Bis Ende August zählte das Bundeskriminalamt 165 mutmaßliche Sabotagefälle, fast so viele wie im gesamten Vorjahr. Dazu kommen 747 Drohnensichtungen über kritischer Infrastruktur und zwölf Verfahren wegen Cyberspionage. Für Betreiber und Zulieferer verschiebt sich die Frage von der Abwehr einzelner Hacks zur Härtung ganzer Versorgungsketten.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenKritische Infrastruktur gerät in Deutschland zunehmend ins Visier. Ein vertrauliches Lagebild des Bundeskriminalamts, über das NDR, WDR und die Süddeutsche Zeitung berichten, unterlegt diesen Eindruck erstmals mit konkreten Zahlen.
Das Wichtigste in Kürze
- 165 mutmaßliche Sabotagefälle bis Ende August 2026, gegenüber 320 im gesamten Jahr 2025.
- 747 Drohnensichtungen über kritischer Infrastruktur, insgesamt 1.068 gezählte Drohnen.
- 24 Ermittlungsverfahren wegen Spionage, davon zwölf wegen Cyberspionage, dazu 112 erfasste Spionagedelikte.
- Schwerpunkt bei der Energieversorgung; der Verfassungsschutz verweist mutmaßlich vor allem auf Russland.
Was steht im vertraulichen BKA-Lagebild?

Das Bundeskriminalamt registrierte bis Ende August 2026 rund 165 mutmaßliche Sabotagefälle.[1] Im gesamten Jahr 2025 waren es 320, die Zahl steigt damit steil an. Hinzu kommen 747 Drohnensichtungen über sensiblen Anlagen, insgesamt 1.068 gezählte Drohnen, sowie 24 Spionageverfahren, davon zwölf wegen Cyberspionage.[2] Hybride Bedrohung heißt das Muster dahinter: digitale Ausspähung und physische Störung greifen ineinander, oft ohne eindeutigen Absender.
Warum trifft es vor allem die Energieversorgung?
Die Energieversorgung ist das lohnendste Ziel, weil an einem einzelnen Knoten viele Abnehmer hängen. Selbstgebaute Wurfgeschosse über Hochspannungsleitungen können ein Umspannwerk lahmlegen, ohne dass Täter das Gelände betreten. Erst vor wenigen Tagen verlor RWE nach einem Angriff auf ein Umspannwerk drei Gigawatt Leistung. Kaskadeneffekt ist das eigentliche Risiko: Fällt ein Umspannwerk aus, wanken Bahnverkehr, Rechenzentren und Wasserwerke gleich mit. Dass sich Fernzugriffe unbemerkt einnisten, führte zuletzt die slowakische Warnung vor manipulierten Verkehrsradaren vor Augen. Billige Werkzeuge wie DeepSeek senken zusätzlich die Schwelle für die digitale Vorstufe solcher Angriffe.
Ein abgesichertes Rechenzentrum nützt wenig, solange das Umspannwerk davor ungeschützt bleibt. Resilienz beginnt heute an der Lieferkette, nicht am eigenen Serverschrank.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Registrierte Fälle in Deutschland von Januar bis Ende August 2026
Was heißt das für Betreiber im DACH-Raum?
Für Unternehmen wird das Lagebild zur Compliance-Frage. Das KRITIS-Dachgesetz und die NIS2-Umsetzung verpflichten Betreiber wesentlicher Dienste zu Risikomanagement, klaren Meldeketten und dem Schutz auch physischer Anlagen.
Drei Maßnahmen lassen sich sofort angehen:
- die eigene Lieferkette auf einzelne Ausfallknoten prüfen
- alle Fernwartungszugänge inventarisieren und sauber segmentieren
- den Meldeweg zum BSI vor dem Ernstfall einmal durchspielen
Wo Kapazitäten fehlen, übernehmen spezialisierte Anbieter Teile der Abwehr, etwa agentische Systeme in der Sicherheitszentrale. Restrisiken lassen sich absichern, seit Rückversicherer wie die Münchener Rück ins Cybergeschäft drängen. Auf EU-Ebene justiert ProtectEU zugleich die Ermittlungsseite. Dauerauftrag statt Projekt: Die Härtung der Versorgungsketten bleibt eine laufende Aufgabe, anders als ein einzelner Patch.
Quellen
[1] Der Spiegel: „Sabotage: offenbar 165 Verdachtsfälle in Deutschland in diesem Jahr“
[2] tagesschau (NDR/WDR investigativ): „Vertrauliches BKA-Papier: Deutschland ist massives Ziel von Spionage und Sabotage“
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