Wirtschaftsfaktor Bundesliga klingt nach Chefetage, meint aber auch die Frau am Bratwurststand und den Greenkeeper im Morgengrauen. Zwei Studien nennen zwei Zahlen: rund 62.000 Beschäftigte zählt die DFL, fast 150.000 Vollzeitstellen zählt McKinsey. Welche davon stimmt, hängt daran, wie weit man den Kreis um das Spielfeld zieht.

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Jeden Samstag rollt in Deutschland ein Milliardengeschäft an, und die wenigsten Zuschauer auf der Tribüne ahnen, wie viele Gehälter an diesem einen Nachmittag hängen. Die Bundesliga ist längst mehr als Sport: ein Arbeitgeber mit der Belegschaftsstärke eines DAX-Konzerns, ein Steuerzahler in Milliardenhöhe, ein Standortfaktor für ein gutes Dutzend deutscher Städte. Wie groß dieser Faktor wirklich ausfällt, verschwimmt allerdings hinter zwei sehr unterschiedlichen Rechenweisen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Zwei Zahlen, ein Faktor: Die DFL zählt im Wirtschaftsreport rund 62.000 Beschäftigte direkt rund um beide Ligen, McKinsey kommt für das gesamte Ökosystem auf fast 150.000 Vollzeitstellen.
  • 14,2 Milliarden Euro Wertschöpfung erzeugt der Profifußball laut McKinsey pro Jahr, gut ein Drittel davon im Kern, der große Rest bei Vermarktern, Sendern und Zulieferern.
  • 4,6 Milliarden Euro Netto-Steuerplus fließen jährlich an die öffentlichen Haushalte, mehr als der Bund für die Bundespolizei einplant.
  • Der Haken: Die große Job-Zahl stammt aus einer DFL-Auftragsstudie und zählt Vollzeitäquivalente, nicht Köpfe. Ein erheblicher Teil sind Spieltags-Teilzeitstellen.
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5 Fragen aus dem Artikel. Wählen Sie Ihre Antwort, dann decken Sie die Lösung auf.
1 Wie viele Vollzeitstellen zählt McKinsey im gesamten Ökosystem des Profifußballs? Aufklappen ↓
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Richtig: B. McKinsey kommt für die Saison 2023/24 auf fast 150.000 Vollzeitstellen. Die DFL zählt im engeren Kreis rund 62.000 Beschäftigte. Beide Zahlen stimmen, sie messen nur unterschiedlich weite Kreise.
2 Wie hoch beziffert McKinsey die jährliche Wertschöpfung des Profifußballs? Aufklappen ↓
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Richtig: A. Die Gesamtwertschöpfung lag 2023/24 bei 14,2 Milliarden Euro, ein Plus von 30 Prozent gegenüber 2018/19. Die 5,87 Milliarden sind dagegen der reine Liga-Umsatz beider Bundesligen.
3 Was besagt der Multiplikator von rund 1 zu 2? Aufklappen ↓
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Richtig: B. Für jede 100 Euro, die Vereine und Liga erwirtschaften, entstehen laut McKinsey über 200 Euro zusätzliche Wertschöpfung im Umfeld. Aus einem Euro im Verein werden so grob drei in der Volkswirtschaft.
4 Warum weichen die Jobzahlen von DFL und McKinsey so stark voneinander ab? Aufklappen ↓
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Richtig: C. Die DFL erfasst nur den engen Kreis rund um Clubs und Liga, McKinsey rechnet das gesamte Ökosystem aus Zulieferern und Folgeeffekten hinzu. Verrechnet hat sich keine der beiden Quellen.
5 Wie viel Netto-Steuerplus bringt der Profifußball dem Staat laut McKinsey pro Jahr? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: A. Rund 4,6 Milliarden Euro netto fließen jährlich in die öffentlichen Kassen, mehr als der Bund für die Bundespolizei einplant. Die 1,66 Milliarden sind nur die von den Clubs direkt abgeführten Steuern und Abgaben.

Die 150.000er-Zahl und ihr Kleingedrucktes

Fußball auf Gehaltsabrechnungen mit Anhänger „150.000 JOBS“ und Leitkegel „STAUGEFAHR“ auf Weiß
Deutsche Profifußball-Branche beschäftigt knapp 150.000 Menschen Vollzeit, mehr als 34 der 40 DAX-Konzerne weltweit

Fast 150.000 Vollzeitstellen hängen am deutschen Profifußball. Diese Zahl stammt aus der McKinsey-Studie „Mehr als nur ein Spiel“ vom Februar 2025 und macht seither die Runde durch Pressemitteilungen, Talkshows und Sonntagsreden. Die Größenordnung klingt gewaltig. Gewaltig ist der Befund tatsächlich: mehr Beschäftigte, als 34 der 40 DAX-Konzerne weltweit auf ihren Gehaltslisten führen.

Nur zählt eine zweite, ebenso amtliche Quelle ganz anders. Der DFL-Wirtschaftsreport 23/24 weist für den Kreis direkt rund um die 36 Clubs knapp 62.000 Beschäftigte aus, ebenfalls ein Rekordwert. Zwei seriöse Institutionen, dieselbe Saison, ein Abstand von fast 90.000 Stellen. Die Auflösung fällt kurz aus: Geflunkert hat keine der beiden Quellen.

Der Abstand entsteht durch die Reichweite des Zählrahmens. Die DFL erfasst, wer bei den Vereinen, der Liga und ihrem engsten Umfeld auf der Lohnliste steht. McKinsey rechnet das gesamte Ökosystem hinzu, also jeden Job, den der Fußball bei Vermarktern, Sendern, Sicherheitsdiensten, Cateringfirmen und Sportartikelherstellern mitfinanziert. Die eine Zahl misst den Kern. Die andere misst den Kern samt allem, was daran hängt.

