Dieter Petereit 4. Oktober 2018

Von wegen beschissen: Gutes UX-Design am Beispiel der Toilette

Der Gang zur Toilette ist zielorientiert, aufgabenfokussiert und bisweilen zeitkritisch. Nun liegt der moderne Lokus mittlerweile schon in Version 987 vor, was eine gewisse Produktreife verspricht. Damit sollte das Klo an sich ein Musterbeispiel guter UX sein.

Das Prinzip guten UX-Designs lässt sich mit Einstein definieren: „Mach die Dinge so einfach wie möglich, aber nicht einfacher.” Wir sollten davon ausgehen dürfen, dass Objekte alltäglicher Nutzung nach eben diesem Prinzip konstruiert wurden. In manchen Fällen wird das stimmen, sogar ganz ohne dabei den Gesichtspunkt der UX auch nur im Sinn gehabt zu haben.

Nachdem ich dir UX bereits am Beispiel der Banane gezeigt habe, schauen wir heute gemeinsam mit dem UX-Designer Chris How auf die Erkenntnisse, die wir durch den Besuch einer Toilette erhalten können.

Chris How befasst sich schon seit Jahren mit UX und Toiletten. Letzteres dürften wir alle auf der ein oder anderen Ebene mit ihm gemeinsam haben. Der Unterschied wird darin bestehen, dass Chris nicht einfach nur das Klo zweckgemäß besucht, sondern dabei stets mit einem professionellen Auge und anderen Körperteilen das Gesamterlebnis erfasst und evaluiert.

Klopapier allein ist nur die halbe Miete. (Foto: Depositphotos)

Schon im Jahr 2013 hielt How eine Session beim UX-Barcamp Brighton, die sich sehr ausführlich damit befasste, wie gutes, aber auch schlechtes UX-Design bei Wasserspülern aussehen kann und welche Auswirkungen das jeweils hat. Einige Jahre später hat sich an der Ist-Situation nicht viel verändert. In der unten in den Quellen verlinkten Slideshare-Präsentation zeigt Chris einige wirklich haarsträubende Beispiele schlechten Toilettendesigns.

Schauen wir auf das Positive, extrahiert Chris sechs Lektionen, die wir uns für unser eigenes UX-Design auf die Klorolle schreiben sollten:

Löse Probleme und erschaffe keine neuen

Gutes UX-Design befasst sich naturgemäß mit der Lösung von Problemen. Dabei geht es nicht bloß darum, irgendeine, sondern die bestmögliche, einfachste Lösung zu erschaffen. Schwer vorstellbar, dass die Toilette in diesem Zusammenhang ein schlechtes Beispiel sein soll.

Tatsächlich aber gibt es sie, die Waschbecken, die aussehen wie Urinale oder die Urinale, die über keinen Auslösungsmechanismus verfügen, aber auch nicht von selber auslösen oder die Toiletten, die so nah hinter der nach außen öffnenden Klotür stehen, dass man sich nicht drauf setzen kann.

Lektionen: Beachte den erwarteten Nutzungskontext. Sei nicht innovativ, sondern bleibe bei Bewährtem. Gib dem Umfeld Raum. Achte darauf, dass deine Problemlösung keine neuen Probleme schafft.

Arbeite mit dem Faktor Mensch

Am Flughafen Schiphol in Amsterdam wurde die Idee geboren, Bilder von Fliegen ins Urinal zu kleben. Heute würde man es wahrscheinlich als Gamification verkaufen, aber auch ohne dieses Buzzword bereits zu haben, half die Maßnahme, die Fehlbefüllungsquote um 80 Prozent zu reduzieren. Die Menschen waren anscheinend durch die Fliegenbilder motivierter, ins Klo, statt daneben zu pinkeln. Frag mich jetzt nicht, wieso es überhaupt Leute gibt, die neben das Urinal statt hinein pinkeln. Da fallen mir nur unfreundliche Begründungen ein.

Die Fortentwicklung des Konzeptes ist mir letztens untergekommen. Es handelt sich um ein kleines Tor mit einem davor hängenden Ball, den man durch gezielte Bestrahlung ein ums andere Mal ins Tor schießen musste oder konnte oder durfte, mindestens sollte. Da wird einem regelrecht warm ums Stürmerherz und andere Gegenden.

Originalgetreue Nachbildung einer Elfmetersituation, komplett mit Kunstrasen. (Foto: D. Petereit)

Lektion: Arbeite mit dem Faktor Mensch, auch wenn du dafür fragwürdige Vorannahmen treffen musst. Spielerische Ansätze funktionieren praktisch immer.

Achte auf einfache Interaktionsmöglichkeiten

Wenn die Verriegelung der Klotür eine Aufgabe ist, die einem Intelligenztest gleicht, dann ist was faul im Staate UX-Design. Ältere Toiletten stellen uns indes recht häufig auf die Probe, wenn es darum geht, zu erkennen, wie man denn nun den alten Bekannten zum Verschwinden bringen kann, sprich: wo der Abspülmechanismus sitzt und wie er funktioniert.

Gerade bei Objekten, bei denen eine multinationale Benutzung zu erwarten ist, muss jede erforderliche Interaktion möglichst ohne zusätzliche Erläuterungen oder Hinweise auskommen. Wenn ein Schild erforderlich wird, um zu erklären, was der Toilettenbenutzer nun zu tun hat, dann ist das UX-Design schief gelaufen.

