Ein Spiele-Leak kostet in China nicht mehr nur Schadenersatz, sondern das Strafregister. Drei junge Chinesen knackten die Testversionen von Genshin Impact und Honkai: Star Rail, luden unveröffentlichte Figuren ins Netz und sammelten dafür Klicks. Genau diese Klickzahl wurde nun zum entscheidenden Beweis vor dem Strafgericht.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEin einzelnes Video mit mehr als 100.000 Aufrufen genügte, damit aus der Urheberrechtsverletzung eine Straftat wurde. Der Fall des Spielestudios miHoYo gilt als Chinas erster strafrechtlich verfolgter Spiele-Leak und liefert Unternehmen eine unbequeme Blaupause für den Umgang mit undichten Stellen.
Das Wichtigste in Kürze
- Zwei von drei Beschuldigten wurden wegen Urheberrechtsverletzung verurteilt, das Urteil ist rechtskräftig.
- Über 100.000 Aufrufe je Clip machten aus der Tat statt einer Abmahnung eine Straftat.
- Die Täter knackten interne Testversionen von Genshin Impact, Honkai: Star Rail und Zenless Zone Zero.
- miHoYo zog bereits über 200 Leaker zur Rechenschaft, der höchste Schadenersatz lag bei rund 66.000 Euro.
Wie wird die Klickzahl zum Beweismittel?

Chinas Urheberstrafrecht wird erst bei großem Ausmaß zur Straftat, weil die Reichweite eines Leaks den messbaren Maßstab liefert. Verbreiter von unfertigem Material verdienen selten direkt Geld. Also zogen die Ermittler in Shanghai die Aufrufzahlen der Videos heran, um den angerichteten Schaden zu beziffern. Sobald ein einzelner Clip 100.000 Aufrufe überschritt, war die Schwelle zur Strafbarkeit erreicht.
Die drei Beschuldigten, unter ihnen ein promovierter Mathematiker, entpackten die internen Testversionen der Spiele und schnitten daraus Videos für Reichweite und Trinkgelder. Laut der Wirtschaftszeitung 21财经 rückte die Staatsanwaltschaft die Klickzahl ins Zentrum der Anklage.[1] Dieselbe Spur nutzt jede Ermittlung nach einem Datenabfluss aus internen Systemen, denn nachweisbar ist vor allem die Verbreitung.
Warum eskaliert miHoYo vom Schadenersatz zur Anzeige?
Zivilklagen allein schreckten die Leaker-Szene nicht ab, also fährt miHoYo seit 2025 zweigleisig aus Schadenersatz und Strafanzeige. Über 200 Leaker hat das Studio bereits zur Rechenschaft gezogen, der höchste Einzelschadenersatz erreichte 550.000 Yuan, rund 66.000 Euro. Ein Gericht im Shanghaier Bezirk Pudong sprach zudem 500.000 Yuan zu, rund 60.000 Euro. Erstmals erkannte es dabei unfertige Spielfiguren als Geschäftsgeheimnis an.[2]
Chinas Techbranche tritt härter auf, vom gesperrten Kamerabauer Dahua bis zum Spielestudio miHoYo. Die Rechnung dahinter bleibt schlicht: Ein rechtskräftiges Strafurteil wirkt abschreckender als jede Abmahnung, weil es an das Strafregister rührt.
Ein Leak ist kein Kavaliersdelikt mehr, sobald ein Gericht die Reichweite in ein Strafmaß übersetzt. Unternehmen, die ihre unveröffentlichten Produkte nicht als Geschäftsgeheimnis absichern, verschenken diese Handhabe.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet das für Unternehmen im DACH-Raum?
Auch in Deutschland ist ein geknackter Testbuild kein Kavaliersdelikt, sondern trifft gleich drei Gesetze. Das Entpacken einer geschützten Testversion fällt unter das Ausspähen von Daten nach Paragraf 202a StGB. Die Weitergabe unfertiger Inhalte trifft Paragraf 106 Urhebergesetz, das Material selbst schützt das Geschäftsgeheimnisgesetz, das die EU-Richtlinie 2016/943 umsetzt.
Der Haken liegt im Detail der Geheimhaltung: Das Geschäftsgeheimnisgesetz greift nur bei nachweisbaren Schutzmaßnahmen. Den Schutz behält nur ein Unternehmen, das Testzugänge streng vergibt, Builds mit unsichtbaren Wasserzeichen versieht und die Tester vertraglich bindet. Genau deshalb landet der Streit um Geschäftsgeheimnisse immer öfter vor Gericht und gehört als Cybersecurity-Frage auf die Chefetage.
FAQ: Klickzahl als Beweismittel bei Spiele-Leaks
Was ist ein Spiele-Leak?
Ein Spiele-Leak ist die unbefugte Veröffentlichung von noch nicht freigegebenen Spielinhalten wie Figuren, Szenen oder Spielmechaniken, meist aus internen Testversionen. Die Inhalte stammen häufig von Testern oder aus technisch entpackten Testpaketen und verbreiten sich über Videoplattformen und soziale Netzwerke.
Ist das Leaken von Spielinhalten strafbar?
In Deutschland kann ein Spiele-Leak mehrere Straftatbestände erfüllen. Das Entpacken geschützter Testversionen fällt unter Paragraf 202a StGB, die Verbreitung urheberrechtlich geschützter Inhalte unter Paragraf 106 Urhebergesetz. Ob es zur Anklage kommt, hängt vom Ausmaß und vom Vorsatz ab.
Welche miHoYo-Spiele waren betroffen?
Betroffen waren die Titel Genshin Impact, Honkai: Star Rail und Zenless Zone Zero. Die Täter entpackten deren interne Testversionen und veröffentlichten unfertige Figuren, Szenen und Fähigkeitsanimationen vor dem offiziellen Release.
Was ist ein Geschäftsgeheimnis nach dem GeschGehG?
Ein Geschäftsgeheimnis ist eine geheime, wirtschaftlich wertvolle Information, die durch angemessene Maßnahmen geschützt wird. Ohne nachweisbare Schutzmaßnahmen wie Zugriffsbeschränkungen, Verträge oder Wasserzeichen entfällt der Schutz. Unfertige Produktinhalte fallen nur darunter, wenn das Unternehmen sie aktiv sichert.
Wie viel Schadenersatz droht bei einem Spiele-Leak?
Im Fall miHoYo verhängten chinesische Gerichte bis zu 550.000 Yuan, rund 66.000 Euro, gegen einen einzelnen Leaker. In Deutschland bemisst sich der Schaden meist über die Lizenzanalogie oder den Verletzergewinn, was bei unveröffentlichten Inhalten schwer zu beziffern ist.
Quellen
[1] 21世纪经济报道 / 南方财经: „非法泄密《原神》《明日方舟》,刑事民事双追责加重违法成本“
[2] 知产财经: „测试玩家擅自获取、披露内测游戏内容,侵犯商业秘密“
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