Ein zweites Kleingedrucktes steckt in der Maßeinheit. McKinsey zählt Vollzeitäquivalente, keine Personen. Schon die Vorgängerstudie von 2015 hat offengelegt, wie weit beides auseinanderklafft: Aus damals 110.000 Vollzeitäquivalenten wurden rechnerisch rund 165.000 Menschen, viele davon in Teilzeit an den Spieltagen. Der Ordner, der samstags vier Stunden am Block C steht, taucht in der Statistik als Bruchteil einer Stelle auf, nicht als ganzer Job.

An dieser Reihe lässt sich das Wachstum ablesen. Die Untersuchung von McKinsey erscheint seit 2010 im Auftrag der DFL, immer nach derselben Methodik. Die Kurve zeigt steil nach oben. 2015 standen 110.000 Vollzeitäquivalente und 7,9 Milliarden Euro Wertschöpfung zu Buche, 2020 bereits 127.000 Stellen und 11 Milliarden, aktuell fast 150.000 und 14,2 Milliarden. Ein Wachstumsmotor sieht genau so aus.

Bleibt der dritte Vorbehalt, der redaktionell am schwersten wiegt. Auftraggeber der McKinsey-Reihe ist die DFL selbst. Eine Beratung, die im Kundenauftrag die volkswirtschaftliche Bedeutung des Kunden vermisst, liefert saubere Methodik und trotzdem eine Zahl mit Interesse dahinter. Belastbar bleibt die Rechnung. Aus neutraler Feder stammt sie nicht.

Für Sie als Leser heißt das zweierlei. Erstens: Beide Zahlen sind richtig, solange man dazusagt, was sie messen. Zweitens: Wer nur die 150.000 zitiert und den Zählrahmen verschweigt, betreibt PR, keine Analyse. Genau an dieser Trennlinie fängt die eigentliche Frage erst an, nämlich welche Jobs sich hinter der großen Zahl verbergen.

Auf den Punkt

Beide Job-Zahlen stimmen, messen aber Verschiedenes: 62.000 im engen Liga-Kreis (DFL), fast 150.000 im weiten Ökosystem (McKinsey). Die große Zahl zählt Vollzeitäquivalente statt Köpfe und stammt aus einer Auftragsstudie. Das entwertet nichts, verlangt aber, den Zählrahmen mitzulesen.

Welche Jobs hängen wirklich am Ball?

Turm aus Spielzeugrasenmäher, Grillzange, Warnweste, Fußballschuh auf Weiß
Vom Profi bis zur Bratwurstkraft: Der Fußball beschäftigt Berufe, die mit dem Rasen nur am Rand zu tun haben.

Wer an Fußball-Arbeitsplätze denkt, sieht zuerst die Männer in kurzen Hosen. Die Profis sind aber nur die sichtbare Spitze einer Beschäftigungspyramide, deren Basis breiter kaum sein könnte. Volkswirtschaftlich zerfällt diese Basis in drei Schichten. Genau diese Schichtung erklärt, warum die Job-Zahl so hoch klettert.

Die erste Schicht bilden die direkten Arbeitsplätze. Dazu zählt jeder, der sein Gehalt unmittelbar vom Verein oder der Liga bezieht: Spieler, Trainerstäbe, Physiotherapeuten, Zeugwarte, Greenkeeper, Scouts, die Verwaltung, die Medienabteilung, der Fanshop, die Geschäftsstelle. Ein Bundesligist von mittlerer Größe beschäftigt heute mehrere Hundert Menschen. Die wenigsten davon berühren je einen Ball.

Die zweite Schicht sind die indirekten Jobs bei Zulieferern und Dienstleistern. Sicherheitsfirmen stellen das Ordnerpersonal, Cateringbetriebe versorgen über 20 Millionen Stadionbesucher pro Saison, dazu kommen Reinigungsdienste, Busunternehmen, Rasenbaufirmen, Software-Anbieter für Ticketing und die Bauwirtschaft für Stadionumbauten. Kein einziger dieser Betriebe steht in der DFL-Bilanz. Jeder von ihnen lebt ein Stück weit vom Ball.

Die dritte Schicht ist die unauffälligste und ökonomisch faszinierendste: die induzierten Effekte. Gemeint sind Jobs, die entstehen, weil die Beschäftigten der ersten beiden Schichten ihr Einkommen wieder ausgeben. Der gut bezahlte Profi kauft ein Auto, der Ordner geht nach der Schicht essen, die Marketingfrau bucht einen Urlaub. Aus jedem Fußball-Euro wird an anderer Stelle Nachfrage. Nachfrage wiederum schafft Arbeit.

Erst diese Dreiteilung macht aus einer überschaubaren Liga einen Wirtschaftsfaktor. Der Profifußball verfügt laut McKinsey über eine hohe Multiplikatorwirkung, weil er seine Umsätze in besonders personalintensiven Dienstleistungsbranchen anstößt. Ein Softwarekonzern macht Milliardenumsätze mit wenigen Tausend Leuten. Ein Spieltag beschäftigt für vergleichsweise kleines Geld ein ganzes Heer.

Interessant wird die Sache dort, wo Fußball Berufe hervorbringt, die vor zwanzig Jahren niemand kannte. Datenanalysten zerlegen Gegner in Heatmaps, Social-Media-Teams produzieren Reichweite wie kleine Sender, Nachhaltigkeitsmanager bilanzieren den CO2-Abdruck der Auswärtsfahrten. Die Digitalisierung hat den Verein zum Medienhaus gemacht. Und ein Medienhaus braucht andere Leute als eine Umkleidekabine.

Wie groß der direkte Personalkörper eines einzelnen Clubs sein kann, zeigt der Blick auf die Spitze. Der FC Bayern beschäftigt mit allen Tochtergesellschaften weit über tausend Menschen, vom Profi bis zum Servicepersonal der Arena. Ein Aufsteiger aus der 2. Liga kommt auf einen Bruchteil davon, wächst aber mit jedem Jahr Erstklassigkeit. Die Bandbreite zwischen einem Spitzenclub und einem Zweitligisten fällt damit größer aus als in mancher ganzen Branche.

