Platingruppenmetalle stecken in fast jedem Autokatalysator, doch rund 70 Prozent des Weltplatins kommen aus einer einzigen Region am südlichen Rand Afrikas. Johnson Matthey meldet für 2026 das vierte Defizitjahr in Folge bei Platin, während Südafrikas Minen weniger fördern und Russlands Lieferungen schrumpfen. Was diese Konzentration für Europas Autobauer bedeutet, entscheidet über weit mehr als den Preis eines Ersatzteils.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenSechs Metalle bilden die Platingruppe: Platin, Palladium, Rhodium, Iridium, Ruthenium und Osmium. Diese Gruppe reinigt Autoabgase, beschleunigt chemische Reaktionen und soll die Wasserstoffwirtschaft technisch möglich machen. Die Förderung aber ballt sich auf wenige Länder. Genau diese Enge macht die Metalle zum politischen Faustpfand.
Das Wichtigste in Kürze
- Südafrika dominiert: Rund 70 Prozent des Platins und etwa 80 Prozent des Rhodiums stammen aus dem südafrikanischen Bushveld-Komplex, dazu kommt Russland als zweite Großmacht.
- Defizit hält an: Johnson Matthey erwartet für 2026 ein Platindefizit von rund 371.000 Unzen, das vierte Jahr mit Angebotslücke in Folge.
- Kein einfacher Ersatz: Im Abgaskatalysator und im Wasserstoff-Elektrolyseur fehlt für Rhodium und Iridium bislang ein technisch gleichwertiger Ersatz.
- Europa hängt am Import: Zwischen 60 und 70 Prozent der primären Platingruppenmetalle bezieht die EU aus Südafrika und Russland, Recycling deckt nur etwa ein Viertel der Nachfrage.
Angeberwissen in fünf Fragen
1 Wie viele Metalle bilden die Platingruppe? Aufklappen ↓
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2 Welches Land fördert etwa 70 Prozent des Weltplatins? Aufklappen ↓
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3 Wer entdeckte Palladium und Rhodium? Aufklappen ↓
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4 Wofür sorgte der US Clean Air Act von 1970? Aufklappen ↓
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5 Welches Metall lässt sich im Abgaskatalysator am schwersten ersetzen? Aufklappen ↓
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Was sind Platingruppenmetalle und wie entstehen sie?
Platingruppenmetalle sind sechs chemisch eng verwandte Edelmetalle, die fast immer gemeinsam in denselben Erzen stecken: Platin, Palladium, Rhodium, Iridium, Ruthenium und Osmium. Alle sechs widerstehen Hitze, Korrosion und Säuren. Zudem beschleunigt die Gruppe chemische Reaktionen, ohne sich dabei zu verbrauchen. Genau diese Katalysator-Eigenschaft macht die Metalle für die Industrie unersetzlich.
Ihren Ursprung verdanken die Metalle einem Ereignis, das rund zwei Milliarden Jahre zurückliegt. Damals drang glühendes Magma in Schichten in die Erdkruste des heutigen Südafrika ein und kühlte langsam ab. Die schweren Platingruppenmetalle sanken in dünne Lagen, die Geologen heute als Merensky-Reef und UG2 kennen. Diese Schichten sind oft nur wenige Zentimeter dick, ziehen sich aber über Hunderte Kilometer.
Der Aufwand für ein Gramm ist enorm. Für eine einzige Unze Platin bewegt ein Bergwerk je nach Lagerstätte sieben bis zwölf Tonnen Gestein, oft aus mehr als tausend Metern Tiefe. Die Erzgehalte liegen bei wenigen Gramm pro Tonne. Kein anderer Rohstoff verlangt ein derart ungünstiges Verhältnis von Masse zu Ausbeute. Dieses Missverhältnis erklärt die hohen Förderkosten.
