Spaces. Smartes Cloud Hosting für anspruchsvolle Webprojekte. Loslegen und Spaces testen. Von Mittwald.
Michael Sahm 19. Februar 2010

Social-Micropayment: Was flattr verspricht und was es halten sollte

Kein Beitragsbild

Mit sei­nem Projekt Flattr, einem Social-Micropayment-System, möch­te der Schwede Peter Sunde ein gerech­tes Belohnungssystem für Content-Ersteller ins Leben rufen. Der Anspruch ist hoch, das Prinzip viel­ver­spre­chend. Die geschlos­se­ne Betatest-Phase lässt über die Umsetzung aller­dings nur Vermutungen zu. Was soll­te Flattr min­des­tens kön­nen, um erfolg­reich zu sein?

Das Prinzip von Flattr

Ob Designer, Autoren, Musiker, Fotografen, Maler, Programmierer: Sie alle publi­zie­ren im Netz, meist ohne jemals, geschwei­ge denn sofort einen Obolus für ihr Werk zu erhal­ten. Im Gegenteil: Oft schmü­cken sich ande­re mit ihren Federn, ohne einen Hinweis auf den wah­ren Urheber zu nen­nen. Das Internet hat sei­nen Ruf als Selbstbedienungsladen unwi­der­ruf­lich weg.

Peter Sunde möch­te nun mit sei­nem Dienst Flattr etwas mehr Gerechtigkeit in das inter­net­te Miteinander brin­gen, und als sol­ches soll­te das “Social” in “Social-Micropayment” auch ver­stan­den wer­den: Soziale (im Sinne von “gerech­te”) Verteilung der mone­tä­ren Anerkennung.

Wie funk­tio­niert Flattr? Ein spen­de­be­rei­ter Internetsurfer mel­det sich bei Flattr an und bucht pro Monat einen bestimm­ten Betrag auf sein Flattr-Konto. Dieser Betrag rich­tet sich danach, was er ins­ge­samt monat­lich für gelun­ge­nen und gefäl­li­gen Content im Netz zu geben bereit ist.

Im Laufe eines Monats surft er eine Vielzahl ver­schie­de­ner Seiten an: Blogs, Nachrichten, Foren, Browsergames, MySpace, um nur eini­ge zu nen­nen. Bestimmte Angebote gefal­len ihm, so dass er dem Urheber ger­ne einen Betrag zukom­men las­sen möch­te. Passenderweise fin­det er auf den ent­spre­chen­den Seiten einen Flattr-Button, da auch der Inhaltersteller sich bei Flattr ange­mel­det hat. Der Klick auf den Button wird regis­triert und gezählt. Unser Besucher hin­ter­lässt viel­leicht noch einen loben­den Kommentar und surft wei­ter.

Am Ende des Monats wird abge­rech­net. Unser Surfer hat zum Beispiel 25 Euro auf sein Flattr-Konto gela­den und auf sei­ner Surftour 25 Mal auf Flattr-Buttons geklickt. Im Ergebnis erhält jeder so Bedachte ein 25zigstel des ein­ge­zahl­ten Monatsbeitrags – also einen Euro auf sein Flattr-Konto gut­ge­schrie­ben. Nicht viel auf den ers­ten Blick, doch:

  • bes­ser als gar kein Euro und
  • in Summe mit den viel­leicht ein­hun­dert Klicks ande­rer Besucher womög­lich doch beach­tens­wert.

Was Autoren, Musiker, Grafiker und Co. am Ende des Monats an Zuwendungen erhal­ten, ist letzt­end­lich abhän­gig davon, wel­ches per­sön­li­che Budget jeder Besucher ein­ge­rich­tet hat, ob er den Inhalt als hono­r­a­bel ansah und wie­vie­le ande­re Inhalte er noch mit einem Spendenklick bedacht hat.

Was Flattr können sollte

Leider bin ich kei­ner der etwa 200 Betatester. Als sol­cher hät­te ich Einblick und Einfluss auf das, was letzt­end­lich pro­duk­tiv gehen soll. Doch müss­te Flattr mei­ner Meinung nach bestimm­te Voraussetzungen erfül­len, um Akzeptanz und Verbreitung zu fin­den.

