Seit Ende 2024 durfte kein Gramm Gallium mehr offiziell von China in die Vereinigten Staaten fließen, und erst im November 2025 setzte Peking dieses Ausfuhrverbot wieder aus, befristet bis zum 27. November 2026. Über einem der wichtigsten Metalle der Halbleiterwelt hängt damit eine tickende Uhr. Kaum jemand kennt den Stoff, doch fast jedes Funksignal auf der Welt läuft durch ihn hindurch.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenGallium ist ein weiches, silbriges Metall, das schon in der warmen Hand zu schmelzen beginnt. In der Natur gibt es keine einzige Mine, die es fördert, denn es fällt nur als Beiprodukt bei der Aluminium- und Zinkgewinnung an. Genau diese unscheinbare Herkunft hat China zur schärfsten Rohstoffwaffe des Jahrzehnts gemacht.
Rund achtundneunzig Prozent des weltweiten Rohgalliums stammen aus chinesischen Werken, und seit August 2023 entscheidet eine Exportlizenz darüber, wer den Stoff bekommt. Für die Chipindustrie in Europa und den USA wurde daraus eine handfeste Abhängigkeit, die sich nicht in Monaten auflösen lässt.
Das Wichtigste in Kürze
- Exportstopp ausgesetzt: Chinas Ausfuhrverbot für Gallium in die USA gilt seit November 2025 nur ausgesetzt, befristet bis zum 27. November 2026, danach droht die erneute Sperre.
- China liefert rund 98 Prozent des primären Galliums der Welt, obwohl das Metall in fast jedem Gestein in Spuren vorkommt.
- Weltweit werden pro Jahr nur etwa 760 Tonnen Rohgallium gewonnen, ausschließlich als Beiprodukt der Aluminium- und Zinkverarbeitung.
- In jedem Smartphone steckt Gallium als Hochfrequenzchip aus Galliumarsenid, ohne den es keinen Mobilfunk und kein WLAN gäbe.
- Für die schnellsten Funk- und Radaranwendungen gibt es bis heute keinen gleichwertigen Ersatz für Gallium.
Bluff oder Wissen? Der Gallium-Check
1Was ist am Metall Gallium so ungewöhnlich?Aufklappen ↓
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2Woher stammt fast das gesamte Rohgallium der Welt?Aufklappen ↓
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3Wie wird Gallium gewonnen?Aufklappen ↓
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4In welchem Alltagsgerät steckt Gallium fast immer?Aufklappen ↓
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5Was verhängte China Ende 2024 gegen die USA?Aufklappen ↓
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Was ist Gallium und wie entsteht das flüssige Metall?
Gallium ist ein chemisches Element mit dem Kürzel Ga und der Ordnungszahl einunddreißig. Im festen Zustand glänzt es silbrig wie Aluminium, doch es ist so weich, dass es sich mit dem Messer schneiden lässt. Sein wahres Kunststück ist der niedrige Schmelzpunkt von nur 29,8 Grad.
Damit wird Gallium schon in der geschlossenen Hand flüssig, ein Metall, das zu Wasser zerfließt wie ein Eiswürfel. Anders als das giftige Quecksilber ist es dabei vergleichsweise ungefährlich, weshalb es in Schauversuchen gern als Kuriosität vorgeführt wird. Diese Eigenschaft ist aber nur eine Randnotiz seiner Bedeutung.
Im Boden liegt Gallium überall und nirgends. In der Erdkruste ist es mit etwa neunzehn Gramm je Tonne ungefähr so häufig wie Blei, doch es sammelt sich nie zu einem abbauwürdigen Erz. Es versteckt sich in winzigen Mengen im Aluminiumerz Bauxit und in den Zinkerzen, chemisch eng an das Aluminium gebunden.
Deshalb gibt es weltweit keine einzige Galliummine. Der Stoff fällt allein als Beiprodukt an, wenn aus Bauxit im großen Maßstab Tonerde für die Aluminiumherstellung gekocht wird. Aus der Lauge dieses Bayer-Verfahrens lässt sich das Gallium mit hohem Aufwand herausholen, meist nur wenige Gramm je Tonne Erz.
