Twitch ist eine der größten Bühnen des Internets: Millionen schauen anderen beim Spielen und Quatschen zu. Seit dem 12. August 2026 verdient Amazon an jeder Übertragung ein zweites Mal, denn jeder Stream ist auch Trainingsmaterial für die eigene KI.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenTwitch hat im August 2026 still seine Nutzungsbedingungen umgeschrieben und verwertet Videos, Ton und Chat seither standardmäßig, um Amazons generative KI zu trainieren. Millionen Streamer liefern damit nicht mehr nur Unterhaltung, sondern auch Rohstoff für ein zweites Geschäft. Höchste Zeit, die Blackbox der größten Streaming-Plattform des Westens zu öffnen und der Marge zu folgen.
Das Wichtigste in Kürze
- Twitch dominiert das westliche Live-Streaming mit rund 54 Prozent Marktanteil, verliert aber gegen Kick und YouTube Gaming an Boden.
- Das Geld kommt aus drei Quellen: Abos, Werbung und der virtuellen Währung Bits. Beim Standard-Abo behält Amazon die Hälfte.
- Seit dem 12. August 2026 trainiert Amazon mit Streams, Ton und Chat seine KI, standardmäßig und nur per Widerspruch abschaltbar.
- Amazon kaufte Twitch 2014 für rund 830 Millionen Euro und schreibt bis heute rote Zahlen, obwohl der Umsatz über 1,5 Milliarden Euro liegt.
- Für deutsche Streamer, Agenturen und Marken verschiebt sich die Rechnung: mehr Reichweite, härtere Konkurrenz und die Frage nach dem Datenschutz.
1 Wie viel eines Standard-Abos behält Amazon bei den meisten Streamern? Aufklappen ↓
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2 Was tut Twitch seit dem 12. August 2026 standardmäßig mit Videos, Ton und Chat? Aufklappen ↓
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3 Wie viel zahlte Amazon 2014 für Twitch? Aufklappen ↓
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4 Welchen Anteil am westlichen Live-Streaming hielt Twitch Mitte 2025? Aufklappen ↓
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5 Welcher Herausforderer wirbt mit einem 95-zu-5-Split für Streamer? Aufklappen ↓
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Wer steckt hinter Twitch und wie fing alles an?
Am Anfang stand keine Gaming-Vision, sondern eine Dauer-Webcam: 2007 übertrug Justin Kan sein eigenes Leben rund um die Uhr unter dem Namen Justin.tv. Aus diesem Experiment löste sich 2011 eine Gaming-Rubrik, die als Twitch eigenständig wurde.
Die Gründergeneration um Justin Kan, Emmett Shear, Michael Seibel und Kyle Vogt kam aus dem Umfeld des Startup-Beschleunigers Y Combinator. Justin.tv sollte eine offene Bühne für jede Art von Live-Video werden, von Reisereportagen bis zum Dauersender aus dem Wohnzimmer. Kan verkabelte sich sogar selbst mit einer Kamera am Kopf und streamte wochenlang seinen Alltag, mehr Kunststück als Geschäftsmodell. Der eigentliche Zufallstreffer lag in einer Nische, die anfangs kaum jemand ernst nahm.
Zuschauer strömten vor allem zu den Kanälen, auf denen Menschen Videospiele spielten und dabei kommentierten. Diese Rubrik wuchs schneller als jeder andere Bereich der Seite, obwohl das Gründerteam diesen Bereich zunächst nur als eine Kategorie unter vielen behandelte. Erst die Zahlen zwangen zum Umdenken, denn die Spiele-Streams zogen ein Publikum an, das länger blieb und regelmäßiger zurückkehrte. Emmett Shear zog 2011 die Konsequenz und gliederte den Gaming-Bereich als eigene Marke aus, zunächst unter twitch.tv.
Der Name spielt auf den Muskelzucken-Reflex an, den schnelle Spiele verlangen. Aus einer belustigten Selbstbeobachtung wurde binnen weniger Jahre ein Massenphänomen, das eine ganze Generation von Unterhaltern hervorbrachte und den Begriff Streamer überhaupt erst prägte. Gemeinschaftsexperimente wie das legendäre Spiel, bei dem Zehntausende gleichzeitig eine Figur steuerten, machten weltweit Schlagzeilen. Die ursprüngliche Idee, das eigene Leben zu senden, blieb dabei fast vollständig auf der Strecke.
Finanziert wurde der frühe Ausbau über Wagniskapital, das auf Reichweite statt auf schnelle Gewinne setzte. Diese Geduld prägt das Modell bis heute, denn Twitch verdiente lange kein Geld und schrieb zunächst bewusst keine schwarzen Zahlen. Zunächst spielte der Aufbau einer treuen Gemeinschaft die Hauptrolle, weil Investoren wussten: eine gebundene Zuschauerschaft lässt sich später auf viele Arten zu Geld machen. Das Kassieren kam bewusst danach.
Ein früher Deutschland-Bezug fehlte lange, weil die ersten Jahre stark im US-Markt spielten. Erst mit dem Aufstieg deutschsprachiger Kreativer wurde die Plattform auch hierzulande zum festen Begriff, lange bevor Werbetreibende die Reichweite ernst nahmen. Diese Verspätung prägt bis heute, wie vorsichtig deutsche Marken das Medium kalkulieren.
- Ursprung: 2007 als Lebens-Webcam Justin.tv gestartet, 2011 als Twitch ausgegliedert.
- Gründer: Justin Kan und Emmett Shear aus dem Y-Combinator-Umfeld.
- Prinzip: erst Reichweite und Gemeinschaft, dann das Erlösmodell.
Wie wurde aus einer Dauer-Webcam ein Milliardenimperium?

Den Sprung machte ein Bieterstreit: 2014 kaufte Amazon Twitch für rund 830 Millionen Euro und stach dabei Google aus, das kurz vor dem Zuschlag stand. Seither finanziert ein Konzern mit tiefen Taschen den Ausbau.
Vor der Übernahme galt Twitch bereits als heimlicher Gigant des amerikanischen Internetverkehrs, gemessen an der reinen Datenlast zeitweise auf einer Stufe mit Netflix und Google. Google wollte die Plattform in YouTube integrieren, zog nach kartellrechtlichen Bedenken jedoch zurück. Amazon griff zu und zahlte einen Preis, der damals als hoch galt und sich rückblickend als Schnäppchen erweisen könnte.