  • Seriosität: Peter Sunde ist einer der Mitbegründer der “Pirate Bay”.  Dieses BitTorrent-Verzeichnis mach­te Mitte 2009 durch einen spek­ta­ku­lä­ren Urheberrechtsprozess von sich reden, da die Betreiber eine Strafe in Millionenhöhe erhiel­ten, die Rolle der Musikindustrie in die­sem Prozess jedoch umstrit­ten war. Die teils jugend­li­che Unbekümmertheit, mit der auch Peter Sunde die Anwälte der Musikindustrie beim Prozess vor­ge­führt hat, hat bei Flattr nichts zu suchen! Er mag ein heh­res Ziel ver­fol­gen, doch wenn die Menschen ihm ihr Geld nicht anver­trau­en wol­len, braucht er die Betaphase erst gar nicht abzu­schlie­ßen.
  • Keine geschlos­se­nen Benutzergruppen: Im eng­li­schen Wikipedia-Artikel zu Peter Sunde wird erwähnt, Flattr funk­tio­nie­re als eine Art geschlos­se­ne Benutzergruppe: Nur, wenn ein Anbieter bestimm­te Seiten bei Flattr anmel­det, kön­nen die­se Seiten über­haupt erst von ange­mel­de­ten Flattr-Besuchern gese­hen und hono­riert wer­den. Dieses Prinzip gleich zu Beginn wäre mei­ner Meinung nach der Worst-Case und die sichers­te Art, Flattr gar nicht erst ans Laufen zu bekom­men. Eine spä­te­re Abschottung bestimm­ter Bereiche, ger­ne auch gegen Gebühr, wäre dage­gen viel­leicht sogar ein Content-Qualitätsmerkmal. Doch zunächst muss Flattr Verbreitung fin­den. Und das wird über Abschottung kaum funk­tio­nie­ren.
  • Sicherheit: Dass das System vom Login über Kontenverwaltung bis zur Ein- und Auszahlung der Beträge so sicher wie mög­lich sein muss, ver­steht sich von selbst.
  • Unkompliziertes Handling: Für den Content-Anbieter wird Flattr sicher­lich pro­blem­frei zu bedie­nen sein, da der Button beim Klick eine Kennzeichnung mit­sen­den dürf­te, die ihn als Empfänger der Zuwendung legi­ti­miert. Vom Spender wird, wie so oft, wohl wie­der mehr Aktion gefor­dert, da er sich ver­mut­lich zunächst bei Flattr ein­log­gen muss, um sich als Spender aus­zu­wei­sen. Jeder Klick zuviel dürf­te hier ent­schei­dend sein.
  • Transparenz: Der Benutzer muss zu jedem Zeitpunkt dar­über im Klaren sein, für wel­che Inhalte er gespen­det hat. Im Kundenbereich muss er min­des­tens die Eckdaten sehen kön­nen: Klicknummer, Datum, Empfänger. Besser noch, er erhält sofort eine ent­spre­chen­de Hinweismail, nach­dem er auf den Button geklickt hat.
  • Offenes und ein­fa­ches API: Das API soll­te ver­ständ­lich und unkom­pli­ziert sein, so dass Flattr mit mög­lichst vie­len Content-Systemen kom­pa­ti­bel ist. WordPress und Typo3 sind nun ein­mal nicht die Welt, auch wenn Milliarden Fliegen das behaup­ten …
  • Akkumulierende Klicks: Der Besucher darf ger­ne für einen Anbieter monat­lich mehr­fach kli­cken, wenn er unter­schied­li­che Inhalte des­sel­ben Urhebers hono­rie­ren möch­te. Hierbei wür­de sich aller­dings der Ertrag nicht auto­ma­tisch ver­viel­fa­chen. Um bei unse­rem Beispiel zu blei­ben: Der Anbieter erhiel­te für zwei Klicks tat­säch­lich 2 Euro, wenn in Summe nur 25 Mal geklickt wur­de (2 x  25 Euro ./. 25 Klicks). Wäre aller­dings der dop­pel­te Klick der 26. Klick, blie­ben ihm noch 1,92 Euro (2 x 25 Euro ./. 26 Klicks). Um die Verdienst-Erwartungen nicht fälsch­lich in die Höhe zu trei­ben, soll­te die­ses Prinzip vor Einsatz ver­in­ner­licht wer­den.
  • Höchstbeträge deckeln: Es wider­spricht zwar dem Prinzip, doch viel­leicht möch­te ein Spender den­noch nicht sein gesam­tes Budget auf nur zwei oder drei Empfänger auf­tei­len. Die Angabe eines Höchstbetrages könn­te ihm hier etwas Kontrolle über sein Budget zurück­ge­ben.
  • Spenderränge: Fraglich ist, ob im Zuge des Datenschutzes ein Spender genannt wer­den soll­te. Gegebenenfalls soll­te er in der Flattr-Verwaltung die­se Option ein- oder aus­schal­ten kön­nen. Motivierend hin­ge­gen wäre viel­leicht eine Bewertung der Spendenbereitschaft in Form von Sternchen oder Münzen und Erwähnung in einer Rangliste. Spielkram, mag man mei­nen, doch der Mensch ist nun ein­mal ein Spielkind. ;-)
  • Finanzierung: Ja, auch Flattr dürf­te kaum durch rei­ne Nächstenliebe am Leben zu hal­ten sein. Finanziert es sich über einen Prozentsatz des Spendenaufkommens? Oder kann man erwar­ten, dass die eh spen­den­wil­li­gen Nutzer auch für Flattr etwas übrig haben? Die Gebühr soll­te sich natür­lich im gesun­den Verhältnis von Aufwand zu Nutzen hal­ten.

