Chrom steckt in jedem Kochtopf, in jedem Besteckkasten und in jeder Küchenspüle, ohne dass ein Etikett darauf hinweist. Am 13. August 2026 brach in Südafrika der Absetzdamm einer Chrommine. Seit Januar verteuert ein europäischer CO2-Zoll zusätzlich jede eingeführte Tonne Ferrochrom. Deutschland kauft dieses Metall zu 60 Prozent über Rotterdam und Antwerpen ein.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenRund 45 Prozent der Weltförderung von Chromerz kommen aus einem einzigen Land. Von der daraus geschmolzenen Legierung stammen 42 Prozent aus einem zweiten. Zwischen diesen beiden Polen hängt die europäische Edelstahlindustrie.
Das Wichtigste in Kürze
- 23 Millionen Tonnen Chromerz förderte Südafrika 2025 nach Zahlen des US-Geologiedienstes, bei einer Weltförderung von 51 Millionen Tonnen. Kein anderes Land kommt auf die Hälfte davon.
- 42,2 Prozent des weltweiten Ferrochroms schmelzen chinesische Hütten, während Südafrika trotz seiner Erzbasis auf 25,7 Prozent kommt. Die Zahlen stammen aus der DERA-Rohstoffliste 2025.
- 102.873 Tonnen Ferrochrom führte Deutschland 2025 ein, im Wert von 170,2 Millionen Euro. Direkt aus Südafrika kamen davon 511 Tonnen.
- 10,5 Prozent Chromanteil verlangt die Norm EN 10088, damit ein Stahl überhaupt als nichtrostend gilt. Einen technisch gleichwertigen Ersatz für dieses Element kennt die Werkstoffkunde nicht.
Bluff oder Wissen? Der Chrom-Check
1 Wie hoch ist Südafrikas Anteil an der weltweiten Chromerz-Förderung? Aufklappen ↓
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2 Welches Land schmilzt das meiste Ferrochrom? Aufklappen ↓
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3 Ab welchem Chromanteil darf ein Stahl nichtrostend heißen? Aufklappen ↓
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4 Wo liegt die einzige Chrommine der Europäischen Union? Aufklappen ↓
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5 Was treibt den Legierungszuschlag für Edelstahl stärker: Chrom oder Nickel? Aufklappen ↓
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Was ist Chrom und wie entsteht das Metall im Untergrund?
Chrom ist ein silberweißes Übergangsmetall, das in der Erdkruste praktisch nur gebunden vorkommt, fast immer als Chromit. Wirtschaftlich abbaubare Lagen dieses Eisen-Chrom-Oxids kristallisierten vor rund zwei Milliarden Jahren aus riesigen Magmakörpern aus.
Mit 135 Milligramm je Kilogramm Gestein zählt Chrom laut der Royal Society of Chemistry nicht zu den seltenen Elementen, sondern liegt in der Erdkruste häufiger als Nickel oder Kupfer. Das reine Metall schmilzt erst bei 1.907 Grad Celsius. Genau diese Hitzefestigkeit macht die Gewinnung teuer, denn aus dem Erz wird nie das blanke Metall, sondern eine Eisenlegierung: Ferrochrom.
Der wichtigste Fundort der Welt ist ein geologischer Sonderfall. Der Bushveld-Komplex nördlich von Pretoria erstarrte vor rund 2,06 Milliarden Jahren, bedeckt etwa 66.000 Quadratkilometer und erreicht neun Kilometer Mächtigkeit. In dieser Magmalinse setzten sich Chromitkristalle wie Sediment am Boden ab und bildeten Flöze, die über hunderte Kilometer durchhalten. Das Untere-Gruppe-Flöz LG6 und das UG2-Flöz der Oberen Gruppe tragen den größten Teil der südafrikanischen Förderung.
Die zweite Lagerstättenform sieht ganz anders aus. In der Türkei, in Albanien und auf den Philippinen sitzt Chromit in linsenförmigen Körpern in ehemaliger Ozeankruste, podiforme Lagerstätten genannt. Solche Linsen sind klein, unregelmäßig und selten länger als wenige hundert Meter, dafür oft hochgradig. Der US-Zolltarif unterscheidet das Erz deshalb in drei Güteklassen: unter 40 Prozent Chromoxid, zwischen 40 und 46 Prozent sowie darüber.
Für Schmelzhütten zählt neben dem Gehalt vor allem das Verhältnis von Chrom zu Eisen im Erz. Je enger das Verhältnis, desto mehr Strom kostet jede Tonne Legierung. Südafrikas Erz aus dem Bushveld gilt bei diesem Kennwert als schwächer als kasachisches oder türkisches Material. Ausgerechnet an der größten Rohstoffbasis der Welt schmelzen die Hütten deshalb nicht am günstigsten.
Knapp wird das Element in diesem Jahrhundert nicht. Der US-Geologiedienst bilanziert für Südafrika Reserven von 350 Millionen Tonnen Erz mit 110 Millionen Tonnen Chromoxid-Inhalt, weltweit über 1,2 Milliarden Tonnen und schätzt die Ressourcen auf mehr als 12 Milliarden Tonnen. Ausdrücklich hält der Dienst diese Menge für ausreichend, um den denkbaren Bedarf über Jahrhunderte zu decken. Der Haken steht im nächsten Satz derselben Quelle: 95 Prozent dieser Ressourcen liegen in Kasachstan und im südlichen Afrika.
- Chromit: Das Metall kommt nur als Oxid mit Eisen vor und wandert als Ferrochrom in den Handel.
- 2,06 Milliarden Jahre alt ist der Bushveld-Komplex, dessen Flöze LG6 und UG2 den Weltmarkt tragen.
- 95 Prozent der Weltressourcen liegen in Kasachstan und im südlichen Afrika. Knappheit ist ein politisches, kein geologisches Problem.
Wer entdeckte Chrom und wie kam das Metall in den Stahl?

Chrom verdankt seinen Namen der Farbe. Der französische Chemiker Louis Nicolas Vauquelin isolierte das Element 1798 aus dem Mineral Krokoit, einem sibirischen Bleichromat, dessen leuchtende Verbindungen bald als Pigment Karriere machten. Zum Stahlveredler taugte das Metall erst gut hundert Jahre später.
Der Weg dorthin beginnt in einer Goldgrube. 1766 tauchte in Sibirien ein orangerotes Mineral auf, das Sammler in ganz Europa als sibirisches Rotbleierz herumreichten. Vauquelin fällte daraus in Paris das Blei aus, zerlegte das zitronengelbe Zwischenprodukt in Säure und gewann durch Glühen mit Kohle das Metall. Weil dessen Verbindungen in Gelb, Grün und Rot leuchten, nannte er das Element nach dem griechischen Wort für Farbe. Chromgelb wurde zum Standardpigment der Kutschen- und später der Postwagenlackierung.
