Manuel Diwosch 14. November 2013

Problem Themensuche: Bewährte Journalisten-Techniken für Blogger

Ein Blogbeitrag wäre wieder einmal fällig, Ihnen fehlt aber die Idee? Eigentlich sollten die Finger über die Tasten fliegen, doch leider blinkt seit Minuten nur der Cursor bedrohlich über der leeren Vorlage Ihres Editors? Solche inneren Blockaden betreffen jeden "Schreiberling" irgendwann. Wir verraten Ihnen bewährte Techniken, wie Profis solchen Ideenflauten begegnen.

Das Problem der Ideenfindung ist keines, das erst mit der Erfindung des Bloggens auftrat. Journalisten der klassischen Medien kennen diese Problematik seit jeher. Sie haben sich daher Techniken angeeignet, wie sie interessante Themen finden. Diese Methoden funktionieren auch für Blogger ganz hervorragend:

1. Raus aus der Stube I

Einen Satz hören Volontäre, Praktikanten und Redakteursaspiranten bei vielen Medien vom Chefredakteur meist am ersten Tag: "Überlegen Sie sich ein gutes Thema und dann sehen wir, was sich daraus machen lässt!" Im Lokalteil einer Tageszeitung kann dabei der Glücksfall eintreten, dass ein gut meinender Kollege noch hinzufügt: "Geh am besten in die Stadt und sieh nach, was dir auffällt."

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So verwirrend und anhaltslos dieser gut gemeinte Hinweis beim ersten Mal klingen mag, so viel Potential birgt er: Denn gemeint ist damit, dorthin zu gehen, wo sich die wichtigen Ereignisse für den Lokalteil abspielen – dorthin, wo das Leben spielt. Dieser Tipp ist jedoch nicht nur für den Lokalteil einer Tageszeitung anwendbar, sondern für jedes Ressort und sogar jedes Medium – also auch für Weblogs, Podcasts, Videoblogs etc.

Zuerst ein bisschen Theorie: Ausgangssituation, Ansprache, Inhaltsauswahl

Wie soll diese Technik für mich als Blogger funktionieren? Dafür lohnt ein genauer Blick auf die Ausgangssituation: Beispielhaft nehmen wir den Lokalredakteur einer Tageszeitung heran und vergleichen diesen mit einem Nischenblogger. Die Ausgangssituation ist nämlich medienunabhängig immer die gleiche! Selbst bei extremeren Beispielen wie einem Steuerberater-Fachmagazin und dem Unternehmensblog eines großen Fleisch- und Wurstwarenherstellers wäre es noch immer so.

Der Redakteur der Tageszeitung hat sein Ressort, in dem er seine Artikel verfassen muss. Das Ressort entspricht der Nische des Bloggers. Zudem hat jede Tageszeitung – genauso wie jedes Blog  – eine bestimmte Zielgruppe. Die gilt es anzusprechen, deren Informations- und Unterhaltungsbedürfnisse gehören mit einem Beitrag befriedigt.

Das heißt: Es muss einerseits die richtige Ansprache gewählt werden, andererseits das richtige Thema. Da die Ansprache nicht Thema dieses Beitrags sein soll, soll hier nur kurz exemplarisch angeführt werden, dass die FAZ und die Bild zwar oft über das selbe Thema berichten, es aber gänzlich unterschiedlich aufarbeiten.

Um zum Thema dieses Beitrags zurückzukehren: Es werden sich viele Beiträge in der FAZ finden, die nicht in der Bild zu lesen sind – und umgekehrt. Der Bild-Leser kauft sich das Blatt nicht, weil er darin eine detaillierte Aktienkursanalyse lesen möchte und der FAZ-Leser kauft sich seine Zeitung nicht, weil er wissen will, wie sich die B-Promis im Dschungelcamp schlagen. Also hat jedes klassische Medium seine Zielgruppe – genauso hat auch jeder Blogger eine solche.

Die Praxis: So setzen Sie die erste Technik um

Nun zurück zum Tipp "Hinausgehen und zwar dorthin, wo das Leben spielt". Für den Lokalredakteur einer Zeitung mag das einfach die große Fußgängerzone im Zentrum sein, auf der ein waghalsiger Straßenkünstler von einem großen Turm in ein aufblasbares Planschbecken springt. Für den Nischenblogger ist es der Ort, an dem sich die Menschen seiner Nische tummeln. Und das ist nur in wirklichen Ausnahmefällen der Schreibtisch zu Hause.

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Ein paar kleine Beispiele:

– Sie bloggen über "mobiles Internet"? Sie sind ein Fachmann, könnten vermutlich jede Frage darüber sofort beantworten. Die User kommen jedoch auf ihr Blog, weil sie das nicht können. Sie haben Fragen und suchen Antworten. Genau diese Fragen müsste man kennen. Jede Frage könnte einen Beitrag wert sein.

