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Heike Thormann 20. Februar 2009

Sind Sie arbeitssüchtig?

Arbeit ist in unserer Gesellschaft ein hohes Gut, wer hart arbeitet, gilt als ein Vorbild. Allzu oft wird die Grenze aber auch überschritten und die Arbeit zwanghaft. Wer nichts anderes mehr im Kopf hat als Arbeit, kann schweren gesundheitlichen und seelischen Schäden entgegengehen. Lassen Sie es nicht so weit kommen. Testen Sie, inwieweit Sie von Arbeitssucht bedroht sind.

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Karoshi – die Japaner haben ein Wort für das, was Jahr für Jahr auch bei uns seine Opfer findet: Arbeitssucht. Hier speziell sogar eine Arbeitssucht, die zum Tode führt.

Die Dunkelziffer der Opfer ist hoch, denn hart arbeitende Menschen werden in unserer Leistungsgesellschaft bewundert. Dazu muss man nicht mal die üblichen Verdächtigen wie Manager oder „selbst und ständig“ seiende Selbstständige bemühen. Selbst, wer sich bis oben hin mit ehrenamtlichen Engagements oder Hobbies zudeckt, kann zu ihnen gehören.

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Oder auch ganz normale Angestellte wie ein ehemaliger Arbeitskollege von mir, der sich Tag für Tag die Nächte in der Firma um die Ohren schlug, um ein Arbeitspaket zu bewältigen, das eine gemeinsame Kollegin von uns in der Hälfte der Zeit schaffte.

An diesem Missverhältnis war nicht nur ein schlechtes Selbstmanagement schuld. Mein Arbeitskollege war vielmehr im Glauben, dass er ein toller Hecht sei und mehr leisten würde, gerade weil er so viele Stunden über seiner Arbeit saß, während die Kollegin um 16 Uhr nach Hause ging. Er zog die absurde Gleichung Quantität = Qualität. Mehr noch: Er wollte gar nicht weniger arbeiten, denn das hätte sein Bild von sich als toughem, leistungsbereiten Mitarbeiter bedroht.

Ursachen von Arbeitssucht

Und damit sind wir auch schon mitten in den Ursachen von Arbeitssucht. Mancher braucht sie vielleicht zur Bestätigung seines Selbstbilds. Andere sehnen sich nach Anerkennung, haben Angst zu versagen oder fröhnen einem übertriebenen Perfektionismus. Wieder andere finden ihren Lebensinhalt ausschließlich in der Arbeit, fliehen vor privaten Problemen oder betäuben die Unzufriedenheit mit ihrem Leben und dergleichen mehr.

Gemeinsam ist allen, dass sie aus einem inneren Zwang heraus handeln. Sie können gar nicht anders, selbst wenn – wie im Fall meines Arbeitskollegen – die Bedingungen im Unternehmen dies zulassen würden.

Obwohl es natürlich auch genug Unternehmen gibt, die mit ihrer Anspruchshaltung und ihren unterschwellig vermittelten Werten genau diese Arbeitssucht fördern – zum eigenen Schaden.

Denn, wenn Mitarbeiter mit diesem Dauereinsatz Raubbau an ihrer Gesundheit betreiben, keinen Ausgleich mehr in Freizeit und Privatleben finden, leichte Beute für psychische Probleme werden oder sich dem Burn-out nähern, sollte dieser massive Verlust von Arbeitskraft kein Unternehmen kalt lassen.

Sind Sie arbeitssüchtig?

Und wie sieht es bei Ihnen aus? Neigen Sie zur Arbeitssucht? Machen Sie den Test und beantworten Sie die folgenden Fragen so ehrlich wie möglich. Je öfter Sie mit einem „Ja“ antworten müssen, desto wahrscheinlicher dürften Sie dabei sein.

(Achtung: Akute Fälle von erhöhtem Arbeitsaufkommen zum Beispiel beim Start eines Unternehmens oder Sprung in die Selbstständigkeit sind hiervon ausgenommen. Wenn Sie selbstkritisch genug sind, dürften Sie unterscheiden können, ob Sie nur phasenweise oder dauerhaft nur noch Ihre Arbeit im Kopf haben.)

