Antimon steht auf keiner Einkaufsliste und in keinem Schaufenster, und trotzdem entscheidet dieses graue Halbmetall darüber, ob ein Fernsehkabel bei Kurzschluss brennt oder erlischt. Rund die Hälfte der Weltförderung kam zuletzt aus einem einzigen Land, und genau dieses Land hat im Herbst 2024 den Hahn zugedreht. Der Preis reagierte prompt und heftiger als bei fast jedem anderen Rohstoff.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAls China im August 2024 eine Exportlizenzpflicht für Antimon ankündigte und im Dezember die Lieferungen in die USA ganz stoppte, sprang der Preis für Antimonmetall binnen Monaten auf ein Mehrfaches. Für die deutsche Industrie ist das mehr als eine Randnotiz, denn ohne Antimon fehlt in Flammschutzmitteln, Solarglas und Batterien ein Baustein, für den kaum gleichwertiger Ersatz existiert. Wie ein unscheinbarer Stoff zum politischen Druckmittel wurde, zeigt seine Geschichte.
Das Wichtigste in Kürze
- Konzentrierte Förderung: Rund die Hälfte des weltweit geförderten Antimons stammt aus China, die EU deckt ihren Bedarf zu 100 Prozent aus Importen.
- Hauptverwendung Flammschutz: Etwa die Hälfte des Antimons steckt in Flammschutzmitteln, ein Fünftel in Solarglas, der Rest in Batterien, Militärtechnik und Katalysatoren.
- Exportkontrolle als Waffe: Chinas Ausfuhrbeschränkungen ab Herbst 2024 trieben den Preis auf ein Rekordniveau und legten die Abhängigkeit Europas offen.
- Kaum Ersatz: In seiner wichtigsten Rolle als Flammschutz-Synergist lässt sich Antimon nur mit Qualitätsverlust ersetzen, ein schneller Ausstieg ist nicht in Sicht.
Angeberwissen in fünf Fragen
1 Aus welchem Mineral wird Antimon überwiegend gewonnen? Aufklappen ↓
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2 Wofür wird rund die Hälfte des weltweiten Antimons verwendet? Aufklappen ↓
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3 Welches Land förderte 2025 etwa die Hälfte des weltweiten Antimons? Aufklappen ↓
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4 Was entschied China im Dezember 2024? Aufklappen ↓
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5 Wie hoch ist die Importabhängigkeit der EU bei Antimon? Aufklappen ↓
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Was ist Antimon und wie entsteht es?
Antimon ist ein silbrig-graues Halbmetall mit der Ordnungszahl 51, das die Eigenschaften von Metallen und Nichtmetallen vereint. Sein chemisches Symbol Sb leitet sich vom lateinischen Wort stibium ab. Reines Antimon ist spröde, leitet Wärme und Strom schlechter als klassische Metalle und wird deshalb fast nie allein, sondern als Zusatz in Legierungen und Verbindungen verwendet.
In der Natur kommt der Stoff vor allem gebunden im Mineral Stibnit vor, einem Antimonsulfid, das früher auch Grauspießglanz hieß. Die Lagerstätten entstanden über Jahrmillionen, als heiße, mineralreiche Lösungen tief in der Erdkruste aufstiegen und in Gesteinsspalten auskristallisierten. Solche hydrothermalen Adern finden sich oft dort, wo auch Gold, Silber und Blei liegen.
Genau deshalb fällt ein großer Teil des Antimons als Beifang an, wenn Bergleute eigentlich Edelmetalle suchen. Reine Antimonminen sind selten, die größte liegt im chinesischen Xikuangshan in der Provinz Hunan und gilt als Welthauptstadt des Metalls. Die weltweit bekannten, wirtschaftlich abbaubaren Reserven schätzt der US-Geologiedienst auf rund zwei Millionen Tonnen, den größten Anteil hält China.