Sobald Flattr der geschlos­se­nen Betaphase ent­steigt, wis­sen wir mehr!

Wohin sich Flattr entwickeln könnte

Spannend wird es, über­le­ge ich mir, wohin Flattr sich in fünf oder zehn Jahren ent­wi­ckeln wird.

Sicherlich wer­den ihm ande­re Dienste nach­fol­gen, die sich jedoch bezüg­lich Spendenumlage nicht stark von­ein­an­der unter­schei­den wer­den. Potenzial sehe ich haupt­säch­lich in der Art, wie der Spender sich authen­zi­fi­zie­ren muss.

Vielleicht wird Flattr bis dahin auf­ge­kauft sein. Google wäre sicher­lich ein hei­ßer Interessent. Die Content-Industrie dürf­te das Ganze auch mit Argusaugen beob­ach­ten. Sollten Künstler zukünf­tig nen­nens­wer­te Erträge über Flattr ein­fah­ren, wären offe­ne und ver­deck­te Übernahme- oder Zerschlagungsversuche wohl an der Tagesordnung.

Je offe­ner das API, des­to wahr­schein­li­cher ist das Auftauchen wei­te­rer Flattr-Tools, um Handling und Auswertung zu ver­bes­sern. Twitter hat die Messlatte da bereits sehr hoch gelegt.

Es wird Spendenportale geben, auf denen man sei­nen Obolus per Klick ent­rich­ten kann. Und inter­es­sant wird es, wenn sich Handelsportale auf Flattr-Bezahlbasis grün­den. Dann dürf­ten auch beim Fiskus die Alarmglocken klin­geln…

Und, wie so oft, wird es Missbrauch geben! Ich hof­fe, dass zu gie­rig ver­an­lag­te Kleingeister es nicht schaf­fen wer­den, den Dienst kaputt zu machen, bevor er sich eta­bliert hat. Dazu zäh­le ich übri­gens auch die Flattr-Optimierer, die sich ganz sicher ein­fin­den wer­den…

Fazit

Peter Sunde wird mit Flattr kein Allheilmittel gefun­den haben, um dem Contentklau ein Ende zu set­zen. Nach wie vor wer­den sich Leute mit frem­den Federn schmü­cken, und sie wer­den viel­leicht sogar damit per Flattr auch den einen oder ande­ren Cent erhal­ten. Das darf jedoch kein Grund sein, Flattr nicht zu star­ten. Denn dem gegen­über ste­hen die vie­len Contentersteller, die über Flattr wenigs­tens ein biss­chen Honorar für ihre Werke und Mühen erhal­ten.

Ob sich Otto-Normal-Surfer zu Beginn einen Flattr-Account zule­gen wird, bleibt frag­lich. Die Verbreitung wird zunächst abhän­gen von den Menschen, die viel im Netz unter­wegs und sich der Content-Problematik bewusst sind. Hat sich der Dienst erfolg­reich eta­bliert, dürf­ten auch die weni­ger web­ge­wand­ten Menschen Zugang dazu fin­den.

Ich bin gespannt auf Flattr und wer­de es sicher­lich auf bei­den Seiten nut­zen: Als Spender und Empfänger. Vorausgesetzt, die Idee mit den geschlos­se­nen Benutzergruppen wird über­dacht.

Zur Teilnahme am geschlos­se­nen Betatest kann man offen­sicht­lich ein­ge­la­den wer­den. Falls also ein Flattr-Betatester mit­le­sen soll­te…

Michael Sahm

Michael Sahm ist technischer Autor für Soft- und Hardwaredokumentation sowie engagierter Blogautor für viele aktuelle und wissenswerte Themen.

12 Kommentare

  1. Dieses Prinzip gleich zu Beginn wäre mei­ner Meinung nach der Worst-Case und die sichers­te Art, Flattr gar nicht erst ans Laufen zu bekom­men.” ähm wie sonst sol­len die web­sei­ten­be­trei­ber dann geld von flattr bekom­men?

    Peter Sunde wird mit Flattr kein Allheilmittel gefun­den haben, um dem Contentklau ein Ende zu set­zen.” ist auch nicht das ziel von flattr.

    allem in allem geht der bei­trag voll am the­ma vor­bei

  2. Da bin ich mal gespannt ob sich das System durch­setzt.
    Bei einem frei­wil­li­gem Bezahlsystem sehe ich da aller­dings schwarz.
    Auch wenn da eini­ge Leute frei­wil­lig spen­den, wird die gro­ße Mehrheit wohl nicht extra für das “kos­ten­lo­se” Internet bezah­len wol­len.
    Ich bin sehr gespannt wir es da wei­ter­geht.

