Schafft Reiche in China den Spagat?

Markus Seyfferth
Autor Dr. Web
4 Min. Lesezeit
Schafft Reiche in China den Spagat? Heute Test.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat am 27. Mai 2026 in Peking den chinesischen Handelsminister Wang Wentao getroffen. „Wettbewerb ist uns nicht fremd. Wettbewerb bringt uns nach vorn“, eröffnete die CDU-Politikerin das Gespräch und stellte sofort die Linie der Bundesregierung klar. Reziprozität sei das Leitprinzip, also vergleichbare Marktzugangs- und Wettbewerbsbedingungen für Unternehmen in beiden Ländern.

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Der Besuch hat ein Eigengewicht und ein zweites Gewicht im Rücken. Reiche reiste am 26. Mai mit einer Delegation deutscher Industrievertreter nach Peking. Zeitgleich legten Frankreich, Italien, Spanien, die Niederlande und Litauen ein Non-Paper in Brüssel auf den Tisch, das Berlin unter Druck setzt. Die fünf Länder fordern härtere und schnellere EU-Gegenmaßnahmen gegen chinesische Überkapazitäten und unfaire Handelspraktiken. Berlin hat das Papier nicht unterschrieben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Reiche trifft Wang Wentao am 27. Mai 2026 in Peking, vorab Gespräch mit Spitzenbeamtem Zhou Haibing.
  • Themen: Lieferketten, Zugang zu seltenen Erden, Marktzugangsbedingungen für deutsche Unternehmen.
  • Non-Paper aus FR, IT, ES, NL und LT setzt Berlin parallel unter Druck, EU-Handelsschutz zu verschärfen.
  • Deutschland gilt laut Euronews als „Chokepoint“ der EU-China-Strategie, bleibt bei Kooperationslinie.

Was steht für deutsche Unternehmen in Peking auf dem Tisch?

Gleichgewichtswaage mit Gewichten, links mit „EU“ und rechts mit „CN“ markiert, auf weißem Grund
Reiche nennt drei zentrale Themen: Lieferkettensicherheit für deutsche Industrieprodukte, Zugang zu seltenen Erden und Marktzugangsbedingungen

Reiche hat drei Themen offen genannt. Erstens die Lieferketten, also die Versorgungssicherheit für deutsche Industrieprodukte, die ohne chinesische Vorprodukte oder Komponenten nicht entstehen. Zweitens der Zugang zu seltenen Erden, der seit den chinesischen Exportkontrollen 2025 zur strategischen Stellschraube geworden ist. Drittens die Marktzugangsbedingungen, also die Frage, ob deutsche Mittelständler in China dieselben Joint-Venture-Erleichterungen erhalten wie chinesische Unternehmen in Deutschland. Die DIHK-Konjunkturumfrage 2026 zeigt, dass 70 Prozent der befragten Betriebe Energie- und Rohstoffpreise als größtes Risiko nennen. Reiches Themenliste trifft also direkt den Mittelstands-Schmerz.

Warum setzen fünf EU-Staaten Berlin unter Druck?

Grüne Teekanne mit einer kleinen, daran befestigten roten Seilbahngondel auf weißem Hintergrund
Fünf EU-Länder fordern neues Schutzinstrument gegen Überkapazitäten, das schneller als bisherige Antidumping-Verfahren greift. Ziel ist implizit China

Das Non-Paper vom Wochenende ist ein klassisches Brüsseler Manöver. Frankreich, Italien, Spanien, die Niederlande und Litauen wollen ein neues Schutzinstrument gegen industrielle Überkapazitäten etablieren, das schneller greifen soll als die bisherigen Antidumping-Verfahren. China wird nicht explizit genannt, aber jeder Insider im Berlaymont-Gebäude liest die Adressierung mit. Eine EU-Kommissionssitzung Ende dieser Woche soll laut Financial Times ein neues Handelskontrollinstrument vorstellen. Berlin hat sich der Initiative bewusst nicht angeschlossen. Reiches Reziprozitäts-Linie ist die mildere Antwort auf dasselbe Problem.

Was bedeutet die Doppelbewegung für den Mittelstand?

