Am 10. November 2025 hat Michael Burry, bekannt aus „The Big Short“, einen Vorwurf in den Raum gestellt, der die Wall Street seitdem nicht mehr loslässt: Die größten US-Tech-Konzerne frisieren ihre KI-Gewinne durch einen simplen Buchhaltungstrick. Sie schreiben Nvidia-Chips über fünf oder sechs Jahre ab, obwohl der Produktzyklus bei zwei bis drei Jahren liegt. Sein Schätzwert für die versteckte Lücke 2026 bis 2028: 176 Milliarden Dollar.
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- Burrys Vorwurf: Hyperscaler verlängern die kalkulierte Nutzungsdauer ihrer KI-Server systematisch von drei oder vier auf fünf oder sechs Jahre und blähen damit ausgewiesene Gewinne auf.
- Konkrete Belege: Meta hat zum 01.01.2025 die Nutzungsdauer auf 5,5 Jahre verlängert. Amazon ist als einziger Hyperscaler gegen den Trend von sechs auf fünf Jahre zurückgegangen und hat damit allein in den ersten neun Monaten 2025 einen Mehraufwand von 889 Millionen Dollar verbucht.
- Volumen der Lücke: Burry schätzt die zu niedrig ausgewiesenen Abschreibungen der gesamten Branche zwischen 2026 und 2028 auf 176 Milliarden Dollar, umgerechnet rund 162 Milliarden Euro.
- Konsequenz: Selbst Morgan Stanley warnt inzwischen vor einem Bilanzschock. Sollten die Hyperscaler ehrlich abschreiben müssen, drohen außerplanmäßige Wertberichtigungen in zweistelliger Milliardenhöhe pro Konzern.
- Praktischer Lehrwert: Wer in Tech-Aktien investiert oder als Entscheider in einem mittelständischen Unternehmen die Cloud-Investitionen seiner Lieferanten einschätzen will, sollte ausgewiesenes Net Income und Free Cashflow getrennt analysieren.
Der Mann, der wieder eine Blase wittert

Michael Burry hat 2008 vorhergesagt, was niemand hören wollte. Während die Wall Street auf Hypothekenpapiere setzte, baute der ehemalige Neurologe über seinen Fonds Scion Capital Short-Positionen gegen den US-Häusermarkt auf und verdiente Hunderte Millionen Dollar, als das System zusammenbrach. Michael Lewis machte aus dieser Geschichte das Buch „The Big Short“, Adam McKay den gleichnamigen Film mit Christian Bale in der Hauptrolle.
Im November 2025 meldet sich Burry erneut. Diesmal ohne Hedgefonds-Apparat. Am 10. November hat Scion Asset Management seine Registrierung bei der US-Börsenaufsicht SEC beenden lassen. Das geht aus dem öffentlichen Register hervor, in dem die Firma seit diesem Tag als „Terminated“ gelistet ist. Bloomberg hat die Schließung dokumentiert. Burry selbst kündigte über X den Start eines Substack-Newsletters namens „Cassandra Unchained“ für den 23. November an. Ohne Fonds, ohne Investorengelder, ohne Aufsichtsbehörde. Nur seine Stimme.
Drei Tage vor der Schließung postete Burry auf X den Satz, der die Märkte bewegt hat. Das Original im englischen Wortlaut lautet, dass die Unterbewertung von Abschreibungen durch eine künstliche Verlängerung der Nutzungsdauer von Anlagen die Gewinne steigert und eine der häufigsten Betrugsmethoden unserer Zeit sei. Massiv erhöhte Investitionsausgaben durch den Kauf von Nvidia-Chips und Servern mit einem Produktzyklus von zwei bis drei Jahren dürften nach Burrys Auffassung nicht zu einer Verlängerung der Nutzungsdauer von Rechenanlagen führen. Genau das hätten aber alle Hyperscaler getan.