Die Qualität der Vorkommen schwankt stark. Reiche Erze enthalten mehrere Prozent Antimon und lassen sich günstig verhütten, arme Erze verlangen aufwendige Aufbereitung und treiben die Förderkosten. Weil viele alte Minen erschöpft sind und kaum neue erschlossen werden, gilt die knappe Ressourcenbasis als eine Wurzel der heutigen Versorgungssorgen.
- Halbmetall Sb: Antimon steht chemisch zwischen Metall und Nichtmetall und wirkt fast nur als Zusatz in Legierungen und Verbindungen.
- Stibnit als Quelle: Der Stoff stammt überwiegend aus dem Mineral Stibnit, häufig als Beifang beim Gold- und Silberbergbau.
- Reserven knapp: Weltweit lagern nur etwa zwei Millionen Tonnen, konzentriert in wenigen Ländern.
Wer entdeckte Antimon und wie begann der Rausch?

Antimonverbindungen begleiten die Menschheit seit über 5.000 Jahren, lange bevor jemand das Element als solches kannte. Im Alten Ägypten diente fein gemahlener Stibnit als schwarze Augenschminke, das berühmte Kohl. Auch als Werkstoff für kleine Gefäße ist Antimon aus dem Altertum belegt.
Im Mittelalter wurde der Stoff zum Liebling der Alchemisten, die in ihm eine Brücke zwischen den Metallen sahen. Das 1604 einem Mönch namens Basilius Valentinus zugeschriebene Werk Triumphwagen des Antimons fasste das Wissen der Zeit zusammen und machte den Stoff in den Laboren Europas bekannt. Ärzte verabreichten Antimonpräparate als drastische Brechmittel, ein zweischneidiger Ruf zwischen Heilkunst und Gift.
Den ersten industriellen Schub brachte der Buchdruck. Gutenbergs bewegliche Lettern bestanden aus einer Legierung von Blei, Zinn und Antimon, denn der Zusatz macht das erkaltende Metall hart und randscharf und verhindert das Schrumpfen beim Guss. Über Jahrhunderte hing die Verbreitung des gedruckten Wortes an dieser unscheinbaren Zutat.
Mit der Industrialisierung kamen weitere Anwendungen dazu, von Lagermetallen über Munition bis zu den Platten der frühen Bleiakkus. Deutschland spielte dabei als Standort der Chemie- und Metallindustrie früh eine Rolle als Verarbeiter, verfügte aber nie über nennenswerte eigene Vorkommen. Diese frühe Importabhängigkeit zieht sich bis heute durch.
- Uralte Nutzung: Von der ägyptischen Augenschminke über die Alchemie bis zu Gutenbergs Lettern begleitet Antimon die Kulturgeschichte.
- Druck-Legierung: Der Zusatz machte Bleilettern hart und maßhaltig und half so dem Buchdruck zum Durchbruch.
- Deutschland als Verarbeiter: Eigene Vorkommen fehlten stets, die Abhängigkeit von Importen ist historisch gewachsen.
Wie hat Antimon die Weltkarte verändert?

Antimon ist heute vor allem ein geopolitischer Hebel, weil ein einziges Land Förderung und Verarbeitung beherrscht und diese Marktmacht gezielt einsetzt. Über Jahrzehnte galt der Stoff als unauffälliges Industriemetall. Erst die Kombination aus militärischer Bedeutung und extremer Marktkonzentration machte ihn zum Politikum.
Die Dominanz Chinas ist nicht neu, hat sich aber verschoben. Nach Zahlen der Deutschen Rohstoffagentur DERA lag der chinesische Anteil an der weltweiten Förderung 2011 noch bei rund 74 Prozent. Heute stammt etwa die Hälfte des geförderten Antimons aus China, das Land kontrolliert aber weiterhin den Großteil der Schmelz- und Trennkapazitäten, in denen Roherz zu reinem Metall und Trioxid wird.
Militärisch ist der Stoff seit dem Ersten Weltkrieg begehrt. Antimon härtet Blei in Munition, dient in Zündern, Leuchtspurgeschossen und in Beschichtungen von Nachtsichtgeräten. Der US-Geologiedienst und Sicherheitsexperten des Thinktanks CSIS verweisen darauf, dass die USA einen erheblichen Teil ihres Antimons aus China bezogen, was die strategische Verwundbarkeit zusätzlich verschärft.
