Gemini Nano belegt auf qualifizierten Rechnern seit Monaten vier Gigabyte Speicherplatz, ohne dass die Besitzer je gefragt wurden. Die Datei lässt sich löschen. Chrome lädt den Inhalt beim nächsten Browserstart stillschweigend neu herunter. Und das sichtbarste KI-Feature im Browser nutzt das lokal gespeicherte Modell nicht einmal.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Auf jedem neueren Rechner mit Chrome findet sich tief im Benutzerprofil ein Verzeichnis namens OptGuideOnDeviceModel. Darin steckt weights.bin, rund vier Gigabyte groß: die Modellgewichte von Googles On-Device-Sprachmodell Gemini Nano. Chrome hat weder einen Dialog gezeigt noch eine Checkbox angeboten. Der Download lief im Hintergrund, vollautomatisch und in aller Stille.

Chrome installiert Gemini Nano seit 2024 still auf Millionen Geräten. Den Toggle zum Abschalten lieferte Google erst im Februar 2026 nach. Eine nutzerfreundlichere Reihenfolge wäre: erst fragen, dann installieren.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Das Wichtigste in Kürze

  • Chrome installiert Gemini Nano automatisch auf qualifizierten Geräten, ohne Einwilligungsdialog und ohne sichtbaren Opt-out
  • Die rund vier Gigabyte große Datei weights.bin kehrt nach manueller Löschung beim nächsten Browserstart zurück
  • Datenschutzforscher Alexander Hanff sieht Verstöße gegen Artikel 5 Absatz 3 der ePrivacy-Richtlinie sowie gegen DSGVO-Grundsätze der Transparenz und Datensparsamkeit
  • Der CO₂-Fußabdruck eines globalen Rollouts liegt nach Hanffs Schätzung zwischen 6.000 und 60.000 Tonnen CO₂-Äquivalent

Was steckt hinter der 4-GB-Datei im Chrome-Profil?

Metallschrank, links offene Lade, Mappen darin, ein Zettel darauf mit Text
Chrome lädt Gemini Nano automatisch auf kompatiblen Rechnern herunter, sobald die KI-Funktionen aktiviert werden, sofern mindestens 16 GB RAM vorhanden ist

Auf Rechnern, die die Mindestanforderungen erfüllen (typischerweise rund 16 GB RAM und eine ausreichend leistungsstarke GPU), startet der Download automatisch, sobald Chromes KI-Funktionen aktiv sind. Aktiv sind diese Funktionen in neueren Chrome-Versionen standardmäßig.

Gemini Nano ist Googles kompaktes, lokal laufendes Sprachmodell. Chrome nutzt die Modellgewichte für mehrere Funktionen: die Schreibhilfe „Help me write“ in Textfeldern, geräteseitige Betrugserkennung beim Surfen, smarte Tab-Gruppen-Vorschläge sowie eine Zusammenfassung von Seiteninhalten. Der Knackpunkt liegt nicht in den Funktionen selbst, sondern im Weg dorthin.

Wer weights.bin manuell löscht, erlebt den Mechanismus umgehend: Chrome behandelt den gelöschten Inhalt als vorübergehenden Fehler und lädt alles beim nächsten Browserstart neu herunter. Eine Checkbox mit dem Wortlaut „4-GB-KI-Modell herunterladen“ sucht man in den Chrome-Einstellungen vergebens. Wie weitreichend Google KI-Funktionen in Chrome bündelt, zeigt ein ausführlicher Dr.-Web-Artikel zur agentischen Browser-Strategie von Chrome, der die Gemini-Einbettung aus Entscheiderperspektive einordnet.

MerkmalDetails
Dateinameweights.bin
VerzeichnisOptGuideOnDeviceModel (Chrome-Profil)
Größeca. 4 GB
ModellGemini Nano (Modellgewichte)
Download-AuslöserChrome-KI-Funktionen aktiv (Standard)
Nach LöschungAutomatischer erneuter Download
Abschaltenchrome://settings → System → On-Device-KI (seit Feb. 2026)

Den Toggle zum Abschalten lieferte Google erst im Februar 2026 nach. Monatelang landete das Modell auf Millionen Geräten, ohne dass Nutzer eine Einstellungsoption kannten.

Wie ließ sich der stille Download beweisen?