Wer Burrys Track Record kennt, weiß: Burry hat nicht immer recht. Seine Short-Position gegen Tesla 2021 hat ihn Geld gekostet. Aber wenn der Investor sich öffentlich positioniert, hören Profis hin. Vier Monate nach seinem Post sind die Aktien der von ihm angegriffenen Konzerne unter Druck. Nvidia hat 14 Prozent verloren, Palantir 24 Prozent, der reine GPU-Cloud-Anbieter CoreWeave rund 40 Prozent. Das ist nicht allein Burrys Verdienst, aber der öffentliche Angriff hat den Verkaufsdruck verstärkt.
Wie aus drei Jahren plötzlich sechs werden

Der Vorwurf ist konkret. Burry meint nicht abstrakte Bilanzpolitik, sondern eine ganz bestimmte Zeile in der Buchhaltung jedes Hyperscalers: die geschätzte Nutzungsdauer von Servern und Netzwerktechnik.
Diese Zahl klingt nach einem buchhalterischen Detail. Falsch. Die Nutzungsdauer entscheidet darüber, wie schnell ein Server in der Gewinn- und Verlustrechnung als Aufwand auftaucht. Bei einer Nutzungsdauer von drei Jahren wird ein Server für 30.000 Dollar mit 10.000 Dollar pro Jahr abgeschrieben. Bei sechs Jahren mit 5.000. Die andere Hälfte verschwindet in der nahen Zukunft, der ausgewiesene Gewinn steigt heute um den Differenzbetrag.
Genau diesen Hebel haben die Hyperscaler über die vergangenen Jahre koordiniert in eine Richtung verschoben. Die folgende Tabelle zeigt den Zeitstrahl:
| Konzern | Bis 2022 | 2023 | 2024 | Stand 2025/2026 |
|---|---|---|---|---|
| Alphabet (Google Cloud) | 4 Jahre | auf 6 Jahre | 6 Jahre | 6 Jahre |
| Microsoft (Azure) | 4 Jahre | auf 6 Jahre | 6 Jahre | 6 Jahre (Spanne 2–6 Jahre laut 10-K) |
| Meta (Konzern) | 4–5 Jahre | 4–5 Jahre | 4–5 Jahre | 5,5 Jahre ab 01.01.2025 |
| Amazon AWS | 5 Jahre | 5 Jahre | 6 Jahre (ab Februar 2024) | 5 Jahre ab 01.01.2025 (Rückkehr) |
| Oracle (OCI) | 4 Jahre | 4 Jahre | 5 Jahre | 6 Jahre (ab 2025) |
Das auffälligste Detail in dieser Tabelle ist Amazon. Während die übrigen Hyperscaler die Nutzungsdauer verlängert haben, ist AWS im Januar 2025 zurückgerudert. Im 10-Q-Bericht zum dritten Quartal 2025 begründet Amazon den Schritt selbst: Die kürzeren Nutzungsdauern seien dem beschleunigten Tempo der Technologieentwicklung geschuldet, insbesondere im Bereich künstlicher Intelligenz und maschinellen Lernens. Konzernchef Andy Jassy und Finanzvorstand Brian Olsavsky haben das in ihrem Q4-2024-Earnings-Call eingeräumt: Amazon habe eine Nutzungsdauer-Studie durchgeführt und festgestellt, dass die Nutzungsdauer für einen Teil der Server und Netzwerkkomponenten von sechs auf fünf Jahre zu reduzieren sei.
Olga Usvyatsky, ehemals Vice President for Research bei Audit Analytics, hat den Effekt in Amazons SEC-Einreichungen seziert. Allein in den ersten neun Monaten 2025 hat die Anpassung Amazons Abschreibungsaufwand um 889 Millionen Dollar erhöht und den Nettogewinn um 677 Millionen Dollar gesenkt. Anders gesagt: Amazon hat sich gegen Burrys Vorwurf bilanziell impfen lassen, bevor er ihn überhaupt erhoben hat.