Doch wo hören Sie diese Fragen? Mit Sicherheit nicht am Schreibtisch zu Hause. (Allenfalls, wenn Sie Foren durchstöbern, aber dazu später.) Ein solcher Platz in diesem Beispiel wäre die entsprechende Abteilung im nächsten Fachhandel. Sie möchten nicht die Kundengespräche der Mitarbeiter belauschen? Kein Problem: Fachsimpeln Sie ein bisschen mit einem Angestellten und fragen Sie ihn nach DAUs (DAU = dümmster anzunehmender User). Er kann Ihnen sicherlich jede Menge vermeintlich "dumme Fragen" zitieren, die er bei seiner Beratungstätigkeit hört. Diese sind für die Kunden aber essentiell und zudem sind die DAUs in diesem Beispiel ein "Eisbrecher". Danach erzählt er vielleicht, was er besonders häufig gefragt wird. Nun gilt es zuzuhören, denn all das könnten Aufhänger für Ihre nächsten Beiträge sein.

– Sie bloggen über "die besten Kaffeemaschinen"? Dabei ist praktisch fast jede andere Person eine Ideenfundgrube. Fast jeder hat eine Maschine zu Hause, fast jeder eine im Büro. Wo kann man etwas dazu hören? Praktisch überall: Von der 70er-Feier der (Groß-)Mutter, im Kaffeehaus, in der Büro-Kaffeepause, an der Raststation einer Tankstelle und, und, und… Fragen Sie einfach, wie der Kaffee schmeckt und schon sind Sie im Gespräch. Sie werden vieles hören, von überteuerten Kaffeesorten, gute/schlechte Servicestellen, bis hin zum neuesten Schmuckstück in der eigenen Küche.

– Aber auch die klassischen Webworker, die über SEO, Webdesign etc. bloggen, finden draußen in der "echten Welt" Themen: Sie sind Webdesigner, bloggen über Webdesign und haben einen anstrengenden Kunden? Seine Fragen, Anmerkungen, Wünsche, Beschwerden etc. bieten wahrscheinlich viel Blogstoff. Angefangen von Ihrer Kommunikationsstrategie mit dem Kunden, bis hin zur Umsetzung seiner Sonderwünsche etc.

Ideen für Blogger finden sich abseits des Schreibtisches also praktisch überall. Hier ein paar Plätze, die zu wahren Fundgruben für Sie werden könnten: Messen (sowohl Publikums- als auch Fachmessen), schwarze Bretter im Supermarkt (ev. Tipps zum Gebrauchtwarenkauf in Ihrer Nische etc.), Vereine (im deutschsprachigen Raum gibt es kaum ein Thema, zu dem es keinen Verein gibt), Cafes/Partys/Alltagsgespräche mit Freunden und Bekannten (hier gilt es oft nur richtig hinzuhören), Werbematerialien und Wühltische …

2. Recherche am Schreibtisch im Internet

Im Internet kennen sich Blogger ohnehin aus. Schließlich sind sie dort praktisch zu Hause. Vermutlich fast alle haben Feeds abonniert, ihre eigenen Lieblingsblogs, beobachten die "Konkurrenz" in der Blogosphäre, folgen nischennahen Twitterern, sind in entsprechenden Facebook-Gruppen, Foren, Xing usw.

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Dennoch: Wie man dabei eigene Ideen für Blogbeiträge findet, ist nicht jedermann bekannt. Schließlich will man ja nicht einfach nur um- oder gar abschreiben. Man will sich selbst als Experte positionieren, seine eigenen Gedanken publizieren und dabei einen echten Mehrwert liefern. Auch Journalisten beobachten die Konkurrenz, lesen deren Stories und finden dadurch ihre eigene Geschichte. Damit ist nicht das Abschreiben gemeint, sondern die Profis bedienen sich dabei meist zweier Techniken:

Geschichten "Weiterdrehen"

Das "Weiterdrehen" bezeichnet das logische Weiterdenken einer Geschichte. So erhält man neue Aufhänger zu einem Thema. Man beleuchtet es aus einer anderen Perspektive oder blickt auf die Auswirkungen eines Ereignisses.

Ein einfaches Beispiel: Die Einführung des Rauchverbots in Lokalen ließ die Emotionen in vielen Ländern hochkochen. Erst war die Meldung, dass das Rauchverbot kommt. Dann wurde weitergedreht: Experten wurden befragt zu den wirtschaftlichen Auswirkungen. Deren Bankrottszenarien von einzelnen Bars bis hin zum Ruin ganzer Wirtschaftszweige lieferten weitergedrehte Geschichten.

Dann trat das Rauchergesetz in Kraft. Auch zu diesem Zeitpunkt wurde wieder weitergedreht: Gründung von Rauchervereinen, Moralapostel, die sich als "Raucher-Sheriffs" begriffen und reihenweise Barbesitzer anzeigten, und viele weitere Aspekte dienten als neue Aufhänger für Artikel zu diesem Thema. Jahre danach liest man im einen oder anderen "Sommerloch", die "wahren" Auswirkungen im Rückblick.

Der gleichen Technik können Sie sich als Blogger bedienen: Sie lesen einen guten Beitrag eines anderen Bloggers. Super! Schöpfen Sie daraus Potenzial, aber ohne abzuschreiben. Drehen Sie die Geschichte einfach weiter.