Der Konzern aus Seattle verfolgte mehr als ein Werbegeschäft. Twitch brachte eine junge, technikaffine Zielgruppe, gewaltige Serverlast für die eigene Cloud und einen natürlichen Andockpunkt für das Prime-Abo. Aus diesen drei Motiven wurde in den Folgejahren eine enge Verzahnung, die den heutigen Ertrag prägt und Twitch tiefer ins Amazon-Ökosystem zog, als viele Beobachter erwartet hatten. Der Kaufpreis war damit nur der sichtbare Teil einer größeren Strategie.
Parallel wuchs eine eigene Kultur heran. Rund um E-Sport entstanden Turniere mit Millionenpublikum, und einzelne Streamer füllten virtuelle Hallen, von denen klassische Fernsehsender nur träumen konnten. Diese Dynamik erinnert an andere digitale Gemeinschaften, etwa daran, wie sich das Erlösmodell von Discord jahrelang ohne festen Plan aufbaute, während die Nutzerzahlen explodierten. Reichweite kam bei beiden zuerst, das Geschäftsmodell folgte mit Abstand.
Der Aufstieg ließ sich auch am Konzern ablesen. Amazon band Twitch Schritt für Schritt an sein Werbe- und Prime-Geschäft und machte aus dem Zukauf einen festen Baustein der eigenen Unterhaltungssparte. Aus einem gewagten Experiment wurde so ein Standbein, das der Konzern gezielt pflegt und nur ungern aufgeben würde.
Die Serverlast war dabei kein Nebeneffekt, sondern Teil des Kalküls. Twitch lief ohnehin auf Amazons Cloud, und jede zusätzliche Zuschauerstunde füllte die eigene Infrastruktur besser aus. Aus Konzernsicht bezahlte sich der Kauf so gleich doppelt, über die Plattform selbst und über die bessere Auslastung der Rechenzentren.
Justin Kan und Emmett Shear starten Justin.tv, eine Dauer-Webcam für das eigene Leben.
Die Gaming-Rubrik wird als eigene Seite Twitch ausgegliedert und wächst rasant.
Amazon kauft Twitch für rund 830 Millionen Euro und sticht Google aus.
Die Pandemie treibt die Zuschauerzeit auf Rekordwerte, Streaming wird Massenmedium.
Amazon trainiert seit August mit Streams, Ton und Chat seine generative KI.
Den nächsten Schub lieferte die Pandemie. Zwischen 2020 und 2021 kletterte die Zuschauerzeit auf Rekordwerte, weil Millionen Menschen zu Hause saßen und Live-Formate suchten. Twitch wurde in dieser Phase vom Nischenmedium zum Massenkanal, und selbst Köche, Musiker und Handwerker entdeckten das Streamen für sich. Der Boom ließ die Plattform größer wirken, als der nachfolgende Alltag bestätigte.
Die Rückkehr zur Nüchternheit zeigte sich in harten Zahlen. Nach dem Pandemie-Hoch flachte die Zuschauerkurve ab, und intern rückte die Frage nach dem Deckungsbeitrag in den Vordergrund. Twitch musste beweisen, dass die riesige Reichweite nicht nur Serverkosten verursacht, sondern am Ende auch echtes Geld in die Konzernkasse spült.
Parallel reiften große Marken-Kooperationen heran. Spielehersteller bewarben Neuerscheinungen über Twitch, Turnierserien zogen Sponsoren an, und einzelne Streamer wurden zu eigenen Werbeträgern mit Millionenreichweite. Diese Verzahnung von Unterhaltung und Werbung machte die Plattform für die Spieleindustrie fast unverzichtbar.
Aus dieser Zeit stammt auch die heutige Doppelrolle der Plattform. Twitch ist Schaufenster für neue Spiele und zugleich Verkaufskanal, weil Zuschauer per Klick zum Kauf gelangen. Diese Nähe zwischen Zusehen und Kaufen bindet die Branche enger an Amazon, als eine reine Videoplattform diese Bindung je schaffen könnte.
Konkurrenzkämpfe prägten dieselbe Zeit. Microsoft versuchte mit seinem Dienst Mixer, Twitch prominente Streamer abzuwerben, scheiterte jedoch und stellte den Betrieb wieder ein. Der Vorfall zeigte, wie schwer sich Reichweite kaufen lässt, wenn das Publikum nicht mitzieht, und bestätigte Twitchs Vorsprung vorerst eindrucksvoll.
Nach dem Boom folgte die Nüchternheit. Twitch strich mehrfach Stellen, zuletzt im Zuge großer Konzern-Kürzungen bei Amazon, und geriet unter Druck, endlich profitabel zu werden. Die Wachstumsgeschichte kippte damit von der Frage nach der Reichweite zur Frage nach der Rendite, und genau diese Wende führt mitten ins Erlösmodell.
- 2014: Amazon kauft Twitch für rund 830 Millionen Euro und verdrängt Google.
- 2020/21: die Pandemie treibt die Zuschauerzeit auf Rekordwerte.
- Danach: Stellenabbau und wachsender Druck, endlich Gewinne zu liefern.
Wie verdient Twitch tatsächlich sein Geld?

Drei Motoren tragen die Umsätze: Werbung, Kanal-Abos und die virtuelle Währung Bits. Beim Standard-Abo behält Amazon die Hälfte, seit August 2026 kommt mit dem KI-Training eine vierte, verdeckte Ertragsschicht hinzu.
Der größte und am schnellsten wachsende Block ist die Werbung. Vor dem Einschalten laufen Pre-Rolls, mitten im Stream schiebt die Plattform Mid-Rolls ein, und Streamer erhalten Anreize, eine Mindestzahl an Werbeminuten pro Stunde zu schalten. Jede zusätzliche Zuschauerstunde erhöht direkt das ausspielbare Werbevolumen, weshalb Twitch die reine Verweildauer so genau misst. Der Ertrag hängt damit weniger an einzelnen Stars als an der Masse der gesehenen Stunden.
Der zweite Block sind die Abos. Zuschauer abonnieren einzelne Kanäle ab rund 4,99 Euro pro Monat, in höheren Stufen kostet ein Abo das Zwei- bis Fünffache. Beim klassischen Split geht die Hälfte an Amazon, nur ausgewählte Kanäle erreichen über das Partner-Plus-Programm einen Schlüssel von 70 zu 30. Ein Abo ist dabei mehr Trinkgeld mit Zusatznutzen als klassische Bezahlschranke, denn die Inhalte bleiben auch ohne Abo sichtbar.
