Dieter Petereit 12. Dezember 2017

Was steckt hinter Pantones Farbe des Jahres?

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Dieser Tage vermelden die Medien wieder brav die Vorstellung der Farbe des Jahres 2018 aus dem Hause Pantone. Das ist nichts als kostenlose Werbung, der praktische Nutzwert bleibt ungewiss.

Pantone: Traditionsunternehmen aus den USA

Pantone gibt es schon seit Mitte des letzten Jahrhunderts. Sein Hauptgeschäft liegt in der Entwicklung von Druckfarben und dem Verkauf der entsprechenden Farbpaletten, Farbfächer und anderer Hilfsmittel. Farben stellt das Unternehmen selbst nicht her. Dies überlässt das Unternehmen den Druckfarbenherstellern, die die Sonderfarben nach den Rezepten auf den Farbfächern mixen.

Du kennst vielleicht das deutsche HKS-System, welches hierzulande zur Bestimmung von Sonderfarbwerten in der Druckindustrie eingesetzt wird. Pantone ist praktisch das internationale Pendant dazu und entsprechend wesentlich weiter verbreitet.

Sonderfarben vs. Prozessfarben

Wieso sollte ich mit Sonderfarben, wie denen von Pantone, überhaupt arbeiten, wo ich doch jede Farbe mittels CMYK, den sogenannten Prozessfarben, definieren kann, magst du vielleicht jetzt fragen. Die Antwort ist nur dann einfach, wenn man sich ein wenig mit Drucktechnik beschäftigt.

Angenommen, du möchtest eine Farbe ähnlich der aktuellen Pantone-Farbe des Jahres 2018, also ein helles Violett, in einem Druckprojekt verwenden. Dann sähe der CMYK-Wert etwa so aus: C72 M82 Y0 K0. Der Drucker müsste also seine Maschine mit Cyan und Magenta ausstatten. Preislich hast du damit einen Zwei-Farben-Druck, denn das Druckerzeugnis durchläuft zwei Mal die Maschine.

Pantones Farbe des Jahres 218: Tools für Grafikdesigner (Foto: Pantone)

Würdest du stattdessen die Pantone-Farbe 18-3838 Ultraviolett wählen, befändest du dich im Ein-Farben-Druck, was preislich einen deutlichen Unterschied macht.

Wesentlich ist auch die Funktion von Pantone als Kommunikationssystem. Anders als bei der Verwendung von CMYK ist bei Pantone (und HKS) sichergestellt, dass die zuvor ausgewählte Farbe hinterher tatsächlich auf dem bedruckten Medium genau so aussieht. So können ganz eindeutige Farben zwischen den Projektbeteiligten kommuniziert werden. Ein 18-3838 sieht in Deutschland genauso aus wie in den USA.

So definiert Pantone seine Farben

Um das sicherzustellen, definiert Pantone seine Farben nicht unabhängig vom Medium. Deshalb gibt es unterschiedliche Farbfächer und Buchstabenzusätze zu den einzelnen Farben. Ein C nach der Farbziffer etwa bedeutet, dass die so bezeichnete Farbe nur auf beschichteten (Coated) Medien so aussehen wird, wie dargestellt. Daneben unterscheidet Pantone noch nach U (unbeschichtet) und M (matt).

Anders als bei den vier Prozessfarben des CMYK-Systems, wird im Pantone-System zwischen mehr als 1.700 Farben unterschieden, die sich aus der Mischung von 18 Grundfarben zusammensetzen. So ergibt sich eine ganz erkleckliche Zahl erforderlicher Fächer und anderer Farbhelfer-Tools. Davon lebt Pantone.

Pantones Geschäftsmodell: Neue Farben, viel Buzz

Wenn wir das nun wissen, können wir uns schnell selbst die Frage beantworten, was nun für Pantone der beste Weg ist, sein Geschäft lebendig zu halten. Genau, es muss beständig neue Farben entwickeln und es muss Bedarf nach diesen Farben erzeugen. Denn wenn neue Farben nachgefragt werden, braucht die Kreativbranche auch wieder neue Fächer und andere Materialien, die die neuen Farben enthalten.