Meta geht in die Gegenrichtung. Aus dem Geschäftsbericht 2025, der am 29. Januar 2026 bei der SEC eingereicht wurde, ergibt sich Folgendes: Die Kosten der erbrachten Leistungen lagen 2025 bei 36,2 Milliarden Dollar und damit um 6,0 Milliarden über dem Vorjahr. Meta begründet den Anstieg vor allem mit höheren operativen Aufwendungen für Rechenzentren und technische Infrastruktur, schreibt aber im selben Satz, dass der Anstieg durch eine Verlangsamung des Abschreibungswachstums gedämpft wurde. Grund: die Verlängerung der Nutzungsdauer von Servern und Netzwerkkomponenten zum 1. Januar 2025. Die genaue Zahl steht in der Pressemitteilung und im 10-K: 5,5 Jahre, ausgehend von einer Spanne von vier bis fünf Jahren bis 2024.
Das Rechenexempel: Was 176 Milliarden Dollar bedeuten

Burry hat seine Schätzung in einem Substack-Beitrag konkretisiert und auf den Zeitraum 2026 bis 2028 ausgelegt. Wer das nachrechnet, kommt auf folgende Größenordnung.
Bei einem kumulierten Hardware-Bestand von etwa 600 Milliarden Dollar über die fünf großen Hyperscaler hinweg ergibt eine Verkürzung der durchschnittlichen Nutzungsdauer von rund 5,5 auf 3 Jahre eine zusätzliche Abschreibungslast von circa 60 Milliarden Dollar pro Jahr. Drei Jahre mal 60 Milliarden ergibt 180 Milliarden Dollar, was Burrys Zahl von 176 Milliarden in etwa entspricht.
Übersetzt in Euro nach dem aktuellen Referenzkurs der Europäischen Zentralbank für Mai 2026, bei dem ein US-Dollar etwa 0,92 Euro entspricht, bedeutet das eine versteckte Gewinnlücke von rund 162 Milliarden Euro über drei Jahre. Diese Summe ist nicht abstrakt. Sie wäre rein rechnerisch fast genug, um die gesamte deutsche Pkw-Steuer für die kommenden zwanzig Jahre zu finanzieren.
| Szenario | Jährliche Abschreibung bei 100 Mrd. USD Hardware | Gewinneffekt vs. Status quo |
|---|---|---|
| Burry-Logik: 3 Jahre Nutzungsdauer | 33,3 Mrd. USD | Realistischer Aufwand |
| Hyperscaler-Praxis: 6 Jahre Nutzungsdauer | 16,7 Mrd. USD | +16,7 Mrd. USD ausgewiesener Gewinn pro Jahr |
| Meta-Mittelweg: 5,5 Jahre Nutzungsdauer | 18,2 Mrd. USD | +15,2 Mrd. USD ausgewiesener Gewinn pro Jahr |
Der konkrete Effekt bei einzelnen Konzernen ist dokumentiert. Bei Meta hat die Anpassung der Nutzungsdauer von 4–5 auf 5,5 Jahre den ausgewiesenen Gewinn in den ersten neun Monaten 2025 um rund 2,3 Milliarden Dollar gehoben, wie der Geschäftsbericht und die Quartalsberichte erkennen lassen. Bei Amazon zeigt die Gegenrichtung den Hebel in Reinform: Die Verkürzung von sechs auf fünf Jahre, also lediglich um zwölf Monate, hat den Nettogewinn in neun Monaten um 677 Millionen Dollar gesenkt. Würde die Nutzungsdauer auf drei Jahre fallen, läge der Effekt nicht bei 677 Millionen, sondern bei einem Mehrfachen davon.
Warum die Nutzungsdauer ein Witz ist

Burrys Kernargument steht auf zwei Säulen. Die erste ist technologisch, die zweite ökonomisch.