  • Kreisen Ihre Gedanken immer häufiger um die Arbeit?
  • Vernachlässigen Sie Freizeit, Hobbies, Privatleben und Co.?
  • Sagen Sie aus Zeitmangel Einladungen ab oder verschieben Urlaube?
  • Arbeiten Sie, um Anerkennung zu bekommen oder bewundert zu werden?
  • Erzählen Sie anderen oft und mit heimlichem Stolz, dass Sie viel arbeiten?
  • Oder aber: Finden Sie ständig neue Ausreden, warum Sie so viel arbeiten?
  • Reißen Sie immer weitere Aufgaben an sich, können Sie nicht mehr Nein sagen?
  • Nehmen Sie Arbeit mit nach Hause beziehungsweise arbeiten Sie auch im Urlaub?
  • Bewerten Sie Ihre Tage ausschließlich danach, wie viel Arbeit Sie geschafft haben?
  • Sprechen Sie fast nur noch über die Arbeit? Andere Themen interessieren Sie nicht?
  • Glauben Sie, dass Sie gar keine Freizeit brauchen? Bestimmt die Arbeit Ihr Leben?
  • Kommt es vor, dass Sie heimlich – etwa gegen den Willen Ihres Chefs – arbeiten?
    (Nicht lachen. Sie wissen schon, mein Arbeitskollege …)
  • Oder aber: Arbeiten Sie selbst dann, wenn es faktisch gar nicht nötig wäre?
  • Werden Sie ungeduldiger, aggressiver, stehen Sie ständig unter Stress?
  • Oder aber: Fühlen Sie sich verbraucht? Sind Sie müde und erschöpft?
  • Arbeiten Sie zwar ständig, bringen aber kaum noch Leistung?

Tipps gegen Arbeitssucht

Befürchten Sie die eine oder andere Neigung zur Arbeitssucht? Dann können Sie mit den folgenden Tipps gegensteuern. Bitte beachten Sie: Dieses Thema ist komplex und greift oft stark in die Psyche ein. Deshalb können die Tipps nur ein erstes Hilfsmittel sein, nicht mehr. Zögern Sie nicht, sich gegebenenfalls professionelle Hilfe zu holen.

1. Machen Sie Inventur

Betrachten Sie Ihr Leben und machen Sie Inventur: Welche Bereiche haben Sie zugunsten der Arbeit immer weiter abgespeckt? Welche Bereiche würden Ihnen als Gegengewicht zu Ihrer Arbeit gut tun? (Zum Beispiel mehr Sport, um mit einer vorwiegend sitzenden Tätigkeit zu brechen.) Wobei könnten Sie Ihre Arbeit leichter vergessen? Was würde Ihnen Freude machen und viel bedeuten? Wie wollen Sie dazu konkret vorgehen?

2. Leisten Sie emotionale Arbeit

Um Ihre Arbeitssucht zu überwinden, ist oft eine Arbeit an Ihren Werten und Emotionen nötig. Ziehen Sie auch hier Bilanz und betrachten Sie Ihr Leben: Gibt es konkrete Ereignisse, die zu Ihrer Arbeitssucht geführt haben und die nie korrigiert wurden? Ein Beispiel wäre, dass Sie die Trennung von einem Partner / einer Partnerin mit verstärkter Arbeit vergessen wollten und in den Teufelskreis der Sucht gerieten, obwohl Sie diese bei einer erneuten Partnerschaft gern hinter sich lassen würden. Gibt es ungelöste Konflikte oder schädliche Glaubenssätze (wie etwa „nur wer hart arbeitet, ist auch etwas wert“), die Sie Raubbau an sich selbst treiben lassen? Versuchen Sie herauszufinden, was in Ihrem Leben zur Arbeitssucht geführt hat. Das ist ein erster Schritt, um gegenzusteuern.

3. Stehen Sie zu Ihrer Arbeitssucht

Nennen Sie das Kind beim Namen und stehen Sie zu Ihrer Arbeitssucht. Sehen Sie den Tatsachen ins Gesicht. Das allein ist zwar noch kein Garant für eine Besserung, aber ohne dem geht es nicht. Wer die Verantwortung immer nur auf andere schiebt (zum Beispiel die Firma oder den Lebensstandard, der gehalten werden muss), wird seine eigene Krankheit nie überwinden. Auch dies ist ein erster Schritt aus der Sucht.

4. Erwarten Sie keine Wunder

Arbeitssucht entwickelt sich nicht über Nacht, sondern wächst oft schleichend. Deshalb ist es unrealistisch, schnelle Erfolge bei ihrem Abbau zu erhoffen. Ja, es ist sogar schädlich, wenn Sie (scheinbar) mangelnde Fortschritte und Rückfälle zum Anlass nehmen, in alte Muster zurückzufallen. Erwarten Sie keine Wunder und freuen Sie sich stattdessen über jeden noch so kleinen Fortschritt. Feiern Sie Ihre Fortschritte zum Beispiel gezielt oder schreiben Sie sie sich irgendwo auf. Das spornt für den weiteren Weg an.

