Amazon Web Services und SAP erweitern ihre Kooperation und bringen die SAP Sovereign Cloud in die neue AWS European Sovereign Cloud. Das Versprechen: Mehr digitale Souveränität für europäische Unternehmen. Die Realität: Europas Daten liegen weiterhin bei einem US-Konzern – nur eben in Brandenburg statt Virginia.
Kennen Sie das Dilemma? Ihr Unternehmen muss DSGVO-konform arbeiten, unterliegt möglicherweise NIS-2-Richtlinien oder branchenspezifischen Compliance-Vorgaben – und gleichzeitig benötigen Sie die Leistungsfähigkeit moderner Cloud-Infrastruktur. Die Lösung klingt verlockend: AWS investiert 7,8 Milliarden Euro in eine „European Sovereign Cloud“, die ab Ende 2025 in Brandenburg startet. SAP bringt seine Sovereign Cloud-Lösungen mit ein, darunter die Business Technology Platform und SAP Cloud ERP. Gemeinsam versprechen die beiden Konzerne „digitale Souveränität“ – ein Begriff, der in Brüssel und Berlin aktuell Hochkonjunktur hat.
Doch was bedeutet „souverän“ in diesem Kontext wirklich? AWS betont, die European Sovereign Cloud werde unabhängig von bestehenden AWS-Regionen betrieben und habe „keine kritischen Abhängigkeiten“ von Infrastrukturen außerhalb der EU. Das klingt beruhigend. Die Daten bleiben physisch in Europa, unterliegen EU-Recht, und die betriebliche Kontrolle liegt bei europäischen Teams.
Für Ihre Rechtsabteilung und den Datenschutzbeauftragten sind das durchaus relevante Argumente, insbesondere wenn Sie im öffentlichen Sektor oder in stark regulierten Branchen wie Gesundheitswesen, Finanzdienstleistungen oder kritischer Infrastruktur tätig sind.
Die technischen Spezifikationen lesen sich beeindruckend: Über 240 Services für Computing, Storage, Datenbanken, KI und Machine Learning sollen verfügbar sein – das komplette AWS-Portfolio, nur eben mit europäischen Souveränitätsgarantien. SAP ergänzt dies um seine Expertise in Geschäftsanwendungen, die bereits seit 2023 in „souveränen“ Varianten in Australien, Neuseeland, UK, Kanada und Indien laufen.
Die Kombination aus SAPs ERP-Dominanz in Europa und AWS‘ Infrastruktur-Stärke ist zweifellos mächtig. David Brown von AWS spricht von „modernsten Souveränitätslösungen“, Thomas Saueressig von SAP betont die „volle Leistungsfähigkeit von Cloud-Innovation und KI“.
Bleiben wir kurz bei den Fakten: AWS ist ein amerikanisches Unternehmen, das dem US Cloud Act unterliegt. Dieser ermöglicht US-Behörden theoretisch Zugriff auf Daten von US-Unternehmen – unabhängig vom Speicherort. Die „operationale Autonomie“ mag europäisch sein, die rechtliche Kontrolle über das Unternehmen AWS ist es nicht.
Ob getrennte Infrastruktur und EU-Personal ausreichen, um im Ernstfall amerikanische Zugriffsansprüche abzuwehren, bleibt eine politische und juristische Grauzone. Echte digitale Souveränität würde bedeuten: Europäische Cloud-Anbieter mit europäischem Kapital, europäischer Technologie und europäischer Rechtsprechung. Davon sind wir weit entfernt, und GAIA-X – einst als europäische Cloud-Alternative gestartet – dümpelt eher vor sich hin.
Die Ironie der Situation ist kaum zu übersehen: Europa diskutiert seit Jahren über technologische Unabhängigkeit von amerikanischen Hyperscalern – und die Antwort kommt nun ausgerechnet von Amazon und SAP (NYSE-gelistet, also ebenfalls US-Börsenaufsicht unterworfen). Man könnte es als pragmatische Zwischenlösung bezeichnen: Besser als gar keine Souveränitäts-Features, aber weit entfernt von echter digitaler Selbstbestimmung.
Für Unternehmen, die AWS ohnehin nutzen und nun Compliance-Anforderungen erfüllen müssen, ist das Angebot durchaus relevant. Es löst reale Probleme im Hier und Jetzt. Aber als strategische Antwort auf Europas Tech-Abhängigkeit? Da darf man skeptisch bleiben.
Die erste AWS-Region der European Sovereign Cloud soll bis Ende 2025 in Brandenburg verfügbar sein, weitere Regionen in Chile, Saudi-Arabien und anderen Standorten sind bereits angekündigt. Die SAP-Integration startet mit Business Technology Platform und Cloud ERP, weitere Anwendungen dürften folgen.
Wenn Sie in regulierten Branchen tätig sind und pragmatische Lösungen für Datenlokalisierung benötigen, sollten Sie sich das Angebot ansehen. Wenn Sie jedoch an echter europäischer Technologie-Souveränität interessiert sind, bleibt Ihnen vorerst nur der Blick nach Gaia-X – oder die Hoffnung auf europäische Alternativen, die noch in den Kinderschuhen stecken.
Quelle: amazon – AWS und SAP erweitern Kooperation zur Stärkung digitaler Souveränität in Europa