Gerade diese Bindung an das Aluminium erklärt Chinas Übermacht. Ein Land mit der größten Aluminiumindustrie der Welt hat automatisch Zugriff auf das meiste Gallium, ganz ohne eigenen Bergbau. Die Herrschaft über den Stoff ist damit weniger eine Frage der Geologie als der Industriepolitik.
Wer entdeckte Gallium und wie wurde es zum Herz der Elektronik?

Die Geschichte des Galliums beginnt mit einer Vorhersage. Im Jahr 1871 ließ der russische Chemiker Dmitri Mendelejew in seinem Periodensystem eine Lücke frei und beschrieb ein noch unbekanntes Element, das er Eka-Aluminium nannte. Er sagte sogar dessen Gewicht und Dichte voraus, Jahre vor jedem Nachweis.
Vier Jahre später wurde aus der Rechnung Wirklichkeit. Der französische Chemiker Paul-Émile Lecoq de Boisbaudran entdeckte 1875 im Spektrum einer Zinkblende zwei neue violette Linien und isolierte daraus ein winziges Kügelchen Metall. Er taufte es nach dem lateinischen Namen für Frankreich, Gallia, auf den Namen Gallium.
Lange blieb der Fund eine Laborkuriosität ohne Nutzen. Erst mit der Halbleiterforschung des zwanzigsten Jahrhunderts kam die große Stunde des Metalls, als Techniker die Verbindung Galliumarsenid als Werkstoff für schnelle elektronische Bauteile entdeckten. Silizium war billig, doch Gallium war schneller.
Den sichtbarsten Durchbruch brachte das Licht. Auf Basis von Galliumverbindungen entstanden die ersten roten und später die blauen Leuchtdioden, deren Erfinder 2014 den Nobelpreis für Physik erhielten. Ohne dieses blaue Licht gäbe es bis heute keine weiße LED und keinen modernen Bildschirm.
Deutschland spielte in dieser Geschichte vor allem als Forschungs- und Verarbeitungsstandort mit. Deutsche Chemie- und Metallbetriebe reinigten Gallium zu höchster Güte und lieferten es an die Chipwerke der Welt, während die eigentliche Rohstoffbasis stets im Ausland lag.
Wie hat Gallium die Weltkarte verändert?

Bei klassischen Rohstoffen wie Öl oder Kupfer entscheidet die Lagerstätte über die Macht. Beim Gallium liegt der Hebel woanders, denn der Stoff ist geologisch überall, aber wirtschaftlich nur dort greifbar, wo billiges Aluminium und Zink in Massen verarbeitet werden. Diese Verarbeitung wanderte über Jahrzehnte fast vollständig nach China.
So entstand ein Monopol, ohne dass ein einziges Bergwerk erobert werden musste. Rund achtundneunzig Prozent des primären Galliums kommen heute aus chinesischen Anlagen, der Rest verteilt sich auf kleine Kapazitäten in Japan, Südkorea und Europa. Diese Dominanz baute Peking geduldig über zwanzig Jahre auf.
Im Sommer 2023 machte China aus dem stillen Vorsprung ein offenes Instrument. Zum ersten August jenes Jahres knüpfte es die Ausfuhr von Gallium und Germanium an eine staatliche Lizenz, kurz nachdem die USA und die Niederlande den Verkauf modernster Chipmaschinen nach China beschränkt hatten. Der Rohstoff wurde zur Antwort im Chipkrieg.
Die Eskalation folgte im Dezember 2024, als Peking die Ausfuhr von Gallium in die Vereinigten Staaten ganz untersagte. Erst im Rahmen einer vorläufigen Handelsentspannung setzte China dieses Verbot im November 2025 wieder aus, allerdings nur befristet bis zum 27. November 2026. Aus einem Rohstoff wurde ein diplomatisches Faustpfand.
