Dieter Petereit 23. Juli 2012

Paukenschlag? WHATWG und W3C entwickeln HTML getrennt weiter

Die prominent besetzte Web Hypertext Application Technology Working Group (WHATWG), die erst vor wenigen Tagen durch das umstrittene Hinzufügen des ebenso umstrittenen IMG-Attributs Srcset zur HTML5-Spezifikation für Diskussionen sorgte, spaltet sich vom World Wide Web Consortium (W3C) ab. Künftig werde man einen lebenden Standard aus HTML5 formen und nicht mehr bei der eher schnappschuss-orientierten Momentaufnahme eines starren W3C-Standards verharren. Der Geschwindigkeit der Entwicklung neuer Möglichkeiten innerhalb von HTML5 dürfte der Schritt durchaus zuträglich sein.

WHATWG: Ohnehin die Erschaffer von HTML5

Liest man den Listenbeitrag, in dem der WHATWG-Verantwortliche Ian Hickson die Trennung von W3C und WHATWG erklärt, so könnte man die Begründung auf eine einfache Aussage herunter brechen: Die WHATWG hat die Nase voll von den überkomplizierten und dadurch langwierigen Abstimmungsprozessen mit dem W3C.

In der Tat ist die Geschwindigkeit der Implementierung neuer Features stark verbesserungsbedürftig. Das W3C hat sich in der Vergangenheit den Ruf eines schwerfälligen, statischen Bürokraten hart erarbeitet und trägt ihn verdient vor sich her. Die WHATWG hingegen, die für sich in Anspruch nimmt, ohnehin der Erfinder der HTML5-Spezifikation zu sein, ist mit Vertretern aus der IT-Branche, vor allem auch mit Vertretern von Browserherstellern bestückt. Deren Mentalität ist auf Geschwindigkeit und schnelle Innovationszyklen gepolt. Es ist daher sehr leicht vorstellbar, geradezu zwingend, dass es zu Unstimmigkeiten in der Zusammenarbeit der beiden Gremien kommen muss.

Hickson bringt einige Beispiele für Prozesse, die die Kooperation umständlich machten, ist dabei aber freundlich genug, keine schwerwiegenden Vorwürfe gegen das W3C zu erheben. Vielmehr möchte Hickson die Trennung eher als eine evolutionäre Maßnahme in beiderseitigem Einvernehmen verstanden wissen. So braucht sich der interessierte Webdesigner nicht zu wundern, wenn er etwa das durch das W3C vorgenommene Splitten der HTML5-Spezifikation in ihre Einzelteile nicht für so schwerwiegend hält, dass sich daraus zwingend eine Trennung ableiten ließe.

HTML5: Welchen Standard soll man verwenden?

Sowohl in der internationalen Presse, wie auch von verschiedenen namhaften Entwicklern wird teilweise die Meinung vertreten, die Trennung der Gremien sei eine schlechte Sache für den Standard an sich. So müsse sich die Webentwickler-Branche künftig entscheiden, auf welcher Basis von HTML5 sie arbeiten wolle. Ein Forking epischen Ausmaßes wird prognostiziert. Diese Prognose kann bei gemäßigter Betrachtung nur als völlig überzogen bezeichnet werden.

Tatsächlich ist es so, dass es ohnehin nicht das W3C ist, das maßgebliche Entwicklungsarbeit leistet. Dies obliegt den verschiedenen Arbeitsgruppen. Die WHATWG hat sich diesbezüglich in den letzten Jahren die Spitzenposition erarbeitet. Für die Fortentwicklung der HTML-Spezifikation bedeutet die Abkopplung vom W3C daher in erster Linie einen deutlichen Beschleunigungseffekt. Die WHATWG will laut Hickson einen lebenden Standard schaffen und pflegen, der neue Funktionen zu Zeitpunkten hinzufügt, zu denen diese Funktionen benötigt werden oder technisch möglich sind.

Nüchtern betrachtet ändert sich vermutlich zunächst nicht viel. Denn die Implementation von nicht standardisierten Features durch die verschiedenen Browserhersteller ist ja bereits heutzutage üblich. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die andauernde Debatte um das erforderliche Browser-Prefixing. Ein Umstieg auf den lebenden Standard der WHATWG könnte diese Problematik entschärfen und auch für die Browserhersteller mehr Sicherheit und Entwicklungsgeschwindigkeit in den Prozess bringen.

Einen gravierenden Nachteil darf man indes nicht verschweigen. Er hat sich erst jüngst bei der Implementation des Srcset-Attributs gezeigt. Wenn die WHATWG allein die Federführung der Ausgestaltung des künftigen HTML5-Standards übernimmt, treten demokratische Prozesse tendenziell in den Hintergrund. Die Gefahr besteht, dass die WHATWG ihre Vorstellungen mit Macht durchdrückt. Man sieht an der Diskussion um Srcset, dass die Vorstellungen der WHATWG nicht unbedingt mehrheitsfähig sein müssen.

Wenn diese Thematik zur Zufriedenheit aller Beteiligten geklärt werden kann, könnte die Entwicklerbranche mit der jüngst vollzogenen Trennung zwischen WHATWG und W3C durchaus Frieden schließen.

P.S.: TechCrunch konnte ein kleines E-Mail-Interview mit Ian Hickson führen.

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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6 Kommentare

  1. Was mich am w3c nervt ist der ganze Barrierefreiheitsquatsch, den sie in HTML5 bzw xhtml 2.0 implementieren wollten. Ich hoffe, die lassen dasinmit der Whatwg endgültig fallen.

  2. Ich befürchte dass es jetzt nicht viel besser wird als vorher. Jetzt fängt bald jeder Browserhersteller das zu implementieren was er gerade benötigt und was whatwg da teilweise macht ist auch nicht das wahre (srcset…). In dem Techcrunch Artikel sind die Gefahren gut aufgezeigt.

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