Genau diese Abhängigkeit nutzte Peking. Im August 2024 kündigte das Handelsministerium eine Exportlizenzpflicht an, seit dem 15. September 2024 braucht jede Ausfuhr eine Genehmigung. Im Dezember 2024 folgte der komplette Lieferstopp in die USA. Antimon reihte sich damit in eine Serie ein, die zuvor schon Gallium und Germanium umfasste. Wie Peking mit einem anderen Halbmetall dieselbe Klaviatur spielt, zeigt die Geschichte von Gallium als schärfster Rohstoff-Waffe Chinas.
Für die Abnehmerländer wurde damit sichtbar, wie eng Rohstoffversorgung und Außenpolitik verknüpft sind. Ressourcen schaffen Abhängigkeiten, Abhängigkeiten schaffen Konflikte, und aus jedem Konflikt entstehen neue Anläufe, sich unabhängiger zu machen. Antimon ist dafür ein lehrreiches Beispiel, weil die Kette hier besonders kurz und sichtbar ist.
Warum ist Antimon für die Weltwirtschaft so wichtig?

Antimon ist ein kleiner Markt mit großer Hebelwirkung: Die Jahresförderung ist winzig, doch ohne den Stoff stockt die Produktion in Schlüsselbranchen. 2025 wurden weltweit rund 110.000 Tonnen gefördert, wie der US-Geologiedienst in seiner Rohstoffübersicht 2026 berichtet. Zum Vergleich: Von Kupfer entsteht das Zweihundertfache.
Die Nachfrage verteilt sich auf wenige, dafür kritische Anwendungen. Nach Marktdaten des Analysehauses Fastmarkets gehen etwa 50 Prozent in Flammschutzmittel und rund 20 Prozent in Solarglas, der Rest verteilt sich auf Bleibatterien, Bremsbeläge, Katalysatoren und militärische Nutzung. Diese breite Streuung macht den Stoff schwer ersetzbar, weil viele Industrien zugleich betroffen sind.
Gehandelt wird Antimon international in US-Dollar, wichtige Notierungen liefert der Marktplatz Rotterdam. Der Weg dorthin führt fast immer über chinesische Schmelzhütten, was die Preisbildung stark von der Politik in Peking abhängig macht. Fällt eine Genehmigung wochenlang aus, kaufen Händler teurer auf dem Sekundärmarkt nach.
Für Deutschland ist die Rechnung unbequem. Die Deutsche Rohstoffagentur stuft Antimon als besonders risikobehaftet ein, weil sich Förderung und Verarbeitung in politisch heiklen Ländern ballen. Konzentrate, Metall und Trioxid werden vollständig eingeführt, eine heimische Förderung existiert nicht. Diese lückenlose Abhängigkeit teilt Antimon mit anderen Technologiemetallen, bei denen Europa am kürzeren Hebel sitzt.
- Kleine Menge, große Wirkung: Nur rund 110.000 Tonnen jährlich, aber unverzichtbar in Flammschutz, Solar und Verteidigung.
- Preis am China-Tropf: Der Handelsweg führt über chinesische Hütten, das macht die Notierung politisch verwundbar.
- Deutschland ohne Puffer: Der gesamte Bedarf kommt aus dem Ausland, eigene Förderung fehlt.
In welchen Produkten steckt Antimon und was verschwindet ohne ihn?

Antimon steckt unsichtbar in Alltagsdingen vom Fernsehkabel bis zur Autobatterie, und in seiner Hauptrolle als Flammschutz-Verstärker fehlt bislang gleichwertiger Ersatz. Kaum jemand kauft Antimon bewusst, fast jeder nutzt den Stoff täglich, ohne davon zu wissen.