Genaue Zahlen nennt Amazon nicht, weil der Konzern Twitch nicht als eigene Sparte ausweist. Der Analysedienst Stream Hatchet und der Marktbeobachter StreamsCharts schätzen den Jahresumsatz auf mehr als 1,5 Milliarden Euro, während mehrere US-Wirtschaftsmedien von anhaltenden Verlusten berichten. Diese Lücke zwischen Milliardenumsatz und roter Null macht das Erlösmodell erst richtig aufschlussreich.
Hinter jedem der drei Ströme steht dieselbe Mechanik. Je länger Zuschauer bleiben, desto mehr Werbeplätze, Abos und Bits fallen an, und desto tiefer bindet sich das Publikum an einzelne Kanäle. Die Plattform verdient also nicht an einem einzelnen Kauf, sondern an der aufsummierten Zeit von Millionen Menschen.
Das Werbegeschäft folgt dabei klaren Regeln. Werbetreibende buchen Zielgruppen und zahlen nach Tausenderkontaktpreis, also nach der Zahl der erreichten Einblendungen. Je begehrter die Zuschauergruppe und je markensicherer das Umfeld, desto höher der Preis je tausend Kontakte, den Twitch abrufen kann.
Anzeigen vor und im Stream
Pre-Rolls und Mid-Rolls laufen millionenfach pro Tag. Der Werbeblock ist der am schnellsten gewachsene Ertrag und hängt allein an der Zuschauerzeit.
Monatliche Kanal-Abos
Zuschauer abonnieren einzelne Kanäle ab rund 4,99 Euro. Amazon behält beim Standard-Split die Hälfte, oben drauf kommen Prime-Gratis-Abos.
Virtuelle Währung
Mit Bits jubeln Zuschauer im Chat und kaufen sie vorab in Euro. Twitch verdient an der Ausgabe, der Streamer bekommt einen Cent je Bit.
Der dritte Block sind die Bits. Diese virtuelle Währung kaufen Zuschauer vorab in Euro und werfen sie im Chat als sichtbaren Jubel ein. Twitch verdient bereits am Verkauf der Bits, der Streamer erhält anschließend einen Cent je eingesetztem Bit. Dazu kommen Prime-Abos, die Amazon-Kunden monatlich gratis verschenken und die der Konzern intern verrechnet, sodass ein scheinbar kostenloses Geschenk am Ende Prime stärkt.
Warum die Daten die eigentliche neue Erlösquelle sind
Digitale Plattformen leben von Daten, und genau hier hat Twitch am 12. August 2026 eine Grenze verschoben. Die Plattform verwertet Videos, Ton und Chat seither standardmäßig, um Amazons generative KI zu trainieren. Abschalten lässt sich der Zugriff nur aktiv in den Sicherheitseinstellungen, das Modell setzt also auf Widerspruch statt auf Zustimmung.
Die Nutzungsbedingungen wurden so umgeschrieben, dass die Lizenz ausdrücklich für Twitch und dessen verbundene Unternehmen gilt. Pikant bleibt eine Ausnahme: Twitchs eigene Sendungen sind vom Training ausgenommen, das Material der Kreativen dagegen nicht. Millionen Stunden fremder Inhalte werden damit zum Futter für ein Konzernprodukt, das in keiner Streamer-Abrechnung auftaucht.
Diese Datenschicht zeigt die Margen-Asymmetrie des ganzen Modells. Ein Abo bringt sichtbares, teilbares Geld, an dem der Streamer beteiligt wird. Die Trainingsdaten dagegen fließen direkt in den Konzern, ohne Gegenrechnung und ohne Beteiligung derjenigen, die sie erzeugen. Werbung und Abo lassen sich beziffern, der Wert eines Datenbergs für ein KI-Modell bleibt der Öffentlichkeit dagegen verborgen.
Zugleich subventioniert Amazon einzelne Bausteine bewusst quer. Die Prime-Gratis-Abos binden Zuschauer und Streamer ans Ökosystem, ohne dass beim einzelnen Abo viel Marge bleibt. Die Cloud-Infrastruktur, die Twitch verschlingt, läuft ohnehin im Konzern und drückt die ausgewiesenen Kosten der Sparte weiter nach unten. Der wahre Wert von Twitch liegt damit weniger in der eigenen Bilanz als im Nutzen für andere Konzernteile.
In den letzten fünf Jahren hat sich das Gewicht klar verschoben. Die reine Abo-Kultur der frühen Jahre ist einem Werbemodell gewichen, das dem von TikTok ähnelt, wo sich zeigt, wie die App wirklich ihr Geld verdient. Mit dem KI-Training kommt nun eine Ertragsquelle hinzu, die den Wert der Plattform nicht mehr an der Werbeminute misst, sondern am Datenberg.
- Werbung: größter und am schnellsten wachsender Ertrag, hängt an der Zuschauerzeit.
- Abos und Bits: beim Standard-Abo behält Amazon die Hälfte, Bits bringen einen Cent je Stück.
- Daten: seit August 2026 trainiert Amazon mit fremden Streams seine KI, ohne Beteiligung der Kreativen.
Wie groß ist die Marktmacht von Twitch?

Twitch bleibt die Nummer eins im westlichen Live-Streaming, doch der Vorsprung schmilzt. Nach Daten von StreamsCharts lag der Marktanteil im zweiten Quartal 2025 bei rund 54 Prozent, nach 71 Prozent im Jahr 2023.
Gemessen an den gesehenen Stunden liegt die Plattform mit rund 19,2 Milliarden Stunden im Jahr 2025 weiter klar vorn. YouTube Gaming kam nach denselben Daten auf etwa 8,8 Milliarden Stunden, Kick auf rund 4,5 Milliarden. Der Abstand ist groß, die Richtung aber deutlich: Twitch gibt Anteile ab, während die Verfolger zweistellig zulegen.
Die reine Vorherrschaft täuscht leicht über die Bewegung im Markt hinweg. Zwar liegt Twitch bei den absoluten Stunden uneinholbar vorn, doch der Anteil sinkt seit Jahren kontinuierlich. Ein schrumpfender Anteil bei wachsendem Gesamtmarkt bedeutet, dass die Konkurrenz die neuen Zuschauer überproportional für sich gewinnt.
Marktanteile sind hier mehr als eine Prestigefrage. Die Plattform mit den meisten Stunden diktiert die Konditionen für Werbung und Kooperationen und setzt den Maßstab, an dem Kreative ihren Wert messen. Sinkt dieser Anteil, sinkt mittelfristig auch die Preismacht gegenüber der Werbeindustrie.