Auf den Punkt
  • Direkt: Gehalt kommt vom Club oder der Liga, vom Profi bis zum Greenkeeper.
  • Indirekt: Zulieferer und Dienstleister, von Security über Catering bis Stadionbau.
  • Induziert: Jobs, die entstehen, weil all diese Beschäftigten ihr Geld wieder ausgeben.

Der harte Kern: was 36 Clubs und die DFL direkt beschäftigen

Fussball und ein Metall-Infoaufsteller mit Begriffen neben einem Kaffeesymbol
Hinter den Stars arbeitet ein stiller Apparat aus Scouting, Datenanalyse, Medien und Verwaltung.

Der engste Kreis des Wirtschaftsfaktors lässt sich am genauesten beziffern, weil die Vereine ihre Zahlen offenlegen müssen. Im DFL-Wirtschaftsreport 23/24 stehen für die 36 Clubs der Bundesliga und 2. Bundesliga zusammen mit der Liga die erwähnten knapp 62.000 Beschäftigten, der höchste Wert in der Geschichte des deutschen Profifußballs. Diese Menschen verteilen sich auf ein Berufsspektrum, das mit reinem Sport nur noch am Rand zu tun hat.

An der Spitze der Kostenpyramide stehen die Profigehälter. Der Personalaufwand allein für den Spielbetrieb der Bundesliga, also für Spieler und Trainerstäbe, hat in der Saison 2023/24 mit 1,67 Milliarden Euro einen Höchststand erreicht. Ein einzelner Topverdiener kann so viel kosten wie fünfzig Verwaltungsangestellte, was die Lohnsumme optisch verzerrt. Wie sich ein solches Spielergehalt im Detail zusammensetzt, hat unsere Redaktion am Gehaltszettel von Manuel Neuer aufgeschlüsselt.

Hinter den Stars arbeitet ein stiller Apparat. Jeder Erstligist unterhält heute eine Medienredaktion, die Reichweiten produziert wie ein kleiner Verlag, dazu Datenanalysten, die Gegner und den eigenen Kader in Zahlen zerlegen. Scouting-Netzwerke spannen sich über Kontinente. Die Nachwuchsleistungszentren gleichen Internaten mit Lehrpersonal, Psychologen und Ärzten. Der Fußball hat sich professionalisiert. Professionalisierung heißt vor allem eines: mehr Personal abseits des Rasens.

Auffällig ist, wohin die Vereine ihr zusätzliches Geld gerade stecken. Die Clubs haben ihre Investitionen in Nachwuchs- und Frauenmannschaften noch einmal erhöht, wie die DFL für 2023/24 dokumentiert. Beides sind Wachstumsfelder mit eigenem Personalbedarf, vom Athletiktrainer der U15 bis zur Vermarktungsabteilung der Frauen-Bundesliga. Der Kern des Wirtschaftsfaktors wächst also nicht nur oben bei den Gehältern. Er wächst zugleich in die Breite.

Auch die Finanzlage des Kerns hat sich stabilisiert. Zum ersten Mal seit der Coronakrise weisen alle 18 Bundesligisten wieder ein positives Eigenkapital aus. Den Einnahmen von 4,80 Milliarden Euro standen 2023/24 Kosten von 4,69 Milliarden gegenüber, ein knappes, aber echtes Plus. Der Profifußball hat das Pandemietief durchschritten und wirtschaftet wieder aus eigener Kraft.

Woher das Geld dafür kommt, verrät die Einnahmenstruktur. Drei Blöcke tragen zusammen rund drei Viertel des Bundesliga-Umsatzes: die mediale Verwertung mit gut 1,5 Milliarden Euro, die Werbung mit über einer Milliarde und die Transfererlöse, die 2023/24 ebenfalls die Milliardenschwelle überschritten haben. Der Ticketverkauf, für den Fan das sichtbarste Geschäft, steuert dagegen einen deutlich kleineren Anteil bei. Der wirtschaftliche Schwerpunkt der Liga liegt längst im Wohnzimmer, nicht auf der Tribüne.

Ein Vergleich ordnet die Größenordnung ein. Fast 62.000 Beschäftigte entsprechen etwa der Einwohnerzahl einer Stadt wie Rosenheim oder Neubrandenburg. Diese komplette Belegschaft verdient ihr Geld ausschließlich rund um zweimal 18 Fußballmannschaften. Der Kern allein wäre in vielen Bundesländern unter den größten Arbeitgebern zu finden. Erst danach beginnt das eigentliche Ökosystem.

Auf den Punkt

Der harte Kern umfasst rund 62.000 Beschäftigte, Rekordwert laut DFL. Die 1,67 Milliarden Euro Personalaufwand für den Spielbetrieb verdecken, dass die große Mehrheit dieser Jobs abseits des Rasens sitzt: in Medien, Daten, Scouting, Nachwuchs und Verwaltung.

Der Multiplikator: aus einem Euro werden drei

Drei verbundene Fußball-Euro-Münzen mit Schild
Aus 100 Euro im Verein werden laut McKinsey über 200 Euro Wertschöpfung im Umfeld.

An dieser Stelle wird die Rechnung interessant und ein wenig heikel. McKinsey beziffert die gesamte Wertschöpfung des professionellen Fußballsystems für die Saison 2023/24 auf 14,2 Milliarden Euro, ein Plus von 30 Prozent gegenüber 2018/19. Nur ein gutes Drittel davon entsteht im Kern, bei Clubs und Liga. Der große Rest sammelt sich im Ökosystem drumherum.

Das zentrale Bild dafür liefert die Studie selbst. Für jede 100 Euro, die Vereine und Liga erwirtschaften, entstehen laut McKinsey in angrenzenden Branchen über 200 Euro zusätzliche Wertschöpfung. Aus einem Euro im Verein werden also grob drei in der Volkswirtschaft. Bezahlsender verdienen an Übertragungsrechten, Vermarkter an Sponsoring, Sportartikelhersteller an Trikots, Wettanbieter an Tippscheinen.