Die wichtigste Rolle spielt Antimontrioxid als sogenannter Synergist. Zusammen mit halogenierten Flammschutzmitteln sorgt der Stoff dafür, dass Kunststoffgehäuse, Kabelummantelungen, Polstermöbel und Textilien im Brandfall schlechter zünden und langsamer brennen. In Solarmodulen macht ein Zusatz im Glas die Zellen widerstandsfähiger, in vielen Blei-Säure-Batterien härtet eine Antimon-Blei-Legierung die Elektrodengitter. Dazu kommen Bremsbeläge, Lager, Munition und Katalysatoren für PET-Flaschen.
Die entscheidende Frage lautet, was bei einem Lieferausfall wegbricht. Bei den Batterien zeichnet sich ein Ausweg ab, denn moderne wartungsfreie Bauformen setzen längst auf Kalzium statt Antimon. Beim Flammschutz sieht die Lage anders aus: Der Synergie-Effekt des Trioxids lässt sich nur teilweise und mit spürbarem Qualitäts- oder Kostennachteil ersetzen. Fehlt der Stoff, geraten Brandschutznormen für Elektronik, Baustoffe und Fahrzeugteile unter Druck.
Für Hersteller heißt das eine unbequeme Abwägung. Ein Hersteller, der heute ein Kabel, ein Ladegerät oder eine Sitzgarnitur zertifizieren lässt, verlässt sich auf eine Lieferkette, die an wenigen chinesischen Hütten hängt. Diese versteckte Verwundbarkeit fällt erst auf, wenn der Nachschub stockt.
Wie setzt sich der Preis einer Autobatterie zusammen?

Antimon macht am Endpreis vieler Produkte nur einen winzigen Bruchteil aus, entscheidet aber darüber, ob sie überhaupt entstehen. Das lässt sich gut an einer klassischen Blei-Säure-Starterbatterie zeigen, wie sie in Millionen Fahrzeugen sitzt.
Angenommen, eine solche Batterie kostet im Handel rund 120 Euro. Den größten Brocken macht das Blei aus, dazu kommen Fertigung, Gehäuse und Säure, ein Anteil für Handel und Marge sowie die Mehrwertsteuer. Der Antimonanteil in der Bleilegierung liegt je nach Bauart im niedrigen einstelligen Prozentbereich des Metalls und damit bei nur wenigen Euro. Dieses krasse Missverhältnis zwischen Kostenanteil und Bedeutung zieht sich durch fast alle Antimon-Produkte.
Das folgende Rechenbeispiel ist eine grobe Illustration, keine exakte Kalkulation, denn die realen Anteile schwanken mit Bleipreis, Bauart und Hersteller. Das Rechenbeispiel zeigt aber das Muster: Selbst wenn sich der Antimonpreis vervielfacht, steigt der Endpreis der Batterie kaum spürbar. Der eigentliche Schaden entsteht nicht über den Preis, sondern über die schiere Verfügbarkeit.
Genau hier liegt die Tücke für Einkäufer. Ein Rohstoff, der nur ein Prozent der Kosten ausmacht, taucht in keiner Sparanalyse als Risiko auf, kann aber eine ganze Fertigungslinie stoppen. Einkäufer achten bei der Absicherung ihrer Lieferketten deshalb längst nicht mehr nur auf teure, sondern auch auf strategisch enge Vorprodukte.
Wer verdient an Antimon und wer zahlt drauf?

Am Antimon verdienen vor allem China und einige neue Bergbauprojekte im Westen, die Rechnung zahlen Importländer wie Deutschland und ihre Industrie. Der Markt ist klein, doch die Verteilung von Gewinn und Risiko folgt einem klaren Muster.
Auf der Gewinnerseite steht zuerst China, das über Förderung und Verarbeitung die Preise mitbestimmt. Vom Preissprung profitieren außerdem Produzenten außerhalb Chinas, etwa in Tadschikistan, Russland und Bolivien, sowie Recyclingbetriebe, die Altbatterien und Rückstände aufarbeiten. Auch neue Projekte wittern ihre Chance: Der US-Konzern Perpetua Resources treibt in Idaho das Stibnite-Gold-Projekt voran, das mit Rückendeckung des amerikanischen Verteidigungsministeriums die einzige nennenswerte Antimonreserve der USA erschließen soll. Diese plötzliche Aufwertung lockt Kapital in vorher unrentable Vorhaben.