Die sechs Metalle unterscheiden sich in Häufigkeit und Verwendung deutlich. Platin und Palladium kommen relativ häufig vor, Rhodium, Iridium, Ruthenium und Osmium sind extrem selten. Die folgende Übersicht ordnet die Gruppe nach ihrem Hauptnutzen:
| Metall | Symbol | Wichtigste Verwendung | Seltenheit |
|---|---|---|---|
| Platin | Pt | Diesel-Katalysator, Schmuck, Wasserstoff | selten |
| Palladium | Pd | Benzin-Katalysator, Elektronik | selten |
| Rhodium | Rh | Stickoxid-Abbau im Katalysator | sehr selten |
| Iridium | Ir | Wasserstoff-Elektrolyse, Zündkerzen | äußerst selten |
| Ruthenium | Ru | Festplatten, Chemiekatalyse | sehr selten |
| Osmium | Os | Speziallegierungen, Härtungen | äußerst selten |
Die bekannten Reserven konzentrieren sich fast vollständig auf drei Länder: Südafrika, Russland und Simbabwe. Nach Angaben der US-Behörde USGS lagern die mit Abstand größten Vorkommen im südafrikanischen Bushveld-Komplex, der allein rund 80 Prozent der weltweiten Platingruppen-Ressourcen enthält. Bei sorgsamer Förderung reichen diese Vorräte noch über ein Jahrhundert, doch die Konzentration auf so wenige Länder ist das eigentliche Problem.
- Sechs Metalle mit derselben Fähigkeit: Reaktionen beschleunigen, ohne sich zu verbrauchen.
- Zwei Milliarden Jahre alte Gesteinsschichten liefern den Rohstoff, vor allem im Bushveld-Komplex.
- Sieben bis zwölf Tonnen Gestein pro Unze Platin erklären die hohen Kosten.
Wer entdeckte die Platingruppenmetalle und wie begann der Rausch?

Die Geschichte beginnt mit einem Metall, das lange als lästige Verunreinigung galt: Spanische Eroberer stießen im 18. Jahrhundert in den Flüssen des heutigen Kolumbien auf ein silbriges Korn, das sich weder schmelzen noch verarbeiten ließ. Die Eroberer nannten das Korn abschätzig „platina“ (kleines Silber) und warfen den Fund oft zurück ins Wasser.
Erst die Wissenschaft erkannte den Wert. Der spanische Marineoffizier Antonio de Ulloa beschrieb Platin 1748 erstmals systematisch. Ein halbes Jahrhundert später kam der Durchbruch in London: Der Chemiker William Hyde Wollaston isolierte 1802 aus südamerikanischem Rohplatin ein neues Metall und taufte den Fund Palladium, nach dem gerade entdeckten Asteroiden Pallas. Ein Jahr darauf folgte Rhodium, benannt nach dem griechischen Wort für Rose.
Fast zeitgleich arbeitete sein Geschäftspartner Smithson Tennant an den Rückständen. Aus dem schwarzen Pulver, das beim Auflösen von Rohplatin übrig blieb, gewann er 1803 gleich zwei weitere Metalle: Iridium und Osmium. Das sechste Mitglied der Gruppe, Ruthenium, isolierte der Chemiker Karl Klaus erst 1844 im russischen Kasan. Damit war die Platingruppe vollständig beschrieben.
Zum Massenrohstoff wurde Platin trotzdem nicht sofort. Über ein Jahrhundert blieb Platin ein Werkstoff für Labore, Schmuck und Zündkerzen. Den eigentlichen Rausch löste erst die Umweltpolitik des 20. Jahrhunderts aus, als der Katalysator die Nachfrage vervielfachte. Deutschland spielte dabei als Standort der Katalysator-Zulieferer und der Autoindustrie früh eine zentrale Rolle.
Was spanische Eroberer als wertloses Silber verachteten, entpuppte sich in Londoner Labors als Familie von sechs Metallen. Den Sprung zum Massenrohstoff brachte erst der Katalysator im 20. Jahrhundert.
Wie haben Platingruppenmetalle die Weltkarte verändert?

Kein anderer Edelmetallmarkt hängt so stark an zwei Ländern wie dieser: Südafrika und Russland kontrollieren zusammen den Großteil der Weltförderung. Diese Doppelabhängigkeit macht die Platingruppe zu einem geopolitischen Thema, nicht nur zu einem Rohstoff.
Der Ursprung liegt in der Kolonialzeit. Britische und niederländische Gesellschaften sicherten sich früh die Kontrolle über den südafrikanischen Bergbau. Die Struktur des billigen, rechtlosen Wanderarbeiters prägte die Minen bis weit ins 20. Jahrhundert. Das Apartheidsystem baute auf dieser Ausbeutung auf, doch die Weltmärkte kauften das Metall trotzdem.
