Geothermie galt lange als Nischentechnik für Islandfans und Geologen. Anfang September 2026 unterschrieb Google den bislang größten Vertrag über Strom aus heißem Gestein, 396 Megawatt aus einem Kraftwerk in Utah. Die Wärme unter unseren Füßen wird zur strategischen Ressource. Deutschland sitzt dabei auf einem der größten Vorkommen Europas.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEine neue Heizung 2026 oder die Wärmeversorgung eines ganzen Standorts stellt Entscheider vor dieselbe Frage wie ganze Volkswirtschaften: Woher kommt die Energie, sobald Gaslieferungen zum politischen Druckmittel werden? Erdwärme gibt darauf eine ungewöhnliche Antwort. Der Rohstoff steckt direkt unter dem eigenen Grundstück und kennt weder Förderland noch Lieferstopp.
Das Wichtigste in Kürze
- Erdinneres: Geothermie nutzt die Wärme aus der Tiefe, gespeist aus radioaktivem Zerfall und der Restwärme der Erdentstehung.
- Unabhängig: Anders als Öl oder Gas lässt sich Erdwärme nicht importieren und über kein Embargo abdrehen.
- Viertel des Bedarfs: Laut Fraunhofer und Helmholtz könnte tiefe Geothermie rund ein Viertel des deutschen Wärmebedarfs decken.
- Google-Deal: Anfang September 2026 sicherte sich Google 396 Megawatt Erdwärme-Strom für seine Rechenzentren.
Kurzer Härtetest: Kennen Sie Geothermie wirklich?
1 Woher stammt der größte Teil der Wärme im Erdinneren? Aufklappen ↓
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2 Wo entstand 1904 der erste Geothermie-Strom der Welt? Aufklappen ↓
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3 Welches Land deckt rund 90 Prozent seiner Haushaltswärme mit Erdwärme? Aufklappen ↓
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4 Was gewinnt Vulcan Energy im Oberrheingraben neben Wärme aus dem Thermalwasser? Aufklappen ↓
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5 Bis wann mussten deutsche Großstädte über 100.000 Einwohner ihre Wärmeplanung vorlegen? Aufklappen ↓
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Was ist Geothermie und woher kommt die Wärme aus der Tiefe?
Geothermie nutzt die Wärme im Inneren der Erde, die zur Hälfte aus dem Zerfall radioaktiver Elemente und zur Hälfte aus der Restwärme der Erdentstehung vor 4,5 Milliarden Jahren stammt. Rund 99 Prozent des Erdvolumens sind heißer als 1000 Grad Celsius. Diese Hitze strahlt seit Jahrmilliarden nach außen und erneuert sich in menschlichen Zeiträumen praktisch von selbst.
Je tiefer die Bohrung, desto wärmer der Untergrund. Im Schnitt steigt die Temperatur um etwa drei Grad pro hundert Meter, in vulkanisch aktiven Zonen um ein Vielfaches davon. In Island oder am ostafrikanischen Grabenbruch liegt kochend heißes Wasser dicht unter der Oberfläche, während man im Norddeutschen Becken mehrere Kilometer tief bohren muss.
Fachleute unterscheiden drei Zugänge zu dieser Wärme, je nach Tiefe und Technik. Die Übersicht zeigt, warum ein Reihenhaus in Hannover und ein Kraftwerk auf Java denselben Rohstoff nutzen, aber völlig verschieden vorgehen.
| Form | Tiefe | Temperatur | Typische Nutzung |
|---|---|---|---|
| Oberflächennahe Geothermie | bis 400 Meter | 8 bis 25 Grad | Erdwärmepumpe im Einfamilienhaus |
| Hydrothermale Tiefengeothermie | 400 bis 5000 Meter | 60 bis 180 Grad | Fernwärme, Stromerzeugung |
| Petrothermale Systeme (EGS) | über 3000 Meter | über 150 Grad | Strom aus heißem Trockengestein |
Der entscheidende Unterschied liegt im Wasser. Klassische Tiefengeothermie braucht ein natürliches Reservoir aus heißem Thermalwasser, das sich anzapfen lässt. Bleibt das Gestein trocken, presst die neuere EGS-Technik künstlich Wasser in aufgebrochene Klüfte und holt die Wärme so auch dort heraus, wo die Natur kein fertiges Warmwasserbecken bereithält.