Den industriellen Durchbruch holte Deutschland. Im Oktober 1912 meldeten Benno Strauß und Eduard Maurer im Essener Forschungslabor von Krupp zwei Patente auf nichtrostende Chrom-Nickel-Stähle an. Die Versuchsschmelzen trugen die Kürzel V2A und V4A, Bezeichnungen, die heute noch am Küchenspültisch hängen. Ab 1922 verkaufte Krupp diese Werkstoffe unter der Marke Nirosta.
Im britischen Sheffield arbeitete Harry Brearley zur gleichen Zeit an einer verwandten Idee. 1913 goss er in den Brown-Firth-Laboratorien einen Stahl mit 12,8 Prozent Chrom und 0,24 Prozent Kohlenstoff, der Essigsäure und Zitronensaft widerstand. Sein Patent erhielt er erst 1919, weshalb bis heute zwei Nationen die Erfindung für sich beanspruchen. Beide Entwicklungen zielten auf denselben Zweck: Werkstoffe für die Chemieindustrie, die von innen nicht zerfressen werden.
Praktisch nutzbar wurde der Stahlveredler erst durch den Elektroofen. Nur dort erreichen Hütten die Temperaturen, um Chromit mit Koks zu Ferrochrom zu reduzieren. Und nur mit kohlenstoffarmer Legierung lässt sich der Kohlenstoffgehalt eines Edelstahls sauber einstellen, ohne den Werkstoff spröde zu machen. Aus dieser Technik erklärt sich die Landkarte der Branche bis heute: Chromerz wandert dorthin, wo der Strom billig ist, und nicht dorthin, wo der Berg steht.
Vauquelin gewann das Element 1798 als Farbstofflieferant, zum Stahlveredler machten den Werkstoff 1912 Krupp in Essen und 1913 Harry Brearley in Sheffield. Nutzbar wurde die Legierung erst mit dem Elektroofen, und der treibt die Branche seither dorthin, wo der Strom billig ist.
Wie hat Chrom die Weltkarte verändert?

Dieses Metall hat Sanktionen gebrochen, Kriegswirtschaften versorgt und trennt bis heute Förderländer von Verarbeitungsländern. Weil kein Panzerstahl, keine Turbinenschaufel und kein Edelstahlblech ohne dieses Element auskommt, galt Chromerz in jedem Konflikt des 20. Jahrhunderts als kriegswichtiger Rohstoff.
Wie hart darum gerungen wurde, zeigt der Zweite Weltkrieg. Im sogenannten Clodius-Abkommen verpflichtete sich die neutrale Türkei, im Jahr 1943 90.000 Tonnen an das Deutsche Reich zu liefern, wie ein Telegramm des US-Botschafters in London vom 18. September 1942 in den Foreign Relations of the United States festhält. London versuchte im Gegenzug, mindestens die Hälfte der türkischen Jahresproduktion aufzukaufen, zu denselben Bedingungen wie Berlin. Für die Alliierten war der türkische Chromhandel das Barometer dafür, auf welcher Seite Ankara stand.
Ein Vierteljahrhundert später brach dasselbe Metall ein UN-Embargo. Nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung Rhodesiens verhängten die Vereinten Nationen 1966 Sanktionen gegen das weiße Minderheitsregime in Salisbury. Am 17. November 1971 unterschrieb Präsident Richard Nixon dennoch das Byrd Amendment, das Einfuhren strategischer Rohstoffe aus nichtkommunistischen Ländern nicht mehr verbieten durfte, solange dieselben Güter aus kommunistischen Ländern hereinkamen. Gemeint war rhodesisches Chromerz.
Das Argument der Befürworter im Kongress lautete Sowjetunion. Moskau war damals der dominierende Anbieter hochwertigen Erzes und trieb aus Sicht der Amerikaner die Preise. Der Außenpolitische Ausschuss des Repräsentantenhauses hielt im Oktober 1973 Anhörungen über die Rücknahme ab, sechs Jahre lang blieb die Ausnahme in Kraft. Erst 1977, unter Präsident Jimmy Carter, kippte der Kongress das Sanktionsloch. Ein Rohstoff hatte die Außenpolitik einer Weltmacht länger bestimmt als deren eigene Vertragstreue.
| Eingriff | Akteur und Jahr | Folge für Chrom |
|---|---|---|
| Clodius-Abkommen | Deutsches Reich und Türkei, 1941 bis 1944 | 90.000 Tonnen Chrom für 1943 zugesagt, die Alliierten kaufen gegen an |
| UN-Sanktionen gegen Rhodesien | Vereinte Nationen, 1966 | Chromerz wird zum Schmuggelgut, Preise für Sowjetware steigen |
| Byrd Amendment | USA, 1971 bis 1977 | Washington importiert rhodesisches Chrom trotz eigenem Embargo |
| Exportkontrolle für Chromerz | Südafrika, Kabinettsbeschluss 25. Juni 2025 | Ausfuhr nur noch mit Genehmigung, Exportsteuer in Vorbereitung |
| Ausfuhrsteuer und Quote in der Industriestrategie | Südafrika, Juni 2026 | Der Plan einer 25-prozentigen Abgabe kehrt auf die Agenda zurück |
Die Gegenwart hat die Fronten verschoben. Beim kohlenstoffarmen Material, dem Vormaterial für Superlegierungen in Triebwerken und Gasturbinen, führt Russland die Nettoexporte mit 41,8 Prozent an, gefolgt von Kasachstan mit 25,8 Prozent und China mit 13,3 Prozent. Diese Zahlen der Deutschen Rohstoffagentur beschreiben einen Markt von nur 205.000 Tonnen, an dem jedoch der europäische Luftfahrtbau hängt.
Beim großen Bruder, der hochgekohlten Standardware, sitzt die Marktmacht in Peking. Chinesische Hütten schmelzen 42,2 Prozent der Weltproduktion, obwohl das Land kaum eigenes Erz besitzt. Nachgeliefert wird aus Südafrika: Allein im Juni 2026 verließen 2,404 Millionen Tonnen Chromerz die südafrikanischen Häfen, 39 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Mehr als zwei Drittel dieser Ladung gingen nach China.
Genau diese Arbeitsteilung will Pretoria brechen. Am 25. Juni 2025 beschloss das Kabinett, Chromerz unter Exportkontrolle zu stellen und eine Ausfuhrsteuer zu erarbeiten. Im Juni 2026 tauchte die Abgabe erneut in der überarbeiteten Industriestrategie auf. Der Branchenverband Minerals Council South Africa hält die Diagnose für falsch und rechnet vor, dass die Strompreise seit 2008 um über 900 Prozent gestiegen sind. Nicht das fehlende Erz bremse die Hütten, sondern der Stromtarif.
Bergwerksförderung 2025, Chromerz in Millionen Tonnen
Drei Kennzahlen zur Machtverteilung
Warum hängt die Weltwirtschaft an Chrom?