Auf der anderen Seite der Welt entstand die zweite Machtsäule. Der sibirische Bergbaukonzern Norilsk Nickel förderte Palladium zunächst als Nebenprodukt der Nickelgewinnung und wurde so zum weltgrößten Palladiumproduzenten. Die Kontrolle über das Metall im Benzinkatalysator bedeutet einen Hebel auf die gesamte Autoindustrie. Wie eng diese Kontrolle ist, zeigt der eigene Dr.-Web-Beitrag zur Frage, wer das Metall im Katalysator kontrolliert.
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wurde diese Abhängigkeit zum Risiko. Zwar verhängte der Westen keine harten Sanktionen gegen russisches Palladium, um die eigene Industrie nicht zu treffen, doch die Unsicherheit trieb die Preise und beschleunigte die Suche nach Alternativen. Der Fachbegriff dafür lautet Ressourcennationalismus: Förderländer nutzen ihre Rohstoffe als politisches Druckmittel.
Ein klassisches Kartell wie die OPEC fehlt bei den Platingruppenmetallen. Die Marktmacht entsteht anders, nämlich durch die schiere geologische Konzentration. Solange rund 80 Prozent des Rhodiums aus einem einzigen Gebirgszug stammen, bestimmt die Lage in diesem Gebirgszug den Weltpreis. Streik, Stromausfall oder eine geflutete Mine wirken sofort global.
Der rote Faden zieht sich durch die ganze Geschichte des Rohstoffs. Ressourcen schaffen Abhängigkeiten, Abhängigkeiten schaffen Konflikte, Konflikte schaffen neue Abhängigkeiten. Bei der Platingruppe verläuft dieser Kreis besonders eng, weil die Karte der Fundorte so kurz ist.
Warum sind Platingruppenmetalle für die Weltwirtschaft so wichtig?

Ohne Platingruppenmetalle stünde ein großer Teil der Industrie still, obwohl der Weltverbrauch nur einige Hundert Tonnen pro Jahr beträgt. Gemessen an der Masse ist die Menge winzig, gemessen an der Wirkung riesig. Diese Metalle sitzen an Schaltstellen, an denen kein billiger Ersatz greift.
Der mit Abstand größte Abnehmer ist die Autoindustrie. Der Abgaskatalysator verschlingt den Löwenanteil des Platins, Palladiums und Rhodiums, weil er ohne diese Metalle giftige Abgase nicht in harmlose Stoffe umwandeln kann. Der Schub begann 1970, als der US Clean Air Act strenge Grenzwerte vorschrieb und den Katalysator zur Pflicht machte. Seither hängt der Preis der Platingruppe eng am Takt der globalen Autoproduktion.
Gehandelt werden die Metalle vor allem in London und über die Terminbörsen in New York und Zürich, notiert in US-Dollar je Feinunze. Die Preise schwanken heftiger als bei Gold, weil der Markt klein und die Förderung starr ist. Ein Angebotsausfall lässt sich kurzfristig kaum ausgleichen, denn eine neue Mine braucht ein Jahrzehnt von der Erschließung bis zur ersten Unze.
Die Abhängigkeit reicht weit über das Auto hinaus. Die Chemieindustrie nutzt Platin und Ruthenium als Katalysatoren für Dünger und Kunststoffe, die Glasindustrie zieht Displayglas und Glasfaser über Platin-Rhodium-Wannen, während die Wasserstoffwirtschaft ihre Elektrolyseure auf Iridium und Platin baut. Ein ähnliches Muster der einseitigen Abhängigkeit zeigt sich beim Leichtmetall Magnesium, wie der Beitrag darüber beschreibt, was ein China-Stopp Europas Autobauern kostet.
Für Deutschland ist die Rechnung besonders heikel. Als Standort großer Autobauer und Katalysator-Zulieferer verarbeitet das Land enorme Mengen, fördert aber selbst kein Gramm. Zwischen 60 und 70 Prozent der primären Platingruppenmetalle bezieht die EU aus Südafrika und Russland, wie eine Analyse der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission zur Versorgungssicherheit bei Platin festhält. Diese Importquote ist die Kehrseite der industriellen Stärke.
- Autokatalysator ist der größte Abnehmer, seit 1970 der Clean Air Act den Kat vorschrieb.