Kleine Figur auf großer Porzellanschale balanciert auf Drahtseil
Politischer Rahmen bleibt volatil: Maschinenbau verliert 27 Prozent, China-Lieferketten werden unplanbar, Lieferantendiversifizierung wird Pflicht

Drei Konsequenzen lassen sich ableiten. Erstens bleibt der politische Rahmen volatil. Wer 2026 noch glaubt, China-Lieferketten seien planbar, hat die letzten zwei Jahre nicht wahrgenommen. Der DATEV-Bericht Mai 2026 zeigt, dass der Maschinenbau bereits 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr verloren hat. Zweitens wird die Lieferantendiversifizierung zur Pflichtaufgabe. Wer kritische Vorprodukte ausschließlich aus China bezieht, sollte Indien, Vietnam, Polen und osteuropäische Standorte als Backup aufbauen. Drittens werden Joint Ventures in China rechtlich riskanter. Wer einen JV-Vertrag plant, sollte die Exit-Klauseln aufmerksam prüfen, weil ein politischer Rückschlag aus Brüssel binnen Monaten Folgen entwickeln kann.

Reiches Reziprozitäts-Argument ist diplomatisch elegant, aber operativ schwach. Wer in China ohne Joint Venture verkaufen will, hat strukturelle Nachteile. Wer in Deutschland Marktanteil verliert, hat sie auch. Mittelständler sollten nicht auf den Ausgang der Brüssel-Berlin-Debatte warten, sondern ihre Lieferketten jetzt diversifizieren. Sonst entscheidet die Politik über sie, nicht für sie.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web

Was passiert in den nächsten Wochen?

Ein Panda mit Rucksack balanciert auf einer geschwungenen Holzbrücke über einer Schlucht
Reiche reist bis Freitag durch China mit Terminen in Shanghai und Wirtschafts-Roundtable mit deutschen Unternehmensvertretern

Reiche reist bis Freitag durch China. Auf der Agenda stehen weitere Termine in Shanghai und ein Wirtschafts-Roundtable mit deutschen Unternehmensvertretern vor Ort. Parallel tagt die EU-Kommission Ende dieser Woche. Sollte das neue Handelsschutzinstrument konkret werden, wird Berlin innerhalb der nächsten zwei Monate Position beziehen müssen. Die aktuelle Massenentlassungswelle in der deutschen Industrie macht eine offensive China-Linie politisch kosten-intensiv, weil deutsche Arbeitsplätze direkt vom China-Geschäft abhängen.

Die Reise ist ein Test, ob Reiche Berlin im Spagat zwischen Brüssel-Druck und Pekinger Realismus halten kann. Beobachter erwarten zur Freitags-Rückkehr eine erste Bilanz. Bis dahin gilt für deutsche Mittelständler die alte Regel: kein Vertrag ohne Backup, kein Backup ohne Lieferantenwechsel-Test.

Quellen

dpa via Handelsblatt – Ministerin besucht Peking: Reiche mahnt in China fairen Wettbewerb an – handelsblatt.com/politik/deutschland/ministerin-besucht-peking-reiche-mahnt-in-china-fairen-wettbewerb-an/100228178 – besucht am 27.05.2026
Table.Briefings – Reiche-Besuch in Peking: EU-Staaten drängen auf härtere Vorgehensweise gegen China – table.media/berlin/news/reiche-besuch-in-peking-eu-staaten-draengen-auf-haertere-vorgehensweise-gegen-china – besucht am 27.05.2026
Euronews – Germany resists EU members‘ push for a tougher stance on China – euronews.com/my-europe/2026/05/26/germany-resists-eu-members-push-for-a-tougher-stance-on-china – besucht am 27.05.2026
Financial Times via junge Welt – Handelsbeziehungen EU-China: Wirtschaftswaffe scharf gemacht – jungewelt.de/artikel/523231 – besucht am 27.05.2026

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Markus Seyfferth
Autor
ist seit 2019 geschäftsführender Gesellschafter von Dr. Web. Er verantwortet die redaktionelle Ausrichtung des Dr. Web Magazins und bringt seine Expertise in den Bereichen Webdesign, Webentwicklung, WordPress, SEO sowie Online Marketing ein. Zudem verfasst er regelmäßig Fachartikel, um sein Wissen und seine Erfahrungen zu teilen und anderen im Online Marketing weiterzuhelfen.
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