Der Wettbewerb wirkt zudem auf die Stimmung in der Kreativszene. Solange Twitch als einzige ernsthafte Bühne galt, akzeptierten Streamer die Bedingungen fast ohne Murren. Mit sichtbaren Alternativen wächst die Bereitschaft, öffentlich über Splits und Regeln zu klagen, was den Druck auf die Plattform weiter erhöht.
Selbst die reine Zuschauerzahl erzählt nicht alles. Entscheidend ist, wie lange und wie treu ein Publikum bleibt, denn nur gebundene Zuschauer lassen sich zuverlässig mit Werbung erreichen. Twitch verkauft daher weniger die große Masse als die verlässliche Wiederkehr.
Die eigentliche Stärke liegt weniger in der Reichweite als im Wechselaufwand. Ein Streamer baut über Jahre eine Gemeinschaft auf, sammelt Abonnenten, eigene Emotes und Kanalpunkte. Ein Umzug zu einer anderen Plattform bedeutet, dieses Kapital teilweise zurückzulassen, weil die treue Stammzuschauerschaft nicht automatisch mitzieht.
Dieser Bindungseffekt wirkt in beide Richtungen. Zuschauer bleiben, weil ihre Lieblingskanäle dort senden, und Kreative bleiben, weil dort ihr Publikum sitzt. Solche Netzwerkeffekte machen die Plattform wertvoll und erklären, warum selbst großzügigere Konkurrenten nur langsam an Boden gewinnen. Jeder Wechsel gleicht einem Umzug in eine fremde Stadt, in der man seinen Bekanntenkreis erst neu aufbauen muss.
Zahlen belegen die Verschiebung. Kick legte 2025 nach Daten von StreamsCharts kräftig zu und beanspruchte rund ein Achtel des Marktes, YouTube Gaming verbuchte mit etwa 8,8 Milliarden Stunden sein bislang bestes Jahr. Der Kuchen wächst also insgesamt, doch Twitch bekommt einen kleineren Anteil davon ab.
Exklusivverträge sind eine Antwort auf diesen Druck. Twitch band in der Vergangenheit einzelne Star-Streamer mit festen Summen an sich, und die Konkurrenz kontert mit eigenen Angeboten. Solche Deals sichern kurzfristig Reichweite, treiben aber die Kosten und zeigen, wie hart der Kampf um die wenigen ganz großen Namen tobt.
Auch technisch rüstet die Plattform nach. Neue Funktionen wie höhere Auflösungen und Werkzeuge zum Wiedereinstieg mitten im Stream sollen Zuschauer halten und die Verweildauer steigern. Jede dieser Neuerungen zielt am Ende auf dieselbe Größe, die den Ertrag bestimmt, nämlich die gesehene Zeit.
Trotzdem bröckelt der Burggraben. Einzelne Top-Kreative wechseln gegen feste Summen zu Kick oder streamen parallel auf mehreren Diensten, um sich abzusichern. Jeder prominente Abgang schwächt das Argument, Twitch sei alternativlos, und macht den nächsten Wechsel etwas wahrscheinlicher.
- Nummer eins: rund 54 Prozent Anteil, aber deutlich weniger als die 71 Prozent von 2023.
- Burggraben: Gemeinschaft, Emotes und Kanalpunkte binden Kreative und Zuschauer.
- Risse: prominente Abgänge und Parallel-Streaming schwächen die Bindung.
Wer ist bei Twitch eigentlich das Produkt?

Twitch verkauft nicht Videos, sondern Aufmerksamkeit. Die Streamer liefern das Programm auf eigenes Risiko, die Zuschauer zahlen mit Zeit, Geld und Daten, und beide zusammen bilden das Inventar, das an Werbetreibende geht.
Das Modell ist ein dreiseitiger Marktplatz. Auf der einen Seite stehen Kreative, die rund um die Uhr senden und dafür selten ein Grundgehalt bekommen. Ihre Reichweite wird zur Ware, die Twitch bündelt und weiterverkauft, obwohl das unternehmerische Risiko fast vollständig bei ihnen liegt. Ausfall durch Krankheit, Technikpannen oder eine schwache Woche trifft direkt das eigene Einkommen.
Der Begriff Produkt trifft hier fast wörtlich zu. Nicht der einzelne Stream steht zum Verkauf, sondern die gebündelte Aufmerksamkeit eines Publikums, das die Plattform an Werbetreibende weiterreicht. Der Kreative liefert den Inhalt, gehandelt wird jedoch die Zuschauerzeit dahinter.
Dasselbe Prinzip kennen Nutzer anderer Plattformen. Händler auf einem Marktplatz, Fahrer bei einem Fahrdienst oder Gastgeber bei einem Buchungsportal liefern die eigentliche Leistung und akzeptieren die Regeln des Vermittlers. Bei Twitch nehmen die Streamer diese Rolle ein, mit dem Unterschied, dass ihr Rohstoff die eigene Person ist.
Genau darin liegt die Besonderheit des Modells. Ein Marktplatzhändler kann seine Ware wechseln, ein Streamer bleibt selbst das Produkt und lässt sich nicht austauschen. Diese Nähe zwischen Person und Ware macht Erfolg persönlich und Misserfolg schmerzhaft.
Aus dieser Konstellation speist sich ein Gutteil der Faszination. Zuschauer bauen eine persönliche Bindung zu Kreativen auf, die weit über das bloße Konsumieren hinausgeht. Genau diese Bindung macht die Aufmerksamkeit für Werbetreibende so wertvoll.
Die Streamer
Kreative liefern Programm rund um die Uhr, meist auf eigenes Risiko. Ihre Reichweite wird zum Inventar, das Twitch verkauft.
Die Zuschauer
Zuschauer zahlen mit Zeit, mit Abos und seit August 2026 mit Trainingsdaten für Amazons KI.
Werbetreibende und Amazon
Marken buchen die Aufmerksamkeit, Amazon verrechnet Cloud, Prime und Werbenetz gleich mit.
Auf der zweiten Seite stehen die Zuschauer. Ihre Rolle wirkt harmlos, denn Zusehen kostet zunächst nichts. Tatsächlich zahlen Zuschauer aber dreifach: mit ihrer Aufmerksamkeit für die Werbung, mit Abos und Bits sowie seit August 2026 mit ihren Chatverläufen als Trainingsmaterial für Amazons KI.