5. Achten Sie auf strukturierte Arbeitsbedingungen

Flexibilität und freie Zeiteinteilung sind wunderbare Errungenschaften und können das Arbeitsleben erleichtern. Sie können aber auch der Arbeitssucht Vorschub leisten. Die gute alte Stechuhr, das Signalhorn, das zum Schichtende bläst, hatten zumindest keinen Zweifel daran gelassen, wann es Zeit zum Arbeiten ist und wann nicht. Der moderne Mensch kann dem in all seiner Flexibilität hilflos gegenüberstehen. Achten Sie deshalb auf fest definierte Arbeitszeiten, eine realistische Arbeitsplanung, sowie eine strukturierte, klar umrissene Arbeit. Das wird Sie daran hindern, Aufgaben und Arbeitszeiten bis ins Unendliche zu dehnen.

6. Gehen Sie auf Distanz zu Ihrer Arbeit

Schlagen Sie ein Loch in Ihre enge Bindung an die Arbeit. Ihren Kontakt zur Arbeit zu lockern, kann Ihnen helfen, die Dinge klarer zu sehen und Alternativen anzugehen. Versuchen Sie zum Beispiel, Ihr Arbeitspensum zu reduzieren (oder bitten Sie Ihren Chef, das zu tun). Geben Sie Aufgaben ab, delegieren Sie, stellen Sie Mitarbeiter ein. (Und denken Sie sich ein System aus, wie Sie sich davon abhalten, neue Aufgaben anzunehmen.) Nehmen Sie sich eine Auszeit und überlegen Sie, wie Sie Ihr Verhalten und Ihr Arbeitsleben ändern können. Eventuell macht es auch Sinn, den Arbeitsplatz oder die Arbeit zu wechseln. Lassen Sie sich bei diesen Überlegungen und deren Umsetzung gegebenenfalls von Profis helfen.

7. Sorgen Sie für Ausgleich

Arbeitssucht fällt leichter, wenn man nichts hat, was einen davon abhält. Setzen Sie hier an und sorgen Sie für Ausgleich. Gehen Sie einem Hobby nach, bauen Sie soziale Kontakte auf, tun Sie Dinge, die Ihnen Spaß machen oder vor der Sucht einmal Spaß gemacht haben. Ihre Arbeit darf nicht alles in Ihrem Leben sein. Sie werden sehen, je wichtiger Ihnen etwas außerhalb Ihrer Arbeit ist, desto mehr wird es Sie in den Fingern jucken, diese schnellstmöglich zu erledigen.

8. Nehmen Sie Privates so wichtig wie Ihre Arbeit

Vergessen Sie bei Ihrer Ausgleichsplanung aber nicht, diese genauso wichtig zu nehmen wie Ihre Arbeit. Lassen Sie sie nicht unter „wenn nichts anderes zu tun ist“ laufen. Nur, wenn Sie Ihren Ausgleich auch ernst nehmen, wird er Ihnen nützen. Tragen Sie also zum Beispiel Ihre privaten Termine genauso in Ihren Kalender ein wie Ihre beruflichen. Wenn es Zeit für Ihren Sport ist, ist es Zeit für Ihren Sport. Und wenn die Arbeit noch so lockt.

9. Lassen Sie sich helfen

Niemand hat gesagt, dass Sie allein durch Ihre Arbeitssucht hindurch müssen. Im Gegenteil. Möglichkeiten, sich helfen zu lassen, gibt es viele. Unterstützung durch Freunde und Familie. Der Austausch mit ebenfalls Betroffenen in Selbsthilfegruppen. Die professionelle Begleitung durch einen Therapeuten. Und anderes mehr.

Arbeitssucht kann sich – je nach Ausprägung – zu einer Krankheit und Sucht auswachsen. Haben Sie deshalb keine Hemmungen, sich wie bei jeder anderen Krankeit helfen zu lassen. In diesem Sinne: Nicht für die Arbeit leben wir. Für das Leben arbeiten wir. Mmh? ™

Heike Thormann

Heike Thormann ist Trainerin, Redakteurin und Autorin. Ihr Schwerpunkt sind kreative Schreib-, Denk-, Lern- und Arbeitstechniken. Sie schreibt für verschiedene Fachmagazine und gibt mit ihrer Website ein Online-Magazin zu ihren Fachthemen heraus.

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