Lars Sobiraj 6. Mai 2014

Roboterjournalismus: Kann ein Algorithmus journalistisch tätig sein?

Roboterjournalismus wird von einigen Branchenbeobachtern als The Next Big Thing angesehen. Laut Saim Rolf Alkan haben Journalisten dennoch nicht umsonst Germanistik oder Publizistik studiert. Zwar ist die Erstellung der Artikel per Skript und Cloud unendlich schnell und preiswert. Einen ausgebildeten Redakteur kann die neue Technik nicht ersetzen. Noch nicht.

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Zuletzt machte das Thema Roboterjournalismus wegen eines Erdbebens Schlagzeilen. Nach nur drei Minuten veröffentlichte die Website der Los Angeles Times eine kurze Nachricht über ein Erdbeben. Jeder Leser im Umkreis konnte sich verzögerungsfrei über die Hintergründe der nächtlichen Störung informieren. Erstellt hatte den Bericht das selbstgeschriebene Programm Quakebot. Der Artikel musste sicherheitshalber von Ken Schwencke freigeschaltet werden, der den Bot programmiert hat. An diesem Beispiel sieht man allerdings, wie schnell Roboterjournalismus sein kann.

Journalismus per Skript billiger als Text-Broker?

Die Cloud-Lösung, die Datenbanken selbstständig durchsucht und auswertet, ist zudem extrem preiswert. Die Stuttgarter Kommunikationsagentur aexea bietet ihre Dienstleistungen für rund einen Euro pro Artikel an. Dazu kommen anfangs die Kosten der Anpassung des Algorithmus an die jeweilige Datenbank. aexea verkauft den Kunden übrigens nicht die Technik, sondern lediglich die fertigen Artikel. Das Geschäftsmodell nennt sich „Content As A Service“, kurz CAAS.

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Die Konditionen mancher Text-Broker erinnern an moderne Sklaverei. An einen Euro pro Artikel kommen sie dennoch nicht heran. Vielleicht hat sich jemand gedacht, wenn man die Text-Manufakturen der Content-Vermittler schon nicht zerstören kann, so kann man deren Tätigkeit wenigstens ein Stück weit automatisieren und imitieren.

Intelligente Systeme, die sich bei der Analyse der vorliegenden Daten weiterentwickeln, gibt es noch nicht. Auch ist noch nicht abzusehen, wann Programme das erste Buch oder zumindest ein Kapitel daraus schreiben können. Die Texte der Roboter sind eher simpel gehalten und basieren lediglich auf dem vorliegenden Zahlenmaterial. Noch ist der Mensch nicht ersetzbar. Die Bewertung des Sachverhalts muss wie eh und je von Journalisten aus Fleisch und Blut vorgenommen werden.

Wird Roboterjournalismus die Reizüberflutung vorantreiben?

Wir leben in einer Zeit, die von ständiger Reizüberflutung beherrscht wird. Wer sich im Web umschaut, findet ständig neue interessante Bilder, Artikel oder Videos, die zum Verbleib auf der Webseite einladen. Diese Masse an neuen Informationen kann niemand konsumieren. Durch den Roboterjournalismus dürfte sich die Situation noch weiter verschärfen. Der Züricher Computer-Linguistiker Michael Hess befürchtet, die Masse neuer Gebrauchstexte wird dazu beitragen, dass wir künftig mit noch mehr „unnötigen Texten“ überflutet werden. Es könne ein „regelrechter Rüstungswettkampf einsetzen, in dem von Computerprogrammen immer mehr sinnlose Texte produziert werden.“ Auch an dieser Stelle wird der Mensch als Kontrollinstanz benötigt, um nützliche von sinnlosen Beiträgen zu unterscheiden. Die interessanten Texte werden redaktionell hervorgehoben, über die weniger relevanten Texte sollen zumindest die Webcrawler der Suchmaschinenanbieter laufen.

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Die Stuttgarter Agentur aexea bot ihren Kunden zunächst computerbasierte Produkttexte aus der Tourismusbranche nebst Reisebeschreibungen an. Als nächstes soll ein Sportportal erschaffen werden. Derzeit laufen die Verhandlungen mit möglichen Geschäftspartnern. Beim Roboterjournalismus geht es stets um große Datenmengen, die in kürzester Zeit in vergleichsweise einfache Texte verwandelt werden. Wenn die Daten entsprechend vorbereitet wurden, kann man in Anbetracht der geringen Kosten auch Sportberichte der Provinzclubs aus ganz Deutschland anbieten, in den unterschiedlichsten Sprachen versteht sich. Dann kommt auch der Fan eines Fußball-, Tischtennis- oder Badmintonvereins aus Klein Kleckersdorf zum Zug. Oder der Bürger, der sich fortan online erkundigen kann, ob eine Straße seines Stadtteils oder Dorfes gesperrt wird. Oder der Hobby-Broker, der wissen will, welche Nachrichten es für eine exotische Aktie zu einem bestimmten Zeitpunkt gab. Die Produktion solcher „News“ lohnen sich unter normalen Umständen nicht. Doch per Skript und Cloud zählt bei solchen Preisen die Masse und nicht mehr die Klasse.