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Suchen Sie die Info-Lücke

Auch diese Technik funktioniert bei fast allen Beiträgen: Sie lesen einen guten Beitrag, der viele Aspekte aufweist. Allerdings werden manche nur erwähnt und nicht genau erläutert. Diese Lücken in der Erklärung können Sie nutzen und daraus eigene Inhaltsideen schaffen. Greifen Sie diesen Aspekt auf. Machen Sie ihn zum Aufhänger ihrer neuen Geschichte!

Um beim Beispiel des Rauchverbots zu bleiben: In der Erstmeldung hieß es vielleicht nur, dass das Rauchverbot kommt. Zweck davon sei, langfristig die finanziellen Belastungen für die Krankenkassen durch das Rauchen zu senken. Fertig, Ende. Hier ist etwas angeschnitten, das nur erwähnt, aber nicht dezidiert erklärt wurde. Wie hoch sind die Belastungen für die Krankenkassen? Woraus setzen diese sich zusammen? Wie weit können Sie durch das Rauchverbot gesenkt werden? Und viele weitere Fragen mehr, bleiben in solchen Erstmeldungen unbeantwortet. Das Füllen dieser Informationslücken könnte nicht nur einzelne Beiträge, sondern sogar Bücher füllen. Jede Nachricht, jeder Blogbeitrag, jeder Tweet, jede… birgt oft ein solches Potenzial für neue Beiträge.

Wo sucht man im Netz nach Ideen?

Blogger wissen, wo sie im WWW Informationen zu ihren Fachgebieten finden. Sie kennen das Netz. Daher muss man die  Art und Weise, das Internet zu beobachten, vielleicht nur ein bisschen ändern. Betrachten Sie Blogs, Foren, Kommentarfunktionen nicht mehr nur als Platz, um zu fachsimpeln oder vielleicht gar nur als reine Linkquellen. Nehmen Sie sie vielmehr als Ideeninspiration für ihre eigenen Beiträge wahr.

Jede Frage in einem Forum könnte einen Beitrag wert sein. Jede Frage in Kommentaren des eigenen Blogs oder von Konkurrenz-Blogs, Fragen in Gruppen von Sozialen Medien. Jede News, die Google-Alerts ihnen auswirft, kann mit der Weiterdreh- und der Lückenfüll-Technik zu neuen Beiträgen führen. Jeder Tweet, jeder Newsletter, sogar Spammail könnte zu einer Idee für Sie werden.

3. Ideen aus dem eigenen Archiv und aus dem Kalender

Sie haben bereits viele Blogbeiträge verfasst und das Gefühl, Sie können nichts neues mehr schreiben? Werfen Sie einen Blick in ihr Archiv. Es gibt sicher Beiträge, die mittlerweile veraltet sind und aktualisiert werden sollten. Vielleicht könnte man manche auch weiterdrehen. Oder vielleicht bieten einige Beiträge auch Lücken, die sie noch füllen könnten. Der Blick ins eigene Archiv lohnt meistens…

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Zudem gibt es auch in Ihrem Bereich sicherlich wiederkehrende Events, Jubiläen, "Feiertage" etc., an denen man nicht vorbeikommt. Diese geben zumindest einen Vor- und einen Nachbericht her – meist sogar noch mehr. Planen sie zumindest Vor- und Nachbericht fest in ihren Redaktionsplan ein.

4. Raus aus der Stube II

Den ausgetretenen Pfad zwischen Schreibtischstuhl und Kaffeemaschine zu verlassen, an die frische Luft zu gehen und vielleicht einen ausgedehnten Spaziergang zu machen, kann Wunder wirken. Nicht nur, dass es gut tut und gesund ist, im Alltagsstress den Blutdruck einmal bewusst zu senken, setzt diese Ruhe oft ungeahntes, kreatives Potenzial frei und lässt die Ideen nur so sprießen.

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Damit Sie davon auch wirklich profitieren können, sollten Sie ebenso einen alten Trick der klassischen "Schreiberlinge " anwenden: Gehen Sie nicht ohne Notizbuch und Stift hinaus. Denn allzu oft sind diese kreativen Ideenschübe an der Türschwelle zum Büro plötzlich wieder in Vergessenheit geraten…

(dpe)

Alle Bilder dieses Beitrags stammen von Unsplash

Manuel Diwosch

Manuel Diwosch ist seit 2000 im Medienbereich tätig. 2008 schrieb er erstmals für Dr. Web und startete eigene, professionelle Webprojekte. Er verbindet technisches Know-How mit dem Fachwissen der journalistischen Kommunikation. Als Dienstleister entwirft er Online-Marketing-Strategien für Unternehmen und setzt diese um.
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Ein Kommentar

  1. Hallo liebe Redaktion von Dr. Web durch zufall bin ich als Einsteiger im Bau eines Web shop auf eure Seite gestossen… Ich danke dem Zufall… eure Seite hat mir sehr viele Tips und Infos gegeben, ohne diese hätte ich bestimmt alles richtig gemacht was man falsch machen kann ;-) als Anfänger bei der Gestaltung und Aufbau einer Webseite und des shops.
    Danke das es euch gibt und macht bitte weiter so
    mit freundlichen Grüssen
    W.Kretschmer

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