Anders als Öl oder Kohle kennt die Erdwärme keine Reservengrenze im klassischen Sinn. Der Wärmestrom aus dem Erdkern versiegt auf absehbare Zeit nicht, ein einzelnes Reservoir kühlt bei zu schneller Entnahme zwar lokal aus, regeneriert sich aber über Jahre wieder. Genau das macht Geothermie zur einzigen erneuerbaren Energie, die unabhängig von Wetter, Tages- und Jahreszeit rund um die Uhr liefert.
- Zwei Quellen: radioaktiver Zerfall und Restwärme heizen das Erdinnere seit Milliarden Jahren.
- Drei Grad: pro hundert Meter Tiefe steigt die Temperatur im Schnitt, in Vulkanzonen viel schneller.
- Grundlastfähig: Erdwärme liefert Tag und Nacht, unabhängig von Wetter und Jahreszeit.
Wer machte aus heißem Wasser zuerst Strom und Fernwärme?

Den ersten Geothermie-Strom der Welt erzeugte Fürst Piero Ginori Conti am 4. Juli 1904 im toskanischen Larderello, wo ein kleiner Generator vier Glühbirnen zum Leuchten brachte. Elf Jahre später leistete das dortige Kraftwerk bereits über fünf Megawatt. Bis heute stammt rund ein Drittel des toskanischen Stroms aus Erdwärme.
Genutzt wurde die Wärme aus der Tiefe freilich schon lange davor. Römische Thermen, japanische Onsen und die heißen Quellen der Maori zeigen, dass die Menschheit den warmen Untergrund seit der Antike zum Baden und Heizen nutzt. Neu war 1904 allein der Schritt vom Badewasser zur elektrischen Maschine.
Der Durchbruch als Heizsystem kam in Island. Ab den 1930er Jahren baute Reykjavík ein Fernwärmenetz auf, das heißes Wasser direkt aus dem Boden in die Häuser leitete. Ein Land ohne eigene Kohle und ohne Öl machte sich damit binnen weniger Jahrzehnte fast unabhängig von fossilen Importen.
In Deutschland begann die Erdwärme-Stromerzeugung spät. Erst 2003 ging in Neustadt-Glewe in Mecklenburg-Vorpommern das erste deutsche Geothermie-Kraftwerk ans Netz, gefolgt von Anlagen im bayerischen Molassebecken rund um München. Die lange deutsche Bädertradition lieferte immerhin das geologische Vorwissen, wo warmes Tiefenwasser liegt.
- 1904: Larderello lieferte den ersten Erdwärme-Strom der Geschichte.
- Reykjavík: baute ab den 1930ern das Fernwärmenetz, das Island unabhängig machte.
- 2003: ging in Neustadt-Glewe das erste deutsche Geothermie-Kraftwerk ans Netz.
Wie verändert Geothermie die Landkarte der Energiemacht?

Geothermie dreht die übliche Rohstoffgeopolitik um: Weil die Wärme im eigenen Boden steckt, entfallen Förderländer, Handelsrouten und Kartelle, an denen sich sonst die Konflikte entzünden. Kein anderer Energierohstoff ist so schwer zum politischen Druckmittel zu machen wie die Hitze unter dem eigenen Staatsgebiet.
Der Kontrast zur fossilen Welt ist scharf. Beim Öl brachte die Jagd nach Konzessionen ganze Kolonialreiche, Putsche und Kartelle hervor, wie unsere Stoffgeschichte über das Erdöl und seine Kriege nachzeichnet. Erdwärme dagegen kennt keine Sykes-Picot-Linien, denn niemand kann heißes Gestein verschiffen oder eine Meerenge dafür blockieren.
Trotzdem existiert eine Geopolitik der Erdwärme, nur verläuft diese anders. Island bezieht rund 65 Prozent seiner Primärenergie aus Geothermie und gilt als Musterfall der Energiesouveränität. Kenia deckt inzwischen etwa 45 Prozent seines Stroms aus dem Ostafrikanischen Grabenbruch und wird vom Importeur zum regionalen Energieexporteur, ein stiller Machtgewinn am Horn von Afrika.