Rund 80 Prozent des geförderten Chroms gehen in Edelstahl. Und Edelstahl steckt überall dort, wo Wasser, Säure oder Hitze auf Metall treffen. Ohne dieses Element funktioniert keine Lebensmittelfabrik, keine Kläranlage, keine Chemieanlage und keine Gasturbine.
Die Mengengerüste sind schnell erzählt. Aus 51 Millionen Tonnen Chromerz entstehen laut Deutscher Rohstoffagentur gut 15 Millionen Tonnen Ferrochrom. Daraus stammt der Legierungsanteil jener 64,2 Millionen Tonnen Edelstahl, die die Branchenvereinigung worldstainless für 2025 ausweist, 2,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Allein China schmolz davon 40,8 Millionen Tonnen, Asien insgesamt 55,3 Millionen Tonnen. Europa spielt in dieser Statistik die Rolle des Nachfragers.
Transportiert wird vor allem Sand, nicht Metall. Das Erz verlässt Südafrika über Richards Bay und Durban in Massengutfrachtern Richtung Tianjin, und die Ladung besteht zu mehr als der Hälfte aus Eisen und Gestein. Im Juni 2026 gingen 2,404 Millionen Tonnen auf diese Reise, ein Plus von 39 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Der Engpass liegt nicht im Berg, sondern in Bahnstrecke und Hafenkapazität.
Einen Börsenpreis für das Metall kennt der Markt nicht. Weder London noch Shanghai notieren das Metall, stattdessen erheben Preisagenturen wie Argus die Abschlüsse zwischen Hütten und Stahlwerken und veröffentlichen Bewertungen in Dollar. Der US-Geologiedienst nennt für 2025 einen Durchschnitt von 248 Euro je Tonne Chromerz und rund 3.015 Euro je Tonne Chrominhalt im Ferrochrom, jeweils umgerechnet zum Referenzkurs der Europäischen Zentralbank vom 21. August 2026. Dieselbe Quelle notiert für Mitte Dezember 2025 nur noch 2.360 bis 2.540 Euro, ein Zeichen für die Überkapazität in China.
| Deutsche Einfuhr | Menge 2023 | Menge 2025 | Wert 2025 |
|---|---|---|---|
| Ferrochrom, über 4 Prozent Kohlenstoff | 108.892 t | 84.239 t | 120,4 Mio. Euro |
| Legierung mit bis zu 4 Prozent Kohlenstoff | 22.755 t | 18.635 t | 49,8 Mio. Euro |
| Chromerz und Konzentrate | 117.720 t | 126.987 t | 45,1 Mio. Euro |
Für die Verbraucherländer zählt eine andere Zahl. Chrom hat im Edelstahl und in Superlegierungen keinen technisch gleichwertigen Ersatz, das schreibt der US-Geologiedienst in jeder Jahresausgabe seiner Rohstoffbilanz. Ersetzbar ist die Legierung nur teilweise durch Edelstahlschrott, der in den USA 21 Prozent des sichtbaren Verbrauchs deckt. Fällt die Legierung aus, steht kein Ausweichwerkstoff bereit, sondern nur ein schlechterer Stahl.
Deutschlands Abhängigkeit lässt sich auf den Cent beziffern. 2025 führte die Bundesrepublik nach Zahlen der Eurostat-Handelsdatenbank Comext 84.239 Tonnen hochgekohltes und 18.635 Tonnen kohlenstoffarmes Material ein, zusammen 170,2 Millionen Euro. Zwei Jahre früher waren dieselben Warennummern noch 325,1 Millionen Euro schwer. Dazu kommen 126.987 Tonnen Chromerz. Bemerkenswert ist die Herkunft: 43.673 Tonnen kamen aus den Niederlanden, 7.502 Tonnen aus Belgien und 511 Tonnen direkt aus Südafrika.
Die Statistik verrät damit weniger über Bergwerke als über Lagerhäuser. Comext bucht das letzte Versandland, also die Terminals von Rotterdam und Antwerpen. Deutschland kauft bei Händlern, nicht bei Produzenten, und weiß im Zweifel selbst nicht genau, aus welchem Flöz die Tonne im Schmelzofen stammt.
- 80 Prozent der Förderung gehen in Edelstahl, dessen Weltproduktion 2025 auf 64,2 Millionen Tonnen kletterte.
- Kein Börsenpreis: Preisagenturen bewerten den Markt in Dollar, verbindliche Notierungen fehlen.
- 170,2 Millionen Euro zahlte Deutschland 2025 für die Legierung, überwiegend an Händler in Rotterdam und Antwerpen.
In welchen Produkten steckt Chrom und was fällt ohne das Metall weg?

Chrom steckt in jedem nichtrostenden Stahl, denn erst ab 10,5 Prozent Chromanteil bildet die Oberfläche jene hauchdünne Oxidschicht, die Rost abhält. Die Norm EN 10088 zieht genau dort die Grenze zwischen Baustahl und Edelstahl.
Der wichtigste Werkstoff der Küche heißt 1.4301, im Handel oft V2A genannt. Er enthält 17,5 bis 19,5 Prozent Chrom sowie 8 bis 10,5 Prozent Nickel. Ein Drittel der Weltproduktion an Edelstahl entfällt auf diese eine Sorte. Ihre Schutzschicht ist nur wenige Atomlagen dick und heilt nach einem Kratzer von selbst zu, solange Sauerstoff hinzutritt. Reißt der Chromgehalt unter die Normschwelle, rostet das Blech wie jedes andere Eisen.
| Produktgruppe | Konkretes Beispiel | Chromform und Menge |
|---|---|---|
| Küche und Haushalt | Kochtopf aus 1.4301, 1,2 Kilogramm | rund 216 Gramm, gebunden im Stahl |
| Sanitär | Küchenspüle, etwa 7 Kilogramm | rund 1,26 Kilogramm, gebunden im Stahl |
| Hausgeräte | Waschmaschinentrommel, etwa 4,5 Kilogramm | rund 810 Gramm, gebunden im Stahl |
| Mode und Möbel | Lederschuh, Ledersitz, Handtasche | Chromsalze in der Gerbung, weltweit bei 80 Prozent aller Leder |
| Luftfahrt und Energie | Turbinenschaufel aus Superlegierung | kohlenstoffarmes Ferrochrom, 205.000 Tonnen Welthandel |
| Industrieofen | Feuerfeststein, Gießereisand | Chromit direkt als Mineral |
Jenseits des Edelstahls arbeitet das Element meist unsichtbar. Die Deutsche Rohstoffagentur listet als Verwendungen Edelstähle, Legierungen, Hart- und Dekorverchromung, hochfeuerfeste Erzeugnisse, Chemikalien, Ledergerbung, Pigmente und Katalysatoren. Der Wasserhahn im Bad trägt eine galvanische Schicht von wenigen Mikrometern, der Turnschuh eine Gerbung mit dreiwertigem Chromsalz, die grüne Flasche ihr Pigment. Kaum ein Haushalt kommt auf weniger als ein Dutzend solcher Gegenstände.
