Was würde ein guter König mit der kranken Deutschland AG machen?
4. Mai 2026
Reading Time: 20 minutes

Was würde ein guter König mit der kranken Deutschland AG machen?

Markus Seyfferth

Markus Seyfferth

Autor Dr. Web

Ein guter König wäre kein Elon Musk, der mit der Kettensäge durch die Behördenflure rasselt und auf X posiert. Ein guter König wäre ein nüchterner Rechner mit zwölf Ökonomen am Tisch. Genau diese Vorstellung legt offen, wie viel Reform in diesem Land technisch möglich wäre, sofern niemand Wahltermine fürchten müsste.

Stellen Sie sich den Morgen vor. 84 Millionen Deutsche wachen auf, der Bundestag ist aufgelöst, die Parteien stehen weiter im Vereinsregister, sind aber faktisch entmachtet. Im Berliner Schloss sitzt ein Mann mit Brille, einem Aktenstapel und einem absolutistischen Mandat, das er sich selbst nicht ausgesucht hat. Um ihn herum: zwölf Stühle, besetzt mit Köpfen aus Forschungsinstituten, Werkshallen und Vorstandsetagen. Kein Berufspolitiker, kein Lobbyist. Das Kabinett der Fähigen ist einberufen.

Was würde dieser König tun? Welche Hebel würde er bewegen, sobald ihn weder die nächste Wahl noch ein Parteitag bremsen kann? Und vor allem: Welche Reformen schlummern in den Studien renommierter Wirtschaftsforschungsinstitute längst durchgerechnet, scheitern aber an einer Demokratie, die sich selbst blockiert? Wir denken das Szenario konsequent zu Ende. Faktenbasiert. Mit Zahlen. Und mit einer Pointe am Ende, die unbequemer wird als das Gedankenexperiment selbst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Sachverständigenrat prognostiziert für 2026 ein Wachstum von nur 0,9 Prozent. Ein Drittel davon stammt aus einem Kalendereffekt, weil zwei Feiertage auf Wochenenden fallen.
  • Die deutsche Wirtschaft trägt jährlich rund 64 Milliarden Euro an Bürokratiekosten. Das übersteigt den Verteidigungshaushalt vor der Zeitenwende.
  • Beim Glasfaserausbau erreicht Deutschland mit 52,8 Prozent Abdeckung im EU-Vergleich weiterhin nur den Status eines Aufholers. Der EU-Schnitt liegt bei 74,6 Prozent (FTTH Council 2025).
  • Modellrechnungen von ifo, IW und DIW deuten auf ein nachhaltiges Wachstumspotenzial von 2,0 bis 2,5 Prozent jährlich hin, sofern Strukturreformen konsequent durchgezogen werden.

Welche erste Amtshandlung würde alles entscheiden?

Ordnerstapel mit Aufschrift „REFORMAKTE“, darauf eine goldene Krone, daneben ein Stift
Monarch unterzeichnet Dekret, das alle Berichts- und Dokumentationspflichten der letzten zehn Jahre aussetzt und pauschal für Überprüfung ausgesetzt wird

Unspektakulär…

Der Monarch unterzeichnet ein Dekret, das sämtliche Berichts- und Dokumentationspflichten der vergangenen zehn Jahre per Stichtag aussetzt. Pauschal. Was nach Anfang 2016 als bürokratische Auflage hinzukam, gilt erstmal nicht mehr, bis das Kabinett jede einzelne Vorschrift auf ihren tatsächlichen Nutzen prüft. Das ist keine wilde Kettensägen-Aktion mit grölendem Ministerdarsteller auf X. Das ist der nüchtern verwaltete Kassensturz, den der Sachverständigenrat in seinem Frühjahrsgutachten 2025 ausdrücklich empfohlen hat.

Der Normenkontrollrat beziffert die jährliche Bürokratiebelastung der deutschen Wirtschaft auf rund 64 Milliarden Euro. Geld, das in Aktenordnern und Excel-Listen versickert, statt in Maschinen, Forschung oder Löhne zu fließen. Der gute König würde diese Last nicht reduzieren wollen. Er würde sie abschalten, im ersten Schritt um mindestens 40 Prozent. Sofort. Per Dekret.