Das eigentliche neue Schlachtfeld liegt bei der Technologie. Die USA treiben mit Firmen wie Fervo Energy und dem Forschungsfeld Utah FORGE die EGS-Technik voran, die Erdwärme auch außerhalb von Vulkanregionen erschließt. Der 396-Megawatt-Vertrag zwischen Google und Fervo vom September 2026 zeigt, dass die Kontrolle über diese Bohrtechnik zur strategischen Frage wird, ganz ohne ein einziges Förderland.
Wo Erdwärme Streit auslöst, ist der Streit lokal und geologisch. In Basel musste 2006 ein Geothermieprojekt nach einem spürbaren Beben der Stärke 3,4 gestoppt werden. Im südkoreanischen Pohang steht eine Geothermie-Bohrung im Verdacht, 2017 ein Beben der Stärke 5,5 mit ausgelöst zu haben, das stärkste bekannte Ereignis dieser Art. Diese induzierte Seismizität verlagert den Konflikt vom Weltmarkt in die Nachbarschaft der Bohrung.
Der rote Faden dreht sich damit um. Fossile Rohstoffe schaffen Abhängigkeit nach außen, Erdwärme hält die Wertschöpfung im Land und verlagert die eigentliche Auseinandersetzung nach unten, in den Untergrund und in die Genehmigungsämter vor Ort.
Warum wird Erdwärme für die Weltwirtschaft plötzlich wichtig?

Erdwärme rückt in den Fokus, weil sie als einzige erneuerbare Quelle rund um die Uhr Grundlast liefert, genau das, was Rechenzentren und die Schwerindustrie im Zeitalter der künstlichen Intelligenz dringend brauchen. Sonne und Wind schwanken, Erdwärme läuft konstant. Dieser Unterschied entscheidet gerade Milliardenverträge.
Die Weltkarte der Kapazitäten führen nach Zahlen des Datendienstes ThinkGeoEnergy die USA an, gefolgt von Indonesien mit 2.744 Megawatt und den Philippinen mit 1.952 Megawatt. Kenia erreicht rund 892 Megawatt und führt damit den afrikanischen Markt an. Deutschland spielt bei der Stromerzeugung kaum eine Rolle, bei der Wärme dagegen sehr wohl.
Der neue Treiber heißt Rechenleistung. Der Vertrag von Google mit Fervo Energy vom September 2026 über 396 Megawatt aus dem Kraftwerk Cape Station in Utah, mit einer Option auf bis zu ein Gigawatt bis 2030, ist der bislang größte seiner Art. Big Tech kauft Erdwärme, weil ein Rechenzentrum nachts genauso Strom zieht wie mittags.
Anders als beim Öl hat Erdwärme keinen Börsenpreis und keine Tanker, die durch verwundbare Meerengen fahren. Gehandelt werden stattdessen Bohrtechnik, Turbinen und Ingenieurwissen. Der eigentliche Wert bleibt lokal, dort, wo die Bohrung steht.
Für Deutschland zählt vor allem die Wärme. Der Wärmesektor macht rund 56 Prozent des nationalen Energiebedarfs aus, und genau hier ist die Republik massiv von Gasimporten abhängig. Erdwärme ist der naheliegende heimische Ersatz, sobald ein Netz oder eine Bohrung erst einmal steht.
- Grundlast: Erdwärme liefert rund um die Uhr, der entscheidende Vorteil für Rechenzentren.
- 396 Megawatt: kaufte Google im September 2026 von Fervo für seine KI-Infrastruktur.
- 56 Prozent: des deutschen Energiebedarfs entfallen auf Wärme, den Heimvorteil der Geothermie.
In welchen Alltagsdingen steckt Erdwärme, und was fiele ohne sie weg?

Erdwärme steckt nicht in einem Produkt, sondern in einer Kette von Alltagsleistungen: in der Fernwärme ganzer Städte, im Strom aus der Steckdose, im warmen Thermalbad, in Gewächshaus-Tomaten und sogar im Lithium für Autobatterien. Wer heute in München oder Reykjavík heizt, nutzt womöglich längst Wärme aus mehreren Kilometern Tiefe.
