Der Rückversicherer Hannover Rück verlangt höhere Preise für Cyberpolicen, während die Erstversicherer sie im Wettbewerb gerade senken. Vorstandschef Clemens Jungsthöfel nennt den Grund: Ein einziger Cyberschaden kann ein ganzes Portfolio ins Wanken bringen. Für versicherte Unternehmen kündigt sich damit eine Trendwende bei Prämien und Sicherheitsauflagen an.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenCyberversicherungen dürften für Unternehmen wieder teurer werden, sollte sich der weltweit drittgrößte Rückversicherer durchsetzen. Hannover Rück hält die Preise der Erstversicherer nach zwei Jahren Rückgang für zu weit gefallen. Der Grund liegt in einer Eigenheit des Cyberrisikos, die kein anderer Schadenzweig kennt.
Das Wichtigste in Kürze
- Hannover Rück fordert höhere Prämien für Cyberpolicen, obwohl der Erstversicherungsmarkt seit zwei Jahren günstiger wird.
- Cyberrisiken sind Kumulrisiken: Ein einzelnes Ereignis wie eine verbreitete Softwarelücke trifft tausende Verträge gleichzeitig.
- In Deutschland stiegen die Cyber-Leistungen 2023 laut GDV um fast die Hälfte auf 180 Mio. Euro, die Schaden-Kosten-Quote kletterte auf 97 Prozent.
- Die NIS2-Pflichten bringen rund 29.500 deutsche Unternehmen unter die Managementhaftung und treiben die Nachfrage nach Cyberversicherungen.
Warum drängt Hannover Rück auf höhere Prämien?

Klumpenrisiko ist das Stichwort: Hannover Rück hält die fallenden Marktpreise für zu niedrig, um das gebündelte Cyberrisiko noch zu decken.[1] Auf der Handelsblatt-Jahrestagung Cyber Insurance beschrieb Vorstandschef Clemens Jungsthöfel, wie empfindlich das Geschäft reagiert: „Es reicht ein Cyberschaden aus, um Ihr Portfolio richtig zu stressen.“
Anders als Autounfälle oder Brände treten Cyberschäden nicht unabhängig voneinander auf. Eine einzige verbreitete Softwarelücke oder ein Ausfall bei einem großen Cloud-Anbieter kann tausende Policen zugleich auslösen. Dieses Kumulrisiko landet am Ende beim Rückversicherer, weshalb Hannover Rück höhere Preise verlangt, während die Erstversicherer im Preiskampf nachgeben.
Was treibt die Cyberschäden nach oben?
Schadenquote zuerst: Die Schäden wachsen schneller als die Prämien, und die deutsche Statistik zeigt das deutlich. Nach Zahlen des Gesamtverbands der Versicherer (GDV) stiegen die Cyber-Leistungen 2023 um knapp die Hälfte auf 180 Mio. Euro, die Beitragseinnahmen legten auf 309 Mio. Euro zu.[2] Die Schaden-Kosten-Quote sprang von 77,7 auf 97 Prozent, die Prämien deckten die Schäden also nur noch knapp.
KI-Effekt obendrauf: Künstliche Intelligenz verschärft die Lage. Jungsthöfel erwartet, dass die Versicherungslücke weiter wächst, „weil die Technologie voranschreitet und KI neue, komplexe Risiken mit sich bringt“. Automatisierte Angriffe senken die Hürde für Ransomware, die laut den Lagebildern der Sicherheitsbehörden schon heute den größten Teil der Cyberschäden ausmacht.
Ein weicher Cyber-Markt ist trügerisch: Die Prämien fallen, weil die Abwehr besser wird, nicht weil die Angreifer aufgeben. Sobald ein einziges Großereignis tausende Policen zugleich trifft, zahlt die Branche die Rabatte der letzten zwei Jahre auf einen Schlag zurück.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Schaden-Kosten-Quote in Deutschland
Was bedeutet das für deutsche Unternehmen?
Handlungsdruck steigt doppelt: Für Entscheider im DACH-Raum fällt der Preisdruck mit strengeren Pflichten zusammen. Mit der NIS2-Umsetzung geraten rund 29.500 deutsche Unternehmen unter die persönliche Managementhaftung, was die Nachfrage nach Cyberpolicen zusätzlich anheizt. Wie stark die Absicherung im Mittelstand noch klafft, zeigt unser Überblick zum boomenden Cyberversicherungsmarkt.
Versicherbar bleiben Unternehmen nur mit Vorsorge: Versicherer prüfen strenger und verlangen belegbare Grundschutzmaßnahmen wie Mehr-Faktor-Authentifizierung, ein sauberes Patch-Management und regelmäßig getestete Backups. Solche Schutzmaßnahmen gehören ohnehin zu den Cybersecurity-Grundlagen für KMU. Unternehmen, die ihre Abwehr sauber dokumentieren und die Auflagen erfüllen, bleiben versicherbar und verhandeln bessere Konditionen.
Quellen
[1] Hannover Rück: Rückversicherungslösungen für Cyberrisiken
[2] GDV: Geschäftsentwicklung in der Cyberrisikoversicherung
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