Damit beginnt der interessantere Teil der Rechnung. Fällt die Lieferkette aus, verschwindet nicht der Kochtopf, sondern seine Haltbarkeit. Emaille und beschichtetes Aluminium ersetzen Edelstahl im Haushalt zu einem Preis: kürzere Lebensdauer, empfindlichere Oberflächen, schlechtere Spülmaschinenfestigkeit. In der Lebensmittel- und Pharmaindustrie fällt selbst dieser Ausweg weg, weil dort nur eine glatte, säurefeste und reinigbare Oberfläche zugelassen ist.
Hart wird die Kipp-Logik bei den Superlegierungen. Turbinenschaufeln in Flugzeugtriebwerken und Gaskraftwerken brauchen Chrom für die Zunderbeständigkeit bei Temperaturen jenseits von 800 Grad. Dafür kennt der US-Geologiedienst keinen Ersatz. Nickel liefert die Grundmatrix, wie unsere Stoffgeschichte zur Abhängigkeit der europäischen Industrie von Nickel zeigt, der Stahlveredler liefert den Korrosionsschutz. Ohne kohlenstoffarmes Material aus Russland, Kasachstan oder China steht kein europäischer Triebwerksbauer still, sondern zahlt jeden Preis, den der Verkäufer nennt.
Wo das Metall unbemerkt sitzt
Wie setzt sich der Preis eines Edelstahltopfs zusammen?

Am Ladenpreis eines Edelstahltopfs hat das Chrom den kleinsten Anteil. Bei einem Topf von 1,2 Kilogramm und einem Regalpreis von 29,99 Euro kostet das enthaltene Chrom rund 53 Cent, also weniger als zwei Prozent. Den Rest verdienen Handel, Verarbeitung und Finanzamt.
Sichtbar wird der Rohstoffanteil im Legierungszuschlag. Deutsche Edelstahlhersteller weisen diesen Aufschlag monatlich getrennt vom Grundpreis aus, damit Schwankungen bei Chrom, Nickel und Molybdän nicht jeden Vertrag sprengen. Für den Werkstoff 1.4301 lag der Zuschlag im August 2026 bei 2.228 Euro je Tonne, 118 Euro oder 5,03 Prozent unter dem Julimonat.
Getrieben wird dieser Zuschlag von zwei Notierungen. Nickel schloss am 21. August 2026 an der Londoner Metallbörse bei umgerechnet 14.412 Euro je Tonne, Der Chrominhalt der Legierung kostete zuletzt rund 2.450 Euro je Tonne. Im Kilogramm Werkstoff 1.4301 stecken etwa 180 Gramm Chrom und 85 Gramm Nickel. Für den Topf von 1,2 Kilogramm ergibt das 53 Cent Chrom und 1,47 Euro Nickel.
Der Rest der Kette lässt sich aus deutschen Einfuhrpreisen ablesen. Kaltgewalztes Edelstahlblech kam 2025 nach Comext-Daten für 2,41 Euro je Kilogramm ins Land, fertige Tisch- und Küchenartikel aus rostfreiem Stahl für 7,78 Euro je Kilogramm, aus China sogar für 6,33 Euro. Zwischen Blech und Fertigware liegen also rund 5,37 Euro je Kilogramm für Tiefziehen, Schleifen, Griffe, Verpackung und Markenaufschlag.
Angenommen, der Topf kostet im Regal 29,99 Euro. Dann entfallen 4,79 Euro auf die Mehrwertsteuer, 9,34 Euro auf den Einfuhrwert der Fertigware und 15,86 Euro auf Logistik, Handel und Marge. Vom Rohstoff selbst bleiben 2 Euro für Chrom und Nickel zusammen, dazu 89 Cent für Eisen, Schmelzen und Walzen. Ein Rechenbeispiel, aber eines mit belegten Eckwerten.
Diese Asymmetrie prägt den Markt in beide Richtungen. Steigt der Nickelpreis, steht der höhere Legierungszuschlag vier Wochen später in jeder Rechnung. Fällt er, dauert der Weg ins Regal Monate, weil zwischen Hütte und Haushaltswarenladen mehrere Lagerstufen liegen. Der Wechselkurs verstärkt das Spiel: Weil die Legierung in Dollar gehandelt wird, verbilligt ein starker Euro die Einfuhr, ohne dass ein Endkundenpreis darauf reagiert.
Preisbestandteile in Euro und Anteil am Regalpreis
Die drei Preisanker dahinter
Wer verdient an Chrom und wer zahlt drauf?

Verdient wird an diesem Metall dort, wo der Strom billig ist, nicht dort, wo das Erz liegt. Südafrika liefert fast die Hälfte der Weltförderung und verliert gleichzeitig seine Schmelzhütten, während chinesische Werke die Wertschöpfung übernehmen.
Die Gewinnerseite ist schnell benannt. Chinesische Hütten kaufen Erz zu Weltmarktpreisen und veredeln 42,2 Prozent der globalen Legierungsmenge, kasachische Werke sichern sich mit 20,4 Prozent der Erzexporte und 25,8 Prozent des kohlenstoffarmen Materials eine kaum angreifbare Nische. Dazwischen sitzen die Händler an Rotterdam und Antwerpen, über deren Lager 60 Prozent der deutschen Ferrochromeinfuhr laufen.
Auf der Verliererseite stehen zuerst Arbeitsplätze. Das Gemeinschaftsunternehmen von Glencore und Merafe schloss Ende 2025 die Hütten Boshoek und Wonderkop in der Nordwest-Provinz und eröffnete ein Verfahren nach Abschnitt 189 des südafrikanischen Arbeitsrechts über bis zu 3.000 Stellen. Im ersten Halbjahr 2026 brach die südafrikanische Hüttenproduktion um 75 Prozent ein. Erst als die Regulierungsbehörde Nersa im Juni 2026 einen Sondertarif von umgerechnet 3,3 Cent je Kilowattstunde genehmigte, zog das Unternehmen die Kündigungen zurück und fuhr die Hütte Lion stufenweise wieder an.
Der Strompreis entscheidet hier über ganze Industrien, wie schon unsere Stoffgeschichte darüber, wie der Strompreis über Europas Stahl bestimmt, an anderer Stelle zeigt. Südafrikas Tarife für Großverbraucher legten seit 2008 um mehr als 900 Prozent zu. Wer in diesem Umfeld eine Schmelzhütte betreibt, verkauft am Ende Rohstoff statt Legierung.