Am sichtbarsten wird die Erdwärme in der Fernwärme. München will sein Fernwärmenetz bis 2040 vollständig aus Geothermie speisen, in Island heizen über 90 Prozent der Haushalte mit heißem Tiefenwasser. Dazu kommt der Klassiker, das Thermalbad, sowie beheizte Gewächshäuser, in denen selbst am Polarkreis Tomaten und Gurken wachsen.
Ein überraschendes Nebenprodukt liefert das heiße Tiefenwasser selbst. Im Oberrheingraben filtert die Firma Vulcan Energy aus dem Thermalwasser das begehrte Lithium für Autobatterien, ganz ohne klassischen Bergbau. Die Region birgt mit knapp 16 Millionen Tonnen Lithiumkarbonat-Äquivalent Europas größte Reserve, die Wärme und der Rohstoff kommen aus derselben Bohrung.
Hier greift die Kipp-Logik. Ohne Erdwärme müsste Island rund neun Zehntel seiner Haushaltswärme mit importierten fossilen Brennstoffen erzeugen, und Kenia verlöre auf einen Schlag etwa 45 Prozent seiner Stromversorgung. Münchens Plan einer klimaneutralen Fernwärme bräche in sich zusammen.
Für diese Leistungen fehlt zudem ein gleichwertiger Ersatz, der ähnlich verlässlich liefert. Wärmepumpen mit Umgebungsluft arbeiten im tiefen Winter ineffizienter, Solarthermie ruht nachts. Genau diese Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit lässt sich technisch nur schwer nachbilden.
Wie setzt sich der Preis einer Erdwärmeheizung zusammen?

Eine komplette Erdwärmepumpe für ein Einfamilienhaus kostet je nach Geologie und Leistung rund 35.000 bis 55.000 Euro, wovon Bohrung, Wärmepumpe, Speicher und Installation die vier großen Posten bilden. Staatliche Förderung drückt den Eigenanteil danach deutlich, oft um mehr als die Hälfte.
Der teuerste Einzelposten ist die Erschließung des Untergrunds. Eine Tiefenbohrung schlägt mit 3.000 bis 7.000 Euro zu Buche, pro Bohrmeter fallen 50 bis 120 Euro an, und ein Einfamilienhaus braucht meist zwei bis drei Bohrungen. Dazu kommt die Sole-Wasser-Wärmepumpe selbst als zweiter großer Block.
Anders als bei der Gasheizung liegt das Geld also fast komplett im Anfang. Eine Gasheizung ist billig in der Anschaffung und teuer im Betrieb, bei der Erdwärme liegt der Fall genau umgekehrt. Nach der Investition sinken die laufenden Kosten auf einen Bruchteil, weil die Wärme aus dem Boden nichts kostet und nur der Strom für die Pumpe anfällt.
Hier setzt die Förderung an. Seit der neuen Richtlinie im Juli 2026 greifen 30 Prozent Grundförderung, dazu ein Klimageschwindigkeitsbonus und ein einkommensabhängiger Bonus. Der Deckel liegt bei 70 Prozent der förderfähigen Kosten für selbstnutzende Eigentümer, über die KfW-Heizungsförderung sind für einkommensschwache Haushalte sogar bis zu 80 Prozent Zuschuss möglich.
Die folgende Aufstellung zeigt an einem Rechenbeispiel, wie sich eine typische Anlage aufteilt. Die genauen Anteile schwanken mit Bodenverhältnissen und Hausgröße.
Wer verdient an der Erdwärme, und wer zahlt drauf?

Zu den Gewinnern zählen Stadtwerke, Hausbesitzer mit niedrigen Betriebskosten, Bohr- und Techniklieferanten sowie Länder wie Island und Kenia, die sich von Importen befreien, zu den Verlierern die Gaslieferanten und jene Anwohner, deren Boden sich durch eine misslungene Bohrung hebt oder bebt. Der Rohstoffreichtum verteilt sich hier ungewöhnlich breit.
Der klassische Ressourcenfluch greift bei Erdwärme kaum. Öl- und Gasreichtum macht Länder oft erpressbar und korrupt, weil eine schmale Elite die Renten aus wenigen Förderstellen abschöpft. Erdwärme dagegen entsteht dezentral und lässt sich nicht exportieren, die Wertschöpfung bleibt bei den lokalen Versorgern und den Verbrauchern vor Ort.