Auf der dritten Seite sitzen die zahlenden Kunden im engeren Sinn: Marken und deren Media-Agenturen. Diese buchen die Aufmerksamkeit einer jungen Zielgruppe, die im klassischen Fernsehen kaum noch erreichbar ist. Amazon verrechnet dabei Cloud, Prime und das eigene Werbenetz gleich mit, sodass mehrere Konzernkassen an einem einzigen Stream mitverdienen.
Diese Dreiteilung erklärt auch die Reibungen. Streamer fühlen sich als eigentliche Wertschöpfer, kassieren aber wie Zulieferer, während Zuschauer sich als Gratis-Publikum sehen und trotzdem Daten und Aufmerksamkeit abgeben. Zwischen diesen Erwartungen und der realen Verteilung klafft eine Lücke, die immer wieder für Streit sorgt.
Die jüngste Ausweitung auf Trainingsdaten verschärft die Debatte. Zuschauer und Streamer liefern mit jedem Chat und jeder Aufnahme Rohstoff für Amazons KI, ohne dass dafür ein Cent fließt. Aus dem Produkt Aufmerksamkeit wird so zusätzlich das Produkt Datensatz.
Damit verschiebt sich die Antwort auf die Titelfrage. Produkt sind bei Twitch längst nicht mehr nur die Zuschauer, sondern ebenso die Streamer und ihre Aufnahmen. Beide Gruppen liefern den Rohstoff, aus dem die Plattform gleich mehrere Geschäfte speist.
Aus Sicht der Kreativen entsteht daraus eine unbequeme Wahrheit. Die Kreativen, die die Plattform groß machen, tragen das Risiko und halten am Ende oft den kleineren Teil des Ertrags. Dieses Muster kennen digitale Plattformen quer durch die Branche, vom Handel bis zum Fahrdienst, und Twitch bildet dabei keine Ausnahme.
- Streamer: liefern Programm und Risiko, kassieren den kleineren Teil.
- Zuschauer: zahlen mit Zeit, Geld und seit 2026 mit Daten.
- Marken und Amazon: buchen und verrechnen die Aufmerksamkeit gleich mehrfach.
Was kostet ein Abo wirklich, und wer trägt die Kosten?

Von einem Abo für 4,99 Euro sieht der Streamer im Standardfall nur die Hälfte, und selbst davon geht noch etwas ab. App-Store-Gebühren und Steuern schmälern den Anteil, bevor überhaupt eine Auszahlung erfolgt.
Der sichtbare Preis erzählt nur die halbe Geschichte. Beim klassischen Split teilen sich Streamer und Amazon das Abo hälftig, beim Partner-Plus-Programm verschiebt sich das Verhältnis auf 70 zu 30 zugunsten der Kreativen. Den besseren Schlüssel erreichen jedoch nur Kanäle, die feste Schwellen bei aktiven Abos und Zuschauerbindung erfüllen und diese Werte dauerhaft halten.
Zwischen den beiden Splits liegt für Kreative viel Geld. Bei tausend zahlenden Abonnenten bedeutet der Sprung von 50 auf 70 Prozent im Rechenbeispiel mehrere tausend Euro Unterschied pro Monat. Genau dieser Hebel macht das Partner-Plus-Programm zum begehrten Ziel, das viele Kanäle trotzdem nie erreichen.
Die Schwellen für bessere Konditionen wirken wie eine bewegliche Ziellinie. Twitch legt fest, wie viele aktive Abos ein Kanal halten muss, und kann diese Vorgaben anpassen. Kreative arbeiten damit auf ein Ziel hin, dessen Höhe am Ende die Plattform bestimmt.
Für die meisten Kanäle bleibt der bessere Split deshalb Theorie. Die große Mehrheit sendet unter der Schwelle und teilt jedes Abo hälftig mit Amazon, während nur eine Minderheit die günstigeren Bedingungen genießt. Das Modell belohnt damit vor allem jene, die ohnehin schon erfolgreich sind.
Diese Staffelung ist bewusst gewählt. Bessere Konditionen für die Spitze binden gerade die reichweitenstarken Kanäle, deren Abgang am meisten schmerzen würde. Die breite Masse dagegen bleibt auch beim schlechteren Split, weil ihr eine echte Alternative oft fehlt.
Standard-Split (die meisten Streamer)
Die Hälfte jedes Abos behält die Plattform. Vor der Auszahlung ziehen App-Store-Gebühren und Steuern zusätzlich an der Streamer-Hälfte.
Partner Plus (ausgewählte Kanäle)
Den besseren Schlüssel erreichen nur Kanäle, die feste Schwellen bei aktiven Abos und Bindung erfüllen. Für die große Mehrheit bleibt der 50-zu-50-Teiler.
Ein Abo über die Handy-App verteuert das Ganze zusätzlich. Apple und Google ziehen ihre eigene Provision auf den In-App-Kauf, weshalb ein über das Smartphone abgeschlossenes Abo mehr kostet als eines über den Browser. Diese Zusatzgebühr reicht die Plattform an die Zuschauer weiter, viele bemerken den Aufschlag gar nicht.
Ein zweiter versteckter Kostenträger ist der Kreative selbst. Technik, Strom, Grafiker für Emotes und die eigene Arbeitszeit tauchen in keiner Twitch-Abrechnung auf, schmälern aber den realen Verdienst deutlich. Was auf dem Papier nach hälftiger Teilung aussieht, fällt nach Abzug dieser Ausgaben für viele Kanäle noch magerer aus.
Die Prime-Abos verzerren die Rechnung zusätzlich. Für Zuschauer wirken diese Gratis-Abos wie ein Geschenk, dem Streamer bringen sie meist weniger ein als ein reguläres Abo. Amazon nutzt den Mechanismus vor allem, um Prime-Mitgliedschaften attraktiver zu machen, nicht um die Kreativen besonders reich zu machen.
Die folgende Tabelle zeigt, wie sich ein Standard-Abo über den Browser grob zusammensetzt. Die Werte sind gerundet und dienen der Veranschaulichung, weil die genauen Abzüge je nach Land und Zahlungsweg schwanken.
| Bestandteil | Anteil am 4,99-Euro-Abo | Wer profitiert |
|---|---|---|
| Anteil Amazon (Standard-Split) | rund 50 Prozent | Twitch und Konzern |
| Anteil Streamer (vor Abzügen) | rund 50 Prozent | Kreative |
| Zahlungs- und Plattformgebühren | wenige Prozentpunkte | Zahlungsdienstleister |
| Steuern und Abgaben | je nach Land | Fiskus |
Am Ende trägt die Kosten eine Mischung aus Zuschauern und Kreativen. Zuschauer zahlen den Listenpreis und bei mobilen Käufen den Aufschlag, Kreative tragen den Ertragsausfall aus dem Split und dem Steuerabzug. Die Plattform selbst sitzt in der komfortablen Mitte und kassiert an jedem Abo mit, unabhängig davon, wie erfolgreich der einzelne Kanal am Ende wirtschaftet.