Metallefängnis mit Chrome-Schloss enthält Teetasse mit KI-Logo auf weißem Hintergrund
Datenschutzforscher Alexander Hanff wies nach, dass Chrome auf einem Mac Daten sammelt, obwohl kein menschlicher Input erfolgte

Den forensischen Nachweis lieferte der britische Datenschutzforscher Alexander Hanff, bekannt unter dem Blog-Namen „That Privacy Guy“. Hanff legte am 23. April 2026 ein frisches Chrome-Profil auf einem Apple-Silicon-Mac an, ausschließlich für automatisierte Datenschutz-Audits. Das Profil empfing zu keinem Zeitpunkt menschliche Eingaben. Weder Maus noch Tastatur waren in Betrieb. Alle Browserinteraktionen liefen über das Chrome DevTools Protocol.

Sechs Tage später enthielt das Profil vier Gigabyte OptGuideOnDeviceModel-Daten. Hanff rekonstruierte den Hergang über .fseventsd, das Kernel-Dateisystemprotokoll von macOS. Dieses Protokoll zeichnet jeden Dateizugriff auf Betriebssystemebene auf, unabhängig von jeder Anwendung und für Chrome nicht veränderbar.

Die Rekonstruktion zeigt drei klar abgegrenzte Phasen:

  • 16:38 Uhr (MESZ, 24. April 2026): Chrome legt das Verzeichnis OptGuideOnDeviceModel im Profil an
  • 16:47 Uhr: Drei parallele Entpackerprozesse starten. Einer schreibt weights.bin sowie Ausführungskonfiguration. Die anderen beiden installieren ein Zertifikatswiderruf-Update und ein Browser-Preload-Update. Chrome bündelte ein Sicherheitsupdate, ein Preload-Paket und ein 4-GB-KI-Modell in einem einzigen Leerlauf-Fenster, als wären alle drei gleichwertig
  • 16:53 Uhr: Die entpackten Dateien landen am endgültigen Pfad OptGuideOnDeviceModel/2025.8.8.1141/weights.bin

Gesamtdauer: 14 Minuten und 28 Sekunden. Menschlicher Einfluss im gesamten Zeitfenster: keiner.

Chromes eigene Feature-Flags zeigen laut Hanff einen weiteren Befund: Der Flag OnDeviceModelBackgroundDownload wird im selben Rollout-Paket aktiviert wie ShowOnDeviceAiSettings. Letztgenannter Flag schaltet den Einstellungsbereich für On-Device-KI überhaupt erst in chrome://settings frei. Der Download beginnt also, bevor eine Einstellungsseite erscheint, auf der Ablehnen möglich wäre.

Was hat der „KI-Modus“ in der Adresszeile damit zu tun?

Silberner Farbeimer mit grüner Farbe, Pinsel und Google-Suchleiste. Etikett: HEIMLICHE INSTALLATION
Chrome 147 zeigt AI-Mode-Pill in der Adresszeile, doch Google verarbeitet Anfragen cloudbasiert, nicht lokal

Chrome 147 zeigt rechts neben der URL-Eingabe eine sogenannte AI-Mode-Pill. Vier Gigabyte KI-Modell liegen lokal auf dem Rechner. Die AI-Mode-Pill prangt in der auffälligsten UI-Fläche des Browsers. Der naheliegende Schluss: Anfragen bleiben auf dem Gerät.

Dieser Schluss ist falsch. Den AI-Mode in der Adresszeile betreibt Google als cloudbasierte Suchoberfläche. Jede Anfrage, die dort eingetippt wird, geht über das Netzwerk an Googles Server. Gemini Nano ist an diesem Code-Pfad nicht beteiligt.

Die Funktionen, die das lokal gespeicherte Modell tatsächlich aufrufen, stecken in Kontextmenüs von Textfeldern und in Tab-Gruppen-Rechtsklickmenüs. Diese Zugangspunkte finden die meisten Nutzer im Alltag kaum. Der Nutzer trägt die Speicher- und Bandbreitenkosten der lokalen Installation, während die sichtbarste KI-Oberfläche trotzdem alle Anfragen ins Netz sendet.