Aus einem Euro werden drei

Wie sich die Wertschöpfung des deutschen Profifußballs auf drei Ebenen verteilt und warum der Kern nur ein Drittel ausmacht.

Direkt · Clubs und Liga
Profis, Trainerstäbe, Verwaltung, Scouting, Medien, Nachwuchs. Rund ein Drittel der Gesamtwertschöpfung.
Indirekt · Zulieferer und Dienstleister
Vermarkter, Sender, Sicherheit, Catering, Stadionbau, Sportartikel. Der größte Block.
Induziert · Wiederausgegebenes Einkommen
Konsum der Beschäftigten schafft Nachfrage und damit weitere Jobs in Handel, Gastronomie und Tourismus.

Der Multiplikator der Liga

100 €im Verein
200 €+im Umfeld
=
Gesamteffekt
14,2 Mrd. €
Gesamtwertschöpfung Profifußball, Saison 2023/24
+30 %
Wachstum seit 2018/19
+5,7 %
Jahreswachstum im Umfeld, stärker als der Kern mit 2,9 %

Bemerkenswert ist eine Verschiebung, die McKinsey erstmals dokumentiert. Die Wertschöpfung in den angrenzenden Branchen wächst mittlerweile schneller als der Fußball selbst, mit 5,7 Prozent pro Jahr gegenüber 2,9 Prozent im Kern. Der Schwanz beginnt, mit dem Hund zu wackeln. Das Geschäft mit dem Fußball floriert stärker als der Fußball, was die Abhängigkeiten neu ordnet.

Genau hier lohnt ein skeptischer Blick auf die schöne Multiplikatorlogik. Ein Teil der zugerechneten Wertschöpfung wäre auch ohne Fußball entstanden, nur anderswo. Der Familienvater, der sein Budget nicht für Sky und Stadionwurst ausgibt, verpulvert das Geld nicht, sondern kauft Kinokarten, Konzerttickets oder ein neues Fahrrad. Volkswirte nennen diesen Effekt Opportunitätskosten. Seriöse Studien rechnen ihn heraus, ganz verschwinden lässt ihn keine Auftragsstudie.

Trotzdem bleibt der Kern der Aussage robust. Der Fußball bündelt Konsum, Aufmerksamkeit und Arbeitszeit in einer Dichte, die kaum ein anderes Freizeitprodukt erreicht. Wohin die Ticketpreise dabei fließen und wer an einem einzigen Trikot mitverdient, zeigt unsere Aufschlüsselung dazu, wer beim Trikotkauf wirklich kassiert. Die Kette ist länger, als der Fan am Verkaufstresen vermutet.

Besonders sichtbar wird der Multiplikator beim Sponsoring. Jeder Trikotdeal, jede Bandenwerbung und jedes Stadionnaming beschäftigt Agenturen, Produktionsfirmen und Vertriebsteams weit außerhalb des Vereins. Die Werbeeinnahmen der Bundesliga haben 2023/24 erstmals die Milliardenmarke überschritten. An jedem dieser Euro hängt eine Kette von Dienstleistern, die in keiner Vereinsbilanz auftaucht.

Auf den Punkt

Aus 100 Euro im Verein werden über 200 Euro Wertschöpfung im Umfeld, zusammen 14,2 Milliarden Euro. Das Umfeld wächst inzwischen schneller als der Kern. Ein Teil davon wäre auch ohne Fußball entstanden, nur in einer anderen Branche.

Spieltag als Konjunkturprogramm

Miniatur Fußballfans stehen Schlange vor einem Imbisswagen mit Aufschrift „Spieltag“
20,7 Millionen verkaufte Tickets in einer Saison machen jeden Spieltag zum Konjunkturprogramm einer Stadt.

Kein Termin verdichtet den Wirtschaftsfaktor so sichtbar wie ein Heimspiel. Ein Bundesliga-Samstag ist ein durchgetakteter Betrieb, der eine ganze Stadt für ein paar Stunden in einen Sonderzustand versetzt. 20,7 Millionen verkaufte Tickets in der Saison 2023/24 markieren laut DFL einen Zuschauerrekord. Jedes dieser Tickets zieht Ausgaben nach sich, die weit über den Eintrittspreis hinausreichen.

Rund um den Anpfiff arbeitet ein temporäres Heer. Ordnerdienste sichern die Ränge, Sanitäter stehen bereit, Verkehrsbetriebe fahren Sonderschichten, Gastronomen im Umkreis füllen sich, Hotels beherbergen Auswärtsfans. Der Bratwurststand vor dem Stadion macht an einem Nachmittag mehr Umsatz als an einer normalen Woche. Diese Wertschöpfung ist real, verteilt sich aber auf viele kleine, oft prekäre Schultern.

Die schiere Wiederholung macht aus dem Spieltag ein Dauergeschäft. 306 Erstliga-Partien pro Saison, dazu die zweite Liga, Pokal und Europapokal, ergeben über zehn Monate Hunderte solcher Betriebstage. An jedem einzelnen fährt der Nahverkehr Sonderschichten, öffnen Kioske früher, verdienen Parkraumbetreiber ihr Geld. Der Effekt bleibt pro Spiel klein, in der Summe über eine Saison aber beträchtlich.

Damit rückt der wunde Punkt der schönen Job-Bilanz ins Bild. Ein großer Teil der Spieltags-Beschäftigung besteht aus Teilzeit und Minijobs. Der Ordner, die Cateringkraft, der Parkplatzeinweiser arbeiten wenige Stunden pro Heimspiel, oft zum Mindestlohn. In der Vollzeitäquivalent-Statistik schrumpfen zwei Dutzend solcher Kräfte auf eine einzige gezählte Stelle. Die 150.000er-Zahl steht auf vielen sehr dünnen Beinen.

