Dieter Petereit 9. September 2016

Project Muze: Schrei vor Glück?

Das neue Mode-Experiment Project Muze, das in Kooperation der Firmen Zalando und Google entstand, ist wirklich sehenswert. Zwar wird es nicht dem Slogan „Schrei vor Glück“ aus den Hause Zalando gerecht. Geschrien habe ich aber trotzdem.

Project Muze: Da ist selbst die Muse erstaunt. (Foto: Pixabay.com)

Project Muze: Da ist selbst die Muse erstaunt. (Foto: Pixabay.com)

Kann die Maschine deinen Bekleidungsstil inspirieren?

Auf einer akademischen Ebene betrachtet, mag Project Muze ganz großartig sein. Google will hier ein Beispiel angewandten Machine Learnings zeigen. Das Projekt soll eine Art Muse für deine Bekleidungs-Inspirationen sein.

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So ist der Weg zum eigenen Klamottendesign einigermaßen unkonventionell. Du beantwortest dem Algorithmus nämlich lediglich ein paar Fragen, die nur periphär etwas mit Bekleidung zu tun haben. Verständlich ist noch die Frage nach dem Geschlecht, wenn sich die Antwort darauf auch nicht unbedingt im Ergebnis erkennen lassen wird. Aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Im weiteren Verlaufe des „Design-Prozesses“ muss ich meine Stimmung einordnen, meinen Musikgeschmack benennen und meine favorisierte Kunstrichtung angeben. Am Ende meint Google dann, genügend Informationen zu haben, um einen auf mich zugeschnittenen Bekleidungsvorschlag unterbreiten zu können.

Und das ist dabei herausgekommen:

Das soll mein neuer Look sein? Interessant. (Screenshot: Dr. Web)

Das soll mein neuer Look sein? Interessant. (Screenshot: Dr. Web)

Schrei vor Überraschung: Das kann ich doch nicht annehmen!

Ja, sach ma. Der Dieter mit femininer Schlafanzughose, im Prinzip oben ohne und mit schwarzen Kristallen übersät? Im Ernst jetzt? Sowas denkt sich ja nicht mal der progressivste Regisseur für die Wagner-Festspiele aus. Und die sind schon häufig abseitig genug drauf.

Möglicherweise bin ich einfach schwer einzuordnen, denke ich so bei mir und schaue durch die Galerie bereits vorhandener Entwürfe anderer Musen-Befrager. Und, was soll ich sagen? Da ist es nicht besser. Schau selbst:

Der jüngste Trend zeigt, man trägt wieder Schild. (Screenshot: Dr. Web)

Der jüngste Trend zeigt, man trägt wieder Schild. (Screenshot: Dr. Web)

Zwei grüne klavierlackierte Schilde schweben frei vor und hinter dem Oberkörper, während ein waberndes Muster Shirt und Hose wie eine Kolonie linksdrehender Bakterien, quasi ein Activia der Oberbekleidung, wirken lässt. Ein kleines bisschen erinnern mich die angebrachten Schilde an die Glanzzeit der Guillotine. Robespierre lässt grüßen.

Oder, schau dir diesen Entwurf hier an:

Wie soll man es nennen? Einen großzügigen Entwurf? (Screenshot: Dr. Web)

Wie soll man es nennen? Einen großzügigen Entwurf? (Screenshot: Dr. Web)

Das könnte aus einer Gender-Mainstreaming-Version der Avengers stammen. Aber freiwillig würde sich doch keiner sowas anziehen. Der pluderige Bodysuit mag sich im Feierabend auf der Couch noch ganz bequem ausmachen. Vor allem ohne Unterwäsche wird man ein ungeahntes Maß an Freiheit empfinden. Was dabei allerdings der seltsame Umhang soll, der noch dazu in der Lage ist, frei zu schweben, erschließt sich mir auch bei längerem Nachdenken nicht.

Muss man eigentlich alles, was geht, auch machen?

Entweder bin ich einfach viel zu wenig in der Welt der modernen Fashion beheimatet, was durchaus sein kann. Oder dieses Google-Experiment ist wirklich schlichtweg Mist.

Sicher, Project Muze basiert auf Googles TensorFlow, einer Bibliothek für Machine Learning und ist bestimmt technisch hochanspruchsvoll. Zalando trug mit insgesamt 600 Modeexperten mutmaßlich deutlich zu den prädiktiven Entscheidungen auf Basis aktueller Trends bei. Und der Agentur Stinkdigital, die ebenfalls an der Umsetzung der Website beteiligt war, kann man unter technischen Aspekten wahrscheinlich auch keine Vorwürfe machen.

Was bei dem ganzen Aufwand rausgekommen ist, ist halt einfach überflüssig und ein gutes Beispiel dafür, dass man nicht alles nur aus dem alleinigen Grund machen sollte, weil man es kann.

Du wirst sicher Verständnis dafür haben, dass ich mich – in unser aller Interesse – nicht von Project Muze zum Umdenken in Bekleidungsfragen „inspirieren“ lassen werde.

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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