Auf der Verliererseite steht zuerst der fossile Wärmemarkt. Jede geothermische Fernwärmeleitung verdrängt Gas, das bislang Milliarden in die Kassen von Lieferanten und Förderstaaten spülte. Der Widerstand gegen den Umstieg speist sich nicht zufällig aus dieser Ecke.
Echte lokale Verlierer entstehen dennoch. Im badischen Staufen hob sich nach einer Geothermie-Bohrung 2007 der Boden und riss Hunderte Häuser auf, ein Millionenschaden, der bis heute nachwirkt. Solche Fälle treffen einzelne Anwohner hart und untergraben die Akzeptanz einer ganzen Technologie.
- Breite Gewinne: Stadtwerke, Hausbesitzer und ganze Länder profitieren, nicht eine schmale Förderelite.
- Kein Fluch: weil Erdwärme dezentral entsteht und sich nicht exportieren lässt.
- Lokales Risiko: Staufen zeigt, wie eine Fehlbohrung Anwohner und Akzeptanz zugleich trifft.
Erdöl macht Länder erpressbar, Erdwärme macht sie unabhängig. Eine Bohrung im eigenen Boden ersetzt die Pipeline aus Sibirien und das Kartell in Wien.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Wie stark ist die Geothermie-Lobby wirklich?

Die Geothermie-Lobby ist im Vergleich zur mächtigen Gas- und Ölbranche ein Leichtgewicht, ihr wichtigster Gegenspieler ist das jahrzehntelang gepflegte Bild vom Erdgas als sauberer Brückentechnologie. Der Bundesverband Geothermie wirbt mit einem Bruchteil der Mittel, die fossile Verbände einsetzen.
Der Hebel der Branche liegt weniger im Geld als in der Faktenlage. Nach Zahlen des Bundesverbands Geothermie hat sich die Zahl der erteilten Aufsuchungserlaubnisse allein 2024 fast verdoppelt, von 82 auf 155. Diese Dynamik verschafft der Technologie politisches Gewicht, das reine Lobbybudgets nicht hergeben würden.
Die eigentliche Bremse ist nicht Gegnerschaft, sondern Bürokratie. Langwierige Genehmigungen, ein uneinheitliches Förderrecht und das sogenannte Fündigkeitsrisiko halten Investoren zurück. Trifft eine teure Bohrung kein nutzbares Wasser, ist das Geld weg, und dieses Risiko trägt bislang meist der Projektentwickler allein.
Politisch reagiert Berlin darauf mit einem geplanten Beschleunigungsgesetz für die Geothermie, das Verfahren straffen und Bohrungen als überragendes öffentliches Interesse einstufen soll. Ob die Maßnahmen reichen, entscheidet sich an der Praxis in den Genehmigungsämtern, nicht an der Absichtserklärung.
- Leichtgewicht: die Geothermie-Lobby ist klein gegen die fossile Konkurrenz.
- Von 82 auf 155: die Aufsuchungserlaubnisse verdoppelten sich 2024 fast.
- Fündigkeitsrisiko: die teure Bohrung ohne Treffer schreckt Investoren, ein Beschleunigungsgesetz soll gegensteuern.
Wie weit reicht der große Erdwärme-Ausbau, und wo hakt es?

Laut einer gemeinsamen Roadmap von Fraunhofer und Helmholtz könnte tiefe Geothermie über 300 Terawattstunden liefern und damit rund ein Viertel des deutschen Wärmebedarfs decken, gebremst wird der Ausbau vor allem durch Kosten, Bohrkapazität und langsame Genehmigungen. Das Potenzial ist groß, die Umsetzung zäh.
Am schnellsten wächst die Erdwärme im Wärmesektor. Fernwärmenetze und Wärmepumpen lassen sich vergleichsweise direkt umstellen, während die Stromerzeugung außerhalb von Vulkanregionen schwieriger bleibt. Genau hier verspricht die EGS-Technik den Sprung, indem sie heißes Trockengestein auch in Regionen ohne natürliche Reservoire erschließt.
Ein struktureller Vorteil ist der geschlossene Kreislauf. Das abgekühlte Wasser wird über eine zweite Bohrung wieder in dieselbe Gesteinsschicht zurückgepresst, die Reinjektion hält den Druck im Reservoir und schont den Untergrund. Verbraucht wird nur die Wärme, nicht das Wasser.