- Split: vom 4,99-Euro-Abo bleibt dem Streamer im Standardfall die Hälfte.
- Mobil teurer: In-App-Käufe tragen die Provision von Apple und Google.
- Sichere Mitte: Amazon verdient an jedem Abo mit, unabhängig vom Kanalerfolg.
Wer profitiert und wer zahlt drauf?

Gewinner sind eine kleine Spitze aus Top-Kreativen, Amazon und den Werbepartnern. Verlierer ist die breite Masse der kleinen Kanäle, die viel senden und wenig verdienen, während die Plattform an jeder Stunde mitschneidet.
Die Verteilung folgt einem steilen Muster. Eine schmale Spitze bekannter Streamer zieht den Großteil der Zuschauerzeit, der Abos und der Werbeeinnahmen auf sich. Die lange Reihe der kleinen Kanäle teilt sich den Rest, oft für einen Stundenlohn, der jede nüchterne Kalkulation sprengt.
Amazon profitiert auf mehreren Ebenen zugleich. Der Konzern verdient an Werbung, Abos und Bits, füllt seine Cloud aus, bindet Prime-Kunden und füttert seit 2026 seine KI mit dem Material der Kreativen. Diese Mehrfachverwertung macht Twitch wertvoller, als die nackte Sparten-Bilanz vermuten lässt, und erklärt die Geduld des Konzerns mit einer defizitären Tochter.
Auch die Werbepartner zählen zu den Gewinnern. Marken erreichen über Twitch eine kaufkräftige, junge Zielgruppe, die im linearen Fernsehen kaum noch auftaucht, und zahlen dafür vergleichsweise effiziente Preise. Der Wert dieser Aufmerksamkeit steigt, je knapper das junge Publikum anderswo wird.
Der eigentliche Reiz für Marken liegt in der Interaktion. Zuschauer reagieren im Chat, feiern Produkte und übernehmen Empfehlungen ihrer Lieblingskanäle, was klassische Werbung selten schafft. Diese Nähe verwandelt Aufmerksamkeit in Kaufbereitschaft, und genau dafür zahlen Werbepartner gern.
Auf Twitch verdient Amazon mehrfach durch Werbung, Abo, Cloud und KI-Trainingsdaten an ein und demselben Stream.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Die folgende Übersicht ordnet, wer strukturell gewinnt und wer draufzahlt. Diese Aufstellung zeigt zugleich den Plattform-Fluch: der Eintritt ist leicht, der Ausstieg dagegen teuer, weil die aufgebaute Gemeinschaft an die Plattform gebunden bleibt.
| Rolle | Position | Ergebnis |
|---|---|---|
| Top-Kreative | Gewinner | hohe Reichweite, bessere Splits, Sponsorenverträge |
| Amazon | Gewinner | Werbung, Cloud, Prime-Bindung, Trainingsdaten |
| Werbetreibende | neutral bis Gewinner | Zugang zu junger, kaufkräftiger Zielgruppe |
| Kleine Kanäle | Verlierer | viel Aufwand, geringe Auszahlung, harte Konkurrenz |
| Zuschauer | Verlierer bei Daten | Werbung, Abo-Kosten, KI-Training per Voreinstellung |
Besonders bitter wirkt die Lage für die mittelgroßen Kanäle. Diese Gruppe investiert genug Zeit, um wie ein Vollzeitjob zu wirken, erreicht aber selten die Schwellen für bessere Konditionen. Zwischen Hobby und Beruf sitzt so eine breite Schicht, die den Aufwand trägt und die große Belohnung anderen überlässt.
Zu den stillen Verlierern zählt auch die Gesundheit vieler Kreativer. Der Zwang, möglichst lange und regelmäßig zu senden, führt zu Überlastung, denn jede Pause kostet Reichweite und Einnahmen. Diese Dauerbelastung taucht in keiner Bilanz auf, prägt aber den Alltag hinter den bunten Streams.
Am anderen Ende der Kette stehen die klaren Nutznießer. Sponsoren, Talent-Agenturen und Werbevermarkter verdienen an der Reichweite der Stars mit, ohne selbst senden zu müssen. Rund um die großen Kanäle ist so eine ganze Dienstleistungsschicht gewachsen, die vom Erfolg weniger lebt.
Unterm Strich verschiebt das Modell Wohlstand von vielen zu wenigen. Eine breite Basis liefert Inhalte und Aufmerksamkeit, eine schmale Spitze und der Konzern ernten den Großteil des Ertrags. Diese Schieflage ist kein Betriebsunfall, sondern die eingebaute Logik einer Aufmerksamkeitsplattform.
Wie politisch ist Twitch?

Politisch wird Twitch vor allem an drei Fronten: bei der Inhaltemoderation, beim Glücksspiel und neuerdings beim Umgang mit Nutzerdaten. Das KI-Training per Voreinstellung rückt die Plattform mitten in die europäische Datendebatte.
Als große Plattform fällt Twitch unter die Aufsicht des Digital Services Act der EU. Damit gelten Pflichten zur Moderation, zur Transparenz und zum Umgang mit rechtswidrigen Inhalten. Verstöße können teuer werden, weshalb der Konzern Moderation als dauerhaften Kostenblock einplant und ganze Teams für Sicherheit und Regeldurchsetzung beschäftigt.
Heikel bleibt das Thema Glücksspiel. Streams, in denen Kreative an Online-Casinos zocken, haben Twitch wiederholt Kritik eingebracht und zu Regeländerungen gezwungen. Die Plattform bewegt sich hier zwischen hohen Zuschauerzahlen und dem Risiko, junge Nutzer an Wetten heranzuführen, ein Spagat, der Aufsichtsbehörden regelmäßig auf den Plan ruft.
Die größte aktuelle Angriffsfläche ist das KI-Training. Ein Widerspruchsmodell, das fremde Inhalte standardmäßig verwertet, berührt in Europa die Datenschutz-Grundverordnung und die laufende Debatte um Urheberrechte an Trainingsdaten. Datenschützer dürften genau prüfen, ob eine stille Voreinstellung als wirksame Einwilligung durchgeht.