Technologisch: Nvidia bringt seit 2022 im Jahresrhythmus eine neue GPU-Generation heraus. Auf die Hopper-Architektur mit der H100 folgte 2024 die Blackwell-Generation, 2026 steht die Rubin-Architektur an. Jede Generation ist bei vergleichbarer Stromaufnahme zwei- bis dreimal leistungsfähiger als die Vorgängergeneration. Der Markt für GPU-Cloud-Kapazität reagiert darauf brutal. Wer 2024 eine H100 für 4 Dollar pro Stunde vermieten konnte, bekommt 2026 nur noch einen Bruchteil davon. CoreWeave hat in den letzten Quartalsberichten dokumentiert, wie schnell die Mietpreise für gebrauchte Hopper-Karten verfallen, wenn neuere Generationen verfügbar sind.
Ökonomisch: Eine GPU verschleißt nicht im klassischen Sinne. Die Mechanik ist robust, Lüfter und Netzteile lassen sich tauschen. Was eine GPU wirtschaftlich tötet, ist nicht ein defekter Transistor, sondern die nächste Generation. Wenn die Konkurrenz auf der gleichen Stromrechnung doppelt so viele Tokens pro Sekunde verarbeitet, ist die ältere Karte wirtschaftlich unbrauchbar, lange bevor sie technisch ausfällt. Genau das macht Burrys Vergleich von Produktzyklus und Abschreibungszyklus so unbequem.
Die Hyperscaler kontern mit dem Argument der „Kreislaufwirtschaft“. Anbieter von Rechenzentrumswartung wie hardwarewartung.com argumentieren, dass GPUs nach dem Ausscheiden aus dem Hyperscaler-Erstmarkt in spezialisierten Sekundärmärkten weiterverwendet werden, etwa für Inferenz statt Training oder für weniger anspruchsvolle Workloads. Das Argument ist nicht falsch. Aber es verschiebt nur das Problem. Wer im Sekundärmarkt vermietet, erzielt geringere Mieten und damit auch einen geringeren Restwert, der die ursprüngliche Annahme einer sechsjährigen wirtschaftlichen Nutzungsdauer rechtfertigen müsste.
Markus Seyfferth, Chefredakteur von Dr. Web, ordnet die Lage ein:
Wer eine Buchhaltungsregel als Sturmwarnung verkauft, übertreibt selten ohne Hintergedanken. Aber wer einen 600-Milliarden-Bestand an Hardware mit dem gleichen Pinselstrich abschreibt wie früher eine Mainframe-Halle in Stuttgart, ignoriert, dass die nächste Nvidia-Generation jedes Jahr die wirtschaftliche Grundlage der vorherigen frisst. Die Wahrheit liegt nicht zwischen Burry und den CFOs, sondern in den Mietpreisen für gebrauchte H100.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Die stille Wertberichtigungsbombe

Was passiert, wenn die Hyperscaler ehrlich abschreiben müssten? Drei Szenarien sind denkbar.
Im ersten Szenario bleibt alles wie gehabt. Die Wirtschaftsprüfer akzeptieren weiterhin Nutzungsdauern von fünf bis sechs Jahren, weil sie sich auf interne Studien der Hyperscaler stützen und keine alternative Datengrundlage haben. Der ausgewiesene Gewinn bleibt hoch, die KGV-Bewertungen halten. Risiko: Wenn der GPU-Sekundärmarkt einbricht oder ein Wirtschaftsprüfer aussteigt, schlägt das wie ein Blitz in die Bilanzen.
Im zweiten Szenario passen einzelne Konzerne ihre Nutzungsdauern an. Amazon hat den Anfang gemacht. Sollte Meta nachziehen und die 5,5 Jahre auf 4 Jahre senken, würde der Aufwand um geschätzt zehn bis fünfzehn Milliarden Dollar pro Jahr steigen. Das wäre verkraftbar, aber es würde die EPS-Erwartungen der Analysten durchschütteln.
