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Dieter Petereit 3. Juli 2012

Twitter Cards und die API: Wie Twitter die eigene Identität verliert…

In der letzten Woche machte der Kurznachrichtendienst Twitter in Developerkreisen wieder von sich reden. Wie zumeist, war es auch dieses Mal nichts uneingeschränkt positives, was da aus der Heimat des elektronischen Zwitscherns zu vernehmen war. Immerhin wurde ein neues Feature, die sog. Twitter Cards aus der Taufe gehoben. Bereits seit einigen Wochen erproben ausgewählte Publisher das Verfahren unter dem Namen „Expanded Tweets“. Tatsächlich ist das neue Feature nur ein weiterer Schritt auf dem Weg, die eigene Identität zu verlieren…

Twitters geringschätziger Umgang mit der Entwicklergemeinde

Es begann mit dem Kauf von Tweetie und der Übernahme des Entwicklers Loren Brichter in Twitters Dienste. Twitter hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt auf die Arbeiten am Protoikoll konzentriert und der Entwicklergemeinde völlig freie Hand gelassen, wenn es um die Anwendungen ging, die aus dem reinen Transportprotokoll etwas machten, was Anwender auch tatsächlich nutzen wollen. Sogar heutige Basics, wie das Vögelchen-Logo, Hashtags oder RT als Voranstellung für einen Retweet stammen nicht von Twitter selbst. Mit Tweetie kaufte man nun exakt ein solches Tool hinzu, das quasi auf der anderen Seite des Protokolls entstanden war. Der Rubikon wurde überschritten. Die Developer waren alarmiert. Zu Recht, wie sich bald herausstellen sollte, denn nur wenige Monate später, im März 2011 gab der Dienst die Warnung heraus, Entwickler mögen sich auf der Wertschöpfungskette nach oben bewegen und keine Anwendungen mehr bauen, die die reine Twitternutzung, wie sie etwa über die eigene Apps oder über das Webinterface stattfinde, nachempfinden. Anbieter wie Tweetdeck und andere sahen ihre Geschäftsmodelle bedroht, auch Tweetdeck wurde inzwischen von Twitter geschluckt und entwickelte sich seither nicht zum Besseren.

Nun also deutet der Kurznachrichtendienst an, man werde künftig den Zugriff auf und dem Umgang mit den Twitter-APIs „anpassen“. Es ist eine ziemlich vage Andeutung, die aber bereits zu großem Aufruhr in der Entwicklerschaft geführt hat. Spekulationen schießen ins Kraut. Was kann diese Ankündigung bedeuten? Wird Twitter künftig nur noch genehmen, linientreuen Entwicklern den Zugriff auf die APIs erlauben und alle anderen Geschäftsmodelle ruinieren?

Bereits zum jetzigen Zeitpunkt kann nicht mehr von freiem Zugriff auf die Schnittstellen gesprochen werden. Die ursprünglich aus Gründen der Reduzierung der Serverlast eingeführten 350 API-Calls pro Stunde sind um weitere Einschränkungen, etwa fehlendem Suchzugriff auf die Twitter-Historie, also vergangene Tweets, ergänzt worden. Gleichzeitig führte Twitter andere Lizenzformen ein, die komfortableren Zugriff ermöglichten, dabei jedoch in unterschiedlichem Maße einen finanziellen Obulus erfordern. Entwickler Kin Lane stellt die Optionen übersichtlich vor.

Alle offenkundigen Veränderungen der letzten Jahre verbrämte Twitter mit der Aussage, man wolle eine „konsistente Nutzererfahrung“ sicherstellen. Und just so ist der aktuelle Blogpost betitelt, der zum einen die neuen Twitter Cards vorstellt und zum anderen „striktere Richtlinien zum Umgang mit den APIs“ ankündigt. Zunächst wird der striktere Umgang mit den APIs vermutlich lediglich bedeuten, dass Anwendungen das Feature „Twitter Cards“ werden unterstützen müssen, denn dieses Feature könnte zu Monetarisierungszwecken dienen.

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Twitter Cards: Publisher schieben ihre Inhalte in den Twitter-Stream

Twitter Cards sind vordergründig eine gute Idee und haben eine entfernte Ähnlichkeit mit den Rich Snippets aus dem Hause Google. Ebenso wie diese werden Twitter Cards auf der Seite der Contentlieferanten, also den Seitenbetreibern, erstellt und in den Quelltext eingebaut. Eine Twitter Card sorgt dafür, dass der Content einer Seite, wenn er denn von Nutzern vertwittert wird, als Zusammenfassung direkt mit an den Tweet gehängt wird. Die erscheint dann auf der Seite der Nutzer als „Expanded Tweet“ und ähnelt so dem Link-Sharing, das wir aus Facebook und Google+ kennen. Anstelle einer Kurzzusammenfassung des Inhalts lassen sich auch Fotos und Videos in Twitter Cards verpacken.