Auf der Verliererseite stehen die Verarbeiter in Europa, Japan und den USA, die höhere Preise und unsichere Liefertermine schlucken müssen. In den Fördergebieten selbst bleibt oft wenig hängen, denn ein Teil des Antimons stammt aus schlecht regulierten Minen, etwa in Myanmar, wo Umweltschäden und schwierige Arbeitsbedingungen die Kehrseite des Booms sind. Dieses alte Ungleichgewicht zwischen Förderregion und Weltmarkt kennt man von vielen Rohstoffen.
Für die Kundschaft in Deutschland ist die Lage besonders bitter, weil sie am Ende der Kette sitzt und weder Förderung noch Verarbeitung beeinflussen kann. Ein ähnliches Dilemma zwischen Nachfrage und heikler Herkunft zeigt sich beim Akku-Rohstoff Kobalt und seinem Kongo-Dilemma. Der rote Faden bleibt: Wer nur einkauft und nichts fördert, sitzt am kürzeren Hebel.
Antimon ist der Beweis, dass die gefährlichste Abhängigkeit nicht die teuerste ist. Ein Stoff für wenige Euro pro Batterie legt Fertigungslinien lahm, sobald Peking die Genehmigung zurückhält.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Wie mächtig ist die Antimon-Lobby?

Eine schlagkräftige Antimon-Lobby im klassischen Sinn fehlt, dafür ringen Flammschutz-Industrie, Umweltverbände und Sicherheitspolitik um den Stoff. Weil der Markt so klein ist, verläuft der Interessenkampf leiser als bei Öl oder Stahl, aber nicht weniger hart.
Die Hersteller von Flammschutzmitteln argumentieren mit dem Brandschutz und verweisen auf Menschenleben, die schwer entflammbare Materialien retten. Umwelt- und Gesundheitsverbände halten dagegen, denn Antimontrioxid wird in der EU als vermutlich krebserzeugend eingestuft und unterliegt der strengen Chemikalienverordnung REACH. Dieser Dauerkonflikt um Nutzen und Risiko prägt die Debatte seit Jahren.
Auf einer zweiten Ebene mischt die Sicherheitspolitik mit. Rüstungsnahe Verbände in den USA und zunehmend in Europa drängen auf strategische Reserven und eigene Förderung, um bei Munition und Nachtsichttechnik nicht von China abhängig zu bleiben. Ihr Framing lautet Versorgungssicherheit und öffnet Türen zu staatlichen Fördertöpfen, die zivilen Rohstoffen verschlossen blieben.
Die Politik hat reagiert. Mit dem europäischen Gesetz zu kritischen Rohstoffen, dem Critical Raw Materials Act von 2024, führt die EU Antimon als strategischen Rohstoff und will Förderung, Verarbeitung und Recycling im eigenen Raum anschieben. Ob die genannten Zielmarken bis 2030 mehr sind als ein Versprechen, hängt an Geld, Genehmigungen und Tempo. Diese Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung ist das eigentliche Streitfeld.
- Drei Lager: Flammschutz-Industrie, Umweltverbände und Sicherheitspolitik ziehen an Antimon in verschiedene Richtungen.
- Gesundheitsfrage offen: Antimontrioxid gilt als vermutlich krebserzeugend und steht unter REACH-Beobachtung.
- EU-Ziele auf dem Prüfstand: Der Critical Raw Materials Act nennt Antimon strategisch, die Umsetzung bis 2030 bleibt fraglich.
Wie kommen wir von Antimon los?

Ein vollständiger Ausstieg ist kurzfristig unrealistisch, doch Recycling, Substitution und neue Minen können die Abhängigkeit spürbar senken. Die Wege unterscheiden sich stark je nach Anwendung, und keiner löst das Problem allein.