Südafrika sitzt auf 110 Millionen Tonnen Chromoxid und verschifft im Juni 2,4 Millionen Tonnen Steine nach China, weil der eigene Strom teurer ist als der Frachtraum. Eine Exportsteuer ändert daran nichts, ein Kraftwerk schon.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Der Ressourcenfluch zeigt sich hier in Reinform. Ein Land mit den größten Reserven der Welt exportiert Gestein und importiert die Legierung zurück, sobald ein eigener Stahlhersteller Edelstahl braucht. Die holländische Krankheit verstärkt den Effekt, weil Erlöse aus dem Bergbau die Währung stützen und damit jede andere Exportbranche verteuern. Nutzen zieht daraus vor allem der Fiskus, der an der Tonne Erz mitverdient, ohne für Schmelzstrom aufzukommen.
| Land | Modell | Ergebnis 2026 |
|---|---|---|
| Finnland | Eine Mine, eine Hütte, ein Stahlwerk im Umkreis von 30 Kilometern | 1,9 Millionen Tonnen Erz, 530.000 Tonnen Ferrochrom, 1,5 Millionen Tonnen Edelstahl im Verbund |
| Südafrika | Erzausfuhr, Schmelzhütten unter Stromkostendruck | 23 Millionen Tonnen Erz, Ferrochromproduktion im ersten Halbjahr um 75 Prozent gefallen |
| China | Kaum eigenes Erz, dafür Hüttenkapazität und Industriestrom | 42,2 Prozent der Weltproduktion an Ferrochrom |
Die letzte Rechnung zahlt die Nachbarschaft. Als am 13. August 2026 bei der Chrommine Dikwena nahe Brits die Nordwand eines Absetzbeckens brach, ergossen sich die Rückstände auf das Gelände der benachbarten Eland-Mine, beschädigten eine Bahnlinie und Leitungen des Stromversorgers Eskom und verschmutzten einen Nebenfluss. In Brits und Umgebung fiel der Strom aus. Verletzte meldeten die Behörden nicht, die Rechnung tragen die Anwohner trotzdem.
- Stromtarif statt Erzbasis entscheidet, wo Ferrochrom entsteht. Südafrikas Preise für Großverbraucher stiegen seit 2008 um über 900 Prozent.
- 3.000 Stellen standen bei Glencore und Merafe zur Disposition, bis Nersa einen Sondertarif genehmigte.
- Finnland zeigt das Gegenmodell: Mine, Hütte und Stahlwerk liegen 30 Kilometer voneinander entfernt.
Wie mächtig ist die Chrom-Lobby?

Die Chrombranche verhandelt nicht über Subventionen, sondern über zwei Zahlen: den Stromtarif in Südafrika und die Zulassung von Chromtrioxid in Europa. An beiden Stellen ringen Verbände seit Jahren um Fristen. In beiden Fällen stehen Milliarden auf dem Spiel.
In Südafrika steht der Verband Minerals Council South Africa gegen das eigene Handelsministerium. Während die Regierung Exportkontrolle, Ausfuhrsteuer und Sonderwirtschaftszonen für Schmelzhütten plant, rechnet der Verband vor, dass eine Abgabe den Bergbau unrentabel mache, ohne eine einzige Hütte zu retten. Die Gegenforderung lautet Strom zum Wettbewerbspreis. Erfolg hatte der Verband damit bereits: Nersa senkte den verhandelten Tarif für Ferrochromhütten von umgerechnet 4,6 auf 3,3 Cent je Kilowattstunde.
Der Manganproduzent Transalloys verlangte daraufhin dieselbe Behandlung für die gesamte Ferrolegierungsbranche. Damit ist der Präzedenzfall gesetzt, den Energiepolitiker fürchten: Ein Sondertarif für eine Branche wird zur Blaupause für die nächste. Bezahlt wird die Differenz von den übrigen Kunden des Staatskonzerns.
In Europa läuft der Kampf um eine andere Verbindung. Chromtrioxid, die Grundlage der Hart- und Dekorverchromung, darf seit dem Ablaufdatum am 21. September 2017 nur noch mit Einzelzulassung nach der REACH-Verordnung verwendet werden, weil sechswertiges Chrom krebserzeugend wirkt. Für die Metallisierung von Kunststoffteilen in Fahrzeugen erteilte die EU-Kommission eine Zulassung über sieben Jahre, für die dekorative Verchromung steht eine Entscheidung noch aus. Ein Beschränkungsverfahren für sechswertiges Chrom ist für 2026 angekündigt.
Organisiert wird die deutsche Seite dieses Verfahrens vom Zentralverband Oberflächentechnik, der die Branche durch die Zulassungsanträge steuert. Das Argument der Galvaniker ist dabei nicht falsch: Ohne Hartverchromung fehlt Hydraulikzylindern und Druckwalzen die Verschleißschicht. Das Argument der Behörden ist ebenfalls nicht falsch, weil dreiwertige Verfahren und physikalische Beschichtungen einen Teil der Anwendungen längst abdecken. Zwischen beiden Positionen liegen Investitionen, deren Abschreibung an einer Frist hängt.
Die aufschlussreichste Lobbywirkung zeigt eine Fehlstelle. Auf der EU-Liste der kritischen und strategischen Rohstoffe mit 34 plus 17 Einträgen kommt Chrom nicht vor, obwohl die Deutsche Rohstoffagentur sowohl die Bergwerksförderung als auch die Ferrochromproduktion in die höchste Risikogruppe 3 einordnet. Denselben blinden Fleck beschreibt unsere Stoffgeschichte über Zink und die Lücken der Krisenlisten. Ohne Listenplatz entfallen der Vorrang bei Genehmigungen und der Zugang zu den Fördertöpfen für strategische Projekte.
Die Branche kämpft an zwei Fronten um Zahlen statt um Zuschüsse: um den Sondertarif für südafrikanische Hütten und um die REACH-Fristen für Chromtrioxid. Der wirksamste Lobbyerfolg ist eine Leerstelle, denn ohne Platz auf der EU-Rohstoffliste bleibt Chrom auch ohne Krisenvorsorge.
Wie kommen wir von Chrom los?

Vom Chrom selbst kommt niemand los, denn im Edelstahl fehlt jeder Ersatz. Lösbar ist nur die Abhängigkeit von Neumaterial. Dafür kennt Europa genau zwei Hebel: den Schrottkreislauf und die einzige eigene Mine.
Der Kreislauf funktioniert besser als sein Ruf. Nach der Lebenszyklusanalyse der Branchenvereinigung worldstainless werden 95 Prozent des Edelstahls am Ende der Nutzungsdauer wieder eingesammelt, der Rezyklatanteil im weltweiten Durchschnitt liegt bei 44 Prozent, zusammengesetzt aus 32 Prozent Edelstahlschrott und 12 Prozent Kohlenstoffstahlschrott. Jede Tonne Schrott spart Ferrochrom in genau der Menge, die im Altstahl gebunden ist.