Für Europa und die USA legte diese Episode eine unbequeme Wahrheit offen. Die Abhängigkeit von einem einzigen Land lässt sich nicht in einer Saison beheben, weil neue Anlagen zur Galliumgewinnung Jahre und viel Kapital brauchen. Solche Abhängigkeiten lassen sich politisch ausnutzen, und genau dieser Druck treibt nun die hektische Suche nach Alternativen.
Warum ist Gallium für die Weltwirtschaft so wichtig?

Gemessen an seiner Menge ist Gallium ein Zwerg. Die gesamte Weltproduktion von rund 760 Tonnen im Jahr passt rechnerisch in ein paar Lastwagen, während von Eisen jährlich Milliarden Tonnen bewegt werden. Sein Gewicht in der Wirtschaft misst sich nicht in Tonnen, sondern in Hebelwirkung.
Denn das kleine Metall sitzt an einer entscheidenden Stelle der Wertschöpfung. Aus wenigen Gramm hochreinem Gallium entstehen Chips, die in Geräten für viele tausend Euro stecken und ganze Industrien am Laufen halten. Ein Kilogramm des Stoffes trägt am Ende ein Vielfaches seines Preises an Endwert.
Neben dem Rohgallium gibt es einen zweiten, veredelten Markt. Aus dem groben Beiprodukt entsteht durch aufwendige Reinigung das hochreine Gallium, von dem weltweit nur rund 320 Tonnen im Jahr produziert werden, unter anderem in Japan, der Slowakei, Kanada und den USA. Diese Veredelung ist ein eigenes, technisch anspruchsvolles Geschäft.
Für Deutschland ist die Rechnung unbequem. Als Industrieland ohne eigene Galliumförderung hängt es vollständig am Import, und der führt in aller Regel nach China. Fällt der Nachschub aus, geraten Halbleiter, Radartechnik und Teile der Rüstungsindustrie in ernste Bedrängnis.
Die Handelswege sind dabei kurz und verletzlich zugleich. Gallium ist so wertvoll, dass es problemlos per Luftfracht reist, doch am Anfang der Kette steht fast immer dieselbe Quelle. Eine einzige politische Entscheidung in Peking genügt, um den Fluss für die halbe Welt ins Stocken zu bringen.
In welchen Produkten steckt Gallium und was verschwindet ohne es?

Die meisten Menschen tragen Gallium täglich mit sich herum, ohne es zu wissen. In jedem Mobiltelefon sitzt ein kleiner Chip aus Galliumarsenid, der die Funksignale für Mobilfunk und WLAN verstärkt. Ohne diesen Baustein gäbe es weder ein Telefonat noch eine drahtlose Verbindung.
Auch das Licht der Gegenwart hängt am Gallium. Die weißen Leuchtdioden in Lampen, Taschenlampen und Autoscheinwerfern beruhen auf Galliumnitrid, ebenso die Laserdioden in Glasfasernetzen und in der Datenübertragung. Wo effizient Licht erzeugt oder gelesen wird, ist der Stoff fast immer beteiligt.
Ein wachsender Bereich ist die Leistungselektronik. Ladegeräte auf Basis von Galliumnitrid laden kleiner und kühler als ältere Technik, und in Solarzellen der Bauart CIGS steckt Gallium ebenso wie in den Radaranlagen moderner Kampfjets. Der Stoff verbindet damit Alltag und Verteidigung.
Damit stellt sich die entscheidende Frage nach dem Ersatz. Für die schnellsten Hochfrequenz- und Radaranwendungen gibt es zu Galliumarsenid und Galliumnitrid bis heute keinen gleichwertigen Werkstoff, weil das billige Silizium diese Frequenzen und Leistungen nicht schafft. Genau hier ist das Metall unersetzlich.
An anderer Stelle wäre ein Ausfall zu verschmerzen. Manche LED- und Ladegerätefunktionen ließen sich zur Not mit älterer Siliziumtechnik nachbilden, wenn auch größer, heißer und ineffizienter. Der harte Kern der Abhängigkeit liegt also im Mobilfunk, im Radar und in der militärischen Elektronik.
