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Dieter Petereit 9. Dezember 2008

wpSLEEP, Plugin zur Textmanipulation

Kein Beitragsbild

Schon als mir wpSLEEP zum ersten Mal begegnete, konnte ich mich eines unguten Gefühles nicht erwehren. Dabei ist das Plugin als solches zunächst einmal gar nicht so offensichtlich böse, der Entwickler ist es mit Sicherheit schon gleich gar nicht und meint es doch nur gut. Nehme ich an…

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wpSLEEP denkt den Gedanken des zeitgesteuerten Veröffentlichens zu Ende. Bereits in der Standard-Installation ist es mit WordPress möglich, Beiträge auf Termin zu legen, um sie zu einem definierten Zeitpunkt öffentlich sichtbar werden zu lassen. So überbrückt der Blogger Kurzurlaube oder sorgt für einen kontinuierlichen Beitragsflow. Auch in der Öffentlichkeitsarbeit ist das termingesteuerte Veröffentlichen gang und gäbe. Die meisten mir bekannten Profi-CMS bieten an, dem Beitrag auch gleich noch ein Verfallsdatum mitzugeben. So kann man nicht nur steuern, wann etwas online, sondern auch, wann es wieder offline geht. Diese Vorgehensweise bietet sich mindestens bei Beiträgen an, die nach einem bestimmten Termin einfach die Grundlage verlieren, wie etwa Veranstaltungshinweise. So weit, so gut.

wpSLEEP ist ähnlich, aber doch ganz anders. Denn wpSLEEP kann die Zeitsteuerung für einzelne Teile eines Beitrages leisten. Mit dem Plugin ist es also möglich, Textabsätze innerhalb eines Gesamtzusammenhangs nach Belieben des Autoren jederzeit verschwinden und genauso wieder einblenden zu lassen. Der Entwickler sieht einen Nutzen beispielsweise in der Verwaltung von Werbung. Abgesehen davon, dass es gerade für Werbung natürlich spezialisiertere Lösungen gibt, könnte man diesen Einsatzzweck ja noch gut heißen.

Fakt ist aber, dass das willkürliche Ein- und Ausblenden von Inhalten eben auch mit Texten funktioniert. Und an diesem Punkt ist die Fragestellung für mich nicht mehr ausschließlich eine technische. Hier muss man sich die Frage nach der Verlässlichkeit eines Mediums stellen. Ist das, was ich eben gelesen habe, in fünf Minuten noch dasselbe? Kommentiere ich hier ein Phantom? Verlinke ich auf einen vermeintlich harmlosen Inhalt, der sich heute Abend per Automatik radikalisieren wird?

Natürlich kann man einwenden, dass derjenige, der seine Texte nachträglich bis zur Unkenntlichkeit verfälschen will, das auch ohne wpSLEEP erledigen kann. Es ist immerhin nur eine Frage des Aufwands. Andererseits habe ich die Erfahrung gemacht, dass es häufig genug die technischen Vereinfachungen sind, die bestimmte Vorgänge fördern, respektive überhaupt erst entstehen lassen, frei nach dem Motto „Gelegenheit macht Diebe“.

Man mag mich altmodisch nennen, aber ich lege Wert darauf, dass das Gesagte, respektive Geschriebene Gültigkeit besitzt. Ich nehme Dinge, die jemand äußert, grundsätzlich ernst und gehe davon aus, dass es das Gegenüber auch so gemeint hat. wpSLEEP finde ich in diesem Sinne latent bedrohlich, weil es eben diese Verlässlichkeit untergraben kann. Man wird einwenden, dass der Entwickler solches nicht vorhergesehen hat, solches auch im Grunde ausgeschlossen ist und ich lediglich in einer gewissen Paranoia übertreibe. Mag sein, dass das heute und morgen gilt.