- Ein Jahrzehnt vergeht, bis eine neue Mine liefert, deshalb schwanken die Preise stark.
- 60 bis 70 Prozent der EU-Versorgung kommen aus Südafrika und Russland.
In welchen Produkten stecken Platingruppenmetalle und was verschwindet ohne sie?

Die meisten Menschen haben nie ein Gramm Platin in der Hand gehalten und nutzen die Platingruppe trotzdem täglich: im Auto, im Smartphone, im Medikament. Die Metalle arbeiten unsichtbar. Genau deshalb fällt ihr Ausfall erst auf, sobald ein ganzes Produkt nicht mehr herstellbar ist.
Am bekanntesten ist der Katalysator. In einem modernen Benziner sitzen je nach Modell wenige Gramm Platin, Palladium und Rhodium in einer Keramikwabe und wandeln Kohlenmonoxid und Stickoxide in unbedenkliche Gase um. Weil dieser Metallwert im dreistelligen Bereich liegt, blüht seit Jahren der Diebstahl von Katalysatoren, die Täter sägen sie in Minuten aus geparkten Autos.
Doch die Liste ist länger. Iridium steckt in langlebigen Zündkerzen und in den Elektrolyseuren, die grünen Wasserstoff erzeugen. Ruthenium beschichtet Festplatten und stabilisiert Chemiekatalysatoren. Platin sitzt in Herzschrittmachern, in Laborgeräten und in Krebsmedikamenten wie Cisplatin und Carboplatin, die zu den meistgenutzten Chemotherapien der Welt gehören.
Interessant wird die Frage, was ohne diese Metalle schlicht wegfiele. Für einige Anwendungen existieren Ausweichwege, für andere nicht. Platin und Palladium lassen sich im Katalysator je nach Preislage teilweise gegeneinander austauschen. Die Hersteller senken den Einsatz seit Jahren durch clevere Beschichtungen. Bei Rhodium und Iridium aber ist die Kipp-Logik gnadenlos: Kein anderes Metall baut Stickoxide ab oder spaltet Wasser so wirksam.
Fiele die Zufuhr aus, geriete die Kette an ihrem schwächsten Glied ins Stocken. Ohne Rhodium ließe sich kein Verbrenner mehr zulassen, weil die Abgasnorm ohne Stickoxid-Abbau reißt. Ohne Iridium bekäme die geplante Wasserstoffwirtschaft ein hartes Materialproblem, denn die effizienten Elektrolyseure hängen an diesem einen Element. Der Ausfall träfe also nicht ein Nischenprodukt, sondern zwei Grundpfeiler der Verkehrswende.
Platin und Palladium lassen sich im Katalysator teils gegeneinander tauschen. Für Rhodium beim Stickoxid-Abbau und Iridium in der Wasserstoff-Elektrolyse fehlt dagegen ein gleichwertiger Ersatz. Bleibt die Zufuhr aus, gerät die Kette genau an diesen beiden Stellen ins Stocken.
Wie setzt sich der Preis eines Autokatalysators zusammen?

Beim Autokatalysator zahlt der Käufer vor allem für das Edelmetall im Inneren, nicht für die Technik drumherum. Ein einzelner Katalysator besteht aus billiger Keramik, etwas Beschichtung und einem Blechgehäuse. Den Preis treibt der kleine, glänzende Anteil an Platingruppenmetallen in der Wabe.
Ein Rechenbeispiel macht das greifbar. Angenommen, ein Benziner-Katalysator enthält ein Gramm Platin, drei Gramm Palladium und 0,4 Gramm Rhodium. Zu den Kursen vom 6. September 2026 kostet allein das Palladium rund 115 Euro, das Rhodium etwa 105 Euro und das Platin rund 50 Euro. Der reine Metallwert liegt damit bei ungefähr 270 Euro, bevor überhaupt eine Schraube verbaut ist.
Diese Zahlen sind ein Schätzbeispiel, denn die Beladung schwankt je nach Fahrzeug und Baujahr stark. Der Grundmechanismus bleibt aber gleich: Der Edelmetallanteil dominiert den Preis, während Keramikträger, Beschichtung, Fertigung und Marge nur einen kleineren Rest ausmachen. Genau deshalb schlägt jede Preisschwankung an der Börse fast ungebremst auf den Endpreis durch.