Wie setzt sich der Preis von Gallium zusammen?

Der Preis von Gallium folgt keiner ruhigen Kurve, sondern den Launen der Politik. Vor den chinesischen Kontrollen kostete das Kilogramm hochreinen Galliums oft zwischen 200 und 350 US-Dollar, danach schoss der Preis nach oben. Der Handel reagiert weniger auf Angebot und Nachfrage als auf jede neue Ansage aus Peking.
Im Jahr 2026 pendelte der Preis auf erhöhtem Niveau. Der chinesische Ausfuhrpreis lag mit rund 400 US-Dollar je Kilogramm deutlich über dem Inlandsniveau, ein Aufschlag, der allein aus der Lizenzpflicht und der Unsicherheit entsteht. Nicht die Förderung wurde teurer, sondern die Erlaubnis.
In den Preis fließen mehrere Stufen ein. Am Anfang steht das grobe Rohgallium aus der Aluminiumlauge, das für sich genommen billig ist. Erst die Reinigung auf höchste Güte, die Verarbeitung zu Kristallen und schließlich die Fertigung der Chips treiben den Wert mit jedem Schritt in die Höhe.
Der größte Preistreiber ist heute die politische Prämie. Weil ein einziges Land den Hahn öffnen und schließen kann, kalkulieren Abnehmer einen Risikoaufschlag und legen zusätzlich teure Vorräte an, deren Lagerung selbst wieder Geld kostet. Diese Angst schlägt sich direkt im Kurs nieder.
Für das Endgerät bleibt der Effekt trotzdem klein. Weil in einem Chip nur Bruchteile eines Gramms Gallium stecken, verteuert selbst eine Verdopplung des Metallpreises ein Smartphone kaum spürbar. Wohin das teure Metall am Ende wirklich fließt, zeigt die folgende Übersicht.
Wer verdient an Gallium und wer zahlt drauf?

Der größte Gewinner der letzten Jahre ist eindeutig China. Weil das Land fast das gesamte Rohgallium liefert, kann es über Preis und Verfügbarkeit bestimmen und den Stoff zugleich als politisches Druckmittel einsetzen. Diese doppelte Rolle als Lieferant und Torwächter ist ein enormer strategischer Vorteil.
Auf der Gewinnerseite stehen auch die Veredler und Händler außerhalb Chinas. Betriebe, die hochreines Gallium reinigen, lagern und in Zeiten der Knappheit liefern können, verdienen an den gestiegenen Preisen und an der Nervosität des Marktes. Aus einem Nebenprodukt der Aluminiumhütte wurde ein gefragtes Spekulationsgut.
Die Verlierer sitzen in den Werkshallen der Abnehmerländer. Chiphersteller, Rüstungsbetriebe und am Ende die Verbraucher tragen die höheren Kosten und das Risiko, dass eine Lieferung ausbleibt. Für sie ist Gallium keine Geldquelle, sondern eine ständige Sorge.
Beim Gallium zeigt sich, dass Marktmacht heute nicht mehr aus dem Besitz von Minen erwächst, sondern aus der Kontrolle über die Verarbeitung. China hat den unscheinbarsten Schritt der Kette besetzt und daraus ein geopolitisches Werkzeug geformt, das uns noch Jahre beschäftigen wird.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Der klassische Ressourcenfluch greift beim Gallium nicht, denn es gibt kein armes Förderland, das an einer Rente erstickt. Die Verteilungsfrage verläuft hier zwischen Nationen, zwischen dem einen Land, das den Stoff beherrscht, und den vielen, die von ihm abhängen. Es ist ein Fluch der Abnehmer, nicht der Förderer.
Wie mächtig ist die Rohstofflobby hinter dem Gallium?

Anders als beim Öl gibt es keine laute Galliumlobby mit eigenen Verbänden und Kampagnen. Das Metall ist zu klein und zu speziell, um eine eigene Interessenvertretung zu tragen. Seine Politik läuft deshalb über die großen Bühnen der Halbleiter- und Rohstoffstrategie.