Im dritten Szenario erzwingt die SEC eine branchenweite Korrektur. Das wäre der Knall. Außerplanmäßige Wertberichtigungen in zweistelliger Milliardenhöhe pro Konzern, vergleichbar mit den Goodwill-Impairments der Telekommunikationsbranche nach dem Platzen der Dotcom-Blase 2002. Die Deutsche Telekom hat damals binnen drei Jahren 28 Milliarden Euro auf den Goodwill ihrer US-Tochter abgeschrieben. So weit ist die SEC heute nicht. Aber die Behörde beobachtet.
Morgan Stanley hat im Februar 2026 in einem Bericht eingeräumt, dass steigende Investitionen der Hyperscaler in den kommenden Jahren in deutlich höhere Abschreibungen umschlagen könnten, die in den Konsensschätzungen der Analysten nicht hinreichend reflektiert seien. Das ist Wall-Street-Sprache für: Burry könnte recht haben.
Was die Wirtschaftsprüfer dazu sagen (und nicht sagen)

Die Hyperscaler werden von den Big Four geprüft. Alphabet von Ernst & Young, Microsoft von Deloitte, Meta von Ernst & Young, Amazon und Oracle ebenfalls von Ernst & Young. Die Frage, warum keiner dieser Prüfer interveniert, ist die unbequemste in der gesamten Debatte.
Die formale Antwort ist einfach. Nach US-GAAP, dem amerikanischen Bilanzierungsstandard, schätzt das Management die Nutzungsdauer von Anlagegütern. Der Wirtschaftsprüfer prüft, ob diese Schätzung „reasonable“ ist. Solange das Management auf eine eigene Studie verweisen kann und alle vergleichbaren Wettbewerber ähnliche Annahmen treffen, ist die Hürde für eine Beanstandung hoch. Genau das hat der koordinierte Übergang aller Hyperscaler auf sechs Jahre 2023/2024 bewirkt. Wenn alle das Gleiche tun, ist niemand auffällig.
Die historische Parallele ist unangenehm. Enron und WorldCom haben Anfang der 2000er-Jahre nicht durch eine einzelne Buchungsmanipulation funktioniert, sondern durch jahrelang akzeptierte Praktiken, die der gesamten Branche entsprachen. Die Big Five wurden zu den Big Four, weil Arthur Andersen mitgegangen ist. Damals ging es um Sale-Lease-Back-Strukturen und ausgelagerte Verbindlichkeiten. Heute geht es um Nutzungsdauer-Schätzungen. Der Mechanismus ist derselbe.
Die SEC hat ein Frühwarnsystem aufgebaut, das Bilanzanpassungen statistisch beobachtet. Bisher gibt es kein offizielles Verfahren gegen einen der Hyperscaler. Das kann sich ändern. Sollte Burrys 25. November 2025 angekündigter Substack-Newsletter „Cassandra Unchained“ nachhaltig Druck aufbauen und institutionelle Investoren ihre Positionen abbauen, wird die Aufsichtsbehörde irgendwann reagieren müssen.
Was Anleger und Entscheider jetzt tun sollten

Der Fall hat zwei Adressaten. Erstens private und institutionelle Anleger, die Tech-Aktien halten. Zweitens Entscheider in mittelständischen Unternehmen, die Cloud-Dienste großer Anbieter beziehen und deren Bilanzstärke einschätzen wollen.
Für Anleger gilt: Das ausgewiesene Net Income der Hyperscaler ist mit Vorsicht zu genießen. Der zuverlässigere Indikator ist der Free Cashflow, also der operative Cashflow minus Investitionsausgaben. Diese Kennzahl ist immun gegen Abschreibungs-Annahmen. Wer den Free Cashflow von Meta, Alphabet und Microsoft betrachtet, sieht ein anderes Bild als beim ausgewiesenen Gewinn. Bei Meta lag der operative Cashflow 2025 bei 115,8 Milliarden Dollar, gleichzeitig wurden 102,0 Milliarden Dollar für Investitionen aufgewendet. Der Free Cashflow ist also deutlich kleiner, als die EPS-Schlagzeile suggeriert.
