Wir sind alle Schüler: ein Interview mit Designer und Podcaster Tim Smith

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Timothy B. Smith, besser bekannt als Tim Smith, ist seit Jahren ein stimmgewaltiger Teil der Design-Community. Bekannt wurde er nicht nur durch die vielen Blogs und andere Projekte, deren meist maßgeblicher Teil er war, sondern auch als die Stimme hinter dem bekannten Podcast The East Wing, der sich an Designer und Entwickler richtet. Sein Enthusiasmus und sein tiefer Einblick in die Branche machen ihn zu einem Aktivposten der Community, aber darüber hinaus auch zu einer Insprirations-Ikone für all diejenigen, die im sich stetig verändernden Feld des Designs danach suchen.

Wer ist? Mehr Interviews.

Tim war kürzlich so freundlich, einmal auf die Seite des Befragten zu wechseln und, trotz seiner engen Zeitpläne, ein bisschen Zeit für uns zu reservieren, um ein paar Fragen zu beantworten.

Unser Interview mit Timothy B. Smith

Tim, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, uns ein paar Fragen zu beantworten. Wärst du so freundlich, dich unseren Lesern kurz vorzustellen?

Danke dir! Ich fühle mich geehrt! Mein Name ist Tim Smith und ich bin Designer, Redner und Kaffeesüchtiger. Ich betreibe außerdem einen kleinen Podcast namens The East Wing. Hier spreche ich über Design mit vielen, sehr schlauen Leuten

Welche Personen inspirieren dich und dein Design?

Oh, das ist immer wieder eine schwere Frage. Da gibt es so viele. Zunächst einmal würde ich sagen, jeder, der mit mir schon einmal bei The East Wing gesprochen hat oder noch sprechen wird. Als da wären Carl Smith, Jason Van Lue, Tim Van Damme, Janna Hagan, Aarron Walter und viele weitere clevere Leute. Mich inspiriert die Art, wie sie denken. Sie helfen mir, Projekte und Designs aus einer ganz anderen Perspektive anzugehen, ohne dabei den Fokus auf Details zu verlieren, sowie stets im Hinterkopf zu behalten, dass ich hier Designs für Menschen mache. Ihre große Erfahrung ist für meine Design-Projekte extrem wichtig.

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Du bist seit Jahren ein aktiver Designer und Teil der Community, was sind deiner Meinung nach die besten, aber auch die schlimmsten Entwicklungen in diesem Bereich, seit deinem ersten Eintauchen in die Materie?

Ich würde sagen, meistenteils handelt es sich um großartige Entwicklungen. Ich freue mich, dass Design heutzutage nicht mehr als bloße Dekoration gesehen wird und dass wir Designer gleichsam gezwungen wurden, Probleme zu erkennen und zu lösen, persönliche und wirtschaftliche Ziele zu erreichen und Designs zu entwickeln, die diese Zeile erreichen helfen. Dadurch fanden wir neue Ideen und Herangehensweisen, etwa das responsive Webdesign, Entwicklungen für mobile Endgeräte oder das Einbringen emotionaler Aspekte in das Design. All diese Entwicklungen entstammen dem Wissen, dass unsere Aufgabe viel weiter geht, als bloß Dinge hübsch aussehen zu lassen. Wir wollen moderne Websites erstellen, die funktional, zugänglich und lebendig sind. Im Rahmen dieses Fortschritts habe ich viel über die Art nachgedacht, wie konstruktive Kritik geäußert werden sollte und wo sie hinführt. In The East Wing habe ich das Thema ausführlich mit Aaron Irrizary und Adam Connor besprochen.

Wenn man deine Vorliebe für das Radio in Betracht zieht, so ist The East Wing eigentlich nur ein logischer Schritt auf deinem Weg nach vorn. Wie bist du auf die Idee für den Podcast gekommen?

Na ja, einen Podcast wollte ich schon desöfteren starten. Bereits zwei Mal war ich daran gescheitert, aber wenn ich jetzt auf diese Zeit zurückschaue, bin ich froh, dass alles so gelaufen ist. So war ich gezwungen, lange über eine solide Idee nachzusinnen. Der jetzige Podcast ist das Ergebnis meiner Bemühungen, mich stärker fortzubilden. Dann erkannte ich, dass es so viele schlaue Leute mit schlauen Projekten in unserer Branche gibt, mit denen ich unbedingt sprechen wollte. Mein Ansatz war, mich nicht als Experten, sondern mehr als Schüler zu sehen. Ich liebe es, von den Kenntnissen meiner Gäste zu profitieren und es freut mich riesig, zu sehen, dass meine Hörer so großen Spaß an der Sendung haben, dass sie sie jede Woche wieder einschalten. Dafür bin ich den Hörern wirklich sehr dankbar.