Die zweite Amtshandlung wäre genauso undramatisch und genauso wirkmächtig. Die Schriftformerfordernis fällt flächendeckend. Jede behördliche Interaktion, die heute einen ausgedruckten Antrag mit Unterschrift verlangt, wird auf Knopfdruck digitalisiert. Estland macht das seit 25 Jahren vor. Bürger dort beantragen ihren Führerschein per Smartphone. Im Index der digitalen Verwaltung der EU-Kommission landet Deutschland auf Rang 21 von 27 Mitgliedstaaten. Der König weiß das. Sein Berater vom Fraunhofer-Institut hat es ihm in einer halben Stunde erklärt. Also wird gemacht.

Wie funktioniert eine echte Steuerreform in 90 Tagen?

Steuerformular 2026 neben hohen Bücherstapeln mit dem Schild
Eine DIN-A4-Seite gegen 200 Steuergesetze. Der Größenunterschied erzählt die ganze Reform.

Das deutsche Steuerrecht umfasst geschätzt 96.000 Vorschriften, verteilt auf rund 200 Einzelgesetze. Ein Steuerberater verbringt einen erheblichen Teil seines Berufslebens damit, Ausnahmen von Ausnahmen zu prüfen, die oft nur entstanden sind, weil eine bestimmte Branche bei einer bestimmten Wahl bestimmte Kreuze gemacht hat.

Dieses System lässt sich nicht reformieren, sondern müsste von Grund auf neu gedacht werden.

Genau das tut der gute König. Er beruft den Tübinger Verfassungsrechtler und Steuerprofessor seines Vertrauens, gibt ihm 90 Tage Zeit und einen klaren Auftrag. Ein Einkommensteuerrecht auf einer DIN-A4-Seite. Drei flache Tarifstufen, ein hoher Grundfreibetrag, eine konsequente Abgeltungsbesteuerung von Kapitalerträgen. Der Steuerbescheid passt am Ende auf eine Postkarte.

Die Vision klingt nach Bierdeckel-Witz, ist aber technisch machbar, sofern man bereit ist, rund 800 Subventionstatbestände, Sonderabschreibungen und Ausnahmen ersatzlos zu streichen. Genau diese Bereitschaft fehlt einer parlamentarischen Demokratie chronisch, weil hinter jedem Tatbestand eine Lobbygruppe mit Wahlkampfspende steht. Der König hat keine nächste Wahl. Er kann.

Die Unternehmensteuer wird auf 25 Prozent gedeckelt, was Deutschland schlagartig vom Schlusslicht zum Mittelfeld der Industrieländer befördert. Die Gewerbesteuer fällt weg, dafür erhalten die Kommunen einen festen Anteil an der Lohnsteuer ihrer Bürger. Ein Modell, das der Sachverständigenrat in seiner Wachstumsagenda explizit als prüfenswert einstuft.

BereichStatus quo 2026Reform durch das Kabinett der Fähigen
Einkommensteuermehrere Tarifzonen, Dutzende Sonderregelndrei Tarifstufen, eine Seite Gesetz
Unternehmensteuerrund 30 Prozent Gesamtbelastungflat 25 Prozent, kein Soli
Gewerbesteuerkommunale Hebesätze 200 bis 900 Prozentabgeschafft, ersetzt durch Lohnsteuer-Anteil
Steuerformularemehrseitige Mantelbögen plus Anlagendigitale Vorausfüllung, eine Bestätigung
Subventionstatbeständeüber 800 dokumentierte Ausnahmenrund 30 zweckgebundene Förderprogramme
Status quo gegen Kabinett der Fähigen

Fünf Reformhebel im direkten Vergleich

Status quo 2026
Bürokratiekosten
64 Mrd. € pro Jahr
BIP-Wachstum
0,9 Prozent (mit Kalendereffekt)
Industriestrompreis
Doppelt EU-Schnitt
Glasfaser-Abdeckung
52,8 Prozent (EU-Aufholer)
Renteneintrittsalter
Starr 67 Jahre
Subventionstatbestände
Über 800 Ausnahmen
Kabinett der Fähigen
Bürokratiekosten
Rund 25 Mrd. € pro Jahr
BIP-Wachstum
2,2 Prozent nachhaltig
Industriestrompreis
EU-Mittelfeld
Glasfaser-Abdeckung
95 Prozent flächendeckend
Renteneintrittsalter
Dynamisch an Lebenserwartung
Subventionstatbestände
Rund 30 zweckgebundene Förderprogramme
Takeaway

Wachstumspotenzial verdoppelt bis verdreifacht, Bürokratie um 61 Prozent reduziert

Welche heiligen Kühe würde der König schlachten?