Der Haken liegt im Zeitversatz. Eine Spüle hält 30 Jahre, eine Chemieanlage 40, eine Turbinenschaufel wird nach dem Ausbau nicht in den Haushaltsschrott gegeben. Der Rücklauf bildet also die Nachfrage von vorgestern ab. In einer wachsenden Weltwirtschaft bleibt damit eine Lücke, die nur der Bergbau füllt. Genau diese Lücke misst die Recyclingeinsatzquote von 37 Prozent.
Europas zweiter Hebel liegt am Bottnischen Meerbusen. Outokumpu betreibt in Kemi die einzige Chromerzmine der EU, verarbeitet 2,5 Millionen Tonnen Erz im Jahr und schmilzt im benachbarten Tornio 530.000 Tonnen Ferrochrom, aus dem gleich vor Ort 1,5 Millionen Tonnen Edelstahl entstehen. Im Januar 2025 erhöhte das Unternehmen die nachgewiesenen Reserven um 95 Prozent auf 62,5 Millionen Tonnen. Ein zweites Kemi hat Europa nicht.
Sektorweise sieht die Substitution unterschiedlich aus. Bei der Galvanik ersetzen dreiwertige Verfahren und physikalische Beschichtungen einen Teil der Anwendungen, bei Leder gelingt pflanzliche Gerbung mit Abstrichen bei Weichheit und Tempo, bei Feuerfestprodukten treten Magnesia-Qualitäten an die Stelle des Chromits. Duplexstähle senken den Nickelbedarf, am Chromgehalt ändern diese Sorten nichts. Im Edelstahl bleibt das Element unverzichtbar.
Bewegung kommt deshalb über den Kohlenstoff. Käufer verlangen zunehmend Umweltproduktdeklarationen, die kasachische Kazchrome und die finnische Outokumpu bereits vorlegen. Der europäische CO2-Grenzausgleich rechnet Emissionen zusätzlich ab Januar 2026 in den Einfuhrpreis ein. Der Standardwert für hochgekohltes Material liegt bei 2,35 Tonnen Kohlendioxid je Tonne Metall, mit den Zuschlägen für 2026 bei 2,585 Tonnen. Sauber arbeitende Hütten gewinnen damit einen Kostenvorteil, der bisher nicht existierte.
- 95 Prozent des Edelstahls kehren am Lebensende in den Kreislauf zurück, der Rezyklatanteil liegt bei 44 Prozent.
- Kemi bleibt die einzige Chrommine der EU, mit Reserven von 62,5 Millionen Tonnen nach der Neubewertung von 2025.
- Kein Ersatz im Edelstahl: Substitution gelingt in der Galvanik, bei Leder und im Feuerfestbereich, nicht im Stahl selbst.
Was bedeutet der Dammbruch von Brits für Deutschland?

Der Dammbruch bei Brits verteuert Chrom nicht sofort, macht aber sichtbar, wie dünn Europas Lieferkette ist. Deutschland kauft die Legierung über Rotterdam, ohne die Grube zu kennen, und zahlt seit Januar 2026 zusätzlich einen CO2-Zoll auf jede eingeführte Tonne.
Der Vorfall selbst ist gut dokumentiert. Am 13. August 2026 gegen 17:30 Uhr brach an der Chrommine Dikwena bei Brits die Nordwand von Kammer 1B der Rückstandsanlage. Nahezu der gesamte Inhalt lief aus. Das Wasserministerium und die Einzugsgebietsbehörde Limpopo-Olifants untersuchen den Fall gemeinsam mit dem Bergbauministerium, Wasserproben liegen im Labor. Bis zum Abschluss der Untersuchung darf die Mine keine Rückstände mehr in ihre Becken einleiten.
Für deutsche Käufer zählt vorerst eine andere Rechnung. Der Grenzausgleich gilt seit dem 1. Januar 2026 vollständig für Ferrochrom und schlägt nach Berechnungen von Argus mit umgerechnet rund 245 Euro je Tonne hochgekohltem und 170 Euro je Tonne kohlenstoffarmem Material zu Buche. Auf die deutsche Einfuhrmenge von 102.874 Tonnen gerechnet ergibt das eine Größenordnung von 24 Millionen Euro im Jahr. Ein Händler mit 30.000 Tonnen Jahresvolumen rechnet für sich mit rund 8,5 Millionen Euro Zusatzkosten.
Diese Summen treffen eine Branche in ihrem vierten Krisenjahr. Die deutsche Rohstahlerzeugung fiel 2025 nach Zahlen der Wirtschaftsvereinigung Stahl auf 34,1 Millionen Tonnen, neun Prozent unter dem Vorjahr, die Kapazitätsauslastung sank unter 70 Prozent. Deutsche Edelstahlwalzwerke kämpfen gleichzeitig mit teurem Strom, teurem Legierungsmaterial und Einfuhren aus Asien, die den Grenzausgleich erst ab der Zollgrenze zahlen.
| Szenario | Auslöser | Folge für deutsche Käufer |
|---|---|---|
| Optimistisch | Südafrikas Hütten laufen mit Sondertarif wieder an, die Exportsteuer bleibt liegen | Ferrochrom bleibt bei 2.400 bis 2.600 Euro je Tonne Chrominhalt, der Legierungszuschlag sinkt weiter |
| Realistisch | Exportkontrolle bleibt, Ausfuhrsteuer kommt schrittweise, China hält die Preise | Aufschlag von 10 bis 15 Prozent auf Ferrochrom, Verträge mit Herkunftsnachweis werden zur Pflichtübung |
| Pessimistisch | Weitere Dammbrüche oder Streiks stoppen den Erzexport für Wochen | Preissprünge wie 2022, Lieferzeiten für Edelstahlblech über sechs Monate |
Politisch bleibt Deutschland dabei erstaunlich still. Chrom fehlt auf der EU-Liste der kritischen Rohstoffe, damit auch in den Förderprogrammen für strategische Projekte, während die Deutsche Rohstoffagentur Bergwerksförderung und Ferrochromproduktion in die höchste Risikogruppe stellt. Ein Rohstoff ohne Listenplatz bekommt kein Monitoring mit Konsequenzen, keine Vorratspolitik und keine beschleunigten Genehmigungen.
Für Unternehmer lohnt deshalb der Blick in eigene Verträge. Prüfen Sie, ob der Legierungszuschlag monatlich oder quartalsweise nachgezogen wird, verlangen Sie vom Händler das Ursprungsland statt des Versandlands und lassen Sie sich die CO2-Daten für den Grenzausgleich schriftlich geben. Als Verbraucher haben Sie den bequemeren Hebel: Ein Edelstahltopf hält 30 Jahre, und der ausgediente Topf gehört nicht in den Restmüll, sondern in den Schrotthandel. Dort zählt er mit 18 Prozent Chromgehalt als Rohstoff.
- 24 Millionen Euro kostet der CO2-Grenzausgleich die deutschen Einfuhren im Jahr, gerechnet mit den Argus-Werten für 2026.