Wir haben in der Redaktion nachgesehen, ob Google diese Diskrepanz irgendwo transparent erklärt. Nicht an einer Stelle, die ein regulärer Nutzer vor der Installation prüfen würde. Hinter dem Verhalten steckt eine klare Architekturentscheidung: Das lokal installierte Modell ist eine Google-seitige Ressource auf fremdem Speicherplatz. Den breiteren KI-Rollout von Google, einschließlich des KI-Suche-Rollouts für den DACH-Raum, hat Dr. Web in einem separaten Artikel eingeordnet.

Verstößt Chrome damit gegen DSGVO und ePrivacy?

Pappkarton mit grünem Tier, Aufschrift
Hanff kritisiert auf seinem Blog Verstöße gegen die ePrivacy-Richtlinie: Das Speichern von Informationen auf Endgeräten ohne explizite Einwilligung ist verboten

Hanff sieht auf seinem Blog „That Privacy Guy“ drei Rechtsgrundlagen verletzt. Artikel 5 Absatz 3 der ePrivacy-Richtlinie (Richtlinie 2002/58/EG) verbietet das Speichern von Informationen auf dem Endgerät eines Nutzers ohne dessen ausdrückliche, informierte und freiwillige Einwilligung. Eine Ausnahme greift nur, sofern die Speicherung für einen ausdrücklich angeforderten Dienst technisch zwingend nötig ist. Chrome funktioniert ohne weights.bin vollständig. Ein technisches Muss liegt nicht vor.

Artikel 5 Absatz 1 DSGVO fordert Transparenz der Datenverarbeitung. Chromes eigene Feature-Flags belegen eine Hardware-Profilierung vor dem Download: Chrome liest CPU-Klasse, GPU-Klasse und verfügbaren Speicher aus, um die Eignung eines Geräts für den Modell-Push zu berechnen. Nutzer erhalten darüber keine Information.

Artikel 25 DSGVO schreibt Privacy by Design vor. Standardmäßig sollen nur die Daten verarbeitet werden, die für den konkreten Zweck nötig sind. Vier Gigabyte KI-Gewichte vorab zu installieren, für eine Funktion, die der Nutzer womöglich nie aufruft: Der Abstand zum Datensparsamkeitsprinzip ist schwer zu übersehen.

Chrome-Vizepräsidentin Parisa Tabriz erklärte am 6. Mai 2026 auf X, Gemini Nano sei seit 2024 Teil von Chrome, laufe lokal und sende keine Daten an Googles Server. Das Modell deinstalliere sich automatisch, sobald der Gerätespeicher knapp werde. Die Einwilligungsfrage ließ Tabriz offen. Googles Reaktion adressiert die technische Nützlichkeit des lokalen Modells. Für eine Datenschutzantwort reicht das nicht. Ob ein europäisches Gericht oder eine Datenschutzbehörde Hanffs Rechtsbewertung teilt, bleibt abzuwarten.

Welchen CO₂-Preis zahlt das Klima für diesen Rollout?

Ölfass mit Text, darauf Pflanze und Bauhelm, vor weißem Hintergrund
Hanff berechnet den ökologischen Fußabdruck mit 0,06 kWh Energiebedarf pro Gigabyte, multipliziert mit dem EU-27-Strommix-Emissionsfaktor von 0,25 kg CO₂-Äquivalent pro kWh

Hanff rechnet in seiner Analyse auch den ökologischen Fußabdruck durch. Grundlage ist die Methodologie aus einer Studie von Pärssinen et al. (2018), erschienen im Fachjournal Science of The Total Environment: 0,06 kWh Energiebedarf pro übertragenem Gigabyte, multipliziert mit dem EU-27-Strommix-Emissionsfaktor von 0,25 kg CO₂-Äquivalent pro Kilowattstunde laut der Europäischen Umweltagentur (EEA).

Pro Gerät ergibt ein einmaliger Download von vier Gigabyte damit 0,06 kg CO₂-Äquivalent. Über die globale Chrome-Installationsbasis skaliert sich dieser Wert erheblich:

Betroffene GeräteDatenmengeEnergieCO₂-Äquivalent
100 Mio. (Niedrig-Szenario)400 Petabyte24 GWh6.000 Tonnen
500 Mio. (Mittel-Szenario)2 Exabyte120 GWh30.000 Tonnen
1 Mrd. (Hoch-Szenario)4 Exabyte240 GWh60.000 Tonnen

Schätzwerte nach Hanff (2026), Berechnungsmethodik nach Pärssinen et al. (2018)