Lektion: Je einfacher das Nutzungsobjekt ist, desto einfacher muss die Interaktion damit sein. Dabei ist intuitive Bedienung das Ziel.

Kommuniziere, ohne zu verwirren

Ganz ohne Hinweise kommt das Klo nicht aus, denn vor die Benutzung haben die Götter das Betreten des richtigen Raumes gesetzt. Gerade bei der Beschilderung der Türen erlebt man bisweilen die tollsten Dinger. Da unterscheiden sich Männer- und Frauenklo schon mal dadurch, dass der Mann bei ansonsten völlig gleicher Optik einen Hut auf hat oder muskulöser wirkt.

Ist das das Symbol für Damen oder eine kugelgelagerte Pipette? Da hilft nur Kontext. (Foto: Depositphotos)

Letzten Samstag besuchte ich eine Gaststätte, da war das Damenklo mit der Karikatur eines Hasen, das Herrenklo mit der Karikatur eines Fuchses gekennzeichnet. Ich habe ganz vorsichtig die Tür mit dem Fuchs-Cartoon geöffnet, durch den Türspalt Urinale erspäht und war verhältnismäßig sicher, am richtigen Ort zu sein. Die Beschilderung jedoch ist unbrauchbar.

Bedenken wir, dass das Aufsuchen der Toilette in manchen Situation äußerst zeitkritisch ist, kann eine eindeutige Beschilderung durchaus den Unterschied zwischen nasser und trockener Hose bedeuten. Noch schlimmere Auswirkungen will ich gar nicht skizzieren.

Lektion: Sei bloß nicht kreativ, wenn es um die Symbolisierung etablierter Unterschiede geht. Auch wenn dein Restaurant „Zum Bären” heißt, ist es keine gute Idee, diesen Namen piktografisch an der Klotür zu reflektieren. Oder genereller: Verwende eine etablierte Symbolsprache, wie du sie etwa beim Noun Project findest.

Übertreibe es nicht mit der Technik

Unsere japanischen Mitmenschen lieben Technik, und das auch auf dem Klo. Beheizbare Brillen, Duschvorrichtungen für den Anus, Apps für das Quantified Self in Sachen Fäkalausstoß und vieles mehr, sind im Land der aufgehenden Sonne beliebte Features beim Toilettengang. Damit einher geht natürlich ein erhöhter Erklärungsbedarf, denn so ein Örtchen braucht eine Menge Knöpfchen, Symbole und Zeit seitens des Benutzers.

In Japan verlangt dir der Toilettengang einige Skills ab. (Foto: Depositphotos)

Kann sich der potenzielle Toilettenbesucher nun frei dafür entscheiden, mit solcher Featuritis konfrontiert zu werden, ist alles in Ordnung. Dann wird er sich das Klo in sein Badezimmer einbauen lassen und bereit sein, eine mehrwöchige Einarbeitungszeit zu akzeptieren. Den erforderlichen zeitlichen Mehraufwand wird er verständigerweise in seine körperhygienischen Prozesse einplanen.

Ist das Klo aber für die Allgemeinnutzung konzipiert, braucht es ein weitaus einfacheres Design. Die Faustregel ist, dass das minimal mögliche Featureset auch das maximal anzustrebende sein sollte, solange es ausreicht, das zu lösende Problem tatsächlich zu lösen. Im UI-Design sieht man schlechte Beispiel zuhauf. Buttons, die sich nach dem Klick auflösen und unnötig Zeit verbrauchen. Fortschrittsanzeigen, die neben dem Fortschritt auch noch das aktuelle Wetter und die politische Lage anzeigen – alles unnötig. Das mag zwar des Entwicklers Selbstbild stärken, der Nutzer wird es aber nicht danken.

Lektion: Technik ist ein Mittel zum Zweck. Nutze sie nur im Rahmen des Erforderlichen.

Nimm dir Zeit zum Nachdenken

Schnelle Ergebnisse kennt jeder Soldat der alten Schule unter dem beliebten Bundeswehr-Slogan „Schnell – zackig – falsch”, der es erstaunlicherweise nie in den Rang einer offiziellen Lesart geschafft hat, aber dennoch in aller Munde war.

Für den Fall, dass du dazu neigst, dir auf die Schuhe zu pinkeln, bietet dir dieser Toilettenbetreiber solide Holzlatschen nebst Fußreinigungsmöglichkeiten. Toll! (Foto: Depositphotos)

In diesem Sinne ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen, ausführlich zu denken. Und welcher Ort fällt dir als erstes ein. Wo kannst du in Ruhe denken und dabei auch noch alles loslassen, ohne dass es dir auf die Füße fällt? Ganz genau. Hier schließt sich der Kreis.

UX-Design steckt noch in den Kinderschuhen

UX-Design steckt immer noch in seinen Kinderschuhen. Was soll man auch von modernen Produkten erwarten, wenn nicht mal jahrhundertealte Produkte, wie das stille Örtchen, eine UX bieten, die sich stets als zeitgerecht bezeichnen ließe?

Dabei sind die genannten Prinzipien allesamt leicht verständlich. Leider widerspricht es dem menschlichen Geltungsdrang, Dinge einfach zu gestalten. Das wird dann als langweilig und ideenlos, als unkreativ bezeichnet. Und welcher Kreative will sich schon so bezeichnen lassen?

Grundlagen der Toiletten-UX

(Bildquelle Artikelbild: Depositphotos)

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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