Es hat sich jedoch bislang noch immer bewahrheitet, dass die Erosion moralischer Werte schleichend vonstatten geht. Wir mögen heutzutage sogar noch einen weitgehenden Konsens darüber erreichen, was man tun darf und was nicht, was Netiquette ist. Haben Techniken wie wpSLEEP aber erst einmal ein paar Jahre, meinetwegen Jahrzehnte am Markt gewirkt, nimmt die Sensibilität für das potenzielle Unrecht schrittweise ab. Wenn dann jeder nach Belieben Textteile ein- und ausblendet und Beiträge im Stundentakt völlig neue Bedeutungen erhalten, wird man sich zurücksehnen nach einer Zeit, in der es noch Printmedien gab. Denn ein Absatz in einer Zeitung ist verlässlich. Man kann ihn noch in hundert Jahren belegbar zitieren.

Das Internet steckt jetzt schon in einer Glaubwürdigkeitskrise. Software wie wpSLEEP wird sie noch verschärfen. ™

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design.

11 Kommentare

  1. Es kommt halt drauf an, was man mit Tools macht. Es ist wie mit einem Messer: die einen Schneiden damit Brot, die anderen verwenden es als Waffe.
    Allerdings wurde Dynamit auch nicht für kriegerische Zwecke von Alfred Nobel entwickelt.

    Es sollte halt jeder selbst entscheiden, welchen Seiten er vertraut ergo welchen Inhalten man vertraut.

    {OT}
    Ein größeres Problem sehe ich dagegen im inflationären und unreflektiertem Gebrauch von Fachinformationen aus fraglichen Quellen wie Wikipedia.
    {/OT}

  2. Ich finde das alles nicht tragisch. Bei meinem CMS kann man mit Bedinugnen arbeiten. Also z.B:
    {if=“today>12.12.2008″}Hier bin ich{end}
    Das nutze ich relativ oft, natürlich weniger in Artikeln, aber für Hinweise, die einfach erst zu einem Zeitpunkt erscheinen und auch wieder verschwinden sollen. Bei einem Gewinnspiel-Artikel könnte man gleich einen Hinweis einbauen, wenn die Zeit rum ist. Dann vergisst man das schon mal wieder nicht.

  3. Ich sehe das Problem, wie Du aber schon selbst schreibst: die Inhalte im Netz ändern sich ständig und jeder Betreiber kann seine Seite innerhalb kurzer Zeit auf irgendetwas radikales umschalten, so er denn will. Ob dieses Plugin das nun fördert oder nicht, die Gefahr wird nicht wirklich erhöht. Ich würde eher den Verdacht hegen, dass es Einsatz in der Black-Hat-SEO findet.

    Ich sehe den Vorteil aber vor allem in der Verwendung mit zeitlich beschränkten Lizenzen von Bildern. Oder dem Problem des Zitierens von Video und Audiomaterial auf welches nach wenigen Tagen schon die GEMA Gebühren verlangt.
    Dafür standen bisher keine Möglichkeiten zur Verfügung und meines Wissens ist das auch in großen CMS nicht so einfach vorhanden.

  4. @all (außer Jochen ;-)): Medienkritisch sein, bedeutet auch kritisch gegenüber dem zu sein, was Medien technisch leisten können. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte werden technische Möglichkeiten zu Zwecken missbraucht werden, zu denen sie nicht geschaffen wurden. Insofern @Sergej will ich die technischen Vorzüge nicht herabwürdigen, ebenso wenig aber die kritische Perspektive. Und da wpSleep ansonsten einhellig gelobt wird im Web 2.0, habe ich mir erlaubt, in diesem Beitrag eine kritische Entwicklung daran zu hängen ;-)

  5. Dieter, du hast dein „1984“ aber sehr gründlich inhaliert und fürchtest, das „Ministerium für Wahrheit“ könnte nun endlich auch mit WordPress arbeiten?

    Ehrlich gesagt scheint mir das Risiko sehr überschaubar. Leute mit böser Absicht haben wahrscheinlich auch ohne wpSLEEP schon bislang wenig Hindernisse verspürt, die Wahrheit zu formen. Und zu guter Letzt haben wir ja immer noch archive.org.