Die Hürden liegen weniger in der Physik als in der Praxis. Spezialisierte Bohrgeräte und Fachkräfte fehlen, die hohen Anfangsinvestitionen schrecken Kommunen ab, und die Angst vor Erschütterungen bremst manches Projekt aus. Anders als bei der Importabhängigkeit von den seltenen Erden, wo China den Weltmarkt der Magnetmetalle kontrolliert, scheitert Erdwärme nicht am Ausland, sondern an heimischen Verfahren.
Der Zeithorizont reicht über Jahrzehnte. Die kommunale Wärmeplanung stellt gerade die Weichen, doch bis Geothermie ein Viertel der deutschen Wärme liefert, vergehen realistisch die 2040er Jahre. Kein Fatalismus ist angebracht, aber auch keine Schönfärberei.
- Ein Viertel: so viel Wärmebedarf könnte tiefe Geothermie laut Fraunhofer und Helmholtz decken.
- Wärme zuerst: Fernwärme und Wärmepumpen wachsen schneller als die Stromerzeugung.
- Heimische Hürden: Bohrkapazität, Kapital und Genehmigungen bremsen, nicht das Ausland.
Was bedeutet der Geothermie-Boom 2026 für Deutschland?

Der Google-Deal vom September 2026 markiert international den Durchbruch der Erdwärme als strategische Grundlast, in Deutschland fällt die Entscheidung zeitgleich in den Rathäusern: Rund 80 Großstädte mussten bis Ende Juni 2026 ihre kommunale Wärmeplanung vorlegen. Diese Pläne legen fest, welche Viertel künftig an geothermische Fernwärme angeschlossen werden.
Die Zahlen zeigen eine anziehende Dynamik. Nach Angaben des Bundesverbands Geothermie laufen bundesweit 45 tiefengeothermische Anlagen, drei mehr als im Vorjahr, mit einer Wärmeleistung von 442 Megawatt. 18 Anlagen sind im Bau und 178 in Planung, 23 mehr als ein Jahr zuvor.
Für Verbraucher zählt vor allem die Rechnung. Eine Erdwärmepumpe kostet zwar 35.000 bis 55.000 Euro, wird aber mit bis zu 70 Prozent gefördert, einkommensschwache Haushalte erreichen über die KfW bis zu 80 Prozent. Danach fallen die Heizkosten dauerhaft, unabhängig vom nächsten Gaspreisschock.
Für Unternehmen liegt der Reiz in der doppelten Ausbeute. Prozesswärme aus der Tiefe senkt die Energiekosten, und im Oberrheingraben liefert dieselbe Bohrung mit dem Lithium aus der Sole einen strategischen Batterie-Rohstoff. Bei jeder Standortplanung gehört der Untergrund heute auf die Prüfliste.
Drei Szenarien zeichnen sich für die kommenden Jahre ab. Optimistisch greift das Beschleunigungsgesetz, die Wärmepläne lösen eine Bohrwelle aus, und Geothermie wird zur zweiten Säule der Wärmewende. Realistisch wächst der Sektor stetig, aber langsamer als das Potenzial hergibt. Pessimistisch verheddern sich die Projekte in Genehmigungen und im Streit um Erschütterungen, und Deutschland verschenkt einen Standortvorteil, auf dem die Republik buchstäblich sitzt.
Die Handlungsempfehlung fällt für beide Rollen klar aus. Als Hausbesitzer lohnt vor jeder neuen Heizung der Blick auf die kommunale Wärmeplanung und die aktuellen Förderquoten, als Unternehmer der frühe Kontakt zum lokalen Versorger und zum geologischen Dienst des Landes. Die Wärme liegt bereit, gefragt ist der erste Spatenstich.
- Weichenstellung: rund 80 Großstädte legten bis Mitte 2026 ihre Wärmeplanung vor.
- 45 Anlagen: laufen bereits, 18 im Bau und 178 in Planung.
- Jetzt prüfen: Hausbesitzer die Förderung, Unternehmen den Untergrund am Standort.
