Im Gebälk knirscht es, immer und überall, wo Menschen sich zu Staaten, Konzernen oder Vereinen zusammenschließen. Schuld ist keine schlechte Politik und kein fauler Mitarbeiter, sondern eine Zahl: etwa 150.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenSo viele Menschen kann ein Gehirn als echte Beziehung führen. Alles darüber wird zur Verwaltungsaufgabe. Wer das begreift, blickt anders auf Bürokratie, Sozialbeiträge und die eigene Firma.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Dunbar-Zahl beziffert die Obergrenze stabiler sozialer Beziehungen auf rund 150. Neuere Studien stellen die Genauigkeit dieser Zahl infrage.
- Jenseits dieser Grenze ersetzt abstrakte Regel die persönliche Beziehung. Genau hier beginnt der teure Apparat aus Gesetzen, Kontrolle und Verwaltung.
- Trittbrettfahren ist keine moralische Schwäche, sondern eine ökonomisch rationale Strategie, sobald die Gruppe zu groß für persönliche Zurechnung wird.
- Der deutsche Sozialstaat kostet rund 1,4 Billionen Euro im Jahr. Ein erheblicher Teil davon ist der Preis dafür, fehlendes Vertrauen durch Institutionen zu ersetzen.
- Dieselbe Mechanik kippt Unternehmenskultur beim Wachstum. Vom Zwölf-Personen-Team auf 200 Köpfe verliert eine Firma ihre Dunbar-Gruppe und braucht Compliance, wo vorher ein Händedruck reichte.
Ahnung oder ahnungslos?
1 Welche Zahl steht im Zentrum der Dunbar-Theorie? Aufklappen ↓
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2 Woraus hat Robin Dunbar seine Zahl ursprünglich abgeleitet? Aufklappen ↓
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3 Wie steht es um die wissenschaftliche Sicherheit der Dunbar-Zahl? Aufklappen ↓
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4 Was passiert mit der sozialen Steuerung jenseits der 150er-Grenze? Aufklappen ↓
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5 Warum nennt der Artikel staatliche Einheit ein Konstrukt? Aufklappen ↓
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6 Wer hat das Trittbrettfahrer-Problem 1965 ökonomisch beschrieben? Aufklappen ↓
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7 Warum versagt der Markt bei öffentlichen Gütern wie der Straßenbeleuchtung? Aufklappen ↓
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8 Wie viel gibt Deutschland laut Artikel jährlich für soziale Leistungen aus? Aufklappen ↓
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9 Was beobachtete Katja Robinson zur Arbeit im Sozialamt? Aufklappen ↓
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10 Was besagt Amazons Zwei-Pizza-Regel? Aufklappen ↓
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Was besagt die Dunbar-Zahl wirklich?

Robin Dunbar, Anthropologe an der Universität Oxford, hat in den 1990er Jahren eine simple Beobachtung zu einer großen These ausgebaut.
Bei Primaten hängt die Größe der sozialen Gruppe mit der Größe des Neocortex zusammen, jenem Teil der Großhirnrinde, der bei sozialen Interaktionen am stärksten arbeitet.
Dunbar hat dieses Verhältnis auf den Menschen hochgerechnet. Heraus kam eine Zahl, die seither durch jede Managementfortbildung geistert: 150.
Die Zahl meint nicht die Visitenkarten in der Schublade, sondern die Menschen, deren Namen und deren Beziehungen untereinander jemand tatsächlich im Kopf behält.
Dunbar selbst hat die Kontakte in Schalen gedacht. Rund fünf engste Vertraute, etwa 15 gute Freunde, ungefähr 50 im erweiterten Kreis, an der Außenkante die 150 stabilen Beziehungen.
Ehrlich bleiben gehört zur Sache dazu: Die Zahl ist wissenschaftlich umstritten. Patrik Lindenfors und Kollegen haben 2021 in den Biology Letters nachgerechnet und kamen je nach Methode auf Durchschnittswerte zwischen 16 und 109, bei Konfidenzintervallen, die von 2 bis 520 reichen.
Für unseren Zweck ändert das wenig. Ob die Grenze nun bei 150 oder anderswo liegt, bleibt zweitrangig. Entscheidend ist, dass es überhaupt eine Grenze gibt und dass jede Gesellschaft jenseits davon zu etwas anderem wird.
Warum wird jenseits der 150 alles unschärfer?