Am weitesten trägt das Recycling. Ein erheblicher Teil des Sekundär-Antimons stammt heute aus alten Blei-Säure-Batterien, deren Sammelquoten in Europa hoch sind. Beim Verhütten des Altbleis lässt sich das Antimon zurückgewinnen, was den Bedarf an frisch gefördertem Metall senkt. Diese etablierte Kreislaufquelle ist der schnellste Hebel, stößt aber an Grenzen, sobald weniger antimonhaltige Batterien im Umlauf sind.
Bei der Substitution ist das Bild gemischt. In Batterien ersetzt Kalzium das Antimon bereits weitgehend, in PET-Katalysatoren stehen Alternativen bereit. Beim Flammschutz dagegen sind halogenfreie Systeme auf Basis von Phosphor oder Aluminiumhydroxid zwar verfügbar, erreichen die Schutzwirkung des Trioxid-Synergisten aber nicht überall zu vertretbaren Kosten. Dieser harte Kern der Nachfrage bleibt vorerst an Antimon gebunden.
Die dritte Säule ist neue Förderung außerhalb Chinas. Projekte in den USA und Australien sollen ab Ende der 2020er Jahre liefern, brauchen aber Jahre bis zur vollen Kapazität und stehen unter Preisdruck, sobald China den Markt wieder flutet. Realistisch ist deshalb eine langsame Diversifizierung über ein Jahrzehnt, kein schneller Schnitt. Ein Gegenbeispiel, bei dem Europa seltener am Tropf hängt, liefert das Technologiemetall Hafnium, bei dem Europa gewinnt.
- Recycling zuerst: Altbatterien sind die schnellste Sekundärquelle für Antimon in Europa.
- Substitution je Sektor: Batterien und PET lassen sich umstellen, der Flammschutz bleibt der harte Fall.
- Neue Minen brauchen Zeit: Projekte im Westen liefern erst gegen Ende des Jahrzehnts, und das unter Preisdruck.
Was bedeutet die aktuelle Antimon-Krise für Deutschland?

Für Deutschland bedeutet die Lage teurere Vorprodukte, planungsunsichere Lieferketten und wachsenden Druck, Vorräte und Alternativen aufzubauen. Die Exportkontrollen aus dem Herbst 2024 haben die stille Abhängigkeit schlagartig sichtbar gemacht.
Die Preise zeigen, wie heftig der Markt reagiert. Nach der Ankündigung im August 2024 vervielfachte sich der Preis für Antimonmetall und erreichte Mitte 2025 mit rund 51.500 Euro je Tonne einen Höchststand. Anfang September 2026 notierte das Metall laut Preisdiensten noch bei gut 44.000 Euro je Tonne, also weit über dem Niveau vor der Krise. Diese anhaltende Hochpreisphase belastet vor allem kleine und mittlere Verarbeiter.
Ein Stück Entspannung brachte der November 2025. Chinas Handelsministerium setzte den Exportstopp für Lieferungen in die USA befristet aus, die Aussetzung soll bis zum 27. November 2026 gelten. Für Genehmigungen gilt für den Zeitraum 2026/27 eine Positivliste mit nur elf ausfuhrberechtigten Unternehmen. Das eigentliche Druckmittel ist damit nicht die Verweigerung, sondern die Verzögerung: Genehmigungen ziehen sich, und Planbarkeit bleibt Mangelware.
Der weitere Verlauf lässt sich in drei Szenarien fassen. Im optimistischen Fall bleibt die Aussetzung bestehen, neue Minen liefern, und die Preise sinken langsam. Im realistischen Fall pendelt der Markt zwischen Entspannung und neuen Restriktionen, je nach Stand des Handelsstreits. Im pessimistischen Fall verschärft Peking die Kontrollen erneut, und Europa steht ohne nennenswerte eigene Förderung da. Diese offene Bandbreite zwingt Unternehmen zum Vorsorgen.