Keine Arbeitsstellen gefährdet?

Nach Angaben des Stuttgarter Dozenten und Unternehmers Alkan soll der Einsatz des Computers keine Arbeitsstellen kosten, sondern die Redaktionen vielmehr unterstützen. Wenn ein Programm den Redakteuren die Erstellung der langweiligen Texte abnimmt, hätten sie mehr Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben. So lautet Alkans Prognose in der Theorie. Man wird sehen, wie sich der neue automatische Kollege in der Praxis auf den Arbeitsmarkt auswirken wird. Auf jeden Fall sind Algorithmen schon jetzt sehr gut dazu in der Lage, Fakten zu sammeln, auszuwerten und grafisch darzustellen. Ein schönes Beispiel für die Visualisierung großer Datenmengen ist die Erdbebenkarte der LA Times. Dort kann man auf einen Blick sehen, wann die Erde rund um Los Angeles gebebt hat. Die Daten basieren übrigens auf dem Material des Southern California Earthquake Data Center.

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Roboterjournalismus wird immer Hater und Lover haben, glaubt Saim Rolf Alkan. Er bittet um Feedback und möchte beide Gruppierungen fest in den Entwicklungsprozeß neuer Projekte einbeziehen. Die Software, die an die Kunden vermietet wird, soll dabei ständig weiterentwickelt werden. Es gebe noch viel zu forschen, in zwei Jahren soll die Textgenerierung in bis zu 32 Sprachen angeboten werden. Diese Anforderung kam aus dem Bereich E-Commerce. Mehrsprachiger Content sei wichtig, nur eine Sprache anzubieten entwickle sich auf Dauer zu einem Hemmschuh, wurde ihm mitgeteilt.

Menschliche Kompetenz schlägt den Computer

Alkan hat auch ein paar Tipps für das Überleben der Branche parat. Verleger und Portalbetreiber müssen ihre schlauesten Köpfe sichtbarer machen und öffentlich deren Kompetenz hervorheben. Journalisten müssen ihre eigene Marke aufbauen. Sie müssen sich als Kompetenzträger von der Masse abheben, um unersetzbar zu sein.

Gegenwärtig werden viele tagesaktuelle News in Rekordzeit geschrieben. Die Zukunft sieht der Stuttgarter Unternehmer in mehrteiligen Hintergrundberichten, wo der Journalist sein Wissen und Können unter Beweis stellt. Die stupiden Aufgaben soll man besser dem Computer überlassen. Alkan beschwert sich beim Telefoninterview zudem über den Mangel an Respekt gegenüber der eigenen Berufsgruppe. Journalisten dürften sich nicht länger zum „PR-Duppel“ von Marketingagenturen machen lassen. Das gelte es zu vermeiden.

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Die Vorsätze klingen durchaus positiv. Doch alleine die Zeit wird zeigen, wie sich dieser Bereich in Zeiten der Content-Vermittler mit ihren Dumpingpreisen, dem schwindenden Geschäftsmodell von Verlegern und der neuen Konkurrenz in Form von Roboterjournalisten entwickelt. Bleibt zu hoffen, dass die Stuttgarter Kommunikationsagentur dabei keine Vorbildfunktion einnehmen wird. Keiner der ehemals 20 Redakteure ist heute noch rein journalistisch tätig. Saim Rolf Alkan musste irgendwann einsehen, dass man mit dem Schreiben kein Geld mehr verdienen kann. Zumindest war das seine Einschätzung der Dinge.

Was meinen Sie? Ist der Journalismus-Roboter erstrebenswert? Wird er sich durchsetzen? Wo ist John Connor?

(dpe)

Lars Sobiraj

Ich habe mir über die Jahre stets eine gesunde Portion Neugier in Bezug auf alles Unbekannte erhalten können und hoffe, dass diese niemals nachlassen wird.
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2 Kommentare

  1. Oh man, wo soll das alles noch hinführen?? Der Mensch wird letzten Endes Opfer seiner eigenen Schöpfung werden.

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