegenüber diesen Kontrollgruppen, und die Autoren nennen das ausdrücklich eine Untergrenze. Der Rückgang traf nicht nur Anfänger, sondern auch erfahrene Nutzer.
Maintainer großer Projekte berichten parallel von der anderen Seite desselben Effekts. Beim Werkzeug curl und beim Smart-Home-System Home Assistant kommen Beiträge inzwischen schneller herein, als ein Mensch sie prüfen kann. Die Mitwirkenden werden durch KI verstärkt, der Flaschenhals bleibt die Verifikation durch wenige Maintainer. Wie schwer maschinell erzeugter Code wirklich review-fähig ist, zeigt auch der Benchmark FrontierCode.
Ein Projekt, das seine Neulinge nur noch als Download-Statistik kennt, verliert über die Jahre die Leute, die es morgen tragen. Sichtbarkeit war nie ein Nebeneffekt, sie war das eigentliche Kapital.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was deutsche Teams jetzt tun sollten

Averick hält die Entwicklung für gestaltbar. Communities, die das überstehen, ordnen sich um Beziehungen und eine erzählbare Geschichte, nicht um Werkzeuge. Praktisch heißt das für Unternehmen mit eigenen Open-Source-Projekten zweierlei. Zunächst sollten sie einen Nachweis echten Engagements einfordern, etwa die Teilnahme an einem Call oder eine kleine übernommene Aufgabe, weil oberflächliche Beiträge heute fast kostenlos entstehen. Parallel muss die Einladung aktiv ausgesprochen werden, von einer Person mit Standing und an einen konkreten Menschen gerichtet. Wer auf Sprachmodelle als Baustein setzt, findet im LLM-Ratgeber die Grundlagen, und auch das KI-Prototyping verschiebt die Rolle der Entwickler in dieselbe Richtung.
Für deutsche Mittelständler, die auf quelloffene Software bauen, lohnt der nüchterne Blick auf die eigene Abhängigkeit. Ein Projekt ohne sichtbaren Nachwuchs an Mitwirkenden ist ein Risiko in der Lieferkette, lange bevor es im Dashboard auffällt.