Eine zweite Faustregel: Die Differenz zwischen ausgewiesener Abschreibung und tatsächlichen Investitionsausgaben. Bei einem Unternehmen, das real soviel investiert, wie es abschreibt, ist die Schätzung der Nutzungsdauer wirtschaftlich neutral. Bei einem Unternehmen, das deutlich mehr investiert als abgeschrieben wird, baut sich ein Stau auf. Genau dieser Stau ist bei den Hyperscalern sichtbar.
Für Entscheider in mittelständischen Unternehmen ist die Botschaft pragmatischer. Wer auf einen Cloud-Anbieter setzt, muss damit rechnen, dass die heutigen Preise sich nicht halten lassen, sobald entweder die Nutzungsdauer-Annahmen angepasst werden müssen oder die Abschreibungslast in den GuV durchschlägt. Mietverträge mit AWS, Azure oder Google Cloud sollten Preisanpassungsklauseln im Detail prüfen. Wer kann, hält Workloads portierbar, etwa über Kubernetes-basierte Container-Architekturen, sodass ein Wechsel zwischen Anbietern technisch möglich bleibt.
Wer plant, in den kommenden Jahren erhebliche eigene Rechenkapazitäten aufzubauen, sollte die Frage nach dem Gebrauchtmarkt für GPUs nicht ausblenden. Eine Hopper-H100, die heute auf dem Sekundärmarkt für etwa 18.000 bis 22.000 Dollar gehandelt wird, hat 2023 noch über 35.000 Dollar gekostet. Der Wertverfall ist real, und der Verfall ist deutlich schneller als jede sechsjährige Nutzungsdauer-Annahme.
Häufige Fragen

Hat Michael Burry recht mit seinem 176-Milliarden-Vorwurf?
Die Größenordnung lässt sich plausibel rechnen, ist aber kein offiziell bestätigter Wert. Burry kalkuliert mit einer realistischen Nutzungsdauer von zwei bis drei Jahren, die Hyperscaler argumentieren mit fünf bis sechs Jahren. Die Wahrheit hängt davon ab, wie schnell der GPU-Sekundärmarkt einbricht und wie lange ältere Generationen wirtschaftlich vermietbar bleiben.
Warum hat Amazon als einziger Hyperscaler die Nutzungsdauer verkürzt?
Amazon argumentiert offiziell mit dem beschleunigten Tempo der KI-Entwicklung. Kritiker sehen einen anderen Grund: AWS war über Jahre als profitabelste Cloud-Sparte unter besonderer Beobachtung. Eine vorsorgliche Anpassung schützt vor späteren Korrekturen unter Druck.
Was bedeutet das für mein eigenes Investment in Tech-Aktien?
Wer Hyperscaler-Aktien hält, sollte zwei Kennzahlen unterscheiden. Das ausgewiesene Net Income ist von Nutzungsdauer-Annahmen abhängig. Der Free Cashflow nicht. Eine zweite Hyperscaler-Aktie zur Risikoglättung kann Sinn ergeben, wenn das eigene Depot stark auf eine einzelne Position konzentriert ist. Eine Anlageempfehlung ist das nicht.
Können die Hyperscaler ihre Nutzungsdauer-Annahmen nicht einfach beibehalten?
Formal ja. Praktisch wird der Druck steigen, sollten Restwerte am GPU-Sekundärmarkt weiter fallen oder die SEC Fragen stellen. Eine erzwungene Anpassung würde einmalig zu Milliardenabschreibungen führen.
Welche Rolle spielt Nvidia in dieser Geschichte?
Nvidia ist der Hauptlieferant. Je kürzer der Produktzyklus, desto schneller veralten die Karten und desto angreifbarer wird die Nutzungsdauer-Annahme der Kunden. Nvidia profitiert kurzfristig vom Verkauf neuer Karten, könnte aber langfristig leiden, wenn Hyperscaler ihre Bestellungen kürzen, um die Bilanzlücke zu schließen.
