KI-generierte Filme laufen in China nicht mehr als Kurzexperiment, sondern als abendfüllender Spielfilm mit offizieller Sendelizenz. Der Streaming-Konzern iQIYI veröffentlichte Ende Juli den ersten vollständig KI-produzierten Webspielfilm des Landes exklusiv, ohne einen einzigen Schauspieler vor der Kamera. Ein Team von rund 30 Leuten stellte ihn in vier Monaten fertig.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Der Film läuft über 60 Minuten und erhielt als erster KI-Langfilm die reguläre Sendelizenz der chinesischen Medienaufsicht
- iQIYI produziert die Filme nicht selbst. Die Plattform Nadou Pro stellt Rechenleistung und eine lizenzierte Schauspieler-Bibliothek bereit, an der Auswertung verdient iQIYI mit
- Die Kostenstruktur kippt: Auf die Rechenleistung entfallen weniger als 20 Prozent, auf die kreative Arbeit die Hälfte
- Ab 2. August greift die EU-Transparenzpflicht nach Artikel 50 der KI-Verordnung, bei fehlender Kennzeichnung drohen bis zu 15 Millionen Euro Bußgeld
Wie entsteht ein Spielfilm ganz ohne Schauspieler?

Kein Mensch vor der Kamera: Der Fantasyfilm mit dem Titel „Qi Tan: Zhi Ren Du Huang Xu“ entstand vollständig am Rechner, alle Szenen und über 200 Figuren- und Bildwelten schöpfte das Team aus klassischen Sagensammlungen wie dem „Shan Hai Jing“.[1] Anders als frühere KI-Clips durchlief der Titel das komplette Genehmigungsverfahren der chinesischen Medienaufsicht und bekam eine reguläre Sendelizenz.
Vier Monate lagen zwischen Produktionsstart und Veröffentlichung, das Drehbuch stand Ende 2025, die Produktion lief von Februar bis Juni 2026. Zwei Fortsetzungen sind bereits in Arbeit. Eine klassische Realproduktion hätte für denselben Umfang ein Vielfaches an Zeit, Personal und Budget verlangt.
Warum wird iQIYI zum Maut-Einnehmer?
Maut statt Produktion: iQIYI trainiert keine eigenen Bildmodelle. Über die Plattform Nadou Pro bündelt der Konzern fremde Video-KI von ByteDance und Alibaba, dazu kommen Rechenleistung und eine lizenzierte Bibliothek aus digitalen Doppelgängern echter Schauspieler.[2] Studios, die 2026 einen KI-Titel dort veröffentlichen, erhalten einen Umsatzbonus von 20 Prozent obendrauf.
Kostenstruktur kippt: Beim ersten lizenzierten Film entfiel auf die kreative Arbeit die Hälfte des Budgets, auf die Rechenleistung dagegen weniger als ein Fünftel. Die neuen chinesischen Video-KI-Modelle machen diese Verschiebung möglich, ihre Preise fallen seit Monaten. Der technische Aufwand schrumpft, der Engpass verschiebt sich zur Idee.
KI-generierte Filme verschieben die Kosten eines Studios von der Technik zur Idee. iQIYI verkauft deshalb nicht mehr nur Inhalte, sondern die Maut auf ihre Produktion.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet das für Europa?
Kennzeichnungspflicht trifft das KI-Kino sofort. Seit dem 2. August verlangt Artikel 50 der KI-Verordnung, dass KI-erzeugte Bild- und Toninhalte maschinenlesbar als solche erkennbar sind, per Wasserzeichen oder Metadaten.[3] Ein Film ganz ohne reale Aufnahme fällt eindeutig darunter, bei Verstößen drohen bis zu 15 Millionen Euro oder 3 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Rechte am Gesicht werden zur zweiten Baustelle. iQIYIs Bibliothek speist sich aus digitalen Doppelgängern von über 100 Schauspielern, die ihr Einverständnis gegeben haben; in Europa rührt dieselbe Praxis an Persönlichkeitsrechte und die Frage, wem ein synthetisches Gesicht gehört. Die gesamte KI-Branche ringt gerade um belastbare Antworten.
Prüfen sollten Entscheider vor allem zweierlei. Erzeugt ein eingekauftes KI-Werkzeug die Kennzeichnung nach Artikel 50 selbst, oder muss die eigene Produktion nachrüsten? Und hält die eigene Kalkulation stand, sobald asiatische Studios abendfüllende Titel zu einem Bruchteil der bisherigen Kosten liefern?
Quellen
[1] 放日经济新闻 / NBD: „iQIYI baut die Bühne, der KI-Langfilm kommt auf den Tisch“
[2] 新浪财经 / Sina Finance: „iQIYI stellt Nadou Pro vor, den ersten professionellen Produktions-Agenten für Film und Serie“
[3] Europäische Kommission: „Guidelines on transparency obligations for AI-generated content (Art. 50 KI-Verordnung)“