Die Ticketpreise selbst bleiben dabei erstaunlich moderat, gerade im europäischen Vergleich. Ein Stehplatz hat in der Bundesliga zuletzt im Schnitt gut 11 Euro gekostet, ein Sitzplatz rund 31 Euro, wie der DFL-Wirtschaftsreport ausweist. Zum Vergleich: In der englischen Premier League zahlen Fans für vergleichbare Plätze ein Vielfaches. Die Bundesliga bleibt die zuschauerstärkste Liga Europas. Der niedrige Eintritt ist ein Grund dafür.

Der volle Konjunktureffekt eines Spieltags entsteht deshalb erst außerhalb des Stadions. Die Liga finanziert ihren Wirtschaftsfaktor nicht über den Fan an der Kasse, sondern über die mediale Verwertung im Hintergrund. Der Zuschauer auf der Tribüne ist weniger Zahlungsquelle als Kulisse. Genau diese Kulisse macht das Fernsehprodukt erst verkäuflich, um das sich im nächsten Kapitel die eigentlichen Milliarden drehen.

Auf den Punkt

Ein Heimspiel setzt eine ganze Stadt in Bewegung, von Security über Nahverkehr bis Gastronomie. Ein großer Teil dieser Jobs ist Teilzeit zum Mindestlohn. Die moderaten Ticketpreise zeigen: Das große Geld verdient die Liga nicht am Tresen, sondern an den Medienrechten.

14,2 Milliarden im Verhältnis

Waage mit Fußball gegen Goldbarren (14,2 Mrd. Euro) und Schiedsrichterfigur auf Weiß
14,2 Milliarden Euro Wertschöpfung klingen gewaltig, bleiben am deutschen BIP gemessen aber eine Nische.

Große Zahlen beeindrucken erst, wenn ein Maßstab daneben liegt. 14,2 Milliarden Euro Wertschöpfung klingen nach viel, machen aber gemessen am deutschen Bruttoinlandsprodukt nur einen kleinen Bruchteil eines Prozents aus. Der Profifußball ist ein prächtiges Geschäft und trotzdem eine Nische, verglichen mit der Autoindustrie oder dem Maschinenbau. Diese Einordnung fehlt in den meisten Jubelmeldungen.

Aussagekräftiger als die absolute Größe ist das Wachstumstempo. Inflationsbereinigt legt das System Profifußball laut McKinsey jährlich um rund 1,5 Prozent zu, etwa dreimal so schnell wie die deutsche Gesamtwirtschaft mit 0,4 Prozent im gleichen Zeitraum. In einer Volkswirtschaft, die seit Jahren am Rand der Stagnation entlangschrammt, gehört der Fußball zu den wenigen verlässlichen Wachstumstreibern. Die Dynamik zählt hier mehr als der reine Betrag.

Ein Branchenvergleich schärft das Bild zusätzlich. In früheren Erhebungen der Reihe lag der Beitrag des Profifußballs zum Bruttoinlandsprodukt über dem des zivilen Luftverkehrs oder der Textilindustrie, wie McKinsey vorgerechnet hat. Der Ball spielt damit wirtschaftlich in einer Liga mit ernstzunehmenden Branchen, nicht in der Kategorie Zeitvertreib. Genau diese Einordnung überrascht viele, die Fußball für ein reines Unterhaltungsphänomen halten.

Der Motor, der dreimal schneller läuft

Die Wertschöpfung des Profifußballs wächst inflationsbereinigt rund dreimal so schnell wie die deutsche Gesamtwirtschaft. Die Jobs steigen im Gleichschritt.

7,9 Mrd.
11,0 Mrd.
14,2 Mrd.
2013/14
2018/19
2023/24

Wachstum pro Jahr, real

Profifußball
+1,5 %
Deutsche Gesamtwirtschaft
+0,4 %

Vollzeitstellen im Ökosystem

2013/14: 110.000

2018/19: 127.000

2023/24: ~150.000

Beeindruckend fällt die Bilanz für den Staat aus. Der Profifußball spült laut McKinsey netto rund 4,6 Milliarden Euro pro Jahr in die öffentlichen Kassen, nach Abzug aller Kosten wie Polizeieinsätzen und Infrastruktur. Zum Vergleich: Der Bund veranschlagt für die Bundespolizei rund 4,2 Milliarden und für das Wohngeld etwa 4,3 Milliarden Euro. Der Ball finanziert rechnerisch also mehr, als der Bund für seine gesamte Bundespolizei aufwendet.

Die liga-eigene Steuerbilanz fällt naturgemäß enger aus, ist aber ebenfalls gewachsen. Allein die 36 Clubs und die DFL haben in der Saison 2023/24 laut Wirtschaftsreport 1,66 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben abgeführt. Der Gesamtumsatz beider Ligen lag bei 5,87 Milliarden Euro. Ein Jahr später hat der Profifußball mit 6,33 Milliarden Euro erstmals die Sechs-Milliarden-Marke durchbrochen.

Der Wirtschaftsfaktor wächst also in fast jeder Kennzahl gleichzeitig, bei Umsatz, Steuern, Beschäftigung und Zuschauern. Bemerkenswert bleibt der Kontrast zur Stimmungslage: Während viele Branchen über Auftragsflaute klagen, meldet der Ball einen Rekord nach dem anderen. Ausgerechnet in der Krise erweist sich Freizeitkonsum als erstaunlich krisenfest.

Einen Teil dieser Robustheit erklärt eine Kennzahl jenseits der reinen Ökonomie, die McKinsey erstmals erhoben hat. Für 41 Prozent der Deutschen ist der Profifußball nach eigener Angabe ein bedeutender Lebensinhalt. Diese Bindung ist bares Geld wert, denn treue Fans fragen das Produkt weitgehend unabhängig von Preis und Tabellenplatz nach. Ein Wirtschaftszweig mit dieser Kundenloyalität bleibt die Ausnahme, nicht die Regel. Wie robust der Befund am Ende trägt, hängt aber davon ab, wer regional gewinnt und wer die Rechnung mitbezahlt.

Wo die Region gewinnt und wo sie zahlt

Wippe mit Stadion auf Geldstapeln gegen Polizeihelm mit Rechnung und Schild
Image und Tourismus auf der einen, Polizeikosten und Stadion-Tilgung auf der anderen Seite.