Der Wechselkurs spielt kräftig mit. Weil die Metalle in US-Dollar gehandelt werden, verteuert ein starker Dollar den Einkauf für europäische Hersteller zusätzlich, selbst wenn der Metallpreis in Dollar gleich bleibt. Für diesen Artikel gilt durchgängig der Referenzkurs von 1 Euro gleich 1,162 US-Dollar, den gold.de zum Stichtag 6. September 2026 ausweist.
Wer verdient an Platingruppenmetallen und wer zahlt drauf?

Am Rohstoff verdienen die Förderländer und ihre Bergbaukonzerne, die Kosten aber verteilen sich auf Verbraucher und Beschäftigte. Diese Asymmetrie ist typisch für konzentrierte Rohstoffmärkte. Bei der Platingruppe fällt der Abstand besonders scharf aus.
Zu den Gewinnern zählen die großen südafrikanischen Produzenten wie Anglo American Platinum, Impala Platinum, Sibanye-Stillwater und Northam, dazu der russische Konzern Norilsk Nickel. In Boomphasen fließen zweistellige Milliardenbeträge. Auch Zwischenhändler und Recycler verdienen an der Knappheit mit. Der Staat Südafrika kassiert Lizenzen und Steuern.
Auf der Verliererseite stehen zuerst die Importländer und ihre Autokäufer, die jede Preisspitze über den Fahrzeugpreis mittragen. Noch härter trifft die Belastung die Menschen in den Fördergebieten. Die südafrikanischen Platinminen gehören zu den tiefsten und gefährlichsten der Welt. Der Streit um Löhne eskalierte 2012 im Massaker von Marikana, als die Polizei 34 streikende Bergleute erschoss.
Ökonomen kennen dieses Muster als Ressourcenfluch. Länder mit großem Rohstoffreichtum wachsen oft langsamer als rohstoffarme Staaten, weil eine einzige Branche Kapital, Talente und politische Macht an sich zieht. Die verwandte holländische Krankheit beschreibt, wie Rohstoffexporte die eigene Währung teuer machen und die übrige Industrie abwürgen.
Die folgende Gegenüberstellung zeigt die beiden Seiten des Marktes in der Übersicht:
| Gewinner | Verlierer |
|---|---|
| Südafrikanische und russische Bergbaukonzerne | Autokäufer in den Importländern |
| Förderstaaten über Lizenzen und Steuern | Bergleute unter gefährlichen Bedingungen |
| Zwischenhändler und Recycler | Lokale Bevölkerung in den Fördergebieten |
| Spekulanten in Knappheitsphasen | Europas Industrie mit hoher Importquote |
Platingruppenmetalle sind der stille Tribut, den Europas Verkehrswende an zwei Länder zahlt. Für den sauberen Verbrenner von heute und den grünen Wasserstoff von morgen führt kein Weg an Südafrika vorbei, solange ein Ersatz für Rhodium und Iridium fehlt. Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Wie mächtig ist die Platin-Lobby?

Die Platingruppe hat keine schlagzeilenträchtige Lobby wie Öl oder Kohle, dafür arbeitet ihre Interessenvertretung umso wirkungsvoller im Hintergrund. Verbände und Investmenträte prägen die Erzählung vom unverzichtbaren Zukunftsmetall, ohne dass die Öffentlichkeit davon Notiz nimmt.
Die zentrale Stimme ist der World Platinum Investment Council, kurz WPIC, den die großen Produzenten gegründet haben. Zusammen mit der International Platinum Group Metals Association und dem südafrikanischen Bergbauverband Minerals Council South Africa formt er die Marktkommunikation. Deren Quartalsberichte liefern die Zahlen, an denen sich Analysten und Journalisten orientieren.
Das wirksamste Werkzeug ist ein Frame, also eine Deutung. Seit die Elektroauto-Welle den Katalysator bedroht, vermarktet die Branche Platin als grünes Metall der Wasserstoffwirtschaft. Der Iridium-Elektrolyseur und die Brennstoffzelle liefern die Bilder dafür. Jede staatliche Wasserstoffförderung stützt so indirekt die Nachfrage nach Platingruppenmetallen.