Wie gehst du an so einen Podcast heran? Entstammt die Idee für jede Episode der Riege der Gäste, die du jeweils hast oder suchst du dir die Riege der Gäste auf der Basis einer zugrunde liegenden Idee aus?

Kommt darauf an. Manchmal möchte ich ein bestimmtes Thema anpacken. Dann suche ich mir eine oder mehrere Personen, von denen ich weiß, dass sie dieses Thema total beherrschen. Ein anderes Mal möchte ich einfach eine bestimmte Person näher kennen lernen, von der ich schon viel gehört oder gesehen habe, was mich beeindruckt hat. Meistens lasse ich meine Gäste einfach reden. Sie sind es schließlich, um die es geht. Jeder hat eine Leidenschaft für irgendwas, du musst sie nur erkennen und aus ihnen rauskitzeln.

Der Designprozess besteht aus vielen Stufen. Welche ist aus deiner Sicht die wichtigste und warum?

Das ist schwierig. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen “jede” und das ist sicher wahr. Immerhin kannst du deinen Job nicht erledigen, wenn du Stufen auslässt. Allerdings scheint mir häufig der Teil der Nutzererfahrung stiefmütterlich behandelt zu werden. Leider sind manche Designer der Auffassung, die Nutzererfahrung sei nicht ihre Aufgabe, sondern die eines spezialisierten “UX-Designers”. Ich halte das für falsch. Wireframing, Nutzertests, Informationsarchitektur und überhaupt alles, was eine Website ausmacht, sind Dinge, in die ein Designer involviert sein sollte und an denen er aktiv mitarbeiten muss. Diese Stufe des Gesamtprozesses kann über Erfolg oder Misserfolg eines ganzen Projektes entscheiden. Ich finde beispielsweise Wireframing so wichtig, dass ich sogar einen Artikel darüber schrieb.

Was ist aus deiner Sicht die größte Stärke der Design-Branche? Was macht sie wirklich aus?

Die Community. Obwohl es dort, wie überall, auch Idioten gibt, kann ich sagen, noch nie zuvor eine so freundliche und hilfsbereite Gruppe Menschen getroffen zu haben. Ich hätte so viele Dinge auf die ganz harte Tour lernen müssen, wenn ich nicht so eine offene Unterstützung aus der Community gehabt hätte. Sogar in meinen damals noch jungen und völlig unbekannten Podcast The East Wing kamen die Gästen bereitwillig und ohne zu zögern. Ich hatte noch nicht einmal eine einzige Episode veröffentlicht, aber bereits 7 Gäste in der Hinterhand.

Gut, dann frage ich anders herum. Was sind die größten Nachteile, Hemmschuhe oder sonstige Widrigkeiten der Branche?

Ich denke, ganz klar, der Mangel der Fähigkeit zu konstruktiver Kritik. Da müssen wir uns dringend verbessern. Es ist meistens schwarz oder weiß. Entweder alle lieben es oder alle hassen es. Das hilft nicht. Auch “Gut gemacht”, “Super” und andere Floskeln helfen Designern nicht, besser zu werden. Natürlich gilt das auch für “Mann, ist das hässlich”. Ich denke, wir sollten uns gegenseitig mit solider und nachvollziehbarer Kritik helfen und dabei niemanden ins Lächerliche ziehen. Dann machen wir unsere Gemeinschaft stärker und davon profitiert jeder einzelne.

Du arbeitest gerade an einem Projekt, das helfen soll, mehr Wissen zu Drupal zu vermitteln. Das erscheint auf den ersten Blick merkwürdig, wo doch WordPress nahe an einem Markt-Monopol zu sein scheint. Was sind denn so entscheidende Vorteile von Drupal, die der durchschnittliche Entwickler vielleicht übersieht?

