Der Europäische Rechnungshof hat die EU-Strategie für kritische Rohstoffe geprüft und kommt zu einem ernüchternden Urteil. Die Ziele bis 2030 stehen, doch die Grundlage darunter wackelt. Für die Industrie in Deutschland und Österreich wächst damit ein Versorgungsrisiko, das sich nicht kurzfristig auflösen lässt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenKritische Rohstoffe für die Energiewende stammen überwiegend aus wenigen Ländern, und die EU hat darauf bislang keine belastbare Antwort. Der Sonderbericht 04/2026 des Europäischen Rechnungshofs trägt den Titel „Keine solide Strategie vorhanden“ und benennt die Lücken offen. China deckt 97 Prozent des in der EU benötigten Magnesiums, die Türkei 99 Prozent des Bors.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Rechnungshof prüfte, ob die EU eine sichere Versorgung mit kritischen Rohstoffen für die Energiewende sicherstellt, und verneint das.
- 26 der 34 kritischen und 15 der 17 strategischen Rohstoffe gelten als relevant für die Energiewende.
- Bei der Verarbeitung von Lithium, Magnesium, Gallium und Seltenerdmetallen stammt mehr als die Hälfte der EU-Versorgung aus einem einzigen Drittland.
- Viele als strategisch eingestufte Projekte dürften bis 2030 kaum zur Versorgungssicherheit beitragen.
Was wirft der Rechnungshof der EU konkret vor?

Die Verordnung zu kritischen Rohstoffen setzt für 2030 klare Marken. 10 Prozent der strategischen Rohstoffe sollen in der EU gefördert, 40 Prozent verarbeitet und 25 Prozent recycelt werden. Der Rechnungshof hält diese Ziele für nicht hinreichend begründet. Eine Methodik, die den Beitrag einzelner Rohstoffe gewichtet, fehlt ebenso wie ein klarer Bezug zu den EU-Zielen für erneuerbare Energien.
Auch die Datenbasis überzeugt die Prüfer nicht. Schwächen bei den Handelsdaten und bei den Nachfrageprognosen mindern die Zuverlässigkeit der Listen kritischer und strategischer Rohstoffe. Die Bemühungen um eine Diversifizierung der Einfuhren haben laut Bericht noch zu keinem messbaren Ergebnis geführt, weil Fahrpläne fehlen oder sich verzögern.
Brüssel hat mit dem Rohstoffgesetz die richtige Diagnose gestellt und sich danach selbst kein Rezept verschrieben. Ziele ohne belastbare Datenbasis verwalten die Abhängigkeit, statt sie abzubauen.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet das für deutsche Unternehmen?

Für Betriebe in Deutschland und Österreich zählt vor allem die Verarbeitungsstufe, und dort sitzt die Abhängigkeit am tiefsten. Bei Lithium, Magnesium, Gallium und Seltenerdmetallen überschreitet die EU-Versorgung aus einem einzigen Land die kritische Schwelle von 65 Prozent. Wie eng die Magnetlieferketten an China hängen, zeigt der Blick auf die Seltenen Erden und den mühsamen Aufbau heimischer Kapazitäten.
Der Ausbau eigener Förderung und Verarbeitung kommt nur langsam voran. Langwierige Genehmigungsverfahren bremsen Projekte aus, und die Finanzierung läuft erst an. Selbst die als strategisch eingestuften Vorhaben tragen nach Einschätzung des Rechnungshofs bis 2030 nur begrenzt zur Versorgungssicherheit der EU bei.
Sinnvoll ist jetzt ein nüchterner Blick auf die eigene Lieferkette. Prüfen Sie, welche Vorprodukte an kritischen Rohstoffen hängen und ob sich Bezugsquellen oder Recyclinganteile verbreitern lassen. Die Kommission hat bis 2027 Zeit zum Nachbessern, doch die Risiken liegen schon heute auf dem Tisch.