Deutschland und die EU pumpen Milliarden in ihre Wasserstoffstrategien, ohne die Metallabhängigkeit dahinter offen zu benennen. Genau hier liegt die Leerstelle: Wer den Hochlauf der Elektrolyse plant, plant zugleich einen steigenden Bedarf an Iridium und Platin, dessen Herkunft dieselbe bleibt. Die politische Debatte über Versorgungssicherheit hinkt der industriellen Realität hinterher.
Der World Platinum Investment Council und die Branchenverbände setzen die Deutung vom grünen Zukunftsmetall. Staatliche Wasserstoffförderung stützt die Nachfrage, ohne die Abhängigkeit von Südafrika zu benennen.
Wie kommen wir von den Platingruppenmetallen los?

Ein vollständiger Ausstieg ist unrealistisch, ein deutlich sparsamerer Umgang dagegen machbar. Die Hebel heißen Recycling, Substitution und geringere Beladung. Jeder davon wirkt in einem anderen Tempo.
Der stärkste Hebel ist das Recycling. Aus Altkatalysatoren lassen sich Platin, Palladium und Rhodium fast vollständig zurückgewinnen. In Deutschland liegt die Sammelquote schon über 80 Prozent. Dieses Stadtbergwerk deckt heute etwa ein Viertel der EU-Nachfrage. Mit steigenden Preisen lohnt sich die Rückgewinnung zunehmend.
Beim Sparen macht die Autoindustrie die schnellsten Fortschritte. Die Hersteller senken die Beladung ihrer Katalysatoren seit Jahren durch feinere Beschichtungen und tauschen je nach Preislage Platin gegen Palladium. Das Elektroauto wiederum braucht gar keinen Abgaskatalysator, verlagert die Abhängigkeit aber auf andere Rohstoffe wie Lithium und Kobalt.
Am zähesten ist der Fortschritt dort, wo kein Ersatz existiert. Für Rhodium im Stickoxid-Abbau und für Iridium in der Wasserstoff-Elektrolyse arbeiten Labore an Alternativen mit unedlen Metallen, doch marktreif ist bislang keine. Solange diese Forschung nicht liefert, bleibt die Verkehrswende an genau diese beiden Metalle gekettet.
- Recycling: deckt heute rund ein Viertel der EU-Nachfrage, Tendenz steigend.
- Sparen: weniger Metall pro Katalysator und Tausch zwischen Platin und Palladium.
- Substitution: für Rhodium und Iridium noch nicht in Sicht, hier bleibt die Lücke.
Recycling und geringere Beladung senken den Bedarf spürbar. Ein echter Ersatz für Rhodium und Iridium fehlt jedoch, deshalb bleibt die Abhängigkeit auf absehbare Zeit bestehen.
Was bedeutet das Angebotsdefizit für Deutschland?

Das anhaltende Platindefizit trifft Deutschland an seiner empfindlichsten Stelle, der Autoindustrie. Johnson Matthey erwartet für 2026 das vierte Jahr mit einer Angebotslücke, während Südafrikas Minen weniger fördern und Russlands Lieferungen schrumpfen. Für einen Standort, der jedes Gramm importiert, bedeutet die Lücke eine strukturelle Verwundbarkeit.
Konkret entstehen zwei Fronten. Zum einen verteuert jede Angebotslücke die Katalysatoren und damit den Bau von Verbrennern, die für die deutschen Hersteller weltweit noch das Geld verdienen. Zum anderen hängt die geplante Wasserstoffwirtschaft am Iridium, dessen Herkunft sich mit dem Platin deckt. Beide Abhängigkeiten laufen auf dieselbe kurze Länderliste hinaus.
Die Politik reagiert bisher zögerlich. Die EU hat Platingruppenmetalle zwar als kritische Rohstoffe eingestuft und mit dem Critical Raw Materials Act Ziele für Recycling und eigene Verarbeitung gesetzt, doch eigene Vorkommen fehlen schlicht. Ein ähnlich gelagertes Klumpenrisiko beschreibt der Beitrag über Phosphatgestein, das zeigt, warum ein einzelner Rohstoff zur Achillesferse Europas auf dem Acker werden kann.
Für die kommenden Monate zeichnen sich drei Szenarien ab. Im optimistischen Fall entspannt anziehendes Recycling die Lage und die Preise bleiben moderat. Im realistischen Fall hält das Defizit an und die Kosten steigen langsam weiter. Im pessimistischen Fall führt ein Streik oder Stromausfall in Südafrika zu einem echten Preisschock, den die Industrie sofort spürt.