Sanduhr mit Beschriftungen, Entchen und Textschild auf weißem Grund
Eine Sanduhr, deren oberes Glas mit dem Wort Lebenserwartung beschriftet ist. Demografie kennt kein Pardon.

Der Monarch weiß, dass er hier keine Verbündeten gewinnt. Sein Mandat ist die Vernunft, nicht die nächste Umfrage. Also setzt er sich an die heiligste aller deutschen Institutionen: das Rentensystem.

Die Demografie kennt kein Pardon. Bis 2035 verlassen netto rund sieben Millionen Babyboomer den Arbeitsmarkt, während nur etwa fünf Millionen Junge nachrücken. Der Generationenvertrag aus den 1950er Jahren kollabiert nicht morgen, aber übermorgen ziemlich sicher. Die Maßnahme des Kabinetts der Fähigen ist hart, aber rechnerisch zwingend. Das Renteneintrittsalter wird ab dem Folgejahr an die statistische Lebenserwartung gekoppelt. Steigt die Lebenserwartung um zwei Jahre, steigt das Eintrittsalter um anderthalb Jahre.

Diese Formel ist keine Erfindung. Schweden, Dänemark und die Niederlande wenden den Mechanismus seit Jahren produktiv an. Die deutsche Politik diskutiert die Kopplung seit 2007 und verweigert die Umsetzung, weil jede konkrete Zahl jenseits 67 als unsozial markiert wird. Die strukturellen Probleme der gesetzlichen Rente sind seit Jahrzehnten dokumentiert. Der König braucht den Markierungswettbewerb nicht.

Parallel wird die Aktivrente zur Pflichtoption. Wer nach Erreichen der Regelaltersgrenze weiterarbeitet, zahlt auf zusätzliches Erwerbseinkommen keine Sozialabgaben mehr und einen reduzierten Einkommensteuersatz.

Die Idee ist nicht neu. Die Bundesregierung diskutiert das Konzept 2026 aktiv, allerdings in einer abgeschwächten Form mit Freibetragsobergrenzen. Unter dem absolutistischen Monarchen wird der Vorschlag ohne Verwässerung beschlossen.

Beim Bürgergeld geht der König einen Weg, den Ökonomen seit Jahren empfehlen. Hinzuverdienstgrenzen werden radikal entschärft, sodass das Aufnehmen einer Beschäftigung sich für jeden Empfänger spürbar lohnt. Lehnt jemand eine zumutbare Stelle ohne nachvollziehbaren Grund ab, verliert er die Leistung in zwei klar definierten Stufen.

Das ist keine Sozialromantik, sondern Anreizökonomik. Das Ifo-Institut, das DIW und der Sachverständigenrat haben verschiedene Varianten dieser Reform durchgerechnet, mit volkswirtschaftlichen Effekten zwischen 0,3 und 0,8 Prozentpunkten BIP-Wachstum pro Jahr.

Deutschland diskutiert seit 2007 über die Kopplung der Rente an die Lebenserwartung. Skandinavien hat das längst eingeführt. Der Unterschied ist nicht ökonomische Erkenntnis, sondern politischer Mut. Genau diesen Mut müsste ein gutes Kabinett den Wählern auch ohne Krone abverlangen können.“ — Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web

Wie löst der König das Energiepreis-Problem?

Ein Stecker mit einem Etikett, auf dem „INDUSTRIESTROM 2026“ und zwei Preise stehen
Ein deutscher Stecker, ein Preisschild, eine Botschaft. Industriestrom darf kein Standortrisiko mehr sein.

Industriestrom kostet in Deutschland 2026 ungefähr das Zweieinhalbfache des US-Niveaus. Kein Naturgesetz, sondern eine Ansammlung politischer Entscheidungen, die einzeln immer gut begründet waren. In Summe drängen sie die deutsche Industrie aus dem Markt. Vier von zehn Industriebetrieben planen für 2026 laut IW-Konjunkturumfrage einen Stellenabbau. Das ist die Quittung.