Dazu kommt die arbeitspolitische Seite. Der Stellenabbau bei Amazon traf auch Twitch, unter anderem Teams für Sicherheit und Vertrauen. Ein Konzern, der zugleich Kürzungen verkündet und die Datenverwertung ausweitet, liefert Kritikern eine offene Flanke, die weit über die Gaming-Nische hinausreicht.
Auch die Marktmacht selbst rückt ins Visier der Aufsicht. Eine Plattform, die über Jahre mehr als die Hälfte eines Marktes hält und zu einem der größten Digitalkonzerne gehört, weckt wettbewerbsrechtliche Fragen. Gerade in Brüssel steht die Verzahnung von Cloud, Werbenetz und Streaming unter besonderer Beobachtung.
- DSA: als große Plattform unter EU-Aufsicht mit Moderationspflichten.
- Glücksspiel: Casino-Streams bringen Reichweite und Regelkonflikte.
- Daten: das KI-Training per Voreinstellung fordert Datenschützer heraus.
Was könnte Twitch zu Fall bringen?

Die größten Risiken heißen Kick, YouTube und ein müder Konzern. Kick lockt mit einem 95-zu-5-Split, YouTube mit Reichweite, und Amazon könnte irgendwann die Geduld mit einer Sparte verlieren, die dauerhaft rote Zahlen schreibt.
Der aggressivste Angreifer ist Kick. Die Plattform, finanziell verknüpft mit dem Wettanbieter Stake, wirbt mit einem Schlüssel von 95 zu 5 zugunsten der Kreativen und wuchs 2025 kräftig. Ein so großzügiger Split setzt Twitch bei den Konditionen unter Druck, auch wenn Kicks Nähe zum Glücksspiel Fragen aufwirft und die Finanzierung Zweifel nährt.
Der zweite Angreifer ist YouTube. Google kann Live-Streaming mit dem größten Videoarchiv der Welt und einem etablierten Werbenetz verbinden. Für Kreative liegt der Reiz darin, Aufzeichnung und Live-Auftritt an einem Ort zu bündeln, statt das Publikum auf zwei Dienste zu verteilen. Ein einziger Kanal für Clips und Streams spart Arbeit und maximiert die Reichweite.
Das dritte Risiko sitzt im eigenen Konzern. Amazon hat Twitch lange mit Geduld getragen, doch der Stellenabbau zeigt die Grenzen dieser Nachsicht. Eine Sparte, die kaum Gewinn abwirft, muss ihren Wert über Cloud, Prime und Daten rechtfertigen, sobald die reine Bilanz nicht mehr überzeugt. Wie fragil solche Streaming-Rechnungen sind, zeigt der Blick darauf, wie sich das Streaming-Imperium von Netflix rechnet.
Ein vierter, leiser Faktor ist das KI-Training selbst. Sollte der Widerspruch gegen die Datenverwertung breit ausfallen oder eine Aufsichtsbehörde die Praxis stoppen, verlöre Amazon einen frisch erschlossenen Ertrag. Aus einer Chance könnte so ein Bumerang werden, der Vertrauen kostet, ohne dauerhaft Daten zu liefern.
Schwerer wiegt ein struktureller Wandel im Publikum. Jüngere Zuschauer springen zwischen Kurzvideo, Live-Stream und Spielen hin und her, ohne einer Plattform treu zu bleiben. Sollte diese Wanderlust zunehmen, verliert der Bindungseffekt seine Kraft, und die mühsam aufgebaute Treue wäre weniger wert als heute.
- Verdrängung: Kick und YouTube ziehen weiter Kreative und Zuschauerzeit ab.
- Konzern-Ungeduld: Amazon verlangt harte Gewinne oder baut die Sparte um.
- Datenrisiko: breiter Widerspruch oder Aufsicht stoppt das KI-Training.
Was bedeutet Twitch für deutsche Unternehmer und Verbraucher?

Für deutsche Streamer, Agenturen und Marken ändert das Jahr 2026 die Rechnung gleich mehrfach. Die Reichweite bleibt attraktiv, die Konditionen werden härter, und das KI-Training zwingt jeden Kanal zu einer bewussten Entscheidung.
Für deutsche Kreative bleibt Twitch der wichtigste Ort, um live ein Publikum aufzubauen. Der Standard-Split von 50 zu 50 macht das Senden allein aber selten lohnend, weshalb Sponsoring, eigene Produkte und Zweitplattformen an Bedeutung gewinnen. Ein Kanal auf mehreren Diensten verteilt das Risiko, das ein einzelner Anbieter sonst diktiert.
Für Marken und Agenturen ist die Plattform ein direkter Draht zu einer jungen Zielgruppe. Werbung im Stream und Kooperationen mit Kreativen erreichen Menschen, die klassisches Fernsehen kaum noch einschalten. Wichtig bleibt die Auswahl passender Kanäle, weil die Glaubwürdigkeit eines Streamers stärker wirkt als jede geschaltete Anzeige.
Das KI-Training verlangt eine aktive Reaktion. Streamer und Zuschauer, die ihre Inhalte nicht für Amazons KI freigeben wollen, müssen in den Sicherheitseinstellungen widersprechen. Für Unternehmen mit eigenen Markenkanälen wird diese Einstellung Teil der internen Vorgaben, damit sensibles Material nicht ungewollt ins Training fließt.
Praktisch heißt das: erst die Datenschutz-Einstellung prüfen, dann die Vertriebsstrategie. Kreative sollten ihre Einnahmen auf mehrere Säulen stellen, Marken die Streamer nach Passgenauigkeit statt nach reiner Reichweite auswählen. So bleibt Twitch ein wertvoller Kanal, ohne dass eine einzelne Plattform die ganze Existenz bestimmt.
Drei Szenarien zeichnen sich für die kommenden zwölf Monate ab. Optimistisch betrachtet bleibt Twitch der Reichweiten-Marktführer, und bessere Werkzeuge helfen Kreativen beim Verdienen. Realistisch drücken Kick und YouTube weiter auf die Konditionen, während die Datendebatte an Schärfe gewinnt. Pessimistisch verschreckt eine harte Datenpolitik Kreative, ohne der Plattform neue Stärke zu bringen. In allen drei Fällen gilt für deutsche Nutzer dieselbe Empfehlung: Reichweite mitnehmen, aber nie von einer einzigen Plattform abhängig machen.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe zu Twitch

ARPU
ARPU steht für den durchschnittlichen Umsatz je Nutzer. Die Kennzahl misst, wie viel Geld eine Plattform pro aktivem Zuschauer erwirtschaftet, und macht sichtbar, ob Wachstum bei den Nutzerzahlen auch mehr Ertrag bringt.