Für die Städte ist ein Profiverein Standortfaktor und Streitfall zugleich. Auf der Habenseite steht ein Imagegewinn, den keine Marketingkampagne kaufen kann. Ein Aufstieg füllt Hotels, belebt die Innenstadt, bindet Identität an einen Ort. Ein börsennotierter Club wie Borussia Dortmund prägt das Bild einer ganzen Region weit über den Sport hinaus und zieht Beschäftigung an, die sonst kaum ins Ruhrgebiet käme.

Auf der Sollseite stehen die Kosten, die selten mitverhandelt werden. Polizeieinsätze an Risikospielen gehen in die Millionen. Der Streit darüber, wer diese Rechnung trägt, beschäftigt seit Jahren Gerichte und Innenministerien. Bremen zieht die DFL seit 2019 zur Kasse, das Bundesverfassungsgericht hat diese Gebühr 2025 bestätigt. Andere Länder scheuen den Konflikt bis heute. Der Grundkonflikt bleibt bestehen: Die Gewinne sind privat, ein Teil der Sicherheitskosten öffentlich.

Am deutlichsten zeigt sich die Schieflage bei den Stadien. Viele Arenen sind ganz oder teilweise mit öffentlichem Geld gebaut oder saniert worden. Häufig trägt die Kommune Zins und Tilgung, während der Verein den Spielbetrieb und die Vermarktungserlöse behält. Volkswirtschaftlich läuft das auf eine Sozialisierung der Kosten bei Privatisierung der Gewinne hinaus. Kritiker sehen darin eine dauerhafte Subvention, Befürworter eine Investition in die Attraktivität des Standorts.

Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen. Der Saldo schwankt von Stadt zu Stadt. Ein Verein, der eine strukturschwache Region wirtschaftlich stabilisiert, rechtfertigt öffentliche Vorleistung eher als ein Spitzenclub, der ohnehin Hunderte Millionen umsetzt. Pauschale Antworten helfen hier nicht weiter. Den Standortnutzen eines Vereins zu beziffern, verlangt einen Blick auf jede einzelne Stadt.

Über all dem schwebt die 50+1-Regel, das deutsche Sondermodell. Das Modell hält die Stimmenmehrheit beim Mutterverein und verhindert, dass ein Investor einen Club komplett übernimmt. Ökonomisch bremst diese Regel den Kapitalzufluss und damit ein Stück Wachstum. Gesellschaftlich sichert dieselbe Regel die lokale Verankerung, die den Standortnutzen überhaupt erst erzeugt. Genau dieser Zielkonflikt macht die Debatte so zäh.

Auf den Punkt
  • Haben: Image, Tourismus, regionale Identität, Beschäftigung vor Ort.
  • Soll: Polizeikosten an Risikospielen und öffentlich mitfinanzierte Stadien.
  • Muster: Gewinne privat, ein Teil der Kosten öffentlich. Der Saldo fällt je Stadt anders aus.

Die Bundesliga verkauft 150.000 Jobs als Schlagzeile und meint 62.000 auf der Lohnliste. Beide Zahlen stimmen, nur zählt die schöne die Bratwurstkraft mit, die an 17 Samstagen im Jahr vier Stunden arbeitet.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Die Gegenrechnung: was die Auftragsstudie ausblendet

Aufgeschlagener Saisonbericht 2023/24 mit Lupe, Tabelle, Diagramm und Stift
Die Auftragsstudie vermisst die Bedeutung der Liga, nicht ihre Schattenseiten.

Eine gute Zahl verdient eine ehrliche Gegenrechnung. Die McKinsey-Studie liefert diese Gegenrechnung nicht mit. Darin liegt kein Vorwurf, sondern die Natur einer Auftragsarbeit. Der Kunde bestellt die Vermessung seiner Bedeutung, nicht die Aufzählung seiner Schattenseiten. Für ein vollständiges Bild muss die Redaktion selbst nachlegen.

Der erste blinde Fleck sind die bereits erwähnten Opportunitätskosten. Konsum, der in den Fußball fließt, fehlt anderswo. Ein Teil der 14,2 Milliarden Euro ist keine zusätzliche Wertschöpfung, sondern umgeleitete. Ehrlich wäre die Frage, wie viel Aktivität ohne Bundesliga schlicht verschwände und wie viel nur die Adresse wechselte. Diese Differenz bleibt in der Studie unbeziffert.

Der zweite Vorbehalt betrifft die Qualität der gezählten Arbeit. Eine hohe Job-Zahl sagt nichts über die Güte dieser Jobs. Ein Ökosystem, das seine Beschäftigung überwiegend aus Mindestlohn-Teilzeit an 17 Heimspieltagen bezieht, ist volkswirtschaftlich weniger wert als eines mit sozialversicherten Vollzeitstellen. Die Statistik zählt Köpfe und Stunden, nicht Existenzsicherheit.

Der dritte Punkt ist die Nachhaltigkeit des Wachstums. Ein erheblicher Teil des jüngsten Umsatzsprungs stammt aus dem Transfermarkt, wo die Bundesliga-Erträge 2023/24 erstmals über eine Milliarde Euro geklettert sind, ein Plus von fast 63 Prozent. Transfererlöse sind aber volatil und teils spekulativ, denn ein einziger verkaufter Superstar verschiebt die Bilanz eines Vereins. Ein Wachstum, das stark auf dem Weiterverkauf von Spielern beruht, steht auf schwankendem Grund.

Hinzu kommt eine Klumpenbildung an der Spitze. Knapp ein Fünftel des gesamten Bundesliga-Umsatzes entfällt allein auf den FC Bayern München, gut 950 Millionen Euro. Ein Wirtschaftsfaktor, dessen Kraft so stark an wenigen Spitzenvereinen hängt, ist verwundbarer, als die Summenzahl vermuten lässt. Fällt ein Zugpferd sportlich zurück, wackelt ein spürbarer Teil der Bilanz gleich mit.