Innerhalb der Dunbar-Gruppe regelt sich vieles von selbst. Beim Fehlverhalten gibt es eine direkte Spiegelung, vom Nachbarn, vom Kollegen, von der Schwägerin.
Diese soziale Kontrolle ist billig und schnell. Da braucht es kein Formular und auch keinen Richter, sondern nur den prüfenden Blick der anderen.
Oberhalb der Grenze fällt dieser Mechanismus weg. Der anonyme Steuerzahler kennt die anonyme Empfängerin nicht, und keiner von beiden kennt den Sachbearbeiter.
An die Stelle der Beziehung tritt jetzt die Regel. Was vorher ein Vertrauensverhältnis war, wird zum Verwaltungsvorgang mit Aktenzeichen.
Das ist der Moment, in dem Gesellschaften anfangen, Institutionen zu bauen. Gerichte, Behörden, Register, Ausweise, all das ersetzt das Wissen, das in kleinen Gruppen jeder über jeden hat.
Was hat Einzigartigkeit mit Staatsversagen zu tun?

Jeder Mensch ist ein Unikat. Andere Gene, andere Sozialisation, andere Prägung durch Zufälle, die niemand steuern kann.
Daraus folgt eine unbequeme Wahrheit über den Staat. Denn der soll Millionen solcher Unikate unter einen Hut bringen, obwohl jedes davon eine eigene Vorstellung vom guten Leben mit sich trägt.
„Einheit“ ist deshalb kein Naturzustand, sondern ein Konstrukt. Eine Fahne, eine Hymne, ein Pass, lauter Symbole, die so tun, als gäbe es ein gemeinsames Wir, wo in Wirklichkeit wie in Deutschland über 80 Millionen Einzelinteressen aufeinanderprallen.
Der Staat kämpft damit gegen die eigene Vielfalt seiner Bürger. Jede Regel, die für alle passen soll, passt am Ende für niemanden ganz.
Das erklärt, warum jede Reform Gewinner und Verlierer produziert. Bei Millionen verschiedener Ausgangslagen kann eine einheitliche Lösung gar nicht alle treffen.
Warum ist Trittbrettfahren rational und nicht böse?

An dieser Stelle kommt die Ökonomie ins Spiel. Der Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olson hat 1965 in „The Logic of Collective Action“ beschrieben, warum große Gruppen ein strukturelles Problem haben.
Sein Befund: In großen Gruppen lohnt es sich für den Einzelnen, nichts beizutragen und trotzdem zu profitieren. Die Fachwelt nennt das das Trittbrettfahrer-Dilemma.
Das Schulbeispiel ist das öffentliche Gut. Eine Straßenbeleuchtung leuchtet für alle, auch für den, der nicht dafür zahlt.
Genau hier versagt der Markt. Niemand zahlt freiwillig für etwas, von dessen Nutzen ihn keiner ausschließen kann, und deshalb muss der Staat über Zwangsabgaben einspringen.
Wichtig ist der nüchterne Blick darauf. Trittbrettfahren ist kein Charakterdefekt, sondern aus Sicht des Einzelnen schlicht das Vernünftige. Die Evolution hat uns auf den Weg des geringsten Widerstands geeicht.
Trittbrettfahren ist kein Vorwurf an die anderen, sondern eine Beschreibung von uns allen.
Was kostet es, Vertrauen durch Institutionen zu ersetzen?