Der gute König handelt auf zwei Zeitachsen. Kurzfristig setzt er die Stromsteuer für die Industrie auf das europäische Mindestmaß von rund 0,05 Cent pro Kilowattstunde, was für viele Mittelständler eine Halbierung der staatlich verursachten Stromkostenanteile bedeutet. Die EEG-Umlage wandert komplett in den Bundeshaushalt. Netzentgelte werden bundesweit vereinheitlicht, sodass ein Werk in Mecklenburg-Vorpommern nicht doppelt so viel zahlt wie eines in Bayern.

Mittelfristig packt er das eigentliche Tabu an. Versorgungssicherheit als Primärziel der Energiepolitik. Konkret bedeutet das den unaufgeregten Weiterbetrieb der noch vorhandenen, technisch einwandfreien Kernkraftwerke, soweit Kühlbecken und Brennelemente das hergeben, parallel zum massiven Ausbau der Erneuerbaren mit drastisch verkürzten Genehmigungsverfahren. Eine Windkraftanlage, deren Standortprüfung heute sieben Jahre dauert, soll in 18 Monaten genehmigt sein. Das geht. Dänemark macht es vor. Der Unterschied ist nicht Technik, sondern Entscheidungsfreude.

Wie wird die Verwaltung in 18 Monaten digital?

Altes Faxgerät und modernes Smartphone mit App nebeneinander auf weißem Grund
Ein Faxgerät als Mahnmal, ein winziger Smartphone-Screen als Versprechen. 25 Jahre Rückstand.

Hier ist deutsche Politik in den vergangenen 25 Jahren am spektakulärsten gescheitert. Wie tief das Versagen bei Bürokratie und Digitalisierung reicht, lässt sich in einer eigenen Inventur nachlesen. Das Onlinezugangsgesetz von 2017 versprach 575 Verwaltungsleistungen digital. Zum Stichtag Ende 2022 waren von diesen Leistungen nur 33 flächendeckend nutzerfreundlich verfügbar. Das De-Mail-Desaster, das ELSTER-Stückwerk und die fortgesetzte Kommunikation deutscher Gesundheitsämter per Faxgerät während einer Pandemie sind keine Pannen. Sie sind das System.

Der gute König packt das anders an. Er beruft eine kleine, schlagkräftige Einheit von höchstens 200 Personen, besetzt mit Code-fähigen Verwaltungsfachleuten und privatwirtschaftlichen IT-Architekten, gibt ihnen ein Gesamtbudget von zehn Milliarden Euro und einen klaren Auftrag. In 18 Monaten sind die 100 wichtigsten Verwaltungsleistungen vollständig digital, einheitlich gestaltet, mit einer einzigen Identifikation für jeden Bürger und auf einer offenen Plattform mit dokumentierter API. Das ist kein Visionsfilm, sondern die Beschreibung dessen, was Estland mit einem winzigen Bruchteil des deutschen Verwaltungshaushalts seit 2001 betreibt.

Die Förderlogik dreht sich um. Bundesländer, die zu langsam liefern, bekommen weniger Zuweisungen aus dem Länderfinanzausgleich. Der Föderalismus wird nicht abgeschafft, aber an Erfolg gekoppelt. Die jeweilige Landesregierung, die lieber an einem eigenen, inkompatiblen IT-System bastelt, finanziert das künftig allein. Die Leitkultur heißt Interoperabilität, nicht regionales Statusdenken. Parallel wird das Beamtenrecht entschlackt. Nicht in Richtung amerikanischer Hire-and-Fire mit der Kettensäge in der Hand, sondern in Richtung dänisches Modell. Kündbare Arbeitsverträge für neue Verwaltungsangestellte, Erhalt der Pensionsansprüche für die bestehenden Belegschaften, leistungsabhängige Boni in einem klar definierten Rahmen.

Welche Bildungsreform würde der König anpacken?

Tafel mit Aufschrift „Zentralabitur“, Haken daneben, sowie ein Globus mit Deutschlandkarte
Ein Globus, eine Schultafel, ein einziges deutsches Abitur. Föderalismus muss nicht 16-mal das Rad neu erfinden.

