Webentwicklung in Zeiten der Tech-Taliban

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Dieser Tage entstand eine hitzige Debatte, als Chris Coyier von CSS Tricks sich erlaubte, darauf hinzuweisen, dass die Zielerreichung (das What) wichtiger ist als das Tool, mit dem das Web-Angebot realisiert wurde (das How). Natürlich hat er Recht.

Der Wettlauf der Web-Tools

In den letzten Jahren ist eine wahre Seuche ausgebrochen. Im Tagesrhythmus erscheinen neue Tools, Frameworks, Libraries und was nicht alles. Fast macht es den Eindruck, jeder Entwickler würde sich zunächst einmal sein eigenes Süppchen kochen, um dann zu versuchen, es als Standard durchzusetzen. Das sieht dann so aus:

Cartoon: Neues Framework...

Ich habe in den letzten Jahren mit einem Entwickler an einem relativ kleinen Web-Projekt gearbeitet, für dass er die Grundlagen legen sollte. Nachdem ich monatelang (!!) nichts von ihm gehört hatte, erlaubte ich mir, nach dem Stand des Projekts zu fragen und erhielt eine Antwort wie diese hier:Cartoon: Zu viel Liebe zum Detail

Viele Köche und der verdorbene Brei

Wenn sich nun beide Szenarien zu einem teuflischen Cocktail verbinden, hat die Branche ein Problem. Denn, und das beklagt im Kern auch Coyier, heutzutage gibt es zuviel Auswahl an Möglichkeiten, mit unterschiedlichen Ansätzen das gleiche zu erreichen. Dabei scheint generell immer das Neuere als das Bessere angesehen zu werden, so dass der moderne Entwickler in einem stetigen Wettlauf mit der Zeit versuchen muss, seine Wissensbasis fast schon im Wochentakt zu erneuern. Das ist anstrengend.

Ebenso anstrengend ist es, stets zu versuchen, selbst kleinere Projekte so zu behandeln, als wären sie der Nabel der Welt. Ich habe kein Problem mit einem hohen Anspruch an die eigene Arbeit, eine Art Berufsehre. Dennoch sollten wir dabei auf dem Teppich bleiben, denn einen Preis für die technisch komplizierteste Cutting-Edge-Website gibt es nicht. Schon gar nicht von unseren Durchschnittskunden.

Mit Fokus auf den Kunden fällt Cutting Edge hinten runter

Der Kunde legt Wert auf wenige Dinge. Zum einen muss die Optik stimmen. Sie muss modern sein und den Zweck des Projekts unterstützen. Dann muss die Usability passen. Nutzer müssen schnell an das Ziel des Seitenbetreibers herangeführt und zuverlässig zu Kunden konvertiert werden. Zu guter Letzt darf die Website nicht übermäßig teuer sein. Dabei definiert sich “teuer” auf der Seite des Kunden und wird in der Regel nicht mit unserer Vorstellung von “teuer” konform gehen.

Die Tools, die wir wählen, müssen also so gewählt sein, dass sie nicht ausschließlich den absoluten Stand der Technik zulassen, sondern für ein “gut genug” geeignet sind. Wir müssen keine Top-Sites erstellen, sondern solche, die tun, was sie sollen. Dazu reichen in den meisten Fällen Mittel, die wir nicht erst seit zwei Monaten im Arsenal haben.

Das ist übrigens in anderen Branchen ganz genau so. Kauf dir ein Auto. Nicht jedes hat einen Regensensor 😉 Nicht jedes hat einen Bordcomputer, Navi oder eine Rückfahrkamera. Aber fahren tun sie alle. Von A nach B kommst du. Der Rest ist eine Frage des Komforts, vielfach eine Luxusfrage.

Augen auf bei der Tool-Auswahl

Wenn du also an einen Auftrag herangehst, gilt es nach der guten Lösung für diesen Fall zu schauen und in der Regel wird es die gleiche Lösung sein, die schon gestern eine gute Lösung für dein gestriges Projekt war.

Es ist absolut nicht erforderlich, sich die neuesten Entwicklungen einzuverleiben und zu versuchen, auf quasi experimentellem Niveau zu arbeiten, um damit vor Kollegen angeben zu können. Deinen Kunden beeindruckst du damit auf jeden Fall nicht, und Kollegen, die nicht erst ein paar Tage, sondern vielleicht schon zwanzig Jahre im Geschäft sind, erst recht nicht.

Hinzu kommt, dass du mit großer Wahrscheinlichkeit mit den frischesten Tools weniger sicher umgehst als es mit den etablierten Lösungen, die du schon x-mal verwendet hast, der Fall wäre. Es besteht also sogar das Risiko, dass du vor lauter Technikverliebtheit eine qualitativ schlechtere Lösung ablieferst als es eigentlich deinen Fähigkeiten entspricht. Wenn das mal nicht nach hinten los geht.

Lass dich nicht von den Tech-Taliban, die radikal die neuesten Tools predigen, auf die schiefe Bahn bringen. Deine Zielgruppe sind nicht andere Webentwickler, sondern deine Zielgruppe sind ausschließlich deine potenziellen Kunden.

Fortschritt ist natürlich wichtig

Das bedeutet natürlich nicht, dass du dich dem technischen Fortschritt verschließen solltest. Vielmehr sollst du ihm aufgeschlossen gegenüber stehen. Wenn du ein Tool im Werkzeugkasten hast, dass deinen konkreten Anforderungen nicht (mehr) entspricht, dann musst du es durch ein neueres ersetzen, wenn und soweit dieses neuere das fehlende Mehr leisten kann und du dieses Mehr im konkreten Projekt auch benötigst. Heutzutage sehen wir allerdings eher das Phänomen, dass sehr viele Tools am Markt mit nahezu identischem Featureset existieren und allenfalls in Fragen der Philosophie voneinander unterscheidbar sind.

Bei all dem gehe ich natürlich davon aus, dass du etablierte Tools beherrscht und kein Branchenneuling bist. Letztere haben es verdammt schwer, wenn die Branche ihnen einen bunten Reigen an Tools, die alle das gleiche können, vor die Füße wirft. Als gefestigter Entwickler hingegen bist du in der Lage, die richtige Wahl zu treffen. Hör einfach nicht auf den Ruf des Tech-Taliban.

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Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

5 Kommentare

  1. Danke für die den Artikel, stimme auch zu! Es ist zum Teil (für mich) nur schwierig abzuschätzen, ob ich ein neues Tool einsetze oder auf bewährtes setze…
    Momentan ist meine Faustregel eher folgende: kleinere Projekte -> testen und ausprobieren (und vieles natürlich nicht verrechnen), größere/umfangreichere auf bewährtes setzen!
    Hat sich in den letzen Jahren ganz gut bewährt..

    Noch eine Frage: Was ist dann aus dem Entwickler geworden?

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