Der Ersatz von persönlichem Vertrauen durch Apparate hat einen Preis, und er steht in den Haushaltsbüchern.
Für soziale Leistungen hat Deutschland zuletzt rund 1,4 Billionen Euro pro Jahr aufgewendet, mehr als ein Drittel aller öffentlichen Ausgaben. Das Geld misstraut sozusagen im Großen, weil im Großen kein persönliches Vertrauen mehr trägt.
Dazu kommt der reine Verwaltungsaufwand. Der Erfüllungsaufwand der Bürokratie hat in der jüngsten Messung einen Rekordwert erreicht, wie unser Beitrag zu den Bürokratiekosten von 23,7 Milliarden Euro zeigt.
Besonders teuer wird der Versuch, Einzelfallgerechtigkeit herzustellen. Die Juristin Katja Robinson, langjährige Leiterin des Kölner Sozialamts, hat öffentlich beklagt, dass 60 bis 80 Prozent der Arbeit im Sozialamt für Bürokratie und Prüfungen draufgehen statt für Beratung.
Genau das ist der Dunbar-Effekt in Reinform. Beim unbekannten Antragsteller muss der Sachbearbeiter alles nachweisen lassen, und der Nachweis kostet mehr als manche Leistung wert ist.
Wie viele dieser Lasten sich über die Jahre angesammelt haben, zeigt die Übersicht zu den teuersten Sonderregelungen im Sozialstaat. Die Wirtschaftsweisen warnen unterdessen vor Sozialbeiträgen jenseits der 50-Prozent-Marke.
Was lernt der Mittelständler aus der 150er-Grenze?

Jetzt der Twist, der das Thema vom Stammtisch auf den Schreibtisch holt. Dieselbe Physik wirkt im eigenen Unternehmen.
Ein Fünf-Personen-Startup ist eine perfekte Dunbar-Gruppe. Alle kennen alle, Vertrauen ersetzt Verträge, und ein Zuruf ersetzt das Meeting.
Beim Wachstum kippt dieser Zustand schleichend. Ab einigen Dutzend, spätestens einigen Hundert Mitarbeitern kennt nicht mehr jeder jeden, und die billige soziale Kontrolle bricht weg.
An ihre Stelle tritt der Apparat. Organigramm, Freigabeprozess, Compliance-Schulung, Zielvereinbarung, lauter Institutionen, die das ersetzen, was vorher der gemeinsame Flur geleistet hat.
Genau hier liegt die praktische Lektion. Der Moment, in dem eine Firma „auf einmal so bürokratisch“ wird, ist kein Führungsversagen, sondern das Erreichen der 150er-Grenze.
Kluge Unternehmen reagieren darauf mit Struktur statt mit Schuldzuweisung. Amazon hat dafür die berühmte Zwei-Pizza-Regel geprägt, nach der ein Team nie größer sein soll, als dass zwei Pizzen alle satt machen.
Kleingruppe gegen Großgruppe im Vergleich

| Merkmal | Gruppe bis ~150 | Gruppe über ~150 |
|---|---|---|
| Steuerung | persönliche Beziehung | abstrakte Regel |
| Vertrauensbasis | direkte Erfahrung | Institution, Vertrag |
| Sanktion bei Fehlverhalten | sozialer Druck, sofort | Verfahren, Behörde, verzögert |
| Trittbrettfahren | fällt sofort auf | bleibt oft unsichtbar |
| Kosten der Kontrolle | nahezu null | Bürokratie, Milliardenhöhe |
| Typisches Beispiel | Familienbetrieb, Dorf | Konzern, Staat |
Die 150 ist keine Ausrede, sondern eine Bauanleitung. Bei Dr. Web sehen wir täglich Gründer, die ihre Firma mit 30 Leuten führen wollen wie mit fünf, und sich dann über das Chaos wundern. Über der Dunbar-Grenze zahlt jede nicht gebaute Struktur sich später in Reibung zurück.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Glossar

