US-Exportkontrollen sollen Chinas Militär von westlicher Spitzentechnik fernhalten. Bei KI-Modellen aber bleibt die Sperre löchrig. Eine Recherche der Financial Times[1] belegt, dass Alibaba, Baidu und Tencent die Spitzenmodelle von OpenAI und Google über Singapur legal beziehen. Alle drei Konzerne führt das Pentagon auf einer Liste mutmaßlich militärnaher Firmen.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Alibaba, Baidu und Tencent nutzen US-Spitzenmodelle über Töchter in Singapur, obwohl das Pentagon die Mutterkonzerne als militärnah einstuft.
  • Der Handel bleibt legal, weil die US-Kontrollen benannte Firmen und Länder sperren, nicht die Technologie selbst.
  • Anthropic verweigert chinesischen Firmen und deren Auslandstöchtern den Zugang und hat dem Kongress 25.000 gefälschte Alibaba-Konten gemeldet.
  • Für deutsche Unternehmen rücken die EU-Dual-Use-Verordnung und die Frage nach dem wahren Endnutzer in den Vordergrund.

Wie kommen Chinas gelistete Konzerne an die US-Modelle?

Große, versiegelte Eisentür neben kleiner Tür mit Aktenkoffer und Umleitungsschild nach Singapur
Drei Konzerne nutzen in Singapur registrierte Töchter, um für Festland gesperrte KI-Modelle von OpenAI und Google über Umwege zugänglich zu machen

Die drei Konzerne betreiben in Singapur registrierte Töchter, die als eigene Rechtsperson die Dienste von OpenAI und Google einkaufen. Für das Festland gesperrte Modelle werden über diese Umleitung erreichbar, weil Singapur auf keiner Sperrliste steht.

Der Umweg funktioniert, weil eine gesperrte Muttergesellschaft im Ausland eine rechtlich eigenständige Tochter gründet. Auf dem Papier kauft dann eine Firma aus Singapur ein, nicht ein Konzern aus Peking.

Im Zentrum steht die Distillation: Ein führendes Modell erzeugt Antworten, mit denen ein Konkurrent sein eigenes System trainiert. Genau diese Abkürzung wollen die US-Anbieter verhindern.

Die US-Exportkontrollen zielen auf benannte Firmen und Länder, nicht auf die KI-Technologie selbst. Eine gelistete Mutter gründet eine Tochter außerhalb Chinas, und aus dem gesperrten Konzern wird auf dem Papier ein zulässiger Kunde.

Das Pentagon führt Alibaba, Baidu und Tencent auf der sogenannten 1260H-Liste, die Unternehmen mit mutmaßlichen Verbindungen zum chinesischen Militär bündelt. Alibaba hat die Einstufung vor Gericht als willkürlich angegriffen.

Die drei US-Anbieter reagieren unterschiedlich. OpenAI erlaubt einzelnen Firmen in chinesischem Besitz den Zugang dort, wo sich Schutzmaßnahmen durchsetzen und Distillation überwachen lassen, ähnlich dem kontrollierten Marktstart von GPT-5.6. Google verweist auf seine Nutzungsbedingungen, räumt aber ein, dass Geo-Sperren allein zu leicht zu umgehen sind.

Anthropic fährt die härteste Linie und sperrt chinesische Firmen samt Auslandstöchtern. Dem Kongress hat das Unternehmen gemeldet, Alibaba habe mit 25.000 gefälschten Konten mehr als 28,8 Millionen Anfragen an Claude gestellt.

Bei Chips greifen die US-Kontrollen seit Jahren, bei Modellen bislang nicht. Der Fall befeuert deshalb die Debatte, die Software-Ausfuhr ähnlich streng zu regeln.

Nicht die Rechenzentren entscheiden über den KI-Vorsprung, sondern die Frage, wer am Ende der Leitung sitzt. Eine Briefkastentochter in Singapur hebelt Kontrollen aus, die auf Landkarten statt auf Endnutzer schauen.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Das Singapur-Schlupfloch
Wie Chinas gelistete Tech-Konzerne legal an US-KI-Modelle kommen
3 von 3
Alibaba, Baidu und Tencent stehen auf der Pentagon-Liste 1260H
25.000
gefälschte Konten, mit denen Alibaba laut Anthropic Claude nutzte
28,8 Mio.
Anfragen an Claude, die über diese Konten liefen

Der Weg um die Sperre

Schritt 1
Festland gesperrt
Der Direktzugang aus China ist für die Spitzenmodelle blockiert.
Schritt 2
Tochter in Singapur
Eine eigenständige Rechtsperson kauft die Dienste dort ein.
Schritt 3
Zugang legal
Singapur steht auf keiner Sperrliste, der Handel ist erlaubt.

Drei Anbieter, drei Haltungen

OpenAI
Erlaubt einzelnen China-Firmen den Zugang dort, wo sich Schutzmaßnahmen durchsetzen lassen.
Google
Bietet die Dienste in Hongkong und Singapur an, räumt die Grenzen der Geo-Sperren aber ein.
Anthropic
Bannt chinesische Firmen und deren Auslandstöchter und meldete den Missbrauch dem Kongress.

Was bedeutet das für deutsche KI-Nutzer?

Die EU regelt mit ihrer Dual-Use-Verordnung auch die Ausfuhr von Software und Technologie. Deutsche Firmen mit China-Bezug sollten ihre Endnutzer prüfen, Sanktionslisten abgleichen und die Distillation-Verbote in den Nutzungsbedingungen ernst nehmen.

Auch in Europa bleibt der Zugang zu Modellen über die Cloud eine Grauzone, weil die Verordnung eher auf klassische Güter zugeschnitten ist als auf einen API-Schlüssel. Verantwortlich bleibt am Ende, wer den Zugang bereitstellt, nicht die Plattform dahinter. Ein ähnliches Muster zeigt sich, wenn die EU chinesische Übernahmen prüft.

Konkret heißt das für Entscheider: Vertragspartner und deren Eigentümer prüfen, bei Auslandstöchtern genauer hinsehen. Jeder Zugang gehört nachvollziehbar dokumentiert. Der Fall OpenAI und Google zeigt, dass eine saubere Rechtsform allein noch nichts über den tatsächlichen Nutzer aussagt.

Quelle

[1] Financial Times: „OpenAI and Google sell AI models to blacklisted China groups“ (10. Juli 2026, Paywall) Financial Times

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