Das Bildungssystem ist das langfristige Wachstumsproblem Deutschlands. Ohne Köpfe, die Innovationen entwickeln, lässt sich kein Wachstumspotenzial heben. Die Maßnahmen des Kabinetts der Fähigen sind ungewohnt, aber durchgerechnet.

Erstens: Vereinheitlichung der Schulabschlüsse. 16 Bundesländer mit 16 verschiedenen Abituren produzieren ein Mobilitätshindernis, das Volkswirte seit Jahrzehnten bemängeln. Der König dekretiert ein bundesweites Zentralabitur mit identischen Prüfungen und identischen Bewertungsmaßstäben. Der Föderalismus bleibt im Schulalltag erhalten, in der Zertifizierung verschwindet er.

Zweitens: MINT-Offensive mit Geld. Mathematik-, Informatik-, Naturwissenschafts- und Technik-Lehrer bekommen einen MINT-Bonus von 600 Euro brutto pro Monat, finanziert aus dem Bundeshaushalt. Das löst kurzfristig den Lehrkräftemangel in genau den Fächern, die für die wirtschaftliche Zukunft des Landes entscheidend sind.

Die Idee stammt nicht vom König, sondern aus Studien des ifo-Instituts und der Bertelsmann-Stiftung. Umgesetzt wurde der Vorschlag nie, weil die Lehrergewerkschaften eine Spaltung der Belegschaft fürchteten.

Drittens: Hochschul-Drittmittelfreiheit. Universitäten dürfen frei entscheiden, ob sie Forschungsgeld aus der Wirtschaft annehmen, in welcher Höhe und von wem. Die Transparenzpflicht bleibt strikt. Die heute übliche Verzögerung von Industriekooperationen durch monatelange Genehmigungsverfahren entfällt. Die TU München, die ETH Zürich und das MIT verfahren bereits so. Deutschland ist das einzige große Industrieland, das hier auf institutionelles Misstrauen setzt.

Was geschieht mit der Schuldenbremse?

Alte Balkenwaage vergleicht Sparschwein auf Geldbündeln (Investition) mit Kaffeetasse und Scheinen
Eine Goldwaage, zwei klar getrennte Stapel. Investition gehört auf die eine Seite, Konsum auf die andere.

Der Sachverständigenrat hat in seinem Jahresgutachten 2025/26 eine ungewöhnlich scharfe Kritik an der Verwendung des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität geübt. Im Klartext: Die Bundesregierung nutzt das Sondervermögen zur Finanzierung von Konsumausgaben, während sie es als Investitionsboost verkauft. In den Modellrechnungen des Rats steigt die Schuldenstandsquote bis 2040 je nach politischem Kurs auf Werte zwischen 74,9 und 79,9 Prozent des BIP.

Der gute König macht damit Schluss. Sondervermögen dürfen ausschließlich für investive Maßnahmen verwendet werden, definiert nach einem strikten Kriterienkatalog. Brücken, Schienen, Glasfaser, Schulgebäude, Forschungseinrichtungen, militärische Hardware. Konsumtive Ausgaben wie Bürgergeld, Renten oder Personalkosten bleiben strikt im Kernhaushalt und müssen aus laufenden Einnahmen gedeckt sein.

Die Schuldenbremse wird nicht abgeschafft, sondern an eine strikte Investitionsregel gekoppelt. Der Bund darf zusätzliche Schulden aufnehmen, sofern das Geld nachweislich in produktivkapitalbildende Investitionen fließt, deren Rendite über den Zinskosten liegt. Das ist die Goldene Regel der öffentlichen Finanzen, von Ökonomen seit der Nachkriegszeit empfohlen, in Deutschland systematisch umgangen, weil sich Investition und Konsum politisch immer neu definieren lassen. Bei strikt investiver Verwendung bliebe die Schuldenstandsquote unter 75 Prozent, und das Land hätte zusätzlich eine modernisierte Infrastruktur.

Wie behandelt der Monarch die Migrationsfrage?

Holzwegweiser, Schnecke, Reisepass mit Notiz und Sand auf weißem Hintergrund
Drei Wegweiser, drei klar getrennte Migrationspfade. Effizienz statt Ideologie.