Allmendegut
Ein Gut, von dessen Nutzung sich niemand ausschließen lässt, das aber durch Übernutzung leidet, etwa ein überfischtes Meer. Das Allmendegut ist ein Klassiker des Trittbrettfahrer-Problems.
Dunbar-Zahl
Die theoretische Obergrenze stabiler sozialer Beziehungen, die ein Mensch führen kann, von Robin Dunbar auf rund 150 geschätzt. Die Dunbar-Zahl schwankt individuell erheblich.
Einzelfallgerechtigkeit
Der Anspruch, jeden Sachverhalt individuell und gerecht zu prüfen. Hohe Einzelfallgerechtigkeit erzeugt hohen Verwaltungsaufwand.
Erfüllungsaufwand
Der messbare Aufwand an Zeit und Geld, der Bürgern, Unternehmen und Verwaltung beim Befolgen von Gesetzen entsteht. Der Erfüllungsaufwand ist die offizielle Messgröße für Bürokratiekosten.
Institution
Eine dauerhafte Regel- oder Organisationsstruktur wie ein Gericht oder eine Behörde. Institutionen ersetzen in großen Gruppen das persönliche Vertrauen kleiner Gruppen.
Kollektives Handeln
Das gemeinsame Verfolgen eines Ziels durch eine Gruppe. Kollektives Handeln wird mit wachsender Gruppengröße schwieriger, weil der Anreiz zum Trittbrettfahren steigt.
Marktversagen
Eine Situation, in der der freie Markt ein Gut nicht oder nicht ausreichend bereitstellt. Marktversagen bei öffentlichen Gütern ist der ökonomische Grund für staatliches Eingreifen.
Neocortex
Der entwicklungsgeschichtlich jüngste Teil der Großhirnrinde, zuständig für komplexe soziale Verarbeitung. Die Größe des Neocortex bildet die biologische Grundlage von Dunbars These.
Öffentliches Gut
Ein Gut, das nicht-ausschließbar und nicht-rivalisierend ist, etwa Landesverteidigung oder Straßenbeleuchtung. Das öffentliche Gut lässt sich am Markt kaum finanzieren.
Soziale Kontrolle
Die Steuerung von Verhalten durch die Erwartung und Reaktion anderer Gruppenmitglieder. Soziale Kontrolle funktioniert in kleinen Gruppen fast kostenlos.
Sozialleistungsquote
Der Anteil der Sozialausgaben an der Wirtschaftsleistung eines Landes. Die deutsche Sozialleistungsquote liegt seit Jahren oberhalb der 30-Prozent-Marke.
Trittbrettfahren
Das Nutzen eines Gutes ohne eigenen Beitrag zu dessen Kosten. Trittbrettfahren ist aus Sicht des Einzelnen oft rational und gerade deshalb so verbreitet.
Zwei-Pizza-Regel
Eine von Amazon geprägte Faustregel, nach der ein Team nur so groß sein soll, dass zwei Pizzen es satt machen. Die Zwei-Pizza-Regel ist eine praktische Anwendung der Dunbar-Logik.
Häufige Fragen

Was ist die Dunbar-Zahl einfach erklärt?
Die Dunbar-Zahl bezeichnet die ungefähre Obergrenze an Menschen, zu denen jemand eine echte, stabile soziale Beziehung halten kann. Robin Dunbar hat sie auf rund 150 geschätzt. Oberhalb dieser Grenze werden Beziehungen zunehmend unpersönlich und müssen durch Regeln ersetzt werden.
Stimmt die Dunbar-Zahl überhaupt?
Die Zahl ist wissenschaftlich umstritten. Eine Neuberechnung von Patrik Lindenfors und Kollegen aus dem Jahr 2021 hat sehr große Schwankungsbreiten ergeben. Als grobe Orientierung für die Grenze zwischen persönlicher und institutioneller Steuerung bleibt sie dennoch nützlich.
Was hat die Dunbar-Zahl mit dem Staat zu tun?
Oberhalb der Dunbar-Grenze kennen Bürger einander nicht mehr persönlich. An die Stelle des Vertrauens treten Gesetze, Behörden und Kontrolle. Der gesamte Apparat des modernen Staates lässt sich als Antwort auf diese Grenze lesen.
Warum gibt es Trittbrettfahrer in großen Gruppen?
In großen Gruppen fällt der einzelne Beitrag kaum auf, und das Fehlen eines Beitrags bleibt meist unsichtbar. Damit lohnt es sich für den Einzelnen, zu profitieren ohne zu zahlen. Mancur Olson hat dieses Dilemma 1965 ökonomisch beschrieben.
Wie viel kostet der deutsche Sozialstaat?
Für soziale Leistungen wurden zuletzt rund 1,2 Billionen Euro pro Jahr ausgegeben, mehr als ein Drittel aller öffentlichen Ausgaben. Ein erheblicher Anteil davon entfällt auf Verwaltung, Prüfung und Kontrolle.
Was bedeutet die 150er-Grenze für mein Unternehmen?
Unterhalb der Dunbar-Grenze trägt persönliches Vertrauen die Zusammenarbeit. Beim Wachstum darüber hinaus braucht es bewusste Strukturen wie klare Prozesse und kleinere Teameinheiten. Der Umstieg auf mehr Struktur ist kein Versagen, sondern eine notwendige Reaktion auf die Größe.