  3. Finanzierung des Dienstes selbst – Der Dienst wür­de frü­her oder spä­ter von einer ansehn­li­chen Anzahl an Nutzern genau wis­sen, wel­che Themen sie inter­es­sie­ren und wel­che Art von Seiten sie bevor­zu­gen. Zudem wüß­te man, daß die­se Nutzer bereit sind, sich für “noble” Zwecke von ihrem Geld zu tren­nen, und kann aus den Beträgen Rückschlüsse auf die Fluidität zie­hen.

    Das spricht *sehr* für eine Übernahme durch Google, sobald der Dienst eine kri­ti­sche Masse an Nutzern hat ;o)

  4. @Frank:
    Sehe ich genau­so. Nur weil ich im Januar 10 Artikel gut fin­de und im Februar 30 heißt das ja noch lan­ge nicht, dass ein Artikel aus dem Februar bes­ser ist.
    Es fehlt eine Möglichkeit die Qualität eines Artikels zu wer­ten…

    Das wird sich m.E. nie­mals durch­set­zen. Wer wirk­lich spen­den will den soll­te ein PayPal-Button auch nicht abschre­cken. Und die meis­ten bezah­len nicht für Content den sie auch umsonst haben kön­nen (ehr anders­rum, sie ver­schaf­fen sich Content gra­tis der eigent­lich was kos­tet [via rapid­dings]).

  5. Sehr inter­es­san­ter Artikel. Aber ich sehe eben­falls kei­nen gro­ßen Vorteil zu PayPal.

    Das mit dem monat­li­chen Aufladen und die auto­ma­ti­sche Aufteilung am Monatsende wür­de mich davon abhal­ten das System zu ver­wen­den. Ich muss das Geld im vor­aus bezah­len – ohne zu wis­sen, was ich im Laufe des Monats fin­de. Was ist, wenn ich nichts geschei­tes fin­de, also weni­ger Klicke – dann erhal­ten die Websites im Verhältnis einen hohen Betrag. Finde ich vie­le gute Seiten müs­sen sich vie­le den Monatsbetrag tei­len.

    Und was ist, wenn ich im Urlaub bin, mir ein Bein bre­che und im Krankenhaus lie­ge? Dann freut sich ggf. einer über den gesam­ten Monatsbetrag?

    Besser ist doch, dass man dann zahlt wenn man nutzt und soviel, wie man bereit ist zu zah­len. Das geht z. B. über PayPal bes­ser.

  6. Ein guter Artikel der eine noch bes­se­re Idee trans­por­tiert.
    Ich kann es kaum erwar­ten bis Flattr-Banner, AdSense- oder Paypal-Banner und Co. ablö­sen (;.

  7. @anonym:
    Der Vorteil liegt dar­in, dass man Überblick über sei­ne Ausgaben behält. Wenn man nur nach Gefühl jedem einen bestimm­ten Betrag spen­det, kann es am Monatsende schon ein­mal zu einer bösen Überraschung kom­men …

    Autoren wie­der­um hät­ten dadurch bes­se­re Verdienstchancen, weil die Hemmschwelle sinkt. Kaum jemand wür­de z.B. für einen gelun­ge­nen Blog-Artikel einen fixen Betrag spen­den – an einem Betrag, den man sich extra für sol­che Zwecke zur Seite gelegt hat, kann man dann aber auch jeden noch so klei­nen Autor unbe­sorgt teil­ha­ben las­sen.

    Insofern klingt das ganz inter­es­sant, aller­dings bezweif­le ich als Pessimist, dass vie­le Leute für etwas zah­len wer­den, das sie auch gra­tis bekom­men. Bei den Unsummen an Inhalten im Web wür­den sich der­ar­ti­ge Spenden wahr­schein­lich regel­recht ver­lie­ren.

    Sollte sich das Konzept dage­gen durch­set­zen, wäre ein Quasi-Monopol vor­pro­gram­miert.

  8. An sich eine net­te Idee – aber wo bleibt der Vorteil gegen­über pay­pal und Co.?

  9. Ein schö­ner Artikel und viel­leicht auch eine gute Idee, das die Uhrheber für Ihre Werke auf die­se Art ein wenig zumin­dest ent­lohnt wer­den. Aber so wie ich das sehe und ver­stan­den habe, arbei­tet der direk­te Spendenbutton alá pay­pal schnel­ler.
    Es bleibt wohl abzu­war­ten, wie sich die­se Idee ent­wi­ckelt.

Schreibe einen Kommentar zu anonym Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.