Glossar: 14 wichtige Fachbegriffe zur Geothermie

Aufsuchungserlaubnis
Aufsuchungserlaubnis ist die bergrechtliche Genehmigung, in einem festgelegten Gebiet nach Erdwärme zu suchen. Ihre stark steigende Zahl gilt als Frühindikator für den Ausbau, weil jedem späteren Kraftwerk zuerst eine solche Erlaubnis vorausgeht.
Enhanced Geothermal System (EGS)
Enhanced Geothermal System (EGS) bezeichnet ein Verfahren, bei dem Wasser in heißes, aber trockenes Tiefengestein gepresst und über künstlich aufgebrochene Klüfte erhitzt wird. EGS macht Erdwärme auch fernab von Vulkanregionen nutzbar und gilt als Schlüssel zum weltweiten Ausbau.
Erdsonde
Erdsonde nennt man das senkrecht in den Boden eingelassene Rohrsystem, durch das eine Flüssigkeit zirkuliert und Wärme aus dem Untergrund aufnimmt. Für ein Einfamilienhaus reichen meist zwei bis drei Bohrungen bis in wenige hundert Meter Tiefe.
Erdwärmepumpe
Erdwärmepumpe ist eine Sole-Wasser-Wärmepumpe, die dem Boden über Erdsonden Wärme entzieht und auf Heiztemperatur anhebt. Die Pumpe arbeitet ganzjährig gleichmäßig, weil der Untergrund im Gegensatz zur Außenluft eine konstante Temperatur hält.
Fernwärme
Fernwärme verteilt zentral erzeugte Wärme über ein Rohrnetz an viele Gebäude. Aus Geothermie gespeist, wird das Netz zur wichtigsten Anwendung der Tiefengeothermie in dicht besiedelten Städten wie München.
Fündigkeitsrisiko
Fündigkeitsrisiko beschreibt die Gefahr, dass eine teure Tiefenbohrung kein ausreichend heißes oder ergiebiges Wasser trifft. Das Risiko gilt als eine der größten Investitionshürden, weil die Bohrkosten auch bei einem Fehlschlag anfallen.
Geothermischer Gradient
Geothermischer Gradient ist die Zunahme der Temperatur mit der Tiefe, im Mittel rund drei Grad je hundert Meter. In vulkanisch aktiven Regionen liegt der Gradient deutlich höher, was dort flache Bohrungen genügen lässt.
Hydrothermale Geothermie
Hydrothermale Geothermie nutzt natürlich vorhandenes heißes Tiefenwasser, das aus einem Reservoir gefördert und nach der Wärmeentnahme zurückgepresst wird. Sie ist die in Deutschland verbreitetste Form der Tiefengeothermie.
Induzierte Seismizität
Induzierte Seismizität meint Erschütterungen, die durch das Einpressen von Wasser in den Untergrund ausgelöst werden. Die weitaus meisten Beben bleiben unspürbar, einzelne Ereignisse wie in Basel oder Pohang haben jedoch ganze Projekte gestoppt.
Kommunale Wärmeplanung
Kommunale Wärmeplanung ist der gesetzlich vorgeschriebene Fahrplan einer Stadt für die künftige Wärmeversorgung. Großstädte mussten ihn bis Mitte 2026 vorlegen, er entscheidet über den Ausbau von Fernwärme und Geothermie.
Molassebecken
Molassebecken ist das Vorland der Alpen zwischen München und Donau mit besonders ergiebigem heißem Tiefenwasser. Die Region ist das deutsche Zentrum der geothermischen Fernwärme.
Oberflächennahe Geothermie
Oberflächennahe Geothermie erschließt Wärme bis etwa 400 Meter Tiefe, meist über Erdsonden für einzelne Gebäude. Sie ist die Grundlage der Erdwärmepumpe im privaten Wohnbau.
Petrothermale Geothermie
Petrothermale Geothermie gewinnt Wärme aus heißem Gestein ohne natürliches Wasserreservoir und deckt sich weitgehend mit der EGS-Technik. Sie eröffnet Standorte, die für die hydrothermale Nutzung ungeeignet sind.
Reinjektion
Reinjektion ist das Zurückpressen des abgekühlten Wassers in dieselbe Gesteinsschicht über eine zweite Bohrung. Dieser geschlossene Kreislauf hält den Reservoirdruck stabil und verhindert, dass der Untergrund leergepumpt wird.