Auf europäischer Ebene taucht Gallium prominent im Critical Raw Materials Act auf, dem Gesetz der EU über kritische Rohstoffe von 2024. Dort steht das Metall auf der Liste der strategisch wichtigsten Stoffe, für die Europa Förderung, Verarbeitung und Recycling im eigenen Raum aufbauen will. Aus Abhängigkeit wurde ein politisches Programm.
Die eigentliche Lobbyarbeit betreiben die Abnehmerbranchen. Chiphersteller, Autoindustrie und Rüstungskonzerne drängen die Regierungen zu Vorräten, Förderprogrammen und Handelsabkommen, um nie wieder von einer einzigen Hauptstadt abhängig zu sein. Ihr Argument ist die nationale Sicherheit.
Auf der Gegenseite sitzt der Staat China als strategischer Akteur. Peking steuert Ausfuhr und Verarbeitung gezielt und nutzt die Marktmacht als außenpolitisches Instrument, ähnlich wie andere Länder ihre Energie einsetzen. Der Rohstoff ist Teil einer bewussten Machtpolitik.
Zwischen politischem Versprechen und Wirklichkeit klafft dabei eine Lücke. Europa und die USA reden seit Jahren von Unabhängigkeit, doch der Aufbau eigener Anlagen kommt nur langsam voran, weil er teuer ist und sich betriebswirtschaftlich kaum rechnet. Die Absichten sind groß, die Fortschritte klein.
Wie kommt der Westen von Chinas Gallium los?

Der naheliegendste Weg führt über die eigene Aluminiumindustrie. Weil Gallium in jeder Bauxitlauge steckt, könnten westliche Tonerdewerke es zurückgewinnen, statt es ungenutzt zu entsorgen. Diese Rückgewinnung wurde jahrzehntelang unterlassen, weil sie sich gegen den billigen chinesischen Nachschub nie lohnte.
Nach den Exportkontrollen kam Bewegung in die Sache. In Europa, Nordamerika und Japan starteten Projekte, um Galliumkapazitäten neu aufzubauen oder alte wiederzubeleben, teils mit staatlicher Förderung. Der Weg von der Ankündigung bis zur laufenden Produktion dauert allerdings mehrere Jahre.
Ein zweiter Hebel ist das Recycling. Gallium lässt sich aus Produktionsabfällen der Chipfertigung und aus Altgeräten zurückholen, doch die zurückgewonnenen Mengen sind bislang klein und die Verfahren aufwendig. Noch deckt der Kreislauf nur einen Bruchteil des Bedarfs.
Auch der Ersatz durch andere Werkstoffe wird erforscht. In der Leistungselektronik konkurriert Galliumnitrid mit dem Siliziumkarbid, das ohne Gallium auskommt, und für einzelne Anwendungen taugt weiterhin klassisches Silizium. In den schnellsten Funk- und Radarchips aber bleibt Gallium bis heute konkurrenzlos.
Realistisch bleibt der Ausstieg deshalb ein langer Umbau. Vorräte, neue Werke, Recycling und Teilersatz können die Abhängigkeit über Jahre mildern, ein schneller Bruch mit China ist aber nicht in Sicht. Die Diversifizierung ist eine Aufgabe für ein Jahrzehnt, nicht für eine Wahlperiode.
Was bedeutet Chinas Gallium-Frist für Deutschland?

Damit schließt sich der Kreis zum Kalender. Der ausgesetzte Exportstopp gegen die USA gilt nur bis zum 27. November 2026, und schon diese Frist zeigt, wie schnell sich die Lage wieder verschärfen kann. Für die deutsche Industrie ist das eine dauerhafte Mahnung, sich nicht auf ruhige Zeiten zu verlassen.
Konkret trifft es zuerst die Chip- und Elektronikbranche. Steigt der Galliumpreis oder stockt der Nachschub, verteuern sich Halbleiter für Autos, Maschinen und Kommunikationstechnik, und einzelne Fertigungen können ganz zum Stillstand kommen. Der Schaden bemisst sich dann nicht am Metall, sondern an den Produkten dahinter.