- Ursprungsland statt Versandland im Vertrag festschreiben, sonst bleibt die Lieferkette eine Blackbox.
- 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl produzierte Deutschland 2025, so wenig wie seit der Finanzkrise nicht mehr.
Glossar: 18 wichtige Fachbegriffe rund um Chrom

Absetzbecken
Absetzbecken (Tailings Storage Facility) nennt die Bergbautechnik die Anlage, in der Erzrückstände als Schlamm eingestaut werden. Bricht eine Dammwand, läuft der Inhalt talwärts ab. Genau das geschah am 13. August 2026 an der Mine Dikwena.
Bushveld-Komplex
Bushveld-Komplex heißt die größte geschichtete Magmaintrusion der Erde, nördlich von Pretoria. Auf etwa 66.000 Quadratkilometern lagern die weltgrößten Chrom-, Platin- und Vanadiumvorräte in flach einfallenden Flözen.
CO2-Grenzausgleich
CO2-Grenzausgleich (CBAM) verlangt von Einführern die Abgabe von Zertifikaten für die im Produkt gebundenen Emissionen. Seit dem 1. Januar 2026 gilt der Mechanismus auch für Ferrochrom und verteuert damit jede eingeführte Tonne.
Chromit
Chromit ist das einzige wirtschaftlich genutzte Chromerz, ein Oxid aus Eisen und Chrom. Handelsware staffelt der Markt nach Gehalt, üblich sind Konzentrate zwischen 40 und 46 Prozent Oxidanteil. Reines Metall verlässt die Grube nie.
Chromtrioxid
Chromtrioxid liefert das sechswertige Metall für Hart- und Dekorverchromung. Der Stoff wirkt krebserzeugend und darf in der EU nur mit Einzelzulassung nach REACH eingesetzt werden.
Clodius-Abkommen
Clodius-Abkommen bezeichnet den deutsch-türkischen Rohstoffvertrag von 1941. Ankara sagte für 1943 die Lieferung von 90.000 Tonnen Chrom zu, während London mindestens die Hälfte der türkischen Produktion aufkaufen wollte.
Dekorverchromung
Dekorverchromung erzeugt die glänzende Sichtschicht auf Armaturen, Griffen und Zierteilen, meist wenige Mikrometer dick. Anders als die Hartverchromung dient sie der Optik, nicht dem Verschleißschutz.
Duplexstahl
Duplexstahl vereint die Gefügeanteile Ferrit und Austenit und erreicht damit hohe Festigkeit bei geringem Nickeleinsatz. Am Chromgehalt spart diese Werkstoffgruppe nichts, im Gegenteil liegt er oft über 22 Prozent.
EN 10088
EN 10088 ist die europäische Normenreihe für nichtrostende Stähle. Sie zieht die Grenze bei mindestens 10,5 Prozent Chrom und höchstens 1,2 Prozent Kohlenstoff und regelt Bezeichnungen wie 1.4301.
Ferrochrom
Ferrochrom ist die Legierung aus Eisen und Chrom, die im Elektroofen aus Erz und Koks entsteht. Stahlwerke dosieren damit den Chromgehalt ihrer Schmelze, weil das reine Metall zu teuer und mit 1.907 Grad Schmelzpunkt zu schwer handhabbar wäre.
Herfindahl-Hirschman-Index
Herfindahl-Hirschman-Index misst, wie stark sich ein Angebot auf wenige Länder konzentriert. Ab 2.500 Punkten gilt ein Markt als hoch konzentriert. Chromerz erreicht bei den Nettoexporten 6.959 Punkte.
Kemi-Mine
Kemi-Mine in Nordfinnland ist die einzige Chromerzmine der Europäischen Union. Nach der Neubewertung von 2025 liegen die nachgewiesenen Reserven bei 62,5 Millionen Tonnen, gefördert werden 2,5 Millionen Tonnen Erz im Jahr.
Legierungszuschlag
Legierungszuschlag heißt der monatlich veröffentlichte Aufschlag, mit dem Edelstahlhersteller die Preise für Chrom, Nickel und Molybdän weitergeben. Der Grundpreis für das Blech bleibt davon getrennt und wird zwischen Werk und Kunde verhandelt.
LG6-Flöz
LG6-Flöz ist die wichtigste Chromitlage der Unteren Gruppe im Bushveld-Komplex. Über hunderte Kilometer durchhaltende Lagen dieser Art machen Südafrikas Förderung planbar und vergleichsweise günstig.
Nersa
Nersa ist die südafrikanische Energieregulierungsbehörde. Sie genehmigt die verhandelten Sondertarife, mit denen der Staatskonzern Eskom energieintensive Schmelzhütten am Netz hält.
Podiforme Lagerstätte
Podiforme Lagerstätte nennt die Geologie linsenförmige Chromitkörper in ehemaliger Ozeankruste, typisch für die Türkei, Albanien und die Philippinen. Solche Körper sind klein und unregelmäßig, dafür oft hochgradig.
REACH-Zulassung
REACH-Zulassung ist die Einzelerlaubnis für besonders besorgniserregende Stoffe nach europäischem Chemikalienrecht. Für Chromtrioxid läuft dieses Verfahren seit 2017, ein Beschränkungsverfahren ist für 2026 angekündigt.
UG2-Flöz
UG2-Flöz ist die chromitreiche Lage der Oberen Gruppe im Bushveld, angereichert mit Platingruppenelementen. Über nahezu 400 Kilometer Streichlänge liefert diese Lage Chromit und Platin aus demselben Abbau.
FAQ: Chrom: Warum Edelstahl ohne dieses Metall rostet

Ist Chrom giftig?
Metallisches Chrom und dreiwertige Chromverbindungen gelten als unbedenklich, sechswertiges Chrom dagegen als krebserzeugend. Der Unterschied entscheidet über die Rechtslage: Edelstahlbesteck ist unbedenklich, Chromtrioxid in der Galvanik braucht in der EU eine Einzelzulassung nach REACH. Für sechswertiges Chrom kündigt die EU-Kommission für 2026 ein Beschränkungsverfahren an.
Wie viel Chrom steckt in Edelstahl?
Mindestens 10,5 Prozent, sonst darf ein Stahl nach der Norm EN 10088 nicht nichtrostend heißen. Der verbreitete Werkstoff 1.4301, im Handel V2A genannt, enthält 17,5 bis 19,5 Prozent Chrom und 8 bis 10,5 Prozent Nickel. Ein Kochtopf von 1,2 Kilogramm trägt damit rund 216 Gramm Chrom.
Warum rostet Edelstahl trotzdem manchmal?
Weil die schützende Oxidschicht nur bei Sauerstoffzutritt entsteht und nachheilt. Unter Ablagerungen, in chloridhaltigem Wasser oder nach Kontakt mit Baustahlspänen bricht die Schicht örtlich auf, und dort greift Korrosion an. Sichtbarer Rostfilm stammt oft von Fremdeisen und nicht vom Edelstahl selbst.