Praktisch heißt das für Einkäufer, Antimon und antimonhaltige Vorprodukte gezielt auf die Risikoliste zu setzen, Lager aufzustocken und Lieferanten außerhalb Chinas zu prüfen. Für Verbraucher bleibt der Effekt vorerst klein, weil der Kostenanteil in Endprodukten gering ist. Doch wer Elektronik, Solartechnik oder Fahrzeuge produziert, sollte die Genehmigungslage in Peking so genau verfolgen wie den eigenen Auftragsbestand.
- Preis bleibt hoch: Trotz Rückgang liegt Antimon weit über dem Vorkrisenniveau.
- Verzögerung als Waffe: Die befristete Aussetzung bis November 2026 schafft Luft, aber keine Sicherheit.
- Vorsorge lohnt: Risikoliste, Lager und Lieferanten außerhalb Chinas gehören auf die Agenda.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe zu Antimon

Antimon (Sb)
Antimon (Sb) ist ein silbrig-graues Halbmetall mit der Ordnungszahl 51. Wegen seiner sprödharten Eigenschaften dient das Halbmetall meist als Zusatz in Legierungen und Verbindungen, kaum als reines Metall. Im Artikel steht Antimon im Zentrum als kritischer, stark von China kontrollierter Rohstoff.
Antimontrioxid
Antimontrioxid ist die wichtigste Antimonverbindung der Industrie, ein weißes Pulver mit der Formel Sb2O3. Als Synergist verstärkt die Verbindung halogenierte Flammschutzmittel. In der EU gilt der Stoff als vermutlich krebserzeugend und steht unter Beobachtung der Chemikalienverordnung.
Blei-Säure-Batterie
Blei-Säure-Batterie bezeichnet den klassischen Akkutyp aus Bleiplatten und Schwefelsäure, etwa als Autostarterbatterie. In vielen Bauformen härtet eine Antimon-Blei-Legierung die Elektrodengitter. Ausgediente Batterien sind zugleich die wichtigste Recyclingquelle für Antimon.
Critical Raw Materials Act
Critical Raw Materials Act (CRMA) ist ein EU-Gesetz von 2024, das die Versorgung mit kritischen Rohstoffen sichern soll. Das Gesetz listet Antimon als strategischen Rohstoff und setzt Ziele für Förderung, Verarbeitung und Recycling innerhalb der EU bis 2030.
DERA
DERA steht für die Deutsche Rohstoffagentur, eine Einrichtung der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Die Agentur bewertet Versorgungsrisiken und stuft Antimon wegen der Marktkonzentration als besonders risikobehaftet ein.
Exportlizenzpflicht
Exportlizenzpflicht bedeutet, dass eine Ware nur mit staatlicher Genehmigung ausgeführt werden darf. China führte diese Genehmigungspflicht für Antimon im September 2024 ein. Als Steuerungsinstrument wirkt weniger die Verweigerung als die Dauer der Genehmigungsverfahren.
Flammschutzmittel
Flammschutzmittel sind Zusätze, die Kunststoffe, Textilien und Kabel schwerer entzündbar machen. Halogenierte Varianten wirken deutlich besser, wenn Antimontrioxid als Synergist zugesetzt wird. Rund die Hälfte des weltweiten Antimons fließt in diese Anwendung.
Kritischer Rohstoff
Kritischer Rohstoff ist ein Material mit hoher wirtschaftlicher Bedeutung und hohem Versorgungsrisiko. Antimon erfüllt beide Kriterien, weil Förderung und Verarbeitung stark konzentriert sind und die EU vollständig auf Importe angewiesen ist.
Recycling (Sekundär-Antimon)
Sekundär-Antimon ist Antimon aus dem Recycling, vor allem aus alten Blei-Säure-Batterien. Beim Verhütten des Altbleis wird das Metall zurückgewonnen. Recycling gilt als schnellster Hebel, um die Abhängigkeit von frisch gefördertem Antimon zu senken.
Stibnit
Stibnit, auch Antimonit oder Grauspießglanz, ist das wichtigste Antimonerz, ein Antimonsulfid. Fast das gesamte geförderte Antimon stammt aus Stibnit-Lagerstätten, die oft gemeinsam mit Gold- und Silbervorkommen auftreten.