Besonders sensibel ist die Verteidigung. Radaranlagen, elektronische Aufklärung und moderne Waffensysteme beruhen auf Galliumnitrid, weshalb die Bundeswehr und ihre Zulieferer ein handfestes Interesse an gesicherten Beständen haben. Hier verschmilzt die Rohstofffrage mit der Sicherheitspolitik.
Die Politik hat das Problem erkannt, aber noch nicht gelöst. Deutschland und die EU setzen auf den Critical Raw Materials Act, auf strategische Vorräte und auf neue Handelspartner, doch all das wirkt erst mittelfristig. Kurzfristig bleibt die Abhängigkeit von China nahezu unverändert.
Für die kommenden Jahre lassen sich drei Verläufe denken. Im günstigen Fall bleibt der Handel offen und neue Quellen entstehen, im mittleren Fall wechseln sich Entspannung und Drohung ab, und im ungünstigen Fall wird Gallium erneut zur Waffe, wenn die Frist im November 2026 ohne Anschlusslösung verstreicht. Unternehmen tun gut daran, ihre Lieferketten zu prüfen, Bestände zu sichern und Alternativen frühzeitig zu erproben.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe rund um Gallium

Gallium
Gallium ist ein weiches, silbriges Metall mit dem Zeichen Ga und der Ordnungszahl 31. Es schmilzt schon bei knapp 30 Grad und dient vor allem als Grundstoff für Halbleiter in der Elektronik.
Galliumarsenid
Galliumarsenid, kurz GaAs, ist eine Verbindung aus Gallium und Arsen. Sie leitet elektrische Signale schneller als Silizium und steckt in den Hochfrequenzchips fast jedes Mobiltelefons.
Galliumnitrid
Galliumnitrid, kurz GaN, ist eine Verbindung aus Gallium und Stickstoff. Sie hält hohe Spannungen und Frequenzen aus und findet sich in LEDs, kompakten Ladegeräten und moderner Radartechnik.
Halbleiter
Halbleiter sind Werkstoffe, die Strom je nach Bedingung leiten oder sperren. Sie bilden die Grundlage aller Chips, wobei Gallium für besonders schnelle und leistungsstarke Bauteile sorgt.
Eka-Aluminium
Eka-Aluminium nannte Dmitri Mendelejew 1871 ein damals noch unbekanntes Element, dessen Eigenschaften er aus seinem Periodensystem voraussagte. Vier Jahre später wurde es als Gallium tatsächlich entdeckt.
Bayer-Verfahren
Bayer-Verfahren heißt das Standardverfahren, mit dem aus dem Erz Bauxit Tonerde für die Aluminiumherstellung gewonnen wird. Aus der zurückbleibenden Lauge lässt sich das Beiprodukt Gallium herauslösen.
Beiprodukt
Beiprodukt nennt man einen Stoff, der nicht für sich, sondern nebenbei bei der Gewinnung eines anderen Rohstoffs anfällt. Gallium entsteht so ausschließlich als Begleiter von Aluminium und Zink.
Exportlizenz
Exportlizenz bezeichnet eine staatliche Genehmigung, die für die Ausfuhr bestimmter Waren nötig ist. China knüpfte 2023 die Ausfuhr von Gallium an eine solche Lizenz und schuf damit ein Druckmittel.
CIGS-Solarzelle
CIGS-Solarzelle steht für eine Dünnschicht-Solarzelle aus Kupfer, Indium, Gallium und Selen. Sie ist dünner und flexibler als klassische Siliziumzellen und nutzt Gallium als einen ihrer Grundstoffe.
Leuchtdiode
Leuchtdiode, kurz LED, ist ein Halbleiterbauteil, das Strom direkt in Licht verwandelt. Die weißen und blauen Varianten beruhen auf Galliumnitrid und lösten die alte Glühlampe weitgehend ab.