Diese Einwände widerlegen den Wirtschaftsfaktor nicht, sie erden ihn. Die Bundesliga ist ein echter Wachstumsmotor, gemessen an einer trägen Gesamtwirtschaft sogar ein bemerkenswerter. Nur läuft der Motor nicht ganz so rund und nicht ganz so unabhängig, wie die glanzvolle Pressemappe suggeriert. Genau die Differenz zwischen Befund und Botschaft auszuleuchten, ist die Aufgabe einer Redaktion, die niemandem die Bilanz schönen muss.

Auf den Punkt

Die Auftragsstudie blendet vier Dinge aus: Opportunitätskosten, die Qualität der Jobs, die Volatilität transfergetriebenen Wachstums und die Konzentration auf wenige Spitzenclubs. Der Wirtschaftsfaktor bleibt real, steht aber auf weniger festem Grund, als die Zahlen allein vermuten lassen.

Was den Wirtschaftsfaktor bedroht

Ein Fußball balanciert auf einem Holzturm, davor ein Stein mit Aufschrift „TV-Rechte“
Fallende TV-Rechte, ein junges Publikum und die Super League bedrohen das Fundament.

So verlässlich der Aufwärtstrend wirkt, unverwundbar ist er nicht. Die größte Abhängigkeit der Liga liegt bei den Medienrechten, dem mit rund 1,53 Milliarden Euro größten Einzelposten der Bundesliga-Einnahmen. Sinkt der Wert der TV-Rechte im nächsten Zyklus, weil Bezahlsender an Zahlungsbereitschaft verlieren, gerät das gesamte Fundament ins Rutschen. Ein einziger Vertrag entscheidet hier über einen Milliardenbetrag.

Zweitens altert und verändert sich das Publikum. Jüngere Zielgruppen schauen selten 90 Minuten am Stück, sondern konsumieren Highlights auf sozialen Plattformen, an denen die Liga bislang wenig verdient. Der volle Live-Konsum, das eigentliche Zahlungsprodukt, konkurriert mit einer Aufmerksamkeitsökonomie, die in Sekunden rechnet. Ob die nächste Generation für Fußball noch zahlt wie die heutige, ist offen.

Drittens droht Bewegung in der europäischen Wettbewerbsarchitektur. Immer wieder tauchen Pläne für eine abgeschottete Super League auf, dazu Modelle mit Multi-Club-Eigentümern, die ganze Vereinsnetzwerke kontrollieren. Setzt sich ein geschlossenes Spitzenformat durch, verlöre die nationale Liga an Strahlkraft. Mit der Strahlkraft schwände der Wirtschaftsfaktor. Die 50+1-Regel schützt davor bislang, gerät aber selbst juristisch unter Druck.

Bleibt die schlichte konjunkturelle Frage. Fußball ist am Ende Freizeitkonsum. Freizeitkonsum reagiert auf Kaufkraft. In einer langen Rezession könnten Ticketverkäufe, Sponsoring und Merchandising gleichzeitig nachgeben. Die breite Aufstellung über viele Erlösquellen macht die Liga zwar robuster als früher. Immun gegen einen echten Wirtschaftseinbruch ist aber auch der Ball nicht.

Am Ende bleibt ein doppelter Befund. Die Bundesliga ist ein größerer Arbeitgeber, Steuerzahler und Standortfaktor, als die meisten Zuschauer je vermuten würden und gleichzeitig ein Geschäft mit klaren Schwachstellen. Die Frage aus dem Titel lässt sich damit ehrlich beantworten: Am Ball hängen zwischen 62.000 und fast 150.000 Arbeitsplätze, je nachdem, wie weit man den Kreis zieht. Die zweite Zahl ist die eindrucksvollere, die erste die belastbarere. Erst beide zusammen ergeben das ganze Bild.

Auf den Punkt

Vier Risiken bedrohen den Wirtschaftsfaktor: fallende Medienrechte, ein wegbrechendes junges Publikum, eine europäische Super League und die allgemeine Konjunktur. Die breite Erlösbasis dämpft, schützt aber nicht vollständig.

Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe zum Wirtschaftsfaktor Bundesliga

Lexikon, Fußballmetapher-Suche, ein Ball, orange Markierung und Cursor, weiße Fläche
Zwölf zentrale Begriffe rund um den Wirtschaftsfaktor Bundesliga, kompakt erklärt.

Wertschöpfung

Der Wert, den ein Wirtschaftsbereich neu erzeugt, also Umsatz abzüglich der von außen bezogenen Vorleistungen. Für den Profifußball beziffert McKinsey die Wertschöpfung inklusive Ökosystem auf 14,2 Milliarden Euro und trennt sie damit sauber vom reinen Umsatz der Clubs.

Vollzeitäquivalent (VZÄ)

Eine Rechengröße, die Teilzeit- und Minijobs auf ganze Vollzeitstellen umrechnet. Zwei Halbtagskräfte ergeben ein VZÄ. Die McKinsey-Zahl von 150.000 Stellen sind Vollzeitäquivalente, die tatsächliche Zahl beteiligter Personen liegt spürbar höher.

Direkte, indirekte und induzierte Effekte

Die drei Wirkungsebenen eines Wirtschaftsfaktors. Direkt sind Jobs bei Clubs und Liga, indirekt bei Zulieferern, induziert durch das Wiederausgeben der Einkommen. Erst die Summe aller drei Ebenen ergibt die volkswirtschaftliche Gesamtwirkung.

Multiplikatoreffekt

Der Faktor, um den ein ausgegebener Euro weitere Wertschöpfung anstößt. Beim Profifußball entstehen laut McKinsey aus 100 Euro im Verein über 200 Euro im Umfeld, weil der Fußball besonders personalintensive Dienstleistungsbranchen bedient.

Opportunitätskosten

Der entgangene Nutzen der besten nicht gewählten Alternative. Auf den Fußball bezogen: Konsum, der ohne Bundesliga in Kino, Konzert oder Handel geflossen wäre. Ein Teil der zugerechneten Wertschöpfung ist deshalb umgeleitet, nicht neu geschaffen.