Glossar

Abschreibung (Depreciation) — Buchhalterische Verteilung der Anschaffungskosten eines Anlageguts über seine geschätzte Nutzungsdauer. Reduziert den ausgewiesenen Gewinn, ist aber keine zahlungswirksame Ausgabe.
Nutzungsdauer (Useful Life) — Vom Management geschätzte wirtschaftliche Lebensdauer eines Anlageguts. Bestimmt, über wie viele Jahre die Anschaffungskosten in der Gewinn- und Verlustrechnung verteilt werden.
Hyperscaler — Großanbieter von Cloud-Infrastruktur mit Rechenzentren in globalem Maßstab. Im engeren Sinn gehören Amazon Web Services, Microsoft Azure, Google Cloud, Meta Platforms und Oracle Cloud dazu.
Capex (Capital Expenditure) — Investitionsausgaben für langlebige Wirtschaftsgüter wie Server, Rechenzentren oder Netzwerktechnik. Erscheint nicht direkt in der GuV, sondern wird über die Abschreibung verteilt.
Net Income — Ausgewiesener Nettogewinn nach Abzug aller Aufwendungen, einschließlich Abschreibungen. Beeinflussbar durch Nutzungsdauer-Annahmen.
Free Cashflow — Operativer Cashflow abzüglich Investitionsausgaben. Robusterer Indikator für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, weil unabhängig von Abschreibungsschätzungen.
Goodwill-Impairment — Außerplanmäßige Wertberichtigung auf den Geschäftswert in der Bilanz. Tritt auf, wenn der erwartete Ertrag eines übernommenen Geschäftsbereichs nicht mehr realistisch ist.
Run-Rate — Annualisierter Umsatz, berechnet aus dem aktuellen Quartal oder Monat. Gängige Metrik im Cloud-Geschäft.
US-GAAP — US-amerikanischer Bilanzierungsstandard (Generally Accepted Accounting Principles). Lässt mehr Spielraum bei Schätzungen als der internationale Standard IFRS.
13F-Filing — Quartalsweise Pflichtmeldung institutioneller Investoren in den USA mit Wertpapierbeständen ab 100 Millionen Dollar. Quelle für die Veröffentlichung der Burry-Positionen.
GPU (Graphics Processing Unit) — Grafikprozessor, der heute primär für die parallele Berechnung von KI-Modellen verwendet wird. Hauptanbieter: Nvidia mit der Hopper- und Blackwell-Generation.
Quellen

- U.S. Securities and Exchange Commission, Meta Platforms Inc. Form 10-K für das Geschäftsjahr 2025, eingereicht am 29. Januar 2026
- U.S. Securities and Exchange Commission, Amazon.com Inc. Form 10-Q zum dritten Quartal 2025
- CNBC, „’Big Short‘ investor Michael Burry accuses AI hyperscalers of artificially boosting earnings“, 11. November 2025
- Fortune, „The ‚Big Short‘ investor betting $1 billion against the AI bubble says Meta and Oracle’s accounting is hiding the brutal truth“, 13. November 2025
- Bloomberg, „Burry’s Depreciation Gripe Shines Spotlight on Big Tech Profits“, 14. November 2025
- Bloomberg, „Michael Burry’s Scion Fund Is Deregistered, SEC Filing Shows“, 13. November 2025
- Olga Usvyatsky, „Depreciation of GPUs: between useful lives and useful myths“, deepquarry.substack.com, Dezember 2025
- SiliconANGLE und theCUBE Research, „Resetting GPU Depreciation: Why AI Factories Bend, But Don’t Break, Useful Life Assumptions“, 22. November 2025
- Seeking Alpha, „Morgan Stanley flags hyperscaler depreciation risk echoing Michael Burry concerns“, 3. Februar 2026
- 24/7 Wall St., „Was Michael Burry Right About AI Stocks for the Wrong Reason?“, 24. März 2026