Woher kommt das Chrom, das Deutschland verarbeitet?
Statistisch aus den Niederlanden und Belgien, tatsächlich meist aus Südafrika und Kasachstan. Die Handelsdatenbank Comext bucht das letzte Versandland, und 2025 kamen 43.673 der 84.239 Tonnen hochgekohlten Ferrochroms aus niederländischen Lagern. Direkt aus Südafrika verzeichnet die Statistik nur 511 Tonnen.
Was kostet Chrom aktuell?
Chromerz kostete 2025 im Durchschnitt rund 248 Euro je Tonne, Ferrochrom rund 3.015 Euro je Tonne Chrominhalt, umgerechnet aus den Dollarwerten des US-Geologiedienstes. Ende 2025 fiel die Bewertung auf 2.360 bis 2.540 Euro. Eine Börsennotierung existiert nicht, Preisagenturen erheben die Abschlüsse.
Ist Chrom ein kritischer Rohstoff?
Nicht nach der EU-Liste, wohl aber nach deutscher Einschätzung. Auf der Liste der 34 kritischen und 17 strategischen Rohstoffe der EU fehlt Chrom, während die Deutsche Rohstoffagentur Bergwerksförderung und Ferrochromproduktion in ihre höchste Risikogruppe einordnet. Praktisch bedeutet der fehlende Listenplatz: keine Vorratspolitik und kein Vorrang bei Genehmigungen.
Quellen
US-Geologiedienst (USGS) | Mineral Commodity Summaries 2026, Chromium | https://pubs.usgs.gov/periodicals/mcs2026/mcs2026-chromium.pdf | besucht am 24.08.2026
Deutsche Rohstoffagentur (DERA) in der BGR | DERA-Rohstoffliste 2025, Rohstoffinformationen 62, Bezugsjahr 2022 | https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DERA/SharedDocs/Downloads/Rohstoffinformationen/rohstoffinformationen-62.pdf | besucht am 24.08.2026
Eurostat | Comext-Datenbank DS-045409, Warennummern 720241, 720249, 261000, 721933 und 732393, Deutschland 2023 bis 2025 | https://ec.europa.eu/eurostat/comext/newxtweb/ | besucht am 24.08.2026
worldstainless | Stainless steel melt shop production increases by 2.1% in 2025 | https://worldstainless.org/media/press-releases/stainless-steel-melt-shop-production-increases-by-2-1-in-2025/ | besucht am 24.08.2026
worldstainless | The Global Life Cycle of Stainless Steels, Rezyklatanteil und Recyclingquoten | https://worldstainless.org/wp-content/uploads/2025/03/The_Global_Life_Cycle_of_Stainless_Steels.pdf | besucht am 24.08.2026
Regierung der Republik Südafrika, SAnews | Government probes tailings storage facility failure at Samancor’s Dikwena mine, 17.08.2026 | https://www.sanews.gov.za/south-africa/government-probes-tailings-storage-facility-failure-samancors-dikwena-mine | besucht am 24.08.2026
Shanghai Metals Market (SMM) | Chromium Flash zur südafrikanischen Erzausfuhr und Hüttenauslastung, August 2026 | https://news.metal.com/newscontent/104068403-smm-chromium-flash-south-africas-chrome-industry-balances-ore-export-growth-against-costly-ferrochrome-processing | besucht am 24.08.2026
Miningmx | Chrome export levy resurfaces in new industrial strategy, 09.06.2026 | https://www.miningmx.com/news/markets/65572-govts-industrial-strategy-puts-chrome-export-levy-on-the-agenda/ | besucht am 24.08.2026
Engineering News | Ferrochrome venture again extends retrenchment deadline following Eskom request, 07.04.2026 | https://www.engineeringnews.co.za/article/ferrochrome-venture-again-extends-retrenchment-deadline-following-eskom-request-2026-04-07 | besucht am 24.08.2026
Edelstahl Aktuell | CBAM wirkt sich auf europäische Ferrochrompreise aus, 14.01.2026 | https://edelstahlaktuell.de/cbam-erhoht-europaische-ferrochrompreise-ab-2026/ | besucht am 24.08.2026
Norder Band AG | Legierungszuschlag Werkstoff 1.4301, August 2026 | https://legierungszuschlag.info/en/wkst/4301 | besucht am 24.08.2026
Westmetall | LME-Kassakurs Nickel, Datentabelle, Stand 21.08.2026 | https://www.westmetall.com/en/markdaten.php?action=table&field=LME_Ni_cash | besucht am 24.08.2026
Europäische Zentralbank | Euro-Referenzkurse vom 21.08.2026 | https://www.ecb.europa.eu/stats/policy_and_exchange_rates/euro_reference_exchange_rates/ | besucht am 24.08.2026
Royal Society of Chemistry | Periodic Table, Element 24 Chromium | https://periodic-table.rsc.org/element/24/chromium | besucht am 24.08.2026
thyssenkrupp | 100 Jahre Edelstahl: Im Essener Forschungslabor von Krupp wurde der nichtrostende Stahl entwickelt und 1912 erstmals patentiert | https://www.thyssenkrupp.com/de/newsroom/pressemeldungen/100-jahre-edelstahl–im-essener-forschungslabor-von-krupp-wurde-der-nichtrostende-stahl-entwickelt-und-1912-erstmals-patentiert-2424.html | besucht am 24.08.2026
US Department of State, Office of the Historian | Foreign Relations of the United States 1942, Volume IV, Dokument 857 vom 18.09.1942 | https://history.state.gov/historicaldocuments/frus1942v04/d857 | besucht am 24.08.2026
US Government Printing Office | The Repeal of the Rhodesian Chrome Amendment, Anhörungen des Repräsentantenhauses vom 5. und 17. Oktober 1973 | http://www.noeasyvictories.org/congress/uscg009.pdf | besucht am 24.08.2026
Outokumpu | Kemi Mine, Europe’s only chrome ore mine, und Tornio Ferrochrome | https://www.outokumpu.com/en/locations/kemimine | besucht am 24.08.2026
Zentralverband Oberflächentechnik (ZVO) | Chromtrioxid und REACH | https://www.zvo.org/politik/international/chromsaeure-und-reach | besucht am 24.08.2026
International Chromium Development Association (ICDA) | Applications of chrome, Anteil der Ledergerbung | https://www.icdacr.com/applications/ | besucht am 24.08.2026
Wirtschaftsvereinigung Stahl | Jahresbilanz der Stahlproduktion 2025: Viertes Krisenjahr in Folge | https://www.wvstahl.de/pressemitteilungen/jahresbilanz-der-stahlproduktion-2025-viertes-krisenjahr-in-folge/ | besucht am 24.08.2026