Hand aufs Herz: Mehr als zwei Drittel der Erde sind mit Wasser bedeckt, aber das meiste davon ist salzig. Trinken lässt es sich erst nach aufwändiger Aufbereitung. Meerwasserentsalzung liefert weltweit inzwischen rund 95 Millionen Kubikmeter Trinkwasser pro Tag aus 16.000 Anlagen. Klingt viel. Tatsächlich versorgt das gerade einmal etwa ein Prozent der Weltbevölkerung, während 2,2 Milliarden Menschen weiterhin keinen sicheren Trinkwasserzugang haben.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Weltweit produzieren rund 16.000 Entsalzungsanlagen rund 95 Millionen Kubikmeter Trinkwasser pro Tag, davon 70 Prozent im Nahen Osten und Nordafrika.
- Israel deckt rund die Hälfte seines Trinkwasserbedarfs aus Entsalzung; Saudi-Arabiens SWCC ist mit 5,9 Millionen Kubikmetern pro Tag der weltgrößte Betreiber.
- Die anfallende Salzlauge (Sole) übersteigt mit 141 Millionen Kubikmetern pro Tag den Trinkwasser-Output und belastet Meeresökosysteme.
- Europa betreibt 2.300 Anlagen und 10 Prozent der globalen Kapazität, fast ausschließlich am Mittelmeer. Deutschland nutzt Entsalzung praktisch gar nicht.
Wie viel Meerwasser wird heute global entsalzt

Die Zahlen aus dem aktuellen Climate-ADAPT-Bericht der Europäischen Umweltagentur sind eindeutig. 16.000 Anlagen produzieren rund 95,37 Millionen Kubikmeter Süßwasser pro Tag. 70 Prozent der globalen Kapazität konzentrieren sich auf den Nahen Osten und Nordafrika, wo Wüstenrand, Meeresnähe und hohe Sonneneinstrahlung zusammenkommen. Die Saudi Water Conversion Corporation ist mit 5,9 Millionen Kubikmetern pro Tag der weltgrößte Einzelbetreiber. Die größte RO-Anlage steht in den Vereinigten Arabischen Emiraten und liefert 909.200 Kubikmeter pro Tag. Israel hat seit 2005 fünf große Anlagen gebaut, die letzte ging 2025 in Soreq B in Betrieb. Inzwischen kommt rund die Hälfte des israelischen Trinkwassers aus dem Meer.
Warum die Energie der eigentliche Engpass ist

Die Umkehrosmose-Anlage Sorek I in Israel gilt mit 3,2 Kilowattstunden pro Kubikmeter Trinkwasser als Effizienz-Maßstab. Das klingt wenig, summiert sich aber gewaltig. Rechnet man die globale Tagesproduktion hoch, fließen jährlich etwa 110 Terawattstunden Strom in die Entsalzung. Das entspricht dem Stromverbrauch eines mittelgroßen Industrielands. Der Haken: Rund 70 Prozent dieser Energie kommen heute aus fossilen Quellen, vor allem aus Öl und Gas in den Golfstaaten. Mehr Entsalzung bedeutet damit aktuell mehr Emissionen, mehr Klimawandel und mittelfristig mehr Wasserstress. Erneuerbare Energien sind keine Option, sondern Voraussetzung, wenn die Skalierung der Anlagen nicht ihre eigene Begründung untergraben soll.
Das vergessene Sole-Problem

Wenig diskutiert wird die Schattenseite jedes Liters entsalzten Wassers. Pro Kubikmeter Trinkwasser fällt anderthalb Kubikmeter Sole an, also salzhaltige, chemisch belastete Lauge mit zwei- bis dreifacher Meerwasser-Konzentration. Eine Studie in „Science of the Total Environment“ beziffert die globale Soleproduktion auf 141,5 Millionen Kubikmeter pro Tag, rund 50 Prozent mehr als zuvor angenommen.
Wo diese Lauge konzentriert ins Meer zurückgeleitet wird, sinkt der Sauerstoffgehalt, die Biodiversität geht zurück. Lösungsansätze gibt es: Diffusoren-Systeme verteilen die Lauge breiter, neue Ionenaustausch-Technologien gewinnen Salz und Mineralien zurück. Skalierung lässt allerdings noch auf sich warten.
Entsalzung wirkt wie die naheliegende Lösung, aber jede Anlage produziert mehr Sole als Trinkwasser. Wer die Wassernot der Welt damit lösen will, schafft sich ein zweites Problem im Meer. Solare Entsalzung und Sole-Verwertung sind keine Optionen mehr, sondern Pflicht.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Wo erneuerbare Energien die Entsalzung neu denken

Die Solar-Welle rollt. In Al-Khafji in Saudi-Arabien liefert ein 10-MW-Solarpark Strom für 60.000 Kubikmeter Trinkwasser pro Tag. TotalEnergies hat im Oman einen 17-MWp-Solarpark gebaut, der eine Entsalzungsanlage für 600.000 Menschen versorgt. Die griechische Insel Milos betreibt seit 2007 eine windbetriebene Anlage mit 3.000 Kubikmetern Tagesleistung, parallel läuft dort auch ein geothermisches System.
Auf den Kapverden ist eine wellenbetriebene Pilotanlage in Planung, die Trinkwasser zu einem Drittel der konventionellen Kosten liefern soll. Spannend ist der Einstieg des US-Konzerns Xylem bei der norwegischen Flocean im November 2025: Flocean entwickelt die weltweit erste kommerzielle Unterwasser-Entsalzungsanlage. Der Wasserdruck der Tiefe ersetzt einen Teil der Pumpleistung, das spart Energie.
Warum Europa zögert und Deutschland eigentlich aufholen müsste

Europa betreibt 2.300 Anlagen mit zusammen 9,2 Millionen Kubikmetern Tagesleistung, das sind 10 Prozent der globalen Kapazität. Über 80 Prozent davon stehen am Mittelmeer, vor allem in Spanien, Italien, Malta und Zypern. Die EU-Wasserstrategie behandelt Entsalzung ausdrücklich als letztes Mittel, das erst nach Effizienz- und Wiederverwendungsmaßnahmen kommen soll. Deutschland nutzt Entsalzung praktisch gar nicht.
Eine Bachelorarbeit der Uni Rostock von 2024 zeigte allerdings, dass eine Ostsee-Anlage mit Umkehrosmose und vorgeschalteter Solar-Wind-Versorgung technisch und wirtschaftlich machbar wäre. Mit Blick auf Brandenburg, wo Teslas Gigafactory in Grünheide jährlich 1,8 Millionen Kubikmeter Trinkwasser aus einem ohnehin dürregefährdeten Schutzgebiet zieht, klingt die theoretische Option zunehmend wie eine politische Pflicht.
Die ehrliche Antwort auf die Eingangsfrage lautet: Wasser haben wir genug, Trinkwasser nicht. Entsalzung schließt die Lücke technisch, schafft aber zwei neue Probleme bei Energie und Sole. Beide lassen sich lösen, aber nur mit erneuerbarer Energie und kluger Soleverwertung. Die nächsten zehn Jahre entscheiden, ob die Branche das schafft oder ob sie zur teuren Notlösung wird, die das Klimaproblem mit verschärft.
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