Synergist
Synergist nennt man einen Stoff, der die Wirkung eines anderen verstärkt. Antimontrioxid ist der klassische Synergist für halogenierte Flammschutzmittel und lässt sich in dieser Rolle nur mit Qualitäts- oder Kostennachteilen ersetzen.
Xikuangshan
Xikuangshan ist ein Bergbaugebiet in der chinesischen Provinz Hunan und gilt als größte Antimonlagerstätte der Welt. Der Ort steht sinnbildlich für die Vormachtstellung Chinas bei Förderung und Verarbeitung des Metalls.
FAQ: Antimon: Chinas Griff nach dem Flammschutz

Was ist Antimon und wofür wird der Stoff gebraucht?
Antimon ist ein silbrig-graues Halbmetall mit der Ordnungszahl 51, das fast nur als Zusatz verwendet wird. Rund die Hälfte steckt in Flammschutzmitteln, ein Fünftel in Solarglas, der Rest in Batterien, Bremsbelägen, Katalysatoren und Militärtechnik.
Warum ist Antimon ein kritischer Rohstoff?
Antimon gilt als kritisch, weil Förderung und Verarbeitung stark auf China konzentriert sind und die EU ihren Bedarf zu 100 Prozent aus Importen deckt. Fällt der Nachschub aus, bleibt kaum kurzfristiger Ersatz, deshalb führt die EU Antimon als strategischen Rohstoff.
Warum ist der Antimonpreis 2024 so stark gestiegen?
Auslöser war Chinas Exportpolitik. Nach der Exportlizenzpflicht ab September 2024 und dem Lieferstopp in die USA im Dezember 2024 vervielfachte sich der Preis und erreichte Mitte 2025 einen Höchststand von rund 51.500 Euro je Tonne.
Kann man Antimon ersetzen?
Teilweise. In Batterien ersetzt Kalzium das Antimon bereits weitgehend, bei PET-Katalysatoren stehen Alternativen bereit. In seiner Hauptrolle als Flammschutz-Synergist lässt sich Antimon nur mit spürbarem Qualitäts- oder Kostennachteil ersetzen.
Wie abhängig ist Deutschland bei Antimon?
Vollständig. Deutschland und die EU fördern kein Antimon und führen Konzentrate, Metall und Trioxid komplett ein. Die Deutsche Rohstoffagentur stuft Antimon wegen der Marktkonzentration als besonders risikobehafteten Rohstoff ein.
Woher kommt Antimon außer aus China noch?
Nennenswerte Mengen liefern Tadschikistan, Russland, Myanmar und Bolivien. Neue Projekte entstehen in den USA mit dem Stibnite-Gold-Projekt in Idaho und in Australien, sie liefern aber erst gegen Ende der 2020er Jahre in größerem Umfang.
Quellen
US Geological Survey | Mineral Commodity Summaries 2026: Antimony | https://www.usgs.gov/centers/national-minerals-information-center/antimony-statistics-and-information | besucht am 10.09.2026
CSIS (Center for Strategic and International Studies) | China’s Antimony Export Restrictions: The Impact on U.S. National Security | https://www.csis.org/analysis/chinas-antimony-export-restrictions-impact-us-national-security | besucht am 10.09.2026
Deutsche Rohstoffagentur (DERA) | Rohstoffinformationen: Antimon | https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DERA/DE/Rohstoffe/Antimon/antimon_node.html | besucht am 10.09.2026
Germany Trade and Invest (GTAI) | China führt Ausfuhrgenehmigungen für Antimon ein | https://www.gtai.de/de/trade/china/specials/china-fuehrt-ausfuhrgenehmigungen-fuer-antimon-ein-1814490 | besucht am 10.09.2026
Fastmarkets | Antimony market outlook 2026: supply, demand and price trends | https://www.fastmarkets.com/insights/antimony-2026-ample-supply-strategic-demand-to-guide-geopolitical-oversight/ | besucht am 10.09.2026