Schau dir mal die Preise an, die Pantone aufruft und dir wird klar, dass das ein lukratives Geschäft ist. Allein die Fächer zur Farbe des Jahres 2018 schlagen mit 180 Euro zu Buche. Unter 100 Euro ist im Pantone-Kosmos nichts zu erhaschen. Kein Wunder, dass selbst mit gebrauchten Pantone-Helferlein ein florierender Handel auf eBay betrieben wird. Dabei ist das Unternehmen nicht nur Grafikdesignern ein Begriff. Auch in der Modewelt, in der Architektur, in der Verpackungsindustrie, mithin überall, wo gedruckt werden muss, tummelt sich Pantone.

Die Farbe des Jahres ist ein Marketing-Coup

Die Farbe des Jahres ist übrigens ein verhältnismäßig neuer Marketing-Gag der Farbexperten aus den USA. Erst seit dem Jahre 2000, also rund ein halbes Jahrhundert nach Gründung, kam man dort auf die Idee, der Welt eine Farbe des Jahres vorzuschlagen. Da der Mensch ein Herdentier ist, und Pantone ohnehin eine etablierte Marke darstellt, zahlte sich die Vorgehensweise auf Anhieb aus. Seitdem ist das Pantone-System deutlich gewachsen.

Auch Adobe springt auf den Pantone-Marketing-Zug auf. (Screenshot: Dr. Web)

Die Aufgabe der Farbe des Jahres ist daher meines Erachtens ganz klar die Aufrechterhaltung der Dominanz des Pantone-Systems. Im Grunde ist die Deklaration nichts anderes als eine Form der Werbung, die allerdings außerordentlich gut funktioniert, wenn man sich auch dieses Jahr wieder die Berichterstattung ansieht.

Intellektueller Unterbau einer Hollywood-Fassade

Natürlich bedarf es intellektuellen Geschwurbels, will man nicht direkt als Marketing-Fuzzi entlarvt werden. Und so ist es kein Wunder, dass Leatrice Eiseman, Executive Director beim Pantone Color Institute sagt:

„Wir leben in einer Zeit, die Erfindungsreichtum und Phantasie erfordert. Es ist diese Art der kreativen Inspiration, die in PANTONE 18-3838 Ultraviolett, einem blauen Purpur, beheimatet ist, das unser Bewusstsein und Potenzial auf ein höheres Niveau hebt. Das intuitive Ultraviolett leuchtet den Weg zu dem, was noch kommen wird, von der Erforschung neuer Technologien und der großen Galaxie über den künstlerischen Ausdruck bis hin zur spirituellen Reflexion.”

Und Laurie Pressman, Vizepräsidentin desselben Instituts sekundiert:

„Die Pantone Farbe des Jahres ist so viel mehr als nur das, was in der Welt des Designs im Trend liegt; sie ist tatsächlich ein Spiegelbild dessen, was in unserer heutigen Welt gebraucht wird.”

Ist klar, oder? Das klingt natürlich sehr viel besser als ein einfacher Aufruf, wie ihn etwa Martin Sonneborn formuliert: „Wählt die PARTEI, denn sie ist sehr gut.”

So erhebt sich ein Farbfächerhersteller zu einer Art Heilsbringer für eine ganze Spezies. Kann man natürlich machen. Was mich allerdings wundert, ist, dass es so weithin unreflektiert akzeptiert und übernommen wird.

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

5 Kommentare

  1. Die Kritik ist natürlich so berechtig, doch muss ich mich schon ein wenig wundern, dass nicht ein ähnlicher Artikel über Apple hier zu finden ist. Da finden sich nämlich einige Parallelen in Bezug auf kostenlose Werbung und Erhebung als Heilsbringer.

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