  6. Dieter du hast schon recht. Auch wenn meine Vorredner von dem Problem ablenken wollen, erlebt es jeder von uns bei Recherchen andauernd, das Artikel verschwinden oder noch übler plötzlich neue Inhalte oder Überschriften haben.

    Häufig passiert aber das gerade bei Onlineangeboten von Qualitätsmedien und Qualitätsjournalisten aus dem Totholzbereich. Die sind es ja gewohnt, dass ihr Erguss von gestern, heute auf dem Klo hängt, oder Fisch und Chips beinhaltet.

    Allerdings hat das ganze ein Gutes. Es schärft die Sinne. Eine ganz neue Methode ist übrigens auch, in den Titeln für die Suchmaschinen schärfere Formulierungen zu wählen als im eigentlichen Text. Teilweise haben die Titel gar nichts mehr mit dem Text zu tun.

    Qualität wird sich aber auch da letztendlich durchsetzen. Die Leute rennen den falschen Propheten doch schon jetzt weg. Allerdings wird auch Duckhome in Zukunft immer Namen nennen und solche Vorkommnisse veröffentlichen.

  7. Mir will sich nicht erschließen, wie man in eine Sinnkrise wegen eines WP-Plugins verfallen kann.

  8. Vielen Dank l8a

    Ach ja, wo ich’s jetzt gerade sehe Dieter, deaktiviert mal ganz schnell das Plugin, das den Kommentatoren erlaubt 30 Minuten nach veröffentlichen des Beitrages noch den Kommentar zu bearbeiten.

    Wie du schon sagtest: „Hier muss man sich die Frage nach der Verlässlichkeit eines Mediums stellen. Ist das, was ich eben gelesen habe, in fünf Minuten noch dasselbe? Kommentiere ich hier ein Phantom?“

  9. #2 Gut Gesprochen

  10. Hmmm… ja, sorry aber ich muss mal kurz schmunzeln. Also die moralischen Aspekte versteh ich ja, aber wie schon der Sergej sagt, viele Neuerungen haben seine 2 Seiten.

    Ich habe das Plugin seit einigen Wochen in einem Projekt im Einsatz, das Beiträge erst vollständig zeigt wenn die Printausgabe 1 Monat alt ist. Für mich unabdinglich für dieses Projekt.

    Also wenn ein Blogger seinen Text im nachhinein mit oder ohne wpSLEEP ändert ohne den original Text durchzustreichen dann verliert er sowieso früher oder später seine Glaubwürdigkeit.

    Wenn du das Plugin schon so verurteilst sollten wir auch RSS Feed verurteilen, dadurch wird Inhalt von anderen Webseiten sehr einfach gestohlen. Ja sogar das Internet müssen wir verteufeln, ohne das es keine Hacker auf Bankkonten oder Firmennetzwerken gäbe.

    Ganz zu schweigen vom Peer-to-Peer System, der illegale Musik- und Filmetausch fördert. ;)

    Die Liste der Kehrseite einer Medaille könnte ganz schön weit ausgeschweift werden und die betrifft sicherlich noch ganz andere Plugins z.B. das WP-Print von Lesterchan, durch das Plugin werden doch glatt zig Tonnen an Papier verbraucht, weil es durch das Plugin einfacher ist die Seite einfach auszudrucken und auf Papier zu lesen anstatt am Bildschirm. Was für eine Umweltverschmutzung! ;)

    Ist jetzt nicht böse gemeint, aber deine Überlegung fand ich schon witzig. Danke für den Spaß am späten Abend. :)

  11. wpSLEEP soll eigentlich mehr Dynamik in den statischen Artikeltext bringen. Nicht mehr und nicht weniger. Eine Medaille hat (fast immer) zwei Seiten und nur weil es auch eine dunklere Seite gibt, sollte man die goldene, vorteilhafte Seite nicht verbergen.

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