Nicht eingerechnet: erneute Downloads nach Löschversuchen, künftige Modell-Updates und der Energieverbrauch bei tatsächlicher Modellnutzung. Laut einer ACM-Studie von Tannu und Nair (2023) liegt der Herstellungs-CO₂-Fußabdruck von NAND-Flash-Speicher bei rund 0,16 kg CO₂-Äquivalent pro Gigabyte. Für eine Milliarde betroffener Geräte ergibt das nach dieser Schätzung rund 640.000 Tonnen CO₂-Äquivalent gebundenen Herstellungsaufwands für Speicherplatz, den die Nutzer nicht angefordert haben.

So schalten Sie Gemini Nano in Chrome dauerhaft ab?

Karton mit Google Chrome-Label, orangefarbenem Klebeband und grünem Schalter auf weißem Grund
Chrome seit Februar 2026: On-Device-KI über chrome://settings im Bereich „System“ deaktivierbar. Download stoppt, lokale Datei bleibt

Seit Februar 2026 bietet Chrome einen direkten Schalter. Den Weg dorthin kennen die meisten Nutzer nicht.

Für Nutzer mit dem Februar-2026-Update:

  1. Chrome öffnen
  2. chrome://settings aufrufen
  3. Abschnitt „System“ wählen
  4. Toggle „On-Device-KI“ deaktivieren

Nach dem Deaktivieren startet Chrome den Download nicht erneut. Die vorhandene Datei bleibt bis zur manuellen Löschung bestehen. Das Verzeichnis OptGuideOnDeviceModel liegt im Chrome-Profilordner, dessen genauer Pfad je nach Betriebssystem unterschiedlich ist.

Windows-Administratoren können das Verhalten per Gruppenrichtlinie sperren: Im Pfad HKEY_LOCAL_MACHINE\SOFTWARE\Policies\Google\Chrome einen DWORD-Wert OptimizationGuideModelDownloading mit dem Wert 0 anlegen. Diese Methode eignet sich für zentral verwaltete Unternehmensumgebungen, in denen Nutzer selbst keinen Registrierungszugriff haben.

Für Geräte ohne das Februar-Update hilft der Umweg über chrome://flags: Die Flags OptimizationGuideModelDownload, Prompt API for Gemini Nano, Summarizer API, Writer API, Rewriter API und Proofreader API deaktivieren, Chrome neu starten und danach den OptGuideOnDeviceModel-Ordner löschen. Warum unkontrollierte KI-Komponenten auf Unternehmensrechnern keine theoretische Frage sind, zeigt der Dr.-Web-Artikel über KI-Agenten, die Softwareschwachstellen automatisiert aufspüren.

Quellen

Ein silberner Desktop-Computer mit einer kleinen orangen Badeente an der Rückseite
Google Chrome installiert heimlich ein 4-GB-KI-Modell ohne Zustimmung auf Geräten

Alexander Hanff, That Privacy Guy | Google Chrome silently installs a 4 GB AI model on your device without consent | https://www.thatprivacyguy.com/blog/chrome-silent-nano-install/ | besucht am 08.05.2026

Pärssinen, M. et al. | Environmental impact assessment of online advertising | Science of The Total Environment, 2018 | https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0195925517303505 | besucht am 08.05.2026

Europäische Umweltagentur (EEA) | Greenhouse gas emission intensity of electricity generation | https://www.eea.europa.eu/en/analysis/indicators/greenhouse-gas-emission-intensity-of-1 | besucht am 08.05.2026

Tannu, S., Nair, P. J. | The dirty secret of SSDs: embodied carbon | ACM SIGENERGY Energy Informatics Review, 2023 | https://dl.acm.org/doi/10.1145/3630614.3630618 | besucht am 08.05.2026

CyberInsider | Google Chrome silently installs 4GB Gemini Nano AI model on user devices | https://cyberinsider.com/google-chrome-silently-installs-4gb-gemini-nano-ai-model-on-user-devices/ | besucht am 08.05.2026

Digital Trends | Google responds to Chrome’s silent Gemini Nano install | https://www.digitaltrends.com/computing/google-responds-to-chromes-silent-gemini-nano-install-stops-short-of-addressing-consent/ | besucht am 08.05.2026

5,0 21 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?