Leistungselektronik
Leistungselektronik umfasst Bauteile, die elektrische Energie steuern und umwandeln, etwa in Ladegeräten und Antrieben. Galliumnitrid macht sie kleiner und sparsamer als reine Siliziumtechnik.
Dual-Use-Gut
Dual-Use-Gut nennt man einen Stoff oder ein Produkt, das sich zivil und militärisch nutzen lässt. Gallium fällt darunter, weil es sowohl in Alltagselektronik als auch in Radar und Waffensystemen steckt.
FAQ: Gallium: Chinas schärfste Rohstoff-Waffe

Warum ist Gallium so wichtig, obwohl kaum jemand es kennt?
Gallium ist der Grundstoff für schnelle Halbleiter. In jedem Smartphone verstärkt ein Chip aus Galliumarsenid die Funksignale, weiße LEDs und moderne Radaranlagen beruhen auf Galliumnitrid. Ohne das Metall gäbe es weder Mobilfunk noch effizientes LED-Licht in der heutigen Form.
Warum kontrolliert China fast das gesamte Gallium?
Gallium wird nicht in eigenen Minen gefördert, sondern fällt nur als Beiprodukt der Aluminium- und Zinkherstellung an. Weil China die mit Abstand größte Aluminiumindustrie der Welt betreibt, liefert es rund 98 Prozent des primären Galliums, ganz ohne eigenen Galliumbergbau.
Was hat es mit dem Exportstopp und der Frist 2026 auf sich?
China knüpfte 2023 die Ausfuhr von Gallium an eine Lizenz und verbot Ende 2024 den Export in die USA ganz. Seit November 2025 ist dieses Verbot nur ausgesetzt, befristet bis zum 27. November 2026. Läuft die Frist ohne Anschlussregelung aus, droht die erneute Sperre.
Gibt es einen Ersatz für Gallium?
Für einige Anwendungen ja, für die wichtigsten nein. In der Leistungselektronik konkurriert Galliumnitrid mit Siliziumkarbid, manche LED-Funktionen ließen sich mit Silizium nachbilden. Für die schnellsten Mobilfunk- und Radarchips gibt es zu Galliumarsenid und Galliumnitrid bis heute keinen gleichwertigen Werkstoff.
Wie abhängig ist Deutschland beim Gallium?
Sehr abhängig. Deutschland fördert kein eigenes Gallium und führt seinen gesamten Bedarf ein, in aller Regel aus China. Eine kurzfristige Alternative gibt es nicht, weil neue Gewinnungsanlagen und Recyclingverfahren Jahre bis zur nennenswerten Produktion brauchen.
Was kostet Gallium und warum schwankt der Preis so stark?
Vor den chinesischen Kontrollen kostete hochreines Gallium oft 200 bis 350 US-Dollar je Kilogramm, danach stieg der Preis deutlich, der Ausfuhrpreis lag 2026 bei rund 400 Dollar. Der Kurs folgt weniger Angebot und Nachfrage als den politischen Entscheidungen in Peking.
Quellen
USGS | Mineral Commodity Summaries 2025, Gallium | https://pubs.usgs.gov/periodicals/mcs2025/mcs2025-gallium.pdf | besucht am 25.07.2026
GTAI | China beschränkt Ausfuhren von Gallium und Germanium | https://www.gtai.de/de/trade/china/zoll/china-beschraenkt-ausfuhren-von-gallium-und-germanium-1015852 | besucht am 25.07.2026
CSIS | Beyond Rare Earths, China’s Growing Threat to Gallium Supply Chains | https://www.csis.org/analysis/beyond-rare-earths-chinas-growing-threat-gallium-supply-chains | besucht am 25.07.2026
Fastmarkets | China suspends export prohibition on superhard materials to US | https://www.fastmarkets.com/insights/china-suspends-export-prohibition-on-superhard-materials-us/ | besucht am 25.07.2026
Europäische Kommission | Critical Raw Materials Act | https://commission.europa.eu/strategy-and-policy/priorities-2024-2029/competitive-economy/critical-raw-materials-act_en | besucht am 25.07.2026