Vier Verlaufstypen stehen in fast jedem Design-Werkzeug bereit: linear, radial, angular und diamond. Mehr bietet das Menü nicht, obwohl Farbe seit Jahrzehnten reicher gedacht wird. Der Designer Wojciech Dobry nimmt genau diesen Farbverlauf als Beleg dafür, dass die gängigen Programme selten neue Ideen anbieten.[1]
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Argument reicht über den Verlauf hinaus: Jede Steuerung bildet im Kern ein Exportformat ab. Die eigentliche Frage lautet, warum die Programme stehen bleiben, während ein einfacher Prompt inzwischen ganze Oberflächen erzeugt.
Das Wichtigste in Kürze
- Fast jedes Design-Werkzeug bietet nur vier Verlaufstypen; alle weisen Farbe nach der Pixelposition auf einer unsichtbaren Achse zu, nie nach der gezeichneten Form.
- Der SVG-Standard definiert überhaupt nur zwei Verläufe, linear und radial; ein Verlaufsnetz stand 2015 im Entwurf und fiel wieder heraus.
- Adobe Illustrator bindet seit der Version 2019 mit dem Freiform-Verlauf Farbe an die Zeichnung, Figma bietet das nativ bis heute nicht.
- Wojciech Dobry liest daran ein Muster ab: Programme setzen um, was das Format erlaubt, und hören dort auf.
Warum ähneln alle Verläufe einem Dateiformat?

Farbe nach Pixelposition. Ein klassischer Verlauf ist eine Projektion: Das Programm legt eine unsichtbare Achse über die Fläche und weist jedem Pixel eine Farbe nach seiner Lage auf dieser Achse zu. Sobald sich die Form krümmt, folgt der Verlauf ihr nicht, sondern bleibt an der geraden Achse. Dobry beschreibt das an seinem eigenen Beispiel.[1]
Der Standard definiert nur zwei. Der SVG-Standard des W3C sieht als Verläufe ausschließlich linearGradient und radialGradient vor.[2] Ein Verlaufsnetz stand 2015 in einem Entwurf, verschwand aber aus der finalen Fassung. Was das Exportformat abbilden kann, baut das Programm nach, und selten mehr. Auch modernes CSS zeigt den engen Rahmen: Der konische Verlauf, in Figma „Angular“, kam erst zwischen 2018 und 2020 in allen großen Browsern an, und ein sauberer Farbverlauf im Rahmen folgte noch später. Wie viel modernes CSS inzwischen leistet, zeigt der Überblick zu neuen Funktionen.
Was die Werkzeuge könnten und lassen
Farbe kann zur Zeichnung gehören. Der Gegenentwurf existiert längst. Adobe Illustrator bindet mit dem Verlaufsgitter seit Langem und mit dem Freiform-Verlauf seit der Version 2019 Farbe an die Form statt an eine Achse. Dobrys eigener Editor von 2017 verfolgt dieselbe Prämisse: Jeder Farbpunkt lässt sich ziehen, verschieben und aufs genaue Prozent eintippen.[1]
Figma bleibt bei vier Typen. Figmas Verlaufsmenü bietet bis heute nur Linear, Radial, Angular und Diamond; einen nativen Freiform- oder Netzverlauf führt Figma nicht, Nutzer behelfen sich mit Plug-ins. Nicht weil sich jemand dagegen entschieden hätte, sondern weil niemand die Wahl getroffen hat, so Dobrys Deutung. Ein Programm, das nur den Formatstand nachzeichnet, kann vereinheitlichen, aber keinen neuen Gedanken eröffnen. Ähnliche Sorgfalt im Detail trennt ohnehin ein solides von einem ausgereiften Interface, etwa bei der optischen statt mathematischen Ausrichtung.
Projektion (der Normalfall)
- Farbe folgt der Pixelposition auf einer Achse.
- Vier feste Typen, in fast jedem Programm gleich.
- Das Werkzeug bildet ab, was das Exportformat kennt.
Farbe an der Form (die Ausnahme)
- Farbe gehört zur Zeichnung, nicht zur Achse.
- Illustrator seit 2019 mit Freiform-Verlauf.
- Figma nur über Plug-ins von Dritten.
Ein Programm, das nur den Stand des Exportformats nachzeichnet, vereinheitlicht die Branche, bringt sie aber nicht weiter. Genau diese Lücke füllt heute der Prompt, nicht weil die KI so stark ist, sondern weil das Werkzeug stehengeblieben ist.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was heißt das für Agenturen und die KI-Debatte?
Der Prompt entlarvt das Werkzeug. Schlägt ein Prompt das Design-Werkzeug, sei das kein Triumph der Maschine, sondern ein Versagen des Instruments, schreibt Dobry.[1] Für Agenturen und Inhouse-Teams verschiebt dieser Befund die Frage: nicht ob KI Oberflächen erzeugt, sondern ob das gewohnte Programm noch etwas anbietet, das über den Formatstand hinausreicht.
Beim Werkzeugkauf genauer hinsehen. Bei der Auswahl von Werkzeugen zählt künftig zweierlei: Bildet eine Funktion nur das Exportformat ab, oder eröffnet sie einen eigenen Gedanken? Und lässt sich das Ergebnis genau steuern, oder bleibt am Ende nur Achse und Handgriff? Wie stark die KI den Beruf des Webdesigners wirklich trifft, ordnet ein eigener Ratgeber ein.
Die Lücke ist größer als ein Verlauf. In einem einzigen Farbverlauf steckte so viel ungenutzter Spielraum, gibt Dobry zu bedenken; der übrige Werkzeugkasten dürfte Ähnliches bergen. Bis die Anbieter ihn heben, lohnt ein nüchterner Test: Erlaubt eine neue Funktion wirklich einen neuen Schritt, oder verpackt sie nur ein bekanntes Format hübscher?
Quellen
[1] Wojciech Dobry: „Let’s talk about gradients“
[2] W3C: „SVG 2, Paint Servers: Solid Colors, Gradients, and Patterns“
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