Zentralvermarktung

Die gemeinsame Vermarktung der Medienrechte aller Clubs durch die DFL statt durch jeden Verein einzeln. Die Erlöse werden nach einem Verteilschlüssel ausgeschüttet und bilden mit rund 1,53 Milliarden Euro den größten Einnahmeposten der Bundesliga.

Mediale Verwertung

Die Einnahmen aus dem Verkauf von TV- und Streaming-Rechten an Sender wie Sky, DAZN oder Sat.1. Für die Liga ist die mediale Verwertung der wichtigste und zugleich verwundbarste Erlösblock, weil ein einziger Rechtezyklus den Betrag bestimmt.

50+1-Regel

Eine deutsche Sonderregel, nach der die Mehrheit der Stimmrechte an einer ausgegliederten Profiabteilung beim Mutterverein bleiben muss. Die 50+1-Regel begrenzt den Einfluss externer Investoren und gilt als Bollwerk gegen die vollständige Kommerzialisierung.

Financial Fairplay

Ein Regelwerk der UEFA, das Vereine dazu zwingt, nicht dauerhaft mehr auszugeben, als sie einnehmen. Das Ziel ist finanzielle Stabilität im europäischen Wettbewerb und ein Schutz vor Verschuldung durch überzogene Transferausgaben.

Standortfaktor

Ein Merkmal, das die wirtschaftliche Attraktivität eines Ortes erhöht. Ein Profiverein wirkt als weicher Standortfaktor über Image, Tourismus und regionale Identität, verursacht aber zugleich öffentliche Kosten bei Sicherheit und Infrastruktur.

Multi-Club-Ownership

Ein Eigentumsmodell, bei dem ein Investor mehrere Vereine in verschiedenen Ländern kontrolliert. Das Modell erlaubt Synergien bei Transfers und Vermarktung, steht aber im Verdacht, den sportlichen Wettbewerb und die lokale Verankerung auszuhöhlen.

Transfererlöse

Einnahmen aus dem Verkauf von Spielern an andere Vereine. In der Bundesliga sind die Transfererlöse 2023/24 erstmals über eine Milliarde Euro gestiegen, gelten aber als volatil, weil ein einziger Verkauf die Bilanz eines Clubs stark verschiebt.

FAQ: Wirtschaftsfaktor Bundesliga: Wie viele Arbeitsplätze hängen wirklich am Ball?

Ein Fußball auf Gehaltsabrechnungen mit der Frage „Wo ist der Bonus?“ und ein FAQ-Pfeil daneben
Die häufigsten Fragen zum Wirtschaftsfaktor Bundesliga auf einen Blick.

Wie viele Arbeitsplätze hängen an der Bundesliga?

Je nach Zählweise zwischen rund 62.000 und fast 150.000. Die DFL zählt die engeren Beschäftigten rund um beide Ligen, McKinsey rechnet das gesamte Ökosystem aus Zulieferern und Folgeeffekten hinzu.

Wie groß ist der Wirtschaftsfaktor Bundesliga insgesamt?

Der Profifußball erzeugt laut McKinsey eine jährliche Wertschöpfung von 14,2 Milliarden Euro und wächst inflationsbereinigt etwa dreimal so schnell wie die deutsche Gesamtwirtschaft.

Wie viel Steuern zahlt der Profifußball in Deutschland?

Netto rund 4,6 Milliarden Euro pro Jahr laut McKinsey. Allein die 36 Clubs und die DFL führten in der Saison 2023/24 rund 1,66 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben ab.

Welche Jobs entstehen durch die Bundesliga?

Weit mehr als Spieler und Trainer: Medien, Datenanalyse, Scouting und Verwaltung, dazu Security, Catering, Nahverkehr, Stadionbau und viele Spieltags-Teilzeitkräfte.

Wie viel Umsatz macht die Bundesliga?

In der Saison 2023/24 setzten Bundesliga und 2. Bundesliga zusammen 5,87 Milliarden Euro um. Ein Jahr später wurde mit 6,33 Milliarden Euro erstmals die Marke von sechs Milliarden überschritten.

Ist die McKinsey-Studie zur Bundesliga neutral?

Methodisch gilt die Untersuchung als solide, entstanden ist sie aber im Auftrag der DFL. Die Zahlen sind belastbar, blenden jedoch Opportunitätskosten und die Qualität der Jobs weitgehend aus.

Quellen

McKinsey & Company | Mehr als nur ein Spiel (2025) | https://www.mckinsey.de/news/presse/2025-02-27-bundesliga | besucht am 28.08.2026

McKinsey & Company | Studie „Mehr als nur ein Spiel“ (PDF) | https://www.mckinsey.com/de/~/media/mckinsey/locations/europe%20and%20middle%20east/deutschland/news/presse/2025/2025-02-27%20bundesliga/studie_mehr_als_nur_ein_spiel.pdf | besucht am 28.08.2026

DFL Deutsche Fußball Liga | Wirtschaftsreport 23/24 | https://www.dfl.de/de/aktuelles/nachhaltiges-wachstum-auch-2023-24-umsatzrekord-von-bundesliga-und-2-bundesliga-sichert-mehr-jobs-als-je-zuvor/ | besucht am 28.08.2026

DFL Deutsche Fußball Liga | Gewinn-und-Verlust-Rechnung Bundesliga 23/24 | https://report.bundesliga.de/2324/de/wirtschaftsreport/wirtschaftliche-kennzahlen/bundesliga/gewinn-und-verlust-rechnung.html | besucht am 28.08.2026

Sportschau (ARD) | DFL vermeldet Rekordumsatz 24/25 | https://www.sportschau.de/fussball/bundesliga/mehr-als-sechs-milliarden-euro-dfl-vermeldet-rekordumsatz,dfl-wirtschaftsreport-100.html | besucht am 28.08.2026

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