So sieht eine Twitter Card mit Kurzzusammenfassung im Stream dann aus:

Twitter Cards sind extrem flexibel konfigurierbar. Dies erfolgt über das Meta-Element und zeigt sich in der einfachsten Implementation so:

Auf dieser Seite in dev.twitter.com werden alle Optionen und unterschiedlichen Implementationen mit ihren jeweils möglichen Werten ausführlich dargestellt. Das oben abgebildete Beispiel würde folgenden Code voraussetzen:







Wer jetzt glaubt, dass sei ein Heidenaufwand, dabei aber ein selbstgehostetes WordPress einsetzt, wird sich vielleicht nicht wundern, zu erfahren, dass es bereits ein Plugin zur Erzeugung der Twitter Cards gibt, dass sogar heute ganz frisch geupdatet wurde.

Klingt doch alles ganz toll. Was sollte man an dem Feature kritisieren wollen?

Twitters Identität ist es nicht, wie Facebook zu sein

Twitter ist ein Kurznachrichtendienst, der SMS nicht unähnlich. Die meisten Menschen, die ich kenne, schätzen an Twitter gerade die Reduziertheit auf kurze Statements. Ein Twitterstream ist selbst dann schnell durchgescrollt, wenn man etlichen hundert Twitterern folgt. Die Beschränkung auf eine relativ kleine Zeichenzahl zwingt die Anwender zudem dazu, sich auf das Essenzielle der Botschaft zu beschränken. Wer auf Google+ aktiv ist und dort schon einmal versucht hat, seinem Stream im Großen und Ganzen vollständig zu folgen, weiß sofort, was gemeint ist. Das Nichtvorhandensein jeglicher Beschränkungen lässt Nutzer ausschweifende Beiträge verfassen, die möglicherweise relevant sein können. Allerdings muss man, um eben das beurteilen zu können, viel zu tief in den einzelnen Beitrag einsteigen. Ähnlich verhält es sich auf Facebook. Für die schnelle Kommunikation ist Twitter unschlagbar, wenn man mal von ähnlichen Lösungen, etwa Yammer für den Unternehmenseinsatz absieht.

Jede Verwässerung dieses Prinzips schadet der Kernkompetenz und lässt Twitter anderen, weniger effizienten Diensten ähnlicher werden. Es ist zu bezweifeln, dass Twitter gewinnen könnte, wenn es sich zum Facebook-Derivat entwickelte. Die Identität Twitters wird definiert durch hohe Geschwindigkeit und sehr kurze Nachrichten.

Würde Twitter dieses zentrale Alleinstellungsmerkmal aufgeben, wäre es nicht mehr der gleiche Dienst. Heute Twitter Cards, was kommt morgen? Events oder gar Mafia Wars und Farmville?

Die Monetarisierung der Twitter-API

Die weitere Einschränkung des API-Zugriffs dient mutmaßlich nur einem Zweck, nämlich der einfacheren Monetarisierung. Wenn Twitter immer stärker kontrolliert, wo der Dienst angezeigt wird, kann es natürlich stärker kontrollieren, was dort angezeigt wird. Das ist mit einem freien, wenn auch auf 350 stündliche Calls limitierten API-Zugriff nicht möglich. Es erscheint daher nicht unwahrscheinlich, dass Twitter Apps, die diesen Zugriff nutzen, in der Zukunft das Leben schwer machen wird.

Um das zu verhindern, wendet sich Nova Spivack, Inhaber eines Unternehmens, dass ebenfalls eine symbiotische Verbindung zum bisherigen Twitter pflegt, an die Netzöffentlichkeit mit einem interessanten Vorschlag. Anstelle einer Begrenzung des API-Zugriffs solle Twitter doch schlicht den Stream selber monetarisieren. So könnte man etwa eine freie API beibehalten, die sich dadurch refinanziert, dass beispielsweise jeder 25. Tweet eine Twitter Ad wäre. Für Entwickler, die das nicht akzeptieren wollen, könnte es eine kostenpflichtige API ohne Twitter Ads geben, die sich beispielsweise dadurch refinanzieren liesse, dass der App-Developer eigene Werbung vermarktet oder seine Nutzer für die App bezahlen lässt, um so die von Twitter zu fordernden Gebühren begleichen zu können.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es allerdings wenig sinnvoll, diesen Vorschlag langwierig zu diskutieren. Immerhin ist völlig unklar, was Twitter unter „strikteren Richtlinien zur Verwendung der API“ verstanden wissen will. Klar erscheint in Anbetracht der Erfahrungen aus der Vergangenheit nur eines: Welcher Gestalt auch immer die Änderungen sein werden, sie werden für Developer weitere Einschränkungen bringen.

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design.

7 Kommentare

  1. Ich sehe das nicht so dramatisch. Zumindest solange die Cards erst gezeigt werden, wenn man den Tweet anklickt oder eben in der Einzelansicht.

    Und es ist etwas skurril, dass ihr darüber meckert, das Feature allerdings selbst einbindet. Wie dem auch sei, in Deutschland scheint das Ganze noch nicht zu funktionieren.

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