Für Leser lässt sich daraus Handfestes ableiten. Unternehmen mit Metallbedarf sichern Verträge langfristig ab und prüfen Recyclingpartner, statt auf Spotkäufe zu setzen. Und Autobesitzer treffen eine banale, aber wirksame Vorsorge gegen den grassierenden Katalysatordiebstahl: einen geschützten Stellplatz oder eine Schutzplatte unter dem Fahrzeug.
- Viertes Defizitjahr: Johnson Matthey rechnet 2026 erneut mit einer Angebotslücke bei Platin.
- Zwei Fronten: teurere Katalysatoren und der Iridiumbedarf der Wasserstoffwirtschaft.
- Vorsorge: langfristige Verträge, Recyclingpartner und Schutz gegen Katalysatordiebstahl.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe zu Platingruppenmetallen

Autokatalysator
Autokatalysator bezeichnet das Bauteil im Abgasstrang, das mit Platin, Palladium und Rhodium giftige Abgase in unbedenkliche Gase umwandelt. Der Katalysator ist der größte Abnehmer von Platingruppenmetallen und der Grund für den Nachfrageschub seit den 1970er Jahren.
Bushveld-Komplex
Bushveld-Komplex ist eine riesige, rund zwei Milliarden Jahre alte Gesteinsformation im Norden Südafrikas. In ihren dünnen Erzschichten lagern etwa 80 Prozent der weltweiten Platingruppen-Ressourcen, was die globale Konzentration der Förderung erklärt.
Cisplatin
Cisplatin ist ein platinhaltiges Krebsmedikament, das seit den 1970er Jahren in der Chemotherapie eingesetzt wird. Der Wirkstoff zeigt, dass Platingruppenmetalle weit über die Industrie hinaus in der Medizin unverzichtbar sind.
Elektrolyseur
Elektrolyseur nennt man das Gerät, das Wasser mithilfe von Strom in Wasserstoff und Sauerstoff spaltet. Effiziente PEM-Elektrolyseure brauchen Iridium und Platin, weshalb die Wasserstoffwirtschaft die Abhängigkeit von der Platingruppe verstärkt.
Feinunze
Feinunze ist die im Edelmetallhandel übliche Gewichtseinheit von rund 31,1 Gramm. Platingruppenmetalle werden je Feinunze in US-Dollar notiert, was Wechselkurse zu einem wichtigen Faktor für europäische Käufer macht.
Holländische Krankheit
Holländische Krankheit beschreibt den Effekt, dass hohe Rohstoffexporte die eigene Währung verteuern und dadurch andere Wirtschaftszweige schwächen. In rohstoffreichen Förderländern verschärft dieser Mechanismus die einseitige Abhängigkeit von einer Branche.
Iridium
Iridium ist das seltenste der sechs Platingruppenmetalle und für die Wasserstoff-Elektrolyse bislang unersetzlich. Sein extrem begrenztes Angebot gilt als eine der größten Materialhürden für den geplanten Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft.
Kipp-Logik
Kipp-Logik meint hier den Umstand, dass eine ganze Produktkette an einem einzigen, nicht ersetzbaren Rohstoff hängt. Fällt der Nachschub aus, kippt nicht ein Detail, sondern das komplette Endprodukt, etwa der zulassungsfähige Verbrenner.
Norilsk Nickel
Norilsk Nickel ist der russische Bergbaukonzern, der als weltgrößter Palladiumproduzent gilt. Seine Marktstellung macht das Metall im Benzinkatalysator zu einem geopolitischen Faktor, besonders seit dem Krieg gegen die Ukraine.
Rhodium
Rhodium ist das Metall, das Stickoxide im Abgas am wirksamsten abbaut, zugleich das teuerste der Gruppe. Sein Preis erreichte im Frühjahr 2021 zeitweise über 25.000 Euro je Feinunze, ein Vielfaches des Goldpreises.
Ressourcenfluch
Ressourcenfluch bezeichnet das Phänomen, dass rohstoffreiche Länder oft langsamer wachsen als rohstoffarme. Eine dominierende Förderbranche bindet Kapital und politische Macht und bremst so die breitere wirtschaftliche Entwicklung.