Nein, das verstehst du falsch. Bei Lullabot, wo ich arbeitete, waren wir es gewohnt, komplexe redaktionelle Probleme in einen Workflow zu bringen. Dabei ging es zumeist um große Unternehmen mit einem Stab an Autoren, Redakteuren, Managern und natürlich dem Chefredakteur. Solche Prozesse kann Drupal wirklich extrem gut abbilden und, im Gegensatz zur landläufigen Meinung, skaliert es auch sehr gut. Lullabot realisiert seit nunmehr vier Jahren die Grammy-Website mit dem System und es war nicht ein einziges Mal überlastet während der Veranstaltungsnacht. Wie ich es sehe, sind WordPress und Drupal nur Werkzeuge. Es kommt auf das konkrete Projekt an, welches davon zur Anwendung kommen sollte.

Es wird ja oft behauptet, man lerne jeden Tag etwas neues. Was hast du kürzlich gelernt, dass deinen Arbeitsablauf oder sogar deine ganze Methodik nachhaltig beeinflusst hat?

Fireworks und “box-sizing: border-box;”. Das hat mich komplett umgehauen. Ich verwende Fireworks aufgrund eines Tipps meines alten Kumpels Jared Ponchot seit längerem für das Wireframing. Es ist sehr schnell und lässt deine Wireframes nicht so bescheiden aussehen, wie das etwa OmniGraffle tut. Aber der andere Tipp hat mir echt weiter geholfen, da ich es hasse, wenn ich Abstände manuell kalkulieren muss. Ich hasse Rechnerei im Allgemeinen. Da ist der Fireworks-Tipp ein echter Zeitsparer.

Wenn wir schon vom Lernen sprechen. Welche Erkenntnis wünschtest du dir gehabt zu haben, bevor du dich in die Webdesign-Branche begeben hast?

Zunächst einmal wäre ich froh gewesen, wenn es den Student’s Guide to Web Design schon gegeben hätte, als ich noch Schüler war. Grundsätzlich sollte man sich selbst, seinen Fähigkeiten und seinem Status gegenüber immer ehrlich sein. Es ist keine Schande, einzuräumen, dass man noch Schüler ist und gerade erst beginnt. Wir sind alle Schüler. Wenn wir diesen permanenten Hunger auf neues Wissen verlieren, wird das Netz uns zurücklassen. Sprecht mit Menschen. Wenn Ihr dieses Interview mögt, dann sprecht mit mir.Ich helfe immer gern bei Fragen oder Problemen.

Auf der Basis deiner langjährigen Erfahrung, was erwartest du für die Zukunft des Web?

Es freut mich sehr, dass dem mobilen Webdesign imnmer mehr Beachtung geschenkt wird. Dabei geschieht das gar nicht so proaktiv von unserer Seite, vielmehr erwartet es der Endnutzer. So sind wir zwar alle an Bord, dennoch erwarte ich von der Community hier mehr. Es fehlt an innovativen Lösungen, aber es ist auch ein riesiger gemeinschaftlicher Lernprozess. Wir werden noch herausfinden, wie wir Content organisieren müssen, um ihn schnell und zuverlässig an die diversen Clients auszuliefern, die ihn nachfragen.

Wo wir von Zukunft reden, was dürfen wir denn von dir in der Zukunft erwarten?

Das ist eine gute Frage. Ich möchte ein besserer Designer werden. Dann würde ich mich freuen, wenn ich hilfreicher für andere würde. Das kann über meinen Podcast geschehen oder indem ich meine Rednertätigkeit auf den diversen Konferenzen ausbaue. Darüber hinaus schreibe ich sehr gern. Es dürfte dir inzwischen aufgefallen sein, dass ich sehr gerne rede. Und alles andere wird die Zeit bringen. Warten wir’s ab.

Danke für das Interview, Tim, und alles Gute für die Zukunft. Wir werden deinen Weg im Auge behalten.

Keine Ursache. Euch auch alles Gute.

Das war unser Interview mit Tim Smith. Wenn Sie mehr über und von ihm wissen wollen, sollten Sie seine Blogs Timothy B Smith und Tim Likes to Write lesen, oder den Podcast The East Wing abonnieren. Was halten Sie von Tims Thesen und Einblicken?

(Interviewer: Robert Bowen)

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

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1 Kommentar auf "Wir sind alle Schüler: ein Interview mit Designer und Podcaster Tim Smith"

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pascal.k
Gast

Danke, wieder ein paar tolle Links dabei. Schönes Interview. Ich lese immer wieder gerne, was du uns präsentierst.

PS.: “… Webdesign imnmer mehr …”

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