Hier gerät das Gedankenexperiment in seinen heikelsten Bereich. Der König hat keine Wählerklientel zu bedienen, weder rechts noch links. Er hat eine demografische Gleichung zu lösen.

Die Gleichung lautet: Deutschland braucht jährlich netto rund 400.000 Erwerbspersonen aus dem Ausland, allein um das aktuelle Erwerbspersonenpotenzial zu stabilisieren.

Diese Zahl stammt nicht aus aktivistischen Kreisen, sondern aus Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung, des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Bekannt ist die Größenordnung seit Jahren. Politisch wird sie entweder verschwiegen oder zerredet, weil sie unbequem ist.

Das Kabinett der Fähigen agiert pragmatisch in zwei Richtungen gleichzeitig. Erstens: drastische Beschleunigung der Fachkräfteeinwanderung. Berufsabschlüsse werden binnen vier Wochen anerkannt, nicht binnen 18 Monaten wie heute oft üblich. Sprachkurse beginnen in den Heimatländern, finanziert aus deutschen Mitteln. Visumsverfahren werden komplett digitalisiert. Sobald ein Beschäftigungsangebot eines deutschen Unternehmens vorliegt, ist die qualifizierte Person binnen sechs Wochen vor Ort. Das ist die kanadische Vorlage, in einer EU-tauglichen Variante.

Zweitens: konsequente Trennung der Migrationspfade. Asyl, humanitäre Aufnahme und Arbeitsmigration werden organisatorisch und rechtlich strikt voneinander entkoppelt. Schutzsuchende bekommen ein zügiges, aber abschließendes Verfahren. Personen ohne Schutzgrund und ohne Qualifikation für die Arbeitsmigrationsschiene verlassen das Land. Das ist die dänische Linie, von einer sozialdemokratisch geführten Regierung umgesetzt, in Deutschland ideologisch blockiert. Der König kennt keine ideologischen Blockaden, er kennt nur Effizienz.

Welche Wirkung hätte das gesamte Paket?

Manometer für „BIP-Wachstum Prozent“ (Anzeige: 2,3), davor ein Gartenzwerg und ein Etikett
Ein Tachometer, der von 0,9 auf 2,2 Prozent springt. Verdoppelung des Wachstumspotenzials.

Die Wirtschaftsforschungsinstitute haben ähnliche Reformpakete in den vergangenen Jahren mehrfach durchgerechnet. Die Effekte sind in Summe dramatisch.

Status-quo-Projektion des Sachverständigenrats: Wachstum von 0,9 Prozent für 2026, gestützt auf vorsichtige Reformen im Rahmen der parlamentarischen Demokratie und einen Kalendereffekt mit zwei Mehrarbeitstagen. Mit dem Komplettpaket des Kabinetts der Fähigen läge das nachhaltige Wachstumspotenzial nach Modellrechnungen des Ifo-Instituts und des IW Köln bei 2,0 bis 2,5 Prozent jährlich, über mindestens fünf Jahre. Das wäre eine Verdoppelung bis Verdreifachung der heutigen Trendrate. Kumuliert über zehn Jahre entspräche das einem zusätzlichen BIP-Volumen in der Größenordnung von 800 bis 1.000 Milliarden Euro. Keine Magie, sondern die Einlösung der Reserven, die das Land seit Jahren ungenutzt liegen lässt.

IndikatorStatus quo 2026Szenario 2026 plus fünf
BIP-Wachstum durchschnittlich0,9 Prozent2,2 Prozent
Bürokratiekosten der Wirtschaft64 Mrd. €rund 25 Mrd. €
Industriestrompreisdoppelt EU-SchnittEU-Mittelfeld
Glasfaser-Abdeckung52,8 Prozent95 Prozent
Anzahl Sozialgesetzeüber 200 Einzelgesetzekonsolidiert in 12 Kodizes
Renteneintrittsalterstarr 67 Jahredynamisch an Lebenserwartung gekoppelt
Schuldenstandsquoteknapp 65 Prozentunter 70 Prozent, fallend
Wachstumshebel mit Wirkung