World Platinum Investment Council
World Platinum Investment Council (WPIC) ist der von den großen Produzenten gegründete Verband, der die Marktkommunikation für Platin prägt. Seine Quartalsberichte liefern die Zahlen, an denen sich Analysten, Investoren und Medien orientieren.
FAQ: Platingruppenmetalle: Wie abhängig ist Europa von Südafrika?

Welche sechs Metalle gehören zu den Platingruppenmetallen?
Zu den Platingruppenmetallen gehören sechs chemisch verwandte Edelmetalle: Platin, Palladium, Rhodium, Iridium, Ruthenium und Osmium. Alle sechs widerstehen Hitze und Korrosion und wirken als Katalysatoren, ohne sich zu verbrauchen. Sie kommen fast immer gemeinsam in denselben Erzen vor, vor allem im südafrikanischen Bushveld-Komplex.
Wie abhängig ist Europa bei Platingruppenmetallen von Südafrika?
Europa ist stark abhängig: Rund 70 Prozent des Weltplatins und etwa 80 Prozent des Rhodiums stammen aus Südafrika. Zwischen 60 und 70 Prozent der primären Platingruppenmetalle bezieht die EU aus Südafrika und Russland zusammen. Eigene Vorkommen fehlen, weshalb Recycling und langfristige Lieferverträge die wichtigsten Absicherungen bleiben.
Wofür werden Platingruppenmetalle verwendet?
Der mit Abstand größte Einsatz ist der Autokatalysator, der mit Platin, Palladium und Rhodium giftige Abgase umwandelt. Daneben stecken die Metalle in Wasserstoff-Elektrolyseuren, Krebsmedikamenten, Festplatten, Displayglas, Zündkerzen und Schmuck. Ihre Fähigkeit, Reaktionen zu beschleunigen, macht sie in Industrie und Medizin unverzichtbar.
Warum ist Rhodium so teuer?
Rhodium ist extrem selten und baut Stickoxide im Abgas wirksamer ab als jedes andere Metall, ohne dass ein gleichwertiger Ersatz existiert. Der kleine Markt reagiert heftig auf Angebotsschwankungen. Im Frühjahr 2021 kostete Rhodium zeitweise über 25.000 Euro je Feinunze, ein Vielfaches des Goldpreises.
Lassen sich Platingruppenmetalle recyceln?
Ja, aus Altkatalysatoren lassen sich Platin, Palladium und Rhodium fast vollständig zurückgewinnen. In Deutschland liegt die Sammelquote für Altkatalysatoren über 80 Prozent. Das Recycling deckt heute etwa ein Viertel der EU-Nachfrage. Mit steigenden Preisen wird die Rückgewinnung wirtschaftlich immer attraktiver.
Warum steigt der Bedarf an Platingruppenmetallen trotz Elektroautos?
Elektroautos brauchen zwar keinen Abgaskatalysator, doch die Wasserstoffwirtschaft treibt einen neuen Bedarf: Effiziente Elektrolyseure hängen an Iridium und Platin. Der Wegfall im Verbrenner wird also durch die Energiewende teilweise ausgeglichen, während für Iridium bislang kein Ersatz in Sicht ist.
Quellen
Johnson Matthey | PGM Market Report 2026 | https://matthey.com/media/2026/johnson-matthey-publishes-2026-pgm-market-report1 | besucht am 06.09.2026
Mining Weekly | Platinum to remain in deficit this year, while palladium, rhodium record surpluses | https://www.miningweekly.com/article/platinum-to-remain-in-deficit-this-year-while-palladium-rhodium-to-record-surpluses-johnson-matthey-2026-05-14 | besucht am 06.09.2026
US Geological Survey | Mineral Commodity Summaries: Platinum-Group Metals | https://www.usgs.gov/centers/national-minerals-information-center/platinum-group-metals-statistics-and-information | besucht am 06.09.2026
Europäische Kommission, Joint Research Centre | Platinum: Impact assessment for supply security | https://rmis.jrc.ec.europa.eu/uploads/jrc133245_briefing_platinum_final.pdf | besucht am 06.09.2026
gold.de | Platin-, Palladium- und Rhodiumpreis | https://www.gold.de/kurse/platinpreis/ | besucht am 06.09.2026
Johnson Matthey Technology Review | The Platinum Group Element Deposits of the Bushveld Complex | https://technology.matthey.com/article/54/4/205-215/ | besucht am 06.09.2026