FAQ: Geothermie, die Wärme, die kein Kartell abdrehen kann

Was kostet eine Erdwärmeheizung für ein Einfamilienhaus?
Eine komplette Erdwärmepumpe mit Bohrung, Erdsonden, Wärmepumpe und Installation kostet je nach Geologie und Leistung rund 35.000 bis 55.000 Euro. Über die BEG-Förderung sinkt der Eigenanteil auf bis zu 70 Prozent, einkommensschwache Haushalte erreichen per KfW-Zuschuss bis zu 80 Prozent.
Wie tief muss man für Geothermie bohren?
Das hängt von der Nutzung ab. Für die oberflächennahe Erdwärmepumpe im Einfamilienhaus reichen meist Bohrungen bis wenige hundert Meter. Tiefengeothermie für Fernwärme oder Strom braucht Bohrungen von 400 bis über 5000 Meter, je nach geothermischem Gradienten der Region.
Kann Geothermie Erdbeben auslösen?
Ja, das Einpressen von Wasser kann Erschütterungen auslösen, die meisten bleiben jedoch unspürbar. Einzelne Projekte wie in Basel 2006 wurden nach einem spürbaren Beben gestoppt, im südkoreanischen Pohang gilt eine Bohrung als Mitauslöser eines Bebens der Stärke 5,5.
Lohnt sich Geothermie in Deutschland?
Für die Wärmeversorgung ja. Laut Fraunhofer und Helmholtz könnte tiefe Geothermie rund ein Viertel des deutschen Wärmebedarfs decken. Für Hausbesitzer lohnt sich die Erdwärmepumpe durch niedrige Betriebskosten und hohe Förderung, für Kommunen als Basis klimaneutraler Fernwärme.
Wie hoch ist die Förderung für eine Erdwärmepumpe 2026?
Seit Juli 2026 gelten 30 Prozent Grundförderung plus Klimageschwindigkeitsbonus und einkommensabhängiger Bonus. Der Deckel liegt bei 70 Prozent der förderfähigen Kosten für selbstnutzende Eigentümer, über die KfW-Heizungsförderung sind bis zu 80 Prozent Zuschuss möglich.
Ist Geothermie wirklich erneuerbar und klimaneutral?
Ja. Die Wärme stammt aus radioaktivem Zerfall und der Restwärme des Erdinneren und versiegt in menschlichen Zeiträumen nicht. Einzelne Reservoire können lokal auskühlen, regenerieren sich aber. Im Betrieb entstehen kaum Emissionen, weil nur Strom für die Pumpen nötig ist.
Quellen
Bundesverband Geothermie | Landkarte Tiefe Geothermieprojekte in Deutschland und Anlagenstatistik | https://www.geothermie.de/aktuelles/nachrichten | besucht am 07.09.2026
Fraunhofer IEG und Helmholtz-Gemeinschaft | Roadmap Tiefe Geothermie für Deutschland | https://www.ieg.fraunhofer.de/de/presse/pressemitteilungen.html | besucht am 07.09.2026
TechCrunch | Enhanced geothermal notches another win as Google buys 400 MW from Fervo | https://techcrunch.com/2026/09/02/enhanced-geothermal-notches-another-win-as-google-buys-400-mw-from-fervo/ | besucht am 07.09.2026
ThinkGeoEnergy | Global Top 10 Geothermal Power Countries at Year-End 2025 | https://www.thinkgeoenergy.com/global-top-10-geothermal-power-countries-at-year-end-2025/ | besucht am 07.09.2026
Vulcan Energy Resources | Upper Rhine Valley Brine Field | https://v-er.eu/upper-rhine-valley-brine-field/ | besucht am 07.09.2026
ETH Zürich, Schweizerischer Erdbebendienst | Induzierte Erdbeben im Nachgang des Geothermieprojekts in Basel | https://www.seismo.ethz.ch | besucht am 07.09.2026
thermondo | Erdwärmepumpe Kosten 2026: Preise, Bohrung und Förderung | https://www.thermondo.de/info/rat/waermepumpe/erdwaermepumpe-kosten/ | besucht am 07.09.2026
KfW | Heizungsförderung, Zuschuss 458 | https://www.kfw.de/inlandsfoerderung/Privatpersonen/Bestehende-Immobilie/Heizungsfoerderung/ | besucht am 07.09.2026