Was einzelne Reformen zum BIP-Wachstum beitragen könnten

Bürgergeld-Reform mit Anreizlogik+0,3 bis 0,8 Prozentpunkte
Quelle: Ifo, DIW, Sachverständigenrat Modellrechnungen
Bürokratieabbau um 40 Prozent+0,5 bis 0,7 Prozentpunkte
Quelle: Sachverständigenrat Frühjahrsgutachten 2025
Energie- und Steuersenkung für Industrie+0,4 bis 0,6 Prozentpunkte
Quelle: IW Köln, Bundeswirtschaftsministerium
Verwaltungsdigitalisierung nach Estland-Vorbild+0,2 bis 0,4 Prozentpunkte
Quelle: Fraunhofer-Studien zur digitalen Verwaltung
Komplettpaket Kabinett der Fähigen2,0 bis 2,5 Prozent BIP nachhaltig
Quelle: Modellrechnungen Ifo und IW Köln
Takeaway

Kumuliert über zehn Jahre 800 bis 1.000 Mrd. € zusätzliches BIP-Volumen

Was ist die unbequeme Pointe?

Krone mit
Eine Krone auf einer Schublade voller Studien. Der gute König wäre nicht nötig, wenn die Schublade öfter geöffnet würde.

Bis hier liest sich das Szenario wie ein Wunschzettel der Wirtschaftsweisen. Schneller, schlanker, klüger, reicher. Wer wollte da widersprechen?

Aber das Gedankenexperiment hätte keinen Wert ohne ehrliches Zu-Ende-Denken. Ein absolutistischer Monarch, sei er noch so gut, ist eine systemische Gefahr. Nicht weil er heute schlechte Entscheidungen träfe, sondern weil das System keine Korrektur kennt, sobald die Entscheidungen anfangen, schlecht zu werden.

Die parlamentarische Demokratie produziert Mittelmaß, das stimmt. Spitzen nach unten verhindert sie aber auch. Langsam ist das System, weil viele Bremsen eingebaut sind. Diese Bremsen sind nicht nur Hindernisse, sondern Sicherheitssysteme. Friedrich der Große war ein „guter“ König. Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm II. war eine Katastrophe. Das ist die historische Mathematik.

Die eigentliche Lehre dieses Gedankenexperiments lautet deshalb nicht: Lasst uns einen Monarchen einsetzen. Sie lautet: Schauen Sie, wie viel von dem, was hier in 90 Tagen oder 18 Monaten machbar wäre, ökonomisch eigentlich keine Frage des politischen Systems ist, sondern des politischen Willens. Schweden ist eine parlamentarische Demokratie und hat sein Rentensystem reformiert. Estland ist eine parlamentarische Demokratie und hat seine Verwaltung digitalisiert. Dänemark ist eine parlamentarische Demokratie und führt eine pragmatische Migrationspolitik.

Diese Länder hatten keinen guten König, sondern politische Akteure, die bereit waren, kurzfristige Popularität gegen langfristigen Erfolg einzutauschen.

Was Deutschland fehlt, ist also nicht die monarchische Zuspitzung. Was fehlt, ist die demokratische Selbstdisziplin, das Notwendige zu tun, ohne dass eine Krise dazu zwingt.

Die Reformkonzepte sind ausgearbeitet. Durchgerechnet sind sie auch, oft im Konsens der konkurrierenden Institute. Trotzdem schmoren die Papiere seit Jahren unbeachtet in den Schubladen der Ministerien.

Der gute König wäre also gar nicht nötig. Notwendig wären nur Politiker, die so handeln, als hörten sie keinen Lobbyisten zu und müssten keine Wiederwahl bestreiten.

Das ist, in der wahren Pointe, die deprimierendste Erkenntnis dieses Gedankenexperiments. Nicht dass ein guter König das Land retten könnte. Sondern dass die Demokratie sich selbst retten könnte, sofern sie wollte. Und es trotzdem nicht tut.

FAQ: Was würde ein guter König mit der kranken Deutschland AG machen?

Goldene Krone mit Aufschrift
Gedankenexperiment zur Monarchie zeigt blockierte Reformmöglichkeiten in modernen Demokratien trotz wirtschaftlicher Notwendigkeit

Ist das Szenario eines absolutistischen Monarchen historisch realistisch?

Im 21. Jahrhundert ist eine Rückkehr zur Monarchie in einem etablierten demokratischen Industriestaat praktisch ausgeschlossen. Das Gedankenexperiment dient als literarisches Werkzeug, um zu prüfen, welche Reformen politisch blockiert sind, obwohl sie wirtschaftlich geboten wären. Die historische Erfahrung mit absolutistischen Systemen ist gemischt bis negativ.

Welche Reformen aus dem Szenario sind in einer Demokratie umsetzbar?

Praktisch alle. Schweden hat sein Rentensystem reformiert, Estland seine Verwaltung digitalisiert, Dänemark seine Migrationspolitik straffgezogen. Alle drei Länder sind parlamentarische Demokratien. Der entscheidende Faktor ist nicht die Staatsform, sondern die Bereitschaft politischer Akteure, kurzfristige Popularität gegen langfristigen Erfolg einzutauschen.

Wie viel zusätzliches Wachstum würde ein konsequenter Reformkurs bringen?

Modellrechnungen des Ifo-Instituts und des IW Köln deuten auf ein nachhaltiges Wachstumspotenzial von 2,0 bis 2,5 Prozent jährlich über mindestens fünf Jahre hin, gegenüber aktuell rund 0,9 Prozent für 2026. Kumuliert über zehn Jahre entspräche das zusätzlichen BIP-Volumina in der Größenordnung von 800 bis 1.000 Milliarden Euro.

Was wäre die größte Hürde bei einer Steuerreform?

Die rund 800 dokumentierten Subventionstatbestände und Sonderabschreibungen. Hinter jeder Regelung steht eine wirtschaftliche oder politische Interessengruppe, deren Wegfall in der nächsten Wahl Stimmen kosten würde. Genau diese Verflechtung ist es, die ein absolutistischer Herrscher ignorieren könnte und die ein gewählter Politiker fast immer respektiert.

Welche Rolle spielt der Sachverständigenrat in der Realität?

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berät die Bundesregierung seit 1963 unabhängig. Seine Empfehlungen sind regelmäßig durchgerechnet und konsensfähig unter Ökonomen, werden aber politisch nur teilweise umgesetzt. Das Gremium hat beratende, keine entscheidende Funktion.

Warum gelingt anderen europäischen Ländern, was Deutschland nicht schafft?

Skandinavische Länder und die Niederlande haben kleinere Verwaltungseinheiten, kürzere politische Entscheidungswege und eine stärkere Kultur der Konsensbildung über grundlegende Reformfragen. Deutschland leidet unter einem komplexen Föderalismus, einer großen politischen Bandbreite mit hohen Vetokosten und einer ausgeprägten Tradition des Interessenausgleichs, die Reformen verlangsamt.

Quellen

Oranges Fass mit Text und goldene Krone vor weißem Hintergrund
Sachverständigenrat veröffentlicht Jahresgutachten 2025/26 und Frühjahrsreport 2025 zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands
  1. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 2025/26, https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/en/annualreport-2025.html
  2. Sachverständigenrat: Frühjahrsgutachten 2025, https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/en/spring-report-2025.html
  3. Bundeswirtschaftsministerium: Wachstumsagenda für Deutschland, https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Downloads/W/wachstumsagenda-fuer-deutschland.pdf
  4. Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln): Konjunkturprognose 2026, https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/michael-groemling-bip-waechst-2026-um-knapp-ein-prozent.html
  5. Bundesregierung: Übergabe Jahresgutachten Sachverständigenrat 2025/26, https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/uebergabe-jahresgutachten-sachverstaendigenrat-wirtschaft-2393416
  6. DATEV Magazin: Jahreswirtschaftsbericht 2026, https://www.datev-magazin.de/nachrichten-steuern-recht/wirtschaft/jahreswirtschaftsbericht-2026-investitionen-und-reformen-fuer-wirtschaftswachstum-144393
  7. Normenkontrollrat: Jahresbericht 2025, https://www.normenkontrollrat.bund.de
  8. BREKO Marktanalyse 2025: Glasfaserausbau Deutschland, https://www.brekoverband.de
  9. FTTH Council Europe: Market Panorama 2025
  10. Statistisches Bundesamt: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, https://www.destatis.de
  11. Europäische Kommission: Digital Economy and Society Index (DESI), https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/desi
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