Bits
Bits sind Twitchs virtuelle Währung. Zuschauer kaufen die Bits vorab in Euro und setzen sie im Chat als sichtbaren Jubel ein. Die Plattform verdient am Verkauf, der Streamer erhält einen Cent je eingesetztem Bit.
Churn
Churn bezeichnet die Abwanderungsrate. Der Wert zeigt, welcher Anteil der Abonnenten in einem Zeitraum kündigt. Ein hoher Churn zwingt eine Plattform, ständig neue Abonnenten zu gewinnen, nur um den Bestand zu halten.
Concurrent Viewers
Concurrent Viewers meint die Zahl der gleichzeitig zusehenden Menschen. Diese Momentaufnahme entscheidet über Sichtbarkeit und Werbewert eines Kanals, weil viele parallele Zuschauer mehr Werbeplätze und mehr Bits bedeuten.
CPM
CPM steht für den Preis je tausend Werbeeinblendungen. Der Wert bestimmt, wie viel eine Marke für Reichweite zahlt. Ein hoher CPM in einer begehrten Zielgruppe hebt den Werbeertrag pro Zuschauerstunde deutlich an.
Hours Watched
Hours Watched summiert alle gesehenen Stunden auf einer Plattform. Die Kennzahl gilt als wichtigster Maßstab für Marktanteile im Live-Streaming, weil sie Reichweite und Verweildauer in einer Zahl bündelt.
Lock-in
Lock-in beschreibt die Bindung, die einen Wechsel teuer macht. Bei Twitch entsteht Lock-in dadurch, dass Kreative ihre Gemeinschaft, Abonnenten und Kanalpunkte nicht einfach zu einer anderen Plattform mitnehmen können.
Netzwerkeffekt
Netzwerkeffekt nennt man den Mechanismus, bei dem ein Dienst mit jedem weiteren Nutzer wertvoller wird. Zuschauer kommen wegen der Streamer, Streamer wegen der Zuschauer, und dieser Kreislauf festigt die Marktposition.
Partner-Programm
Partner-Programm heißt die Stufe für etablierte Kanäle mit besseren Verdienstmöglichkeiten. Das erweiterte Partner-Plus-Programm gewährt ausgewählten Kreativen einen günstigeren Abo-Split von 70 zu 30.
Prime-Sub
Prime-Sub bezeichnet das kostenlose Kanal-Abo, das Amazon-Prime-Kunden monatlich verschenken können. Der Konzern verrechnet diese Abos intern und nutzt sie, um Prime und Twitch aneinander zu binden.
Quersubventionierung
Quersubventionierung meint, dass eine Sparte bewusst wenig oder keinen Gewinn abwirft, um eine andere zu stärken. Bei Twitch stützen Prime-Abos und die konzerneigene Cloud das Gesamtmodell, ohne selbst hohe Marge zu bringen.
Take Rate
Take Rate ist der Anteil, den eine Plattform von jeder Transaktion einbehält. Bei Twitch beträgt die Take Rate beim Standard-Abo rund die Hälfte, im Partner-Plus-Programm sinkt sie auf etwa 30 Prozent.
FAQ: Twitch und sein Geschäftsmodell

Wie verdient Twitch sein Geld?
Twitch verdient vor allem an Werbung, an monatlichen Kanal-Abos und an der virtuellen Währung Bits. Beim Standard-Abo behält Amazon die Hälfte des Preises. Seit August 2026 kommt das Training von Amazons KI mit Streams, Ton und Chat als weitere, verdeckte Erlösquelle hinzu.
Wie viel bekommt ein Streamer von einem Abo?
Beim klassischen Split bleibt dem Streamer rund die Hälfte eines Abos, das etwa 4,99 Euro kostet. Davon gehen noch Zahlungsgebühren und Steuern ab. Ausgewählte Kanäle erreichen über das Partner-Plus-Programm einen besseren Schlüssel von 70 zu 30.
Was hat es mit dem KI-Training auf Twitch auf sich?
Seit dem 12. August 2026 nutzt Twitch Videos, Ton und Chat standardmäßig, um Amazons generative KI zu trainieren. Das Modell setzt auf Widerspruch, abschalten lässt sich der Zugriff nur in den Sicherheitseinstellungen. Twitchs eigene Sendungen sind vom Training ausgenommen.
Wem gehört Twitch?
Twitch gehört seit 2014 zu Amazon. Der Konzern kaufte die Plattform für rund 830 Millionen Euro und stach damit Google aus. Twitch läuft als Tochter innerhalb von Amazon und taucht in der Konzernbilanz nicht als eigene Position auf.
Ist Twitch profitabel?
Nach Branchenberichten schreibt Twitch bis heute rote Zahlen, obwohl der Umsatz nach Schätzungen über 1,5 Milliarden Euro liegt. Amazon rechtfertigt die Sparte über Cloud-Auslastung, Prime-Bindung und seit 2026 über die Trainingsdaten für die eigene KI.
Welche Konkurrenten bedrohen Twitch?
Die größten Herausforderer sind Kick und YouTube Gaming. Kick wirbt mit einem Split von 95 zu 5 zugunsten der Kreativen, YouTube mit Reichweite und Werbenetz. Twitchs Marktanteil sank von rund 71 Prozent im Jahr 2023 auf etwa 54 Prozent Mitte 2025.
Quellen
Amazon.com Inc. | Annual Report / Form 10-K 2024 | https://ir.aboutamazon.com | besucht am 27.08.2026
StreamsCharts | Live Streaming Platform Rankings, 2. Quartal 2025 | https://streamscharts.com | besucht am 27.08.2026
Twitch | Everything We Announced at TwitchCon Rotterdam 2026 | https://blog.twitch.tv/en/2026/05/30/everything-we-announced-at-twitchcon-rotterdam-2026/ | besucht am 27.08.2026
Twitch | Twitch Summer Drop Fest 2026 | https://blog.twitch.tv/en/2026/07/10/twitch-summer-drop-fest-2026/ | besucht am 27.08.2026
badgebase.de | Twitch Updates August 2026 | https://badgebase.de/blog/twitch-updates-august-2026/ | besucht am 27.08.2026
Europäische Zentralbank | Euro-Referenzkurs US-Dollar (1 EUR = 1,1662 USD) | https://www.ecb.europa.eu/stats/policy_and_exchange_rates